Rebellen: Blaž Slišković

Im Fußball spiegelt sich die Mentalität eines Volkes wider. Geht es in den kühlen nördlichen Breitengraden eher taktisch diszipliniert zu, so besticht der temperamentvolle Süden durch künstlerisch-kreative Elemente. Und so vereinte auch Blaž Slišković jene Spieleigenschaften auf sich, die dem kroatischen Charakter nachgesagt werden: Auf der einen Seite Stolz, Selbstbewusstsein und Kreativität, auf der anderen Arroganz und Laissez-faire. Ein Künstler am Ball, vernachlässigte der Mittelfeldspieler nur allzu gern die Defensive. Ansonsten, sagen Augenzeugen, hätte Slišković in einem Atemzug mit den Allergrößten genannt werden können.

Blaž Slišković wurde am 30. Mai 1959 in Mostar geboren. In der Stadt, die durch ihre Brücke über der Neretva weit über die Grenze Bosnien-Herzegowinas bekannt ist, lebten zur Zeit des früheren Jugoslawien vornehmlich Kroaten, die Familie Slišković gehörte dazu. Der Sohnemann, ein begnadeter Techniker, begann seine Karriere beim örtlichen FK Velež Mostar, wo er bereits als 16-Jähriger in der höchsten jugoslawischen Spielklasse debütierte. 1978 absolvierte er sein erstes Spiel für die Nationalmannschaft. Der italienische Weltmeister-Coach von 1982, Enzo Bearzot, sagte einst über den offensiven Mittelfeldspieler: „Slišković? Wenn ich den hätte, würde ich die Welt erobern.“ Er tat es auch ohne ihn.

Slišković spielte sich in die Herzen der kroatischen und bosnischen Fußball-Anhänger. 1981 führte er seinen bis dato erfolglosen Klub ins nationale Pokalfinale, das Velež auch prompt gegen Željezničar Sarajevo mit 3:2 (0:1) gewann. Auch außerhalb des Platzes hatte Slišković das Zeug zum Star, sprich exzentrische Eigenschaften. Gerne schwänzte er mal in klassischer George-Best-Manier ein paar Tage das Training, um sich schließlich mit herausragenden Leistungen vergeben zu lassen. „Baka“, wie sie ihn nannten, beherrschte eben nicht nur den Ball.

Nach dem Pokalsieg wechselte er zu Hajduk Split. Seine ersten zwei Jahre an der Adria-Küste waren von Verletzungen und dem Militärdienst negativ geprägt, doch anschließend legte Slišković richtig los und begeisterte die Massen mit unglaublichen Spielzügen und Toren. Unvergessen sein 2:0 im EC3-Viertelfinale 1984 gegen Sparta Prag, als er in der Schlussphase der Verlängerung einen Freistoß zum entscheidenden Treffer ins Tor zwirbelte.

Als absolutes Idol seiner Generation durfte Slišković 1986 ins Ausland wechseln und heuerte bei Olympique Marseille an, wurde am Mittelmeer jedoch nicht glücklich und kehrte nach nur einer Saison an die Adria zurück, als er in die italienische Serie A zu Aufsteiger Pescara abgeschoben wurde. Mit dem Brasilianer Junior bildete Slišković dort allerdings ein geniales Tandem, das am Ende der Saison 1987/88 zum besten der Liga – noch vor Boniek/Völler (AS Roma), Gullit/van Basten (Milan) und Passarella/Scifo (Inter) – gewählt wurde! Vielleicht war es seine Trainingsfaulheit oder seine begrenzte Einsatzbereitschaft im defensiven Bereich, die ihm den ganz großen Durchbruch verwehrte und die Pescara-Verantwortlichen dazu veranlasste, ihn bald zum RC Lens zu transferieren. Auch in der Nationalelf war seine Karriere bereits 1986 beendet. Slišković brachte es gerade mal auf 26 Einsätze für die Plavi, da hatten ihm die Experten bei seinem Debüt einige mehr prophezeit. Die jugoslawische Trainer-Legende Miljan Miljanić – Ex-Coach der Nationalmannschaft sowie von Roter Stern und Real Madrid – sagte über ihn: „Er denkt nur offensiv. Wenn er nur halb so viel nach hinten arbeiten würde, könnte er so gut sein wie Diego Maradona.“ Nach dem Abenteuer in Lens wechselte Slišković noch ein halbes Dutzend Mal den Verein und spielte Anfang der 90er erneut für Pescara. 1996 verhalf er sogar dem NK „Hrvatski dragovoljac“ aus Zagreb in die erste kroatische Liga, bevor er 37-jährig die Fußball-Schuhe an den Nagel hängte.

Seine Trainerlaufbahn begann Slišković bei NK „Hrvatski dragovoljac“, den „Kroatischen Freiwilligen“, ehe er in die bosnische Heimat ging, um mehrere Vereine zu coachen und unter anderem den Provinzklub NK Brotno Čitluk im Jahr 2000 zur Meisterschaft zu führen. Zwei Jahre später übernahm er die bosnische Nationalmannschaft und hätte sie mit Spielern wie den Bundesliga-Stars Sergej Barbarez, Hasan Salihamidžić oder Zlatan Bajramović um ein Haar zur Euro 2004 nach Portugal gebracht. Ein Heimsieg gegen Dänemark im letzten Qualifikationsspiel hätte für den Gruppensieg gereicht, doch am Ende kamen die Bosnier nicht über ein 1:1 hinaus und mussten nicht nur den Dänen Platz eins sowie die direkte Qualifikation überlassen, sondern rutschten hinter Norwegen und Rumänien noch auf Rang vier ab und verpassten so die Playoffs.

Die große Liebe Sliškovićs ist nach wie vor Hajduk Split. Und so zögerte er auch nicht, als die Klub-Verantwortlichen ihn im August 2004 fragten, ob er den Trainerposten des nach schwachen Saisonstarts zurückgetretenen Ivan Katalinić übernehmen wolle. Allerdings bestand er darauf, auch weiterhin Bosniens Nationalcoach zu bleiben. Fortan war Slišković in Doppelfunktion tätig. Eine Tatsache, die weder der kroatischen Presse noch dem bosnischen Verband besonders schmeckte. Aber Slišković ließ – wie in besten Tagen – seine Kritiker schnell verstummen. Bis zur Winterpause führte er Hajduk an die Tabellenspitze, und mit Bosnien trotzte er zum Auftakt der WM-Qualifikation 2006 dem haushohen Favoriten Spanien einen Punkt ab.

Der Nationalheld Slišković hat einen großen Anteil an der Zusammenführung der ethnischen Gruppen in seinem Heimatland. Erst seit seinem Amtsantritt 2002 spielen Muslime, Kroaten und Serben unter dem Dach des Verbandes NSBiH eine gemeinsame Meisterschaft aus, nachdem sie zuvor in regionale Ligen getrennt waren. Slišković hat von Anfang an betont, dass ihn ethnische Zugehörigkeit oder Religion bei der Nominierung der Spieler nicht interessieren. „Ich kann elf Kroaten oder gar keinen aufbieten. Das kommt ganz auf die Form jedes Einzelnen an“, sagte der Bosno-Kroate und erntete im ganzen Land Anerkennung.

Der Durchbruch als Trainer ist „Baka“ nicht gelungen. In zwei Etappen trainierte er den HŠK Zrinjski in seiner Geburtsstadt Mostar, und auch dazwischen war er nur bei kleineren Klubs beschäftigt, ohne nennenswerte Erfolge zu verzeichnen. Heute arbeitet Slišković in Hongkong.

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