Traumtanz: Górnik Zabrze 1969/70

Ein Münzwurf musste die Entscheidung bringen. 330 Minuten hatten nicht gereicht, um am 22. April 1970 zwischen Górnik Zabrze und AS Rom einen Sieger zu ermitteln, selbst das Wiederholungsspiel auf neutralem Rasen in Straßburg endete 1:1 nach Verlängerung – plus 56 Minuten Stromausfall. Und da das Elfmeterschießen noch nicht eingeführt war – es sollte erst wenige Monate später seine Premiere erleben – blieb dem französischen Unparteiischen Roger Mâchin nun nichts mehr anderes übrig, als ein Geldstück in die Luft zu befördern. Kopf oder Zahl. Bange Sekunden für die erschöpften Spieler. Ein dumpfer Aufprall, und plötzlich streckten die polnischen Akteure die Arme in die Luft: Finale! Als erster Vertreter seines Landes hatte Górnik Zabrze ein Europapokal-Endspiel erreicht. Nur eine Woche später stand im Wiener Praterstadion das entscheidende Match um den Cup der Pokalsieger auf dem Programm. Jetzt kannte Manchester City auch endlich seinen Gegner. Bedröppelt schlichen derweil die Römer aus dem Meinau-Stadion. Wie ungerecht, eine derart wichtige Partie so zu entscheiden. Dabei hatten sie sich im Achtelfinale gegen die PSV Eindhoven noch auf dieselbe Weise durchgesetzt. Die UEFA hatte nun aber endgültig die Faxen dick – und der Münzwurf nach diesem April-Abend ein für allemal ausgedient.

Die Zeit war reif für Górnik, das „Schalke Schlesiens“. Zabrze, mitten im oberschlesischen Industrierevier mit ihren Metropolen Kattowitz, Königshütte, Breslau, Gleiwitz und Beuthen gelegen, trug zwischen den beiden Weltkriegen den Namen Hindenburg und hatte mit so herausragenden Könnern wie Ernest Pohl, Henryk Latocha oder Włodzimierz Lubański in den 60er Jahren den polnischen Fußball aufgemischt. 1968 war der Verein der Bergarbeiter nach zuvor fünf Landesmeister-Titeln in Folge sogar bis ins Viertelfinale des EC1 vorgedrungen und dort nur knapp an Manchester United gescheitert. Ein Jahr später musste er im Titelrennen dem Hauptstadt-Klub Legia Warschau den Vortritt lassen, revanchierte sich aber postwendend mit einem 2:0-Erfolg im Pokalfinale. Lubański (17’) und Erwin Wilczek (77’) hatten in Łódź den Sieg für die vom Ungarn Géza Kalocsay trainierte Truppe herausgeschossen. Nach der Zwangspause im Vorjahr, als mehrere Ostblock-Vertreter auf Grund der Wirrungen um den „Prager Frühling“ auf einen internationalen Start verzichtet hatten, war Górnik nun zumindest für den Europacup der Pokalsieger qualifiziert.

Kalocsay war ein Wandervogel. In den 30er Jahren feierte er als Spieler von Sparta Prag Erfolge und gewann unter anderem 1935 gegen Ferencváros Budapest den Mitropa Cup. 1934 stand er sogar im WM-Kader der Tschechoslowakei, kam aber während des Turniers in Italien nicht zum Einsatz. Dennoch durfte sich Kalocsay, der es noch auf drei Länderspiele brachte, Vize-Weltmeister nennen. Zwei weitere internationale Einsätze kamen hinzu, allerdings erst 1940 – und zwar für Ungarn. Denn zwischenzeitlich hatte der Stürmer, dessen Wurzeln an der Donau lagen, beim Puskás-Klub Kispesti AC angeheuert. Seine Trainer-Laufbahn führte ihn schließlich bald nach Polen. Mit Górnik war er 1967 auf Anhieb Meister geworden und hatte auch 1968 den Pokal gewonnen. Jetzt wollte der gelernte Jurist auch auf internationaler Ebene etwas bewegen.

