Momente: Claude Criquielion und der Fluch von Ronse

Für die Experten war die Sache klar. Den Sprint auf der Kruisstraat konnte nur Claude Criquielion gewinnen. Und es hätte so schön zum Drehbuch gepasst. „Claudy“, der Lokalmatador, im nur 15 Kilometer entfernten Lessines zu Hause, krönt sich in seinem Heimatland Belgien zum Straßenweltmeister 1988, zum zweiten Mal nach 1984 in Barcelona. Doch den 31-jährigen Favoriten ereilte, wie seinen Landsmann Rik van Looy 25 Jahre zuvor an selber Stelle, der „Fluch von Ronse“. 75 Meter vor dem Ziel kam Criquielion zu Fall, als er im Schlusssprint seinen kanadischen Konkurrenten Steve Bauer überholte, aber über eine Fußplatte des Absperrgitters ins Straucheln geraten war. Lachender Dritter war der Italiener Maurizio Fondriest, der den Schockmoment eiskalt ausnutzte und sich das Regenbogentrikot sicherte. Am Streckenrand kam es zu Tumulten.

Ronse, oder französisch Renaix, Hauptstadt der Flämischen Ardennen, ist am 28. August 1988 Welthauptstadt des Radsports. Der 24.000-Einwohner-Ort in Ost-Flandern liegt direkt an der flämisch-wallonischen Sprachgrenze und inmitten eines radsporthistorischen Gebiets, unweit von hier befinden sich die legendäre „Mauer von Geraardsbergen“ und der gefürchtete „Koppenberg“. Zum zweiten Mal nach 1963 ist Ronse Austragungsort der Straßenradweltmeisterschaft, das Regenbogentrikot wird an diesem Tag zum 55. Mal vergeben. Geht es nach den Zehntausenden entlang der Strecke, wird es am Abend ein Belgier überstreifen. Favoriten aus dem Königreich gibt es genug: Marc Sergeant, Edwig van Hooydonck oder der Sprinter Eddy Planckaert. Und Claude Criquielion, der wenige Kilometer von hier im wallonischen Teil des Landes aufgewachsen ist und die Straßen aus dem Effeff kennt. Aber auch den Italienern Moreno Argentin und Maurizio Fondriest werden Chancen eingeräumt.

Den Kanadier Steve Bauer hingegen hat niemand auf der Rechnung. Vier Jahre zuvor in Barcelona, in seiner ersten Saison als Berufsfahrer, stand er als überraschender Dritter neben Criquielion auf dem Treppchen. „Ich habe in der letzten Runde einen Fehler gemacht“, sagt er Jahre später. „Als ich in der Verpflegungszone Wasser holte, zog Claudy davon und ich konnte nur noch um Bronze sprinten. Aber mir ist an diesem Tag bewusst geworden, dass ich das Zeug dazu hatte, Weltmeister zu werden.“ Im Juli hatte Bauer die erste Etappe der Tour de France gewonnen, fuhr mehrere Tage in Gelb und belegte im Gesamtklassement immerhin Platz vier. Criquielion wurde nur 14., hatte aber ein Jahr zuvor durch seinen Triumph bei der Flandern-Rundfahrt seine Stärke bei den Eintagesrennen unter Beweis gestellt.

Nun also Ronse, wo es schon einmal ein skandalumwittertes Finish gegeben hatte. In der Glorieuxlaan, einer Parallelstraße der Kruisstraat, sollte 1963 der Belgier Rik van Looy, Liebling der Massen, zum dritten Mal Weltmeister werden und somit mit seinem Landsmann Rik van Steenbergen gleichziehen. So war es zumindest im belgischen Team abgesprochen. Nur, ein weiterer Belgier, Benoni Beheyt, hielt sich nicht an diese Abmachung. Im Massensprint auf der Zielgeraden fuhr van Looy vorne liegend plötzlich Wellen, um den ungebetenen Widersacher auszustechen, der zog sich dann kurz vor der Linie einfach an van Looys Trikot ab und überquerte sie als Erster. Die Buhrufe der Zuschauer werden bis heute in zwei Richtungen interpretiert: Als Enttäuschung darüber, dass ihr Liebling van Looy nicht gewonnen hat, oder über dessen unsportliches Verhalten. Die beiden Fahrer sollen danach nie wieder miteinander gesprochen haben, van Looy soll in der Folgezeit seinen Einfluss im Radsportzirkus derart gegen Beheyt ausgespielt haben, dass der wenig später mit nur 26 Jahren seine Karriere entnervt beendete. Die Straßen-WM von 1963 hat sich jedenfalls tief ins belgische Radsportkollektivgedächtnis eingebrannt.

