Legenden: Helmuth Duckadam

steauaZur Zeit des Kalten Krieges blieben die Sportler aus dem Ostblock das Jahr über im Verborgenen. Nur bei großen Turnieren oder Europapokal-Endspielen bekamen sie auch die Fußball-Anhänger der westlichen Welt mal zu Gesicht. Im Mai 1986 reichten dem rumänischen Keeper Helmuth Duckadam fünfeinhalb Minuten, um Legendenstatus zu erlangen. So lange dauerte nämlich das Elfmeterschießen nach torloser regulärer Spielzeit und Verlängerung im Finale des Cups der Landesmeister in Sevilla zwischen Steaua Bukarest und dem FC Barcelona. Duckadam parierte gleich vier Strafstöße und hielt auch hier die Null.

Unter der Überschrift „Nationaltorhüter operiert“ veröffentlichte das „Hamburger Abendblatt“ im August 1986 eine Meldung, die später die wildesten Gerüchte lostreten sollte. In dem Artikel stand, dass dem rumänischen Nationalkeeper Helmuth Duckadam in einer komplizierten, fünf Stunden dauernden Operation der rechte Arm und möglicherweise das Leben gerettet worden war. Duckadam sei mit einer schlimmen Arterienerkrankung bereits im Juli in ein Bukarester Krankenhaus eingeliefert worden und müsse nun mit einer Pause von sechs Monaten rechnen. In Wahrheit spielte der deutschstämmige Torwart nie wieder, was im Westen Europas allerdings kaum für Aufruhr sorgte. Zu weit weg war das, was sich hinter dem Eisernen Vorhang abspielte. Der „Elfmeterkiller von Sevilla“ war von der Bildfläche verschwunden.

Duckadam, den die rumänische Presse seinerzeit vereinfacht „Helmut Ducadam“ schrieb, war im Finale des Europapokals der Landesmeister 1986 zum Nationalhelden aufgestiegen, weil er als gleich vier Strafstöße pariert und den favorisierten FC Barcelona zur Verzweiflung gebracht hatte. Nach 120 brechend langweiligen Minuten entschied der Torwart des rumänischen Champions Steaua Bukarest, der mit seinem Schnauzer und dem kantigen Gesicht deutlich älter als 27 aussah, den Nervenkrimi vom Punkt somit ganz alleine und sorgte dafür, dass durch das 2:0 (!) nach Elfmeterschießen zum ersten (und letzten) Mal die begehrteste Trophäe des europäischen Vereinsfußballs in den Ostblock wanderte. In Rumänien gefeiert, im Westen, mit Ausnahme Kataloniens, schnell wieder vergessen.

Die Bild-Zeitung griff die Geschichte des notoperierten Keepers im Januar 1990, wenige Wochen nach der Hinrichtung des rumänischen Staatschefs Nicolae Ceauşescu, wieder auf. Dessen Terror-Regime habe auch vor den Sportlern nicht Halt gemacht, schrieb das Blatt. Ceauşescus Sohn Valentin sei einige Tage nach Steauas Europapokalsieg bei Duckadam abgeblitzt. Alle Spieler hätten zur Belohnung einen Mercedes erhalten, den des Torhüters habe sich Ceauşescu jr. mal ausleihen wollen. „Du bist nur ein gewöhnlicher Bauer. Was willst Du mit so einem Auto?“, soll er den Keeper gefragt haben, woraufhin der entgegnete: „Meine Hände haben mir geholfen, dieses Auto zu gewinnen – und die werden es auch lenken.“

Nach dem Training sollen Schergen der Geheimpolizei Securitate den widerspenstigen Keeper abgefangen und beide Arme gebrochen haben. Ein anderes Gerücht besagt, dass Duckadam sich bei der Jagd in angetrunkenem Zustand selbst in den Arm geschossen habe. Der Keeper wies jedoch beide Versionen ins Reich der Fabeln und stellte Jahre später klar: „Das stimmt alles hinten und vorne nicht.“ Zu Valentin Ceauşescu habe er immer einen guten Kontakt gehabt, außerdem sei den Spielern vom Verteidigungsministerium ein gebrauchter ARO-Geländewagen und kein Mercedes geschenkt worden.