Olympiakos Piräus

Georgios Sideris, der torgefährliche Kapitän des Erstrunden-Gegners Olympiakos Piräus, zeigte sich vor dem Hinspiel in Athen optimistisch: „Die Polen sind ungemein stark, aber wir werden den Platz als Sieger verlassen.“ Das bereitete Kalocsay allerdings keine besonderen Kopfschmerzen. Und in der Tat schienen seine Schützlinge schon im Hinspiel alles klar machen zu wollen, als sie in Griechenland nach zwei Toren von Wilczek (8’, 36’) bereits zur Pause mit 2:0 führten. Nach dem Wechsel ließen die Polen jedoch im Gefühl des sicheren Sieges die Zügel schleifen und kassierten unter dem ohrenbetäubenden Lärm der 25.000 Zuschauer durch Torjäger Nikos Gioutsos (58’) und Iannis Sideris (84’) noch den 2:2-Ausgleich. Am Erreichen der nächsten Runde gab es keine Zweifel, doch die Art und Weise, wie seine Mannschaft die Führung noch aus der Hand gab, missfiel Kalocsay. Deshalb verlangte er im Rückspiel, für das Górnik wie für alle Europacup-Partien ins benachbarte Königshütte mit seinem großen Nationalstadion auswich, Wiedergutmachung. Und er musste nicht lange warten. Schon in der ersten Minute war erneut Wilczek zur Stelle und netzte zum 1:0 ein. Der Rest sollte nur noch Formsache sein, wenngleich die weiteren Treffer allesamt erst nach der Pause fielen. Hubert Skowronek (62’) und Zygfryd Szołtysik (70’) erhöhten auf 3:0, ehe Jan Banaś per Doppelschlag in der 82. (Strafstoß) und 84. Minute das Endergebnis auf 5:0 schraubte. Eine beeindruckende Machtdemonstration der „Bergarbeiter“ (Górnik), die bis dahin erst eines ihrer zwölf Europapokal-Heimspiele verloren hatten.

Der Titelverteidiger und Überraschungssieger aus dem Vorjahr, Slovan Bratislava, war derweil sensationell an Dinamo Zagreb gescheitert. Und da der sowjetische Vertreter Torpedo Moskau bereits in der Qualifikation die Segel streichen musste, war es nun an Górnik, den Ostblock weiterhin würdig zu vertreten. Eine Aufgabe, der natürlich auch der 1.FC Magdeburg und Levski-Spartak Sofia nachkommen wollten.

Glasgow Rangers

Das Los meinte es allerdings nicht gut mit Kalocsay, der ohnehin ganz andere Sorgen hatte. Der nächste Gegner hieß Glasgow Rangers, doch der Coach wusste: Selbst wenn sein Team diese hohe Hürde nehmen würde, so stand er persönlich dennoch kurz vor dem Aus. Denn in seiner Heimat Ungarn war der Trainerposten beim Traditionsklub Ferencváros Budapest frei geworden. Und diese Chance wollte er sich nicht entgehen lassen. Er musste sich jedoch schnell entscheiden, denn der Saisonstart in Ungarn stand unmittelbar bevor. 1970 sollte nur eine einfache Runde als „Frühlingsmeisterschaft“ gespielt werden, um zum Herbst-Frühjahr-Modus zurückzukehren. Kalocsay musste also bis Mitte Dezember seine Zusage geben…

Die Schotten fielen am 12. November 1969 in Chorzów, so die polnische Bezeichnung Königshüttes, ein. Mühelos hatten sie sich in Runde eins Steaua Bukarests entledigt und wollten nun mit dem nächsten Ostblock-Vertreter ebenfalls kurzen Prozess machen. Doch die Truppe von Team Manager David White staunte nicht schlecht, als die belächelten „Bergarbeiter“ im Stadion Śląski in der Anfangsphase plötzlich ein Feuerwerk abbrannten. Nach elf Minuten lagen die Rangers bereits 0:2 zurück, Lubański (5’) und Stürmerkollege Władisław Szaryński hatten die Schotten eiskalt erwischt. Zwar verkürzte der Schwede Örjan Persson zehn Minuten nach der Pause auf 2:1, doch das störte Górnik nicht weiter. Die Polen zogen unbeirrt ihr flüssiges Kombinationsspiel auf und spielten die Blauen schwindlig. Drei Minuten vor dem Abpfiff war erneut ihr Star Lubański zur Stelle und überwand Gerhard Neef, den deutschen Schlussmann der Rangers, zum 3:1-Endstand. Da staunte White nicht schlecht, so schwer hatte er sich diese Aufgabe nicht vorgestellt. Dabei hätte er es wissen können: Zwei Jahre zuvor zitterte Manchester United auf dem Weg zu seinem Europapokal-Triumph 1968 in Königshütte seinen 2:0-Sieg aus Old Trafford über die Runden und schwitzte in der Schlussphase Blut und Wasser, nachdem Lubański in der 71. Minute das 1:0 markiert hatte. Da die Spielerfluktuation damals noch nicht ganz so hoch war und vor allem im Osten Mannschaften über Jahre hinweg mehr oder weniger unverändert blieben, war auch Górnik Zabrze fast noch mit jener Elf identisch, die United an den Rand einer Pleite gebracht hatte.

