Momente: Livorno – der Meister, den es nie gab

Die Einblendung auf dem Fernsehbildschirm war unmissverständlich: „Enichem Livorno Campione d’Italia 88-89.“ Im Hintergrund spielten sich derweil tumultartige Szenen ab. Menschen strömten auf das Parkett, fielen hin, jubelten, feierten. Das italienische Staatsfernsehen Rai, das das fünfte und entscheidende Spiel im Playoff-Finale um die nationale Basketball-Meisterschaft live übertragen hatte, verabschiedete sich kurz darauf – und ließ die TV-Zuschauer dank dieser Einblendung mit einer Falschmeldung zurück.

Denn Campione d’Italia 1989 wurde schließlich Mailand – allerdings erst 40 Minuten später. Das kleine Livorno, der krasse Außenseiter, hatte fast eine Stunde lang den historischen Coup gegen den Rekordmeister aus der Millionenmetropole zelebriert. Erst, als die meisten der 4.000 Zuschauer die Halle verlassen hatten, drang die Kunde durch, dass der letzte Korb doch nicht gezählt hatte. Ein Gefühlssturz, den nur der nachvollziehen kann, der ihn erlebt hat. Ungläubig kehrten die Fans zum „Palazzo dello Sport“ in der Via Allende zurück. Sie konnten nichts tun. Sie waren Zeugen dessen geworden, was italienische Medien später als „Schwanengesang“ bezeichneten. Denn Livorno hatte nicht nur den sicher geglaubten Titel verloren, sondern sich stilvoll von der großen Bühne verabschiedet. Für immer. Eine Geschichte, die auch 30 Jahre später noch immer unglaublich klingt.

Die sozialistisch geprägte Hafenstadt Livorno lechzte nach sportlichen Erfolgen. Während die Fußballer, immerhin italienischer Vizemeister 1943, seit knapp 40 Jahren unterklassig spielten, ebneten sich gleich zwei Basketballvereine den Weg in die nationale Spitze: Die „Polisportiva Libertas“ und „Pallacanestro“. Beide Klubs teilten sich eine 1976 eröffnete Halle mit Tonnendach, die nur einen Steinwurf vom Fußballstadion entfernt in der nach dem früheren chilenischen Staatschef benannten Via Salvador Allende liegt. Einfach nur als „Palazzo dello Sport“ (Sportpalast) bezeichnet, diente der Straßenname im Volksmund als Synonym für die kleine Arena, die sich in den 80er Jahren eines großen Zuspruchs erfreute.

Libertas, das in ganz Italien für seine hervorragende Jugendarbeit anerkannt war, kehrte 1986 als Zweitliga-Meister in die Lega A1 zurück, der Lokalrivale Pallacanestro war bereits ein Jahr zuvor in die höchste Spielklasse aufgestiegen. Das Stadtderby fand nun erstmals auf höchstem Niveau statt, eine klare Nummer 1 sollte sich zunächst nicht herauskristallisieren. Libertas belegte 1987/88 den siebten Rang und landete somit einen Platz besser als der Lokalrivale, schied aber im Playoff-Achtelfinale aus, während es Pallacanestro eine Runde weiter schaffte.

Italienische Basketballvereine tragen seit jeher den Namen ihres Sponsors im Klubnamen. Zum Start der Saison 1988/89 lief Libertas unter dem Namen des italienischen Chemiekonzerns Enichem auf, Pallacanestro hieß Allibert.

Enichem-Trainer Alberto Bucci ging in seine vierte Saison und hatte eine eingespielte Truppe beisammen, allerdings musste er die beiden Ausländerpositionen, die in den großen westeuropäischen Ligen fast ausnahmslos von US-Amerikanern besetzt wurden, neu verplanen. Dabei gelangen ihm zwei gute Transfers: Von Real Madrid kam der Flügelspieler Wendell Alexis, der in den 90er Jahren in Deutschland große Erfolge mit Alba Berlin feiern sollte, aus Israel Joe Binion, dessen NBA-Karriere in Portland nicht richtig in Gang gekommen war. Die italienischen Spieler im livornesischen Kader zählten zu den besten im Land, darunter die beiden Nationalspieler Flavio Carera (Center) und Alberto Tonut (Flügel) sowie Andrea Forti, ein eher unscheinbarer Aufbauspieler, der es nie in die Squadra Azzurra schaffte, aber am Ende seiner Karriere auf stolze 22 Profi-Spielzeiten zurückblicken konnte. Aushängeschild Enichems war Alessandro Fantozzi: Der Point Guard stammte aus der eigenen Jugend und war ein Sohn der Stadt.

