Lost Grounds: La Doble Visera

Lange Zeit hatten argentinische Stadien gar keine offiziellen Namen. Sie hießen entweder wie die Straße, an der sie lagen, das Viertel, in dem sie standen – oder bekamen einfach nur einen Spitznamen verpasst. Die weltbekannte „Pralinenschachtel“ der Boca Juniors aus Buenos Aires zum Beispiel, die bis heute eigentlich nur als La Bombonera bekannt ist, erhielt erst 1986 ihre offizielle Bezeichnung Estadio Camilo Cichero, seit 2000 heißt sie Estadio Alberto J. Armando, beide Namensgeber waren frühere Präsidenten des Klubs. Eines der legendärsten Stadien des Landes stand bis 2006 wenige Kilometer südlich in der Vorstadt Avellaneda: Die Arena des Club Atlético Independiente (CAI), Rekordsieger der Copa Libertadores, hatte im Laufe der Jahre gleich mehrere apodos, Spitznamen, weltbekannt wurde die Heimat der Roten Teufel als La Doble Visera [de cemento] – das „Doppelvisier“ (aus Zement).

Diego Maradona, Johan Cruijff, Pelé, Franz Beckenbauer und Alfredo di Stéfano – sie alle haben hier schon gespielt (welches Stadion kann das schon von sich behaupten?). Und natürlich Ricardo Enrique Bochini, die Independiente-Ikone schlechthin. Das will was heißen, immerhin versetzten hier unter anderem Spieler des Kalibers Sergio Agüero, Daniel Bertoni, Jorge Burruchaga, Esteban Cambiasso oder Diego Forlán die fanatischen Anhänger in Verzückung. Seine gesamte Profi-Karriere (1972-1991) verbrachte der Mittelfeldspieler mit der hohen Stirn bei den Roten Teufeln, mittlerweile ist auch die Straße, an der das Stadion liegt, nach ihm benannt (früher Calle Almirante Cordero).

Das Estadio Avellaneda, wie es lange Zeit hieß (oder eben Almirante Cordero), entstand auf einem sumpfigen Areal in unmittelbarer Nachbarschaft des Racing Club und wurde am 4. März mit einem Freundschaftsspiel gegen CA Peñarol (2:2) vor 35.000 Besuchern eingeweiht. Es war das erste Stadion Südamerikas, das komplett aus Zement (und nicht aus Holz) erbaut worden war.

Independiente, das sich 1905 aus Abtrünnigen der Betriebsmannschaft eines Warenhauses („A la Ciudad de Londres“) gegründet hatte und mit seinem Klub-Namen die Unabhängigkeit von England zum Ausdruck bringen wollte, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Landemeisterschaften (auf Amateurebene) eingefahren. 1930 wurde das Spielfeld um 90 Grad gedreht, ein Jahr später startete die Profi-Liga. CAI wurde in den ersten fünf Jahren drei Mal Vizemeister und holte Ende der 30er Jahre zwei Mal den Titel, das Fassungsvermögen stieg in dieser Zeit auf rund 80.000. Am 15. August 1954 wurde im Estadio Avellaneda für das Spiel gegen die Boca Juniors (3:1) der bis heute bestehende argentinische Rekord für verkaufte Eintrittskarten (62.000) aufgestellt.

In den Folgejahren wurde das Stadion nach und nach modernisiert und 1960 mit dem Bau eines Oberrangs begonnen, der ein Jahr später vollendet und ausschlaggebend für den Spitznamen La Doble Visera war. 1968 kam eine eigenwillige Tribünenkonstruktion hinzu, die unüberdacht blieb und auf der Seite der Calle Almirante Cordero nur über knapp die Hälfte des Spielfeldes reichte. Sie wurde später zu Ehren eines ehemaligen Präsidenten „Sector Herminio Sande“ getauft. Nach ihrer Fertigstellung erlebte das Stadion, das mittlerweile 53.000 Zuschauer fasste, seine erfolgreichste Epoche. Dafür sorgten zahlreiche weitere Landesmeisterschaften, aber seinen Mythos begründete Independiente durch seine sieben Triumphe in der Copa Libertadores. CAI ist nicht nur Rekordsieger dieses Wettbewerbs, sondern in allen sieben Finalpaarungen unbesiegt – bemerkenswert. Der Spitzname Rey de Copas, „König der Pokale“, liegt in dieser Tatsache begründet.

Aufgrund der hitzigen Atmosphäre, die hier herrschte, und bezugnehmend auf den Spitznamen „Rote Teufel“, erhielt La Doble Visera in dieser Zeit einen weiteren Beinamen: La Caldera del Diablo, der „Kessel des Teufels“. Independientes Heim-Bilanz in Finalspielen lautet 11-5-0, nie gewann ein anderer Klub in diesem Stadion, das auch Spiele um den Weltpokal sah, einen Titel oder eine Meisterschaft.

Das Estadio Presidente Perón des mittlerweile zum Erzrivalen avancierten Nachbarn Racing Club, wegen seiner runden Form „El Cilindro“ (der Zylinder) genannt, erhebt sich gerade mal – von Anstoßpunkt zu Anstoßpunkt gemessen – 300 Meter nordöstlich. So nah liegen weltweit keine Heimspielstätten zweier Top-Klubs beieinander.

Seit dem Ende der 80er Jahre sind die Erfolge rarer geworden. Die letzte Meisterschaft wurde 2002 gefeiert, 2006 hatte La Doble Visera schließlich ausgedient. Die Arena wurde abgerissen, lediglich die eigenwillige Oberrangtribüne an der Calle Almirante Cordero, die seit 2007 den Namen Ricardo Bochinis trägt, wurde erhalten und in den Neubau integriert. Der zog sich über drei Jahre hin, am 28. Oktober 2009 wurde das rundumerneuerte Stadion, das mit seinen kubischen VIP-Tribünen in den Ecken einer „normalen“ europäischen Arena ähnelt, eröffnet und fasst heute 50.000 Zuschauer.

Eigentlich hätte es Estadio Bochini heißen sollen, letzten Endes entschieden sich die Verantwortlichen für Estadio Libertadores de América (LDA), eine Hommage an die Befreier Amerikas – und an den prestigeträchtigen Wettbewerb, dessen Rekordsieger Independiente noch immer ist.

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