Dennoch ging White zuversichtlich ins Rückspiel im heimischen Ibrox Park und wurde in seinem Optimismus bestätigt, als Rangers-Ikone Jim Baxter nach 17 Minuten das 1:0 erzielte. Noch ein Tor, und die Rangers wären anhand der in dieser Saison neu eingeführten Auswärtstorregel eine Runde weiter. Eine Frage der Zeit, nur die Ruhe bewahren, lautete Whites Order. Und er wurde auch nicht unruhig, als es mit dem 1:0 in die Pause ging. Noch waren ja 45 Minuten zu spielen. Aber Górnik dachte gar nicht daran, sich hinten reinzustellen und den knappen Gesamtvorsprung zu verteidigen. Die Blicke in Richtung Uhr wurden nervöser, als die 60-Minuten-Marke erreicht war. Und dann klingelte es doch, allerdings im Rangers-Kasten! Alfred Olek war durchgebrochen und hatte humorlos das 1:1 erzielt (63’). Nun wurde es besonders schwer für die White-Schützlinge, die herumliefen, als hätten sie Blei in den Beinen. Nicht so die Polen, die leichtfüßig daherkamen und die Rangers im eigenen Stadion auseinandernahmen. Lubański (77’) und Skowronek (81’) erhöhten mit einem Doppelschlag auf 3:1 – Górnik hatte souverän das Viertelfinale erreicht. „Sie waren klüger, schneller und fleißiger“, lobte der Daily Mirror das Spiel der Polen. White musste keine zwölf Stunden nach dem Aus seinen Stuhl für William Waddell räumen.

Der Winter nahte. In der Meisterschaft hatte Górnik keinen guten Start erwischt und schien im Dreikampf mit Legia Warschau und Ruch Königshütte schon jetzt die schlechteren Karten zu haben. Derweil packte Géza Kalocsay tatsächlich seine Koffer, löste seinen Vertrag zum Jahresende auf und heuerte als neuer Chefcoach bei Ferencváros Budapest an. Ein Nachfolger war schnell gefunden: Michał Matyas beerbte den Ungarn Kalocsay und übernahm eine intakte Mannschaft. Matyas war kein Unbekannter. Als Stürmer von Pogoń Lwów (heißt heute L’viv – deutsch: Lemberg – und liegt in der Ukraine, gehörte damals aber zu Polen) wurde er 1935 Torschützenkönig der polnischen Liga und als Trainer von Wisła Krakau 1951 Meister.

Levski-Spartak Sofia

Im EC2-Viertelfinale wartete am 4. März 1970 Levski-Spartak Sofia, das ein Jahr zuvor aus dem Zusammenschluss von Levski Sofia und Spartak Sofia entstanden und im laufenden Wettbewerb noch ohne Gegentor geblieben war. Das änderte sich ganz schnell, als Szołtysik in der bulgarischen Hauptstadt schon nach fünf Minuten zum 0:1 traf. Aber mit dem Team von Trainer Krăstjo Čakărov war nicht zu spaßen. In der Meisterschaft war es auf dem Weg zum Titel, und mit Georgi „Gundi“ Asparuhov – nach dem heute das Stadion Levskis benannt ist – hatte es den herausragenden bulgarischen Spieler jener Tage in seinen Reihen. Er war es auch, der nach einer halben Stunde den Ausgleich erzielte. In der 36. Minute stellte Pavel Panov auf 2:1. Wie schon in der Runde zuvor in Glasgow behielt Górnik aber trotz des Pausenrückstands die Nerven. Und sieben Minuten nach dem Wechsel hieß es auch schon 2:2, als Banaś einnetzte. Ein gutes Ergebnis, dachte sich Matyas, doch kurz vor Schluss war erneut Asparuhov mit einem Kopfball zur Stelle – 3:2 (89’).