„Ich bin der Gewinner“

25 Jahre später warteten auf die 178 WM-Starter 20 Runden auf einem 13,57 Kilometer langen Rundkurs. Die Kruisstraat hatte es durchaus in sich, denn auf einer Länge von zwei Kilometern versteckt sie knapp 100 Höhenmeter, die sehr eklig werden können. Aufgrund dieser Tatsache durften sich sowohl Sprinter als auch Kletterer Hoffnungen auf den Titel machen. Zu Beginn der letzten Runde war noch ein knappes Dutzend Fahrer in aussichtsreicher Position, dann zog Criquielion an und nur Fondriest konnte folgen. Das Duo setzte sich gemeinsam ab, doch vier Kilometer vor dem Ziel setzte sich Bauer aus der Verfolgergruppe ab. „Wir waren bei 75 Prozent, Bauer bei 100 – daher hätten wir nie gedacht, dass er uns noch kriegt“, gab Criquielion später zu. Bei der 700-Meter-Marke war es schließlich soweit: Der Kanadier hatte aufgeschlossen. Als er dann auch noch am Führungsduo vorbeizog, war Criquielion verunsichert. „Entweder ist er superstark, oder verrückt.“

Bauer vorne, Criquielion im Windschatten, Fondriest mit verzerrtem Gesicht dahinter, noch 200 Meter. Das Trio zieht quer über die Fahrbahn und alle sind sicher: Der Lokalmatador wird das Rennen gewinnen! Aber die Lücke, in die er hineinsprinten will, ist nicht da. Bauer macht die Tür zu. Criquielion stürzt, Fondriest zieht auf den letzten 30 Metern am Kanadier vorbei und wird Weltmeister. Der Gestürzte hebt derweil im Protest den Arm – erst den rechten, dann den linken – und wird, während er sein Rad in Richtung Ziellinie trägt, von neun Fahrern überholt. Am Ende ist Criquielion – die spätere Disqualifikation Bauers eingerechnet – Elfter. Mit einer Minute Rückstand auf Fondriest. Gerade mal 79 Fahrer erreichen das Ziel.

„Alles war weg, binnen Sekunden. Die Journalisten sind über mich hergefallen, ein absolutes Chaos.“ Criquielion hatte sich andere Fragen gewünscht, als die, die er nun beantworten musste. Wie er sich anfühlte, der zweite Weltmeistertitel, 15 Kilometer von der eigenen Haustür entfernt? Nein – diese Frage wurde ihm nicht gestellt. „Ich bin der Gewinner“, sprach der 31-Jährige trotzig in ein Mikrofon. Er war sich sicher, dass die Jury Bauer disqualifizieren und ihn zum Weltmeister erklären würde. Nur: Wie hätte sie das Fondriest erklären sollen, der Criquielions Sturz nicht verursacht und den Sprint gewonnen hatte? Hätte ihm Weltverbandspräsident Hein Verbruggen sagen sollen: „Sorry, für Dich nur Silber, weil Du den Sprint gegen Criquielion höchstwahrscheinlich verloren hättest?“ Unter dem tosenden Applaus der aufgebrachten Menge drang schließlich die Kunde von Bauers Disqualifikation durch. Weltmeister blieb aber Fondriest, „Claudy“ stand nicht mal auf dem Treppchen. Der Fluch von Ronse hatte erneut zugeschlagen.

Claude Criquielion hatte nun zwei Möglichkeiten: Er hätte bei allem Ärger und Schmerz die Sache auf sich beruhen lassen können, zumal er ja einen WM-Titel in seiner Vita stehen hatte, oder er hätte in Berufung gehen können mit dem Risiko, seines Lebens nicht mehr froh zu werden. Er entschied sich für Letzteres, auch weil er den Einfluss seines japanischen Team-Sponsors, der auch Hauptsponsor der WM war, überschätzte. Criquielion zog verbittert vor Gericht und zettelte einen zermürbenden Rechtsstreit an, den er vernichtend verlor.

Auf der Straße sollten sich die Wege Criquielions und Bauers noch einige Male kreuzen. Im April 1989, also nur acht Monate nach Ronse, sprinteten sie im Amstel Gold Race mit zwei anderen Fahrern um Platz zwei. „Normalerweise wäre ich Fünfter geworden, aber für mich war es eine Frage der Ehre, Bauer zu schlagen“, so Criquielion , der mit wenigen Zentimetern Vorsprung Zweiter wurde. Ein Jahr später war Criquielion nur Zuschauer, als Bauer um ein Haar Paris-Roubaix gewonnen hätte. Doch sein Landsmann Eddy Planckaert tat ihm den Gefallen und schlug Bauer im Fotofinish. „Er hat sich bei mir bedankt“, gab Planckaert später zu.

Das endgültige Gerichtsurteil wurde 1994, fünf Jahre nach dem verhängnisvollen Sommertag von Ronse gefällt und sprach Bauer von der Anschuldigung der Körperverletzung frei. Criquielion hatte sich verrannt und blieb auf 390.000 Franken Gerichtskosten sitzen. „In Summe hat mich das inklusive der Flugkosten für Bauer eine halbe Million gekostet. Ich war ein schöner Idiot. Was mich aber am meisten stört ist, dass ich immer wieder auf Ronse 1988 und nicht etwa auf Barcelona 1984 angesprochen werde.“

Claude Criquielion, Belgiens Sportler des Jahres 1984, Straßenweltmeister, Gewinner von Klassikern wie der Flandern-Rundfahrt oder des Wallonischen Pfeils und zwölffacher Tour-de-France-Teilnehmer, beendete seine Karriere Anfang der 90er Jahre. 2015 starb er mit gerade mal 58 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.

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