Die Lega A1 galt in den 80er Jahren mit der spanischen und jugoslawischen als stärkste Liga außerhalb der NBA. 1988/89 avancierte Enichem zu den Top Teams, der Sportpalast in der Via Allende wurde für die gegnerischen Teams zu einem gefürchteten Hexenkessel, in dem die Stimmung in Ermangelung eines anderen großen Sportteams in der Stadt regelmäßig überkochte und die der Atmosphäre in einem Fußballstadion glich. Enichem stürmte auf den zweiten Platz und erreichte mit einem 2-0 gegen Fortitudo [Arimo] Bologna erstmals das Playoff-Halbfinale, wo es dank seiner Heimstärke auch Virtus [Knorr] Bologna 2-1 (108:82 im Tiebreaker) bezwang.

Gegner bei der Endspiel-Premiere war Olimpia [Philips] Mailand – ein Klub, der gegensätzlicher zur Underdog-Aura der Toskaner nicht sein konnte. Das sozialistische kleine Livorno mit seinen bescheidenen Mitteln hier, das mondäne, versnobte Mailand da. Der Rekordchampion, der in den beiden Jahren zuvor Europapokalsieger der Landesmeister geworden war, leistete sich eigentlich drei US-Amerikaner, hatte aber Mike D’Antoni (38) aufgrund seiner Wurzeln mit der italienischen Staatsbürgerschaft ausgestattet. Die anderen beiden Ausländer waren kein geringerer als der NBA-Veteran Bob McAdoo (37), zweifacher NBA-Champion mit den Los Angeles Lakers und 1975 zum wertvollsten Spieler (MVP) der NBA gewählt, sowie Albert King (29), der immerhin neun NBA-Spielzeiten vorweisen konnte. Komplettiert wurde die Starting Five von zwei weiteren Haudegen: Center Dino Meneghin (39), der in Mailand seinen mehrere Jahre währenden zweiten Frühling erlebte, und Roberto Premier (31), ein unspektakulärer, aber zuverlässiger Aufbauspieler mit ausgeprägter Gewinnermentalität, der Mann für die ungewöhnlichen Aktionen. Im Schnitt brachte die erste Fünf also 34,8 Jahre aufs Parkett.

Der Abonnementmeister war im Vorjahr entthront worden, als er im Playoff-Finale Victoria Libertas [Scavolini] Pesaro klar mit 1:3 unterlag. Pesaro war auf dem besten Weg, seinen Titel zu verteidigen und ging als Meister der regulären Saison in die Playoffs. Im Halbfinale kam es dann zur Revanche – und zu einem handfesten Skandal: Scavolini bezwang Mailand zu Hause in Spiel eins klar, weil aber Meneghin von einer Münze am Kopf getroffen wurde, wurde die Partie am Grünen Tisch 2:0 für Mailand gewertet. Eine Entscheidung, die das Vorurteil vom ständig bevorteilten Ligakrösus aus dem Norden untermauerte. Die Lombarden scherten sich nicht darum und zogen wenige Tage später durch ein 85:82 ins Finale ein, Livorno folgte wenige Tage später. Der Endspiel-Debütant hatte nicht nur emotional ganz Basketball-Italien mit Ausnahme Mailands hinter sich, sondern wurde von den Experten sogar in der Favoritenrolle gesehen. Schließlich hatte Enichem beide Liga-Spiele gegen Philips gewonnen. Der Tisch für die Best-of-five-Serie war gedeckt.

Im März hatte Livorno allerdings Joe Binion verloren. Der US-Amerikaner hatte sich nach einem ärgerlichen 89:93 in Reggio Emilia den Arm gebrochen, als er vor Wut über die Niederlage gegen die Kabinentür geschlagen hatte. Er wurde durch den bis dato völlig unbekannten David Wood ersetzt, der aus der unterklassigen CBA (Continental Basketball Association) in die Toskana wechselte. Spiel eins stieg am 16. Mai, Livorno hatte als Vorrundenzweiter gegenüber dem Fünften Mailand Heimrecht. In der kleinen Halle der Via Allende hatte Enichem nur eine von bislang 18 Begegnungen verloren. Die 19. gewann die Bucci-Truppe 92:79, Alexis streute 26 Punkte ein.

Im PalaTrussardi – von 1986 bis 1990 ungeliebte Heimat der Mailänder, die von außen wie ein Zirkuszelt aussah und nach dem berühmten Modeschöpfer benannt war – behielt Philips vier Tage später mit 100:81 die Oberhand, und als die lombardische Alt-Herren-Garde mit einem 73:69 in Livorno in der Serie 2-1 in Führung ging, schien die Messe gelesen. Doch aus der geplanten Meisterfeier in eigener Halle wurde nichts: Enichem gefror den PalaTrussardi mit einem 83:77, beschenkte somit Coach Bucci zum 41. Geburtstag und erzwang Spiel fünf.