Knapp 80.000 Zuschauer im Śląski fieberten dem Rückspiel dieses Ostblock-Duells entgegen. Der deutsche Schiedsrichter Hans-Joachim Weyland aus Oberhausen bemerkte: „Hier spürt man die Fußball-Begeisterung auf Schritt und Tritt.“ Die Bulgaren wehrten sich im Hexenkessel zwar tapfer, doch Sekunden vor dem Pausenpfiff erlöste Lubański nach Vorarbeit von Alojzy Deja die Górnik-Anhänger mit dem 1:0. Nach dem Wiederanpfiff war dann schließlich der Mann für die Tore in der zweiten Hälfte, Banaś, am Zug und sorgte mit dem 2:0 für die vermeintliche Vorentscheidung (56’). Die Zuschauer lagen sich jubelnd in den Armen, als Petăr Kirilov nur drei Minuten später urplötzlich auf 2:1 verkürzte. Das große Zittern begann. Auf Grund der neuen Auswärtstorregel würde dieses Ergebnis für Górnik reichen. Eine halbe Stunde musste die Matyas-Truppe aber noch überstehen – und sie schaffte es. Stanisław Oślizło erwies sich als „Turm in der Schlacht“ und Ersatztorwart Jan Gomola wuchs über sich hinaus. Zum ersten Mal überhaupt stand ein polnischer Klub im Halbfinale eines europäischen Wettbewerbs, wobei Legia Warschau am gleichen Abend im Landesmeister-Wettbewerb dasselbe Kunststück gelang.

Górnik Zabrze gehörte nun definitiv zu den besten Klubs des Kontinents. Eine bemerkenswerte Leistung, handelte es sich im Grunde doch nur um eine Regional-Auswahl. Die meisten Spieler des Teams kamen aus Zabrze und Umgebung. So auch Jerzy Paweł Gorgoń, dessen Stern während dieser Spielzeit 1969/70 aufging. Der 20-jährige Abwehrspieler war in Mikulczyce vor den Toren Zabrzes aufgewachsen und natürlich zum Bergmann ausgebildet worden. Der „Lange“, wie ihn seine Kameraden nannten, war mit seinen 1,92 Meter nicht nur in der Defensive wertvoll, sondern auch für das ein oder andere Tor gut.

AS Rom

Im Halbfinale des EC2 1969/70 waren aber zunächst seine Defensivkünste gefragt. Denn der italienische Pokalsieger AS Rom sollte im heimischen Stadio Olimpico ordentlich Druck machen. „Ohne Risiko spielen, die Abwehr festigen und durch schnelle Konter den Erfolg suchen“, lautete daher die Vorgabe von Górnik-Coach Matyas. Banaś, der eigentlich immer erst in der zweiten Halbzeit heiß lief, traf nach 28 Minuten mit seinem fünften Treffer zum überraschenden 0:1. Wenige Minuten zuvor hatten die Polen Glück, dass Fabio Capello nur den Pfosten traf. Roms Trainer Helenio Herrera wurde in der Kabine sehr laut, hatte er sich doch ein gellendes Pfeifkonzert von den Rängen anhören müssen. Nach dem Wechsel war es schließlich Abwehrspieler Elvio Salvori, dem in der ganzen Saison gerade mal zwei Treffer gelangen, der mit einem wuchtigen Distanzschuss zum 1:1-Ausgleich einnetzte (52’). Dabei blieb es bis zum Schluss – Lubański und Co. durften bereits vom Finale im Wiener Praterstadion träumen.

Bis dahin war es allerdings noch ein weiter Weg. 40.000 Karten für das Rückspiel waren binnen drei Tagen vergriffen, 30.000 wurden an Fabrikarbeiter und Gewerkschaften abgesetzt. Weitere 7.500 gingen in die befreundeten Nachbarländer DDR, ČSSR und Ungarn, während sich die italienischen Gäste mit einem Kontingent von 2.500 zufrieden geben mussten. In Königshütte stockte den Zuschauern zunächst einmal der Atem: Der spanische Unparteiische José Maria Ortíz de Mendíbil deutete in der neunten Minute nach einem Foul des Keepers Hubert Kostka an Salvori auf den Punkt, Elfmeter für die Römer. Capello, späterer Meister-Trainer bei so großen Klubs wie Milan, Juve, Real Madrid und eben der Roma, ließ sich seinen Strafstoß zwar von Kostka parieren, verwandelte aber den Nachschuss eiskalt zum 0:1. Erstmals in dieser europäischen Saison musste Górnik zu Hause einem Rückstand hinterherlaufen. Und die Abwehr der Giallorossi schien dem Sturmlauf der „Bergarbeiter“ tatsächlich Stand zu halten. Die Uhr tickte erbarmungslos, während ein Angriff nach dem nächsten verpuffte. 90. Minute, wieder Elfmeter! Diesmal für Górnik, eine Angelegenheit für den Star: Praktisch mit dem Schlusspfiff verwandelte Lubański vom Punkt und erzwang vor 80.000 Zuschauern die Verlängerung. Hier waren gerade mal drei Minuten gespielt, da traf „Luba“ erneut. 2:1, und das Śląski stand Kopf. Jetzt mussten die Römer kommen, sie warfen alles nach vorn. Nur noch wenige Sekunden. Plötzlich zog der aufgerückte Abwehrspieler Francesco Scaratti einen Verzweiflungsschuss aus 20 Metern ab – und der Ball flog in der 120. Minute an Freund und Feind vorbei zum 2:2 ins Netz. Verrückt: Die Italiener wähnten sich zu diesem Zeitpunkt aufgrund der Auswärtstorregel im Finale und waren entsprechend geschockt, als UEFA-Offizielle sie an Ort und Stelle darüber aufklärten, dass diese im ersten Jahr ihrer Anwendung noch nicht für die Verlängerung galt. Da waren die Tifosi in der italienischen Hauptstadt längst zu ihren Hupkonzerten aufgebrochen, der TV-Reporter hatte sie fälschlicherweise in diesen Freudentaumel versetzt. Die Ernüchterung war entsprechend groß.

