Andere Zeiten: Frierende Riesen in der Markthalle

Vielleicht war es ja für die Spieler der französischen Klubs normal, hier Basketball zu spielen. Für die US-amerikanischen Profis, die in anderen Nationen unter Vertrag standen und ab Ende der 70er Jahre im Europapokal hier auflaufen mussten, war es das ganz sicher nicht. Es muss eine unwirkliche Erfahrung gewesen sein, am Fuße der Pyrenäen in einer 10.000-Einwohner-Gemeinde zu spielen, deren fleißige Einwohner eine Markthalle, in der tagsüber noch Geflügel feilgeboten worden war, abends in eine kleine Basketball-Arena umfunktioniert hatten – und in der es im Winter auch mal unter zehn Grad kalt sein konnte.

Eine knappe Autostunde vom Wallfahrtsort Lourdes entfernt liegt das verträumte Orthez. Das 1931 gegründete Basketball-Team „Élan Béarnais“, benannt nach der historischen Region Béarn, suchte einen geeigneten Spielort – und nistete sich bald in der Markthalle „La Moutète“ ein. Unter der Woche wurden hier Geflügel und andere Lebensmittel verkauft, samstags wurde der Umschlagplatz schließlich mit einem Court und Stahlrohrtribünen versehen, so dass bis zu 3.500 Zuschauer die Spiele der Grün-Weißen verfolgen konnten, die sechs Mal in sechs Jahren aufstiegen und Anfang der 70er Jahre in der Nationale 1 ankamen. Ihren Namen verdankte „La Moutète“ dem während ihrer Errichtung in den 30er Jahren regierenden Bürgermeister Georges Moutet. Die Moutets waren eine bekannte Weber-Familie, deren Nachkommen noch immer einen großen Betrieb in Orthez unterhalten und in der fünften Generation Tischwäsche und Küchentextilien produzieren.

Ihr internationales Debüt feierte die Markthalle im November 1977. ÉB Orthez hatte sich erstmals für den Korać-Cup, dem Pendant zum UEFA-Pokal im Fußball, qualifiziert, unterlag aber bei der Premiere dem katalanischen Spitzenklub Joventud Badalona mit 72:76. Nach einer klaren Klatsche im Rückspiel in der Vorstadt Barcelonas strichen die Südwestfranzosen in Runde eins die Segel. Was zu diesem Zeitpunkt kleiner ahnte: Ortès, wie sich das Städtchen in der vor Ort gesprochenen okzitanischen Sprache schreibt, sollte sich 30 Jahre in Folge für einen europäischen Wettbewerb qualifizieren – und somit einen Rekord aufstellen.

In der Saison 1983/84 gingen in der Markthalle reihenweise europäische Spitzenteams baden, darunter KK Zadar aus Jugoslawien oder die Italiener von Pallacanestro Varese, Orthez stürmte in das Finale des Korać-Cups. Das Finale gegen Roter Stern Belgrad stieg in Paris, und anlässlich dieses Großereignisses fuhr ein französisches Kamerateam in die Provinz, um die „aquitanischen Gallier“ zu porträtieren. Es entstand ein kurze Dokumentation über das Dorf und seine Bewohner, die Woche für Woche Metallrohre zusammenschraubten, und das seit einem Vierteljahrhundert, um die Markthalle in einen Wettkampfort zu verwandeln. Pierre Seillant, von 1967 bis 2008 Präsident des Klubs, verriet den Dokumentarfilmern, dass ein US-amerikanischer Spieler den Klub einst verlassen musste, weil er, wie sich später herausstellen sollte, allergisch gegen Vogelfedern war. Das kleine Orthez zerstörte den Roten Stern in der französischen Hauptstadt mit 97:73 und ist der bis heute kleinste Ort, der je einen Europapokal gewann.

„La Moutète“ stellte eine skurrile Besonderheit dar, unterschied sich aber nur unwesentlich von den Schulsporthallen anderer Klubs, in denen es eben nach blauen Turnmatten anstatt nach Geflügel roch. Das Fassungsvermögen wurde durch den Einriss einer Mauer und der dadurch ermöglichten Installation einer weiteren mobilen Tribüne auf 4.000 erhöht, der Spannteppichboden 1985 durch Parkett ersetzt. Die Wand auf der Hallenseite, auf der lediglich Platz für die Spielerbänke, aber nicht für Tribünen war, wurde mit riesigen Werbetafeln zugeklebt.

Als der Klub 1986 zum ersten Mal französischer Meister wurde und folglich in der Königsklasse antreten durfte, erlangte „La Moutète“ endgültig Kultstatus. Gestandene frühere NBA-Profis wähnten sich im falschen Film, als sie im Winter mit dem Reisebus in die 10.000-Seelengemeinde einfuhren und ihre Ski-Mützen tief über beide Ohren ziehen mussten, da sich die Temperaturen im Inneren der Halle kaum von denen draußen unterschieden. Eben noch der Madison Square Garden in New York oder The Forum in Los Angeles, jetzt also „La Moutète“ in Orthez. Der Haupteingang befand sich direkt im Zentrum an einer sich durch den Ort schlängelnden Hauptstraße, die an Spieltagen gesperrt werden musste, weil sich die Menschenmassen vor den Einlasstüren stauten.