Am 27. Mai 1989, einem Samstag, pressten sich am späten Nachmittag 4.000 Menschen oder mehr in den Hexenkessel an der Via Allende. Sie sahen kein gutes, aber ein hochdramatisches Spiel, das mit einem Dreier Fantozzis begann und mit einer Mailänder 42:41-Führung in die Pause ging. Auch im zweiten Abschnitt konnte sich kein Team entscheidend absetzen, die Luft war in Scheiben geschnitten. Premier verlor zwischenzeitlich die Nerven, nicht zum letzten Mal an diesem Tag, und warf dem Rai-Kommentator Gianni Decleva beim Verlassen des Feldes ein Handtuch ins Gesicht. Kurz vor Schluss zog Mailand auf acht Punkte davon, aber Enichem strotzte vor Selbstvertrauen und wurde vom Publikum zurückgepeitscht. Fantozzi versenkte einen Dreier, kurze Zeit später beging King sein fünftes Foul an Alexis. Doch am Anschreibertisch wurde das Schild mit der „4“ hochgehalten, King blieb also zur Überraschung Declevas auf dem Parkett. Alexis verwandelte beide Freiwürfe – 77:80.

Im nächsten Angriff leistete sich D’Antoni den einzigen Ballverlust dieser Partie, Tonut machte sich auf und davon und steuerte sicheren zwei Punkten hingegen. Was dann folgte, ist bis heute unvergessen. Bob McAdoo, der einst mit Magic Johnson und Kareem Abdul-Jabbar NBA-Meister wurde und niemandem mehr etwas zu beweisen hatte, setzte mit seinen 2,05 Metern und 37 Jahren zu einem Hechtsprung an und spitzelte Tonut in letzter Sekunde den Ball aus der Hand. Timeout. Diese Szene, wie McAdoo nach seiner denkwürdigen Aktion noch einige Meter über das Parkett rutscht, ist italienische Basketball-Geschichte. Obwohl sie mathematisch kaum einer Rolle spielte, denn unmittelbar nach der Auszeit und dem Einwurf unterm Korb versenkte Fantozzi den nächsten Dreier. 80:80 – alles war wieder auf null gestellt. Wahnsinn. Die Meisterschaft sollte sich in den letzten 120 Sekunden dieses Duells entscheiden.

Premier, der in der ersten Halbzeit „unsichtbar“ gewesen war, nahm einen wilden Dreier … und traf. Alexis zog auf der Gegenseite gleich, hatte allerdings seinen rechten Fuß auf der Linie, so dass sein Treffer nur für zwei Punkte zählte, 82:83.

50 Sekunden vor der Schlusssirene nutzte D’Antoni einen Meneghin-Block aus und platzierte einen weiteren Dreier. Die Zeiteinblendung funktionierte nur sporadisch, so dass Decleva die Fernsehzuschauer ständig auf dem Laufenden halten musste. Dreier Alexis – drin! Unglaublich. 85:86, noch 33 Sekunden.

Nun war klar, dass Mailand so viel Zeit wie möglich von der Uhr nehmen würde, damals standen für einen Korbwurf 30 Sekunden zur Verfügung. Livorno verzichtete auf ein Foul, weil D’Antoni ein sehr sicherer Schütze war. Vielleicht wäre es aber die bessere Option gewesen, denn an diesem Tag war der Italo-Amerikaner noch nicht einmal an der Freiwurflinie gewesen und dem Druck, zwei Mal zu verwandeln, hätte er erstmal standhalten müssen. Die Sekunden tickten herunter, D’Antoni zu Premier, der es wieder jenseits der Drei-Punkte-Linie versuchte. Zu kurz, Rebound Alexis, vier Sekunden. Vier Sekunden für die Ewigkeit.

Alexis spielte sofort auf Fantozzi, der einmal dribbelte und schließlich den enteilten Forti unterm Mailänder Korb fand. McAdoo und Meneghin flogen heran, im vergeblichen Versuch, Forti zu blocken, doch der verwandelte eiskalt per Korbleger. Die Uhr stand bei „00:00“. Der Schiedsrichter, der unterm Korb stand, wertete den Treffer und zeigte zudem ein Foul von Meneghin an. In weniger als einer Sekunde war das Parkett geflutet. Die Anzeigetafel sprang auf 87:86, beide Mannschaften rannten jubelnd in die Katakomben. Beide waren sich sicher, Meister zu sein.