Das Regelwerk der UEFA sprach allerdings eine deutliche Sprache: „Endet das Rückspiel in den Viertel- und Halbfinals nach Verlängerung unentschieden, so wird ein Entscheidungsspiel […] ausgetragen. […] Endet auch das Entscheidungsspiel nach Verlängerung unentschieden, so wird der Sieger durch das Los ermittelt.“

Jenes „Entscheidungsspiel auf neutralem Platz“ wurde eine Woche später in Straßburg angepfiffen, während der erste Final-Teilnehmer bereits feststand: Manchester City hatte nach einem 0:1 bei Schalke 04 das Rückspiel an der Maine Road klar mit 5:1 gewonnen und wartete nun auf seinen Gegner. Górnik Zabrze oder AS Rom? Vier Minuten nach dem Anpfiff fiel zunächst einmal das Flutlicht aus, ging aber glücklicherweise eine knappe Stunde später wieder an. 42 Minuten waren im Meinau-Stadion gespielt, da stellte Lubański mit seinem siebten Europapokal-Treffer die Weichen auf Sieg. Das Finale war greifbar nahe. Ein schöner Trost dafür, dass der Meisterschaftszug in der Heimat bereits abgefahren war, da sich Legia Warschau die Butter nicht mehr vom Brot nehmen ließ. In der 57. Minute allerdings setzte es erneut einen Strafstoß gegen Górnik, wieder trat Capello an, diesmal traf er direkt – 1:1. So stand es auch nach 90 Minuten. Und nach weiteren 30. Noch immer gab es in diesem Duell keinen Sieger. Bis der Unparteiische die Münze in den Straßburger Abendhimmel warf… Die Münze landete inmitten einer Menschentraube, aus der sich bald Spieler in blau-weißen Trikots lösten und jubelnd umherhüpften. Der polnische TV-Kommentator überschlug sich: „Polska! Górnik! Bravo! Bravo!“

„Dieses Reglement trifft jedes sportliche Denken wie ein Keulenschlag“, ereiferte sich Herrera, der allerdings mit seinem Team im Achtelfinale gegen Eindhoven auf eben diese Weise die Oberhand behalten hatte. Sein Wehklagen wurde dennoch erhört. So mancher Experte regte nach diesem Spiel an: „Es wäre besser, wenn die UEFA Losentscheide endlich aufheben würde.“ Ein Elfmeterschießen, hieß es, habe jedenfalls noch eine sportliche Note. Der Münzwurf von Straßburg war der letzte, der einem Team das Europapokal-Aus brachte.

Manchester City

Der Tisch war also endlich gedeckt. Górnik fuhr eine Woche später, am 29. April 1970, als Außenseiter nach Wien. Die Extraschicht gegen die Roma hatte zusätzliche Kraft gekostet. Immerhin: Als erster Klub ihres Landes hatten die „Bergarbeiter“ aus Zabrze ein Europapokal-Endspiel erreicht – und was sie damals noch nicht ahnten: Sie sollten auch bis heute das letzte polnische Team bleiben. Offiziell passierten 7.968 Menschen an diesem Mittwochabend die Tore des Praterstadions, doch damit waren nur die englischen und polnischen Zuschauer erfasst. Inklusive der neutralen Besucher waren ungefähr 20.000 im Stadion, als der österreichische Schiedsrichter Paul Schiller die Partie anpfiff.