Nach Siegen über Partizan Tirana und Bayer Leverkusen qualifizierte sich Orthez für die aus sechs Mannschaften bestehende Finalgruppe, die die beiden Finalisten ermittelte. Im ersten Heimspiel im Konzert der Großen erwartete der vom US-Amerikaner George Fisher trainierte Élan Béarnais den italienischen Titelträger Olimpia Mailand mit seinen Riesen Bob McAdoo, zweifacher NBA-Champion mit den Los Angeles Lakers, und Dino Meneghin, der mit Varese schon fünf Mal den Landesmeister-Wettbewerb gewonnen hatte. „Mailand verliert in einer Markthalle bei Temperaturen nahe des Gefrierpunkts“, spottete die italienische Sporttageszeitung La Gazzetta dello Sport am Tag nach der 73:75-Niederlage der Italiener in „La Moutète“. Was das rosafarbene Blatt noch nicht wissen konnte: Das Team um den Lokalmatador Freddy Hufnagel blieb als einziges Team zu Hause ungeschlagen und schickte nach den Mailändern auch Maccabi Tel-Aviv (78:77), den sowjetischen Meister Žalgiris Kaunas mit Arvydas Sabonis (94:80), Real Madrid (84:82) und KK Zadar (73:69), die allesamt dem elektrisierenden Ambiente erlagen, ohne Punkte auf die Rückreise.

Denkwürdig war das Spiel gegen die auf dem Papier haushoch favorisierten Israelis, die am dritten Spieltag mit ihren Superstars Doron Jamchy, Mickey Berkowitz und Kevin Magee in die Gefriertruhe einliefen, zur Pause mit sieben und im zweiten Durchgang mit zehn Punkten vorne lagen. Das hitzige Publikum peitschte die Orthéziens in die Partie zurück. Die Stützen des Teams waren neben Hufnagel die US-Amerikaner Howard Carter und Tom Scheffler sowie Didier Gadou, der von 1982 bis 2002 ausschließlich für Élan spielte und heute Präsident des Klubs ist. Orthez holte Punkt um Punkt auf und bewahrte in der Schlussphase kühlen Kopf, als erst Carter zwei Freiwürfe verwandelte, um auf 76:77 zu verkürzen, und der gebürtige Senegalese Benkali Kaba sechs Sekunden vor Schluss den entscheidenden Sprungwurf versenkte.

Am Ende der Europapokal-Saison reichte es hinter Mailand und Maccabi, die das Finale in Lausanne bestreiten durften, nur zu Platz drei. Immerhin vor Real Madrid, Kaunas und Zadar. Wahnsinn: Ein Treppchenplatz unter Europas Elite mit einer Markthalle als Heimat.

Auch Nicht-US-amerikanische Ausnahmespieler, wie der Jugoslawe Dražen Petrović mit KK Šibenka, Juan Antonio San Epifanio mit dem FC Barcelona, Nikos Galis mit Aris Saloniki oder Sasha Volkov mit Stroitel Kiew traten in „La Moutète“ auf – und verloren. Andere, wie der Brasilianer Oscar Schmidt (Caserta/Italien), der Italiener Antonella Riva (Cantù) oder die Jugoslawen Aleksandar Đorđević und Vlade Divac (Partizan Belgrad), gaben hier ebenfalls ihre Visitenkarten ab – und gewannen, wenn auch knapp.

In der französischen Meisterschaft lieferte sich Orthez erbitterte Duelle mit CSP Limoges, einmal kam es in „La Moutète“ sogar zu einer legendären Schlägerei. Die hitzige Atmosphäre in der Provinz legte oftmals die Nerven blank. Orthez holte hier den Titel 1987 mit einem 82:81 im dritten Spiel des Playoff-Finals, Limoges sicherte sich jedoch die kommenden drei Meisterschaften, 1989 im Finale gegen Orthez.

Basketball wurde in Frankreich immer populärer, die großen Städte rüsteten auf. Spitzensport auf internationalem Niveau war in einer Markthalle mit Geflügelgeruch nicht mehr vermittelbar. Auf Betreiben Seillants wurde im benachbarten Pau mit seinen 85.000 Einwohnern ein neuer, 7.500 Zuschauer fassender Sportpalast aus dem Boden gestampft. „La Moutète“ hatte ausgedient, am 5. Januar 1991 sah sie ihr letztes offizielles Match, ein von Tränen begleiteter Sieg gegen Saint-Quentin.

ÉB Orthez zog eine halbe Auto-Stunde südostwärts – und nannte sich fortan Élan Béarnais Pau-Orthez. In Pau konnten sie ihr Glück kaum fassen, kamen sie doch über Nacht in den Genuss eines europäischen Spitzenklubs, in Orthez war man weniger begeistert. „Die Zeiten haben sich geändert“, kommentierte Seillant den Umzug nüchtern. „Es ist besser, eine Seite in der Geschichte umzublättern, als das Buch zuzumachen.“

Der Klub gewann weitere sieben französische Meisterschaften. „La Moutète“ steht noch immer, die Fassade wurde aufgehübscht und mehrere Geschäfte, ja sogar ein nach den Basketballern benanntes Café integriert. Drinnen finden Shows und Konzerte statt. Europäischer Spitzenbasketball ist hingegen nur noch eine surreale Erinnerung an andere Zeiten.

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