Der stets besonnene Decleva kommentierte, die Sirene vor dem Korb gehört zu haben, und erklärte Mailand zum Champion, doch die in den Vereinsfarben blau und gelb gehüllten Livorneser Fans feierten ausgelassen. Inmitten der Feierlichkeiten verlor Premier ein zweites Mal die Nerven, diesmal endgültig. Von einem Zuschauer provoziert und geschlagen ging der Mailänder zum Gegenangriff über und ließ die Fäuste sprechen. Nur mit Mühe konnte der aufgebrachte Premier in Richtung Kabine geleitet werden, er verließ die Halle mit zwei ausgestreckten Mittelfingern. Inmitten dieses Getöses drang die Kunde durch, dass der Korb zähle, und in der Halle brachen alle Dämme. Man muss sich das vor Augen führen: Wendell Alexis schnitt gemäß eines bei Titelgewinnen gängigen Rituals umgeben von grölenden Fans das Netz von der Reuse ab.

Livorno war Meister! Nicht.

Der zweite Unparteiische, der während des letzten Angriffs beim Kampfgericht stand, hatte den Korb nicht gegeben. Erst 40 Minuten nach der Schlusssirene wurde diese Entscheidung offiziell, nachdem sich das Schiedsrichtergespann in Ruhe in der Kabine besprochen hatte. Die Meisterfeier in der Enichem-Umkleide nahm ein abruptes Ende, die Klub-Verantwortlichen waren außer sich und unterstellten Schiebung zu Gunsten der mächtigen Mailänder. Livorno blieb somit bei null Meisterschaften, Mailand feierte seine Vierundzwanzigste. Die Halle konnten die Spieler erst zwei Stunden später verlassen.

Livorno war am Boden zerstört. Sie hatten eine hervorragende Saison gespielt und in den letzten vier Sekunden alles richtig gemacht. Schneller und präziser hätte der finale Angriff nicht ausgeführt werden können. Andrea Forti haderte noch Jahrzehnte später: „Ich weiß, dass der Korb vor der Schlusssirene fiel. Der Sekundenzeiger stand auf null, aber die Zehntel wurden damals ja auch nicht angezeigt. Wir waren der wahre Meister!“

Mailand hingegen hatten in diesen Tagen genug zu feiern. Drei Tage zuvor hatten die Fußballer der AC Mailand mit einem 4:0 über Steaua Bukarest den Europapokal der Landesmeister gewonnen, einen Tag nach dem Thriller von Livorno sicherte sich Inter Mailand mehrere Spieltage vor Schluss den Titel in der Serie A. Im Schatten des Calcio und der beiden großen Triumphe von Milan und Inter ging der Jubel der Basketballer etwas unter. Livorno hätte diese Meisterschaft dringender gebrauchen können.

Das Spiel war gespielt, die Entscheidung war gefallen, es gab kein Zurück. Der Einspruch, dass die Partie aufgrund eines technischen Fehlers wiederholt werden müsse, weil King die letzten drei Minuten mit fünf Fouls gespielt hatte, wurde abgeschmettert.

Livorno zerbrach. Nach zwei durchwachsenen Saisons fusionierten Libertas und Pallacanestro 1991 zu „Libertas Pallacanestro“. Die Zweckehe wurde von den Basketball-Anhängern der Stadt nie akzeptiert, als der Fusionsverein 1994 abstieg, hatten alle Helden von 1989 das sinkende Schiff bereits verlassen. Mit dem Abstieg ging der Verein Pleite und löste sich fünf Jahre nach der um Millisekunden verpassten Meisterschaft auf.

Alberto Bucci erlebte den 30. Jahrestag dieser tragischen Meister-doch-nicht-Meister-Partie nicht mehr. Er erlag wenige Wochen vorher im März 2019 einem Krebsleiden. In Livorno behaupten sie noch heute: „Ir canestro era bono.“ Der Korb war gut.


Libertas [Enichem] Livorno – Olimpia [Philips] Mailand 85:86 (41:42)
Livorno: Tonut (11), Fantozzi (18), Carera (13), Forti (6), Alexis (32) / De Raffele, Wood (5). – Trainer: Bucci.
Mailand: Meneghin (10), Montecchi (2), D’Antoni (9), McAdoo (7), King (22) / Aldi (2), Premier (20), Pessina (8), Pittis (6). – Trainer: Casalini.
Fouled out:
-. SR: Francesco Grotti, Pasquale Zeppilli. Zuschauer: 4.000.
Livorno, »Palazzo dello Sport Via Allende«, 27. Mai 1989

 

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