In Wahrheit hatte ein einfaches Blutgerinnsel im rechten Arm den Schlussmann außer Gefecht gesetzt. „Vielleicht war es etwas Angeborenes, vielleicht bin ich auch bei einer meiner Paraden gegen etwas geprallt.“ Die Ursache für diese rätselhafte Erkrankung wurde nie ausfindig gemacht. Körperliche Anstrengungen waren für den Nationaltorwart seither jedenfalls tabu, noch Jahre später musste er Blut verdünnende Medikamente einnehmen. „Ich hatte schon vor dem Finale in Sevilla Schmerzen“, gab Duckadam später zu. „Aber hätte ich den Ärzten was gesagt, hätte ich nicht gespielt.“

Helmuth Duckadam wurde am 1. April 1959 in Semlac (deutsch: Semlak) bei Arad geboren. In dieser Region, dem Banat, leben viele Deutschstämmige, so auch Helmuths Eltern Josef Duckadam und Elisabeth Kalman. Als die Ehe in die Brüche ging, wuchs Helmuth bei seiner Großmutter, eine geborene Schmidt, in einem typisch schwäbischen Bauernhaus auf. Sein Semlaker Schulsportlehrer Michael Jost wurde auf das Torwart-Talent aufmerksam und wies die Bitten des kleinen Helmuth, er wolle doch auch mal im Feld spielen, zurück. „Wenn Du mal Nationaltorwart werden willst, musst Du viel mehr üben.“

Duckadam startete seine Laufbahn in einer Semlaker Jugendmannschaft und wechselte schließlich 1974 auf die Sportschule nach Arad, wo ihn bald der Sportverein des Textilbetriebs Unizele Textile Arad (UTA) unter Vertrag nahm. UTA war der erfolgreichste Provinzklub des Landes und hatte immerhin sechs Landesmeistertitel vorzuweisen. Am 17. September 1978 debütierte „Ducki“ beim 0:2 UTAs in Tirgovişte in der Divizia A, der obersten rumänischen Spielklasse. 1981/82 stiegen die Banater zwar ab, aber Duckadam, der in allen 34 Partien zum Einsatz kam, hatte eine derart starke Saison gespielt, dass ihn Steaua in die Hauptstadt lockte.

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Helmuth Duckadam und das Team von Steaua lassen sich in ihrer Heimat mit dem „Henkelopott“ feiern.

Bei Steaua gewann Duckadam nicht nur zwei Meisterschaften und einmal den Pokal, sondern erhielt auch einen Offiziersgrad und ließ sich an der Militärakademie zum Flugzeugingenieur ausbilden. Nur einen Monat nach dem Triumph von Sevilla bestritt der zweifache Nationalspieler, der 1986 auch zu Rumäniens Fußballer des Jahres gewählt wurde, beim 2:1-Heimsieg gegen Bacău sein letztes von 133 Erstligaspielen. Nach dem verletzungsbedingten Karriereende kehrte Duckadam nach Arad zurück, wo er zwei Jahre lang als stellvertretender Vorsitzender bei UTA wirkte.

1994 ließ er sich als Major an den Grenzübergang Nădlac nahe seines Heimatorts versetzen. Später ging er in die Politik, wurde Kreisvorsitzender der PNG (Partei der Neuen Generation) und kandidierte im Mai 2004 für das Bürgermeisteramt in Arad. Der Kontakt zu seinem ehemaligen Arbeitgeber UTA riss mit den Jahren ab, der mit hohen Schulden belastete Verein dümpelte zuletzt nur noch in den unteren Spielklassen herum.

Helmuth Duckadam ist ein bodenständiger Typ, der immer seiner Heimat treu geblieben ist. „Ich habe 60 Länder gesehen, das reicht. Wenn ich nach Deutschland will, besuche ich meine Schwester in München“, sagte er einmal in einem Interview. Als Vorsitzender einer Semlaker Jugendmannschaft musste der Mann, dessen Karriere viel zu früh im Alter von 27 Jahren endete, den ambitionierten Jungs immer wieder die Geschichte von der magischen Nacht in Sevilla und den vier gehaltenen Elfmetern erzählen.

Seit dem 11. August 2010 ist Helmuth Duckadam Präsident von Steaua Bukarest.

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