Die Citizens mit ihren Offensivkräften Colin Bell, Neil Young und Francis Lee wurden von Beginn an ihrer Favoritenrolle gerecht. Schon nach acht Minuten musste Górniks Keeper Kostka einen Hammer Lees entschärfen, war aber wenig später geschlagen, als er erneut einen Lee-Schuss abprallen ließ und Young zum 1:0 abstaubte (12’). Nach 25 Minuten setzte der große Regen ein, der den Spielaufbau beider Teams behinderte. Kurz vor der Pause wusste sich Kostka nach einem Fehler von Abwehrchef Oślizło nur mit einem Foul gegen Young zu helfen, Schiller deutete sofort auf den Punkt. Und nun kam auch Lee an seinem 26. Geburtstag zu seinem Treffer, er ließ sich vom Punkt aus nicht zwei Mal bitten und tunnelte Kostka, der unverständlicherweise die Beine auseinander riss (43’). 2:0 zur Pause, die Partie schien gelaufen. Górnik, mit einem offensiven 4-2-4 ins Finale gestartet, stellte nun auf 5-3-2 um, um ein Debakel zu vermeiden. Wilczek sollte jetzt verstärkt die Kreise Lees einengen, Banaś und Lubański blieben die einzigen Spitzen. Die Maßnahme zeigte Wirkung: Zabrze wurde stärker, agierte aber im Abschluss zu harmlos, so dass City bei dem einen oder anderen Konter sogar auf 3:0 hätte erhöhen können. In der 68. Minute fiel dann aber doch noch der Anschlusstreffer, Oślizło überwand City-Keeper Joe Corrigan und verkürzte auf 2:1. City brachte gegen ein immer müder wirkendes Górnik den Vorsprung mit Cleverness und britischer Robustheit über die Zeit. Fünf Minuten vor dem Ende musste Abwehrspieler Stefan Floreński noch mit einer schweren Verletzung vom Platz, er war auf dem nassen Untergrund weggerutscht. Das war’s. City-Kapitän Tony Book nahm unter dem Schutz eines Regenschirms den Cup der Pokalsieger in Empfang, während die polnischen Anhänger den ominösen Stromausfall verfluchten.

Die Spieler von Górnik Zabrze standen enttäuscht im Regen. „Wir haben viel schlechter gespielt als zuletzt“, bedauerte Matyas. In der Meisterschaft belegte seine Truppe hinter Legia Warschau und Ruch Königshütte nur Rang drei. Immerhin holte sie sich mit einem 3:1 in Königshütte gegen den Erzrivalen Ruch (Lubański, Banaś, Szaryński) zum dritten Mal in Folge den Pokal, qualifizierte sich erneut für den EC2 und durfte somit auf eine Revanche gegen Titelverteidiger City hoffen. Und diese Chance sollte Górnik Zabrze keine elf Monate später auch tatsächlich kriegen. Allerdings zogen die „Bergarbeiter“ im Viertelfinale erneut den Kürzeren. Nach einem 2:0 zu Hause verloren sie in Manchester mit demselben Ergebnis – und eine Woche später das Entscheidungsspiel in Kopenhagen mit 1:3. Schwacher Trost: Lubański wurde mit acht Treffern Torschützenkönig jener EC2-Saison.


EUROPAPOKAL DER POKALSIEGER 1969/70

Olympiakos Piräus – Górnik Zabrze 2:2, 0:5
Górnik Zabrze – Glasgow Rangers 3:1, 3:1
Levski-Spartak Sofia – Górnik Zabrze 3:2, 1:2
AS Rom – Górnik Zabrze 1:1, 2:2 n.V., 1:1 n.V. [Los für Górnik]

Manchester City – Górnik Zabrze 2:1 (2:0)
City: Corrigan – Book, Booth, Heslop, Pardoe – Doyle (23’ Bowyer), Towers, Oakes – Bell, Lee, Young. – Trainer: Mercer.
Górnik: Kostka – Latocha, Oślizło, Gorgoń, Floreński (85’ Kuchta) – Szołtysik, Wilczek (75’ Skowronek) – Olek, Banaś, Lubański, Szaryński. – Trainer: Matyas.
Tore: 1:0 Young (12’), 2:0 Lee (43’, Strafstoß), 2:1 Oślizło (68’). SR: Schiller (Österreich). Zuschauer: 20.000.
Wien, »Praterstadion«, 29. April 1970

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