Vergessene Klubs: Newport County

Newport? Wie konnte das sein? In Jena mussten sie schon etwas genauer hinschauen, als dem FC Carl Zeiss für das Viertelfinale im Europokal der Pokalsieger 1980/81 der Außenseiter aus Wales zugelost wurde. Immerhin hatten die Thüringer auf dem Weg in die dritte Runde mit der AS Roma und dem Valencia CF zwei Top-Klubs aus dem Weg geräumt, wie konnte es nun also verdammt nochmal sein, dass ihnen jetzt im fortgeschrittenen Stadium dieses Wettbewerbs ein Drittligist zugelost wurde?

Der 1912 gegründete Newport County FC spielte wie viele andere walisische Teams im englischen Ligasystem, allerdings im Gegensatz zu Swansea City oder Cardiff City eine untergeordnete Rolle. Die oberste Spielklasse, die noch First Division hieß, kannten sie in der Hafenstadt nur aus der Zeitung. 1980 gab es jedoch für die Ironsides gleich zwei Gründe zur Euphorie: Als Dritter der englischen Fourth Division stiegen sie gemeinsam mit Huddersfield Town, dem Wallsall FC und dem Portsmouth FC in die drittklassige Third Division auf. Zudem gewannen sie zum ersten und letzten Mal den walisischen Pokal. Der Welsh Cup wurde analog zu seinem englischen Pendant, dem FA Cup, entworfen und erstmals 1876/77 ausgetragen.

Im FA Cup hatte Newport gleich in Runde eins durch ein 0:1 beim Liga-Rivalen Portsmouth die Segel streichen müssen. Und auch im League Cup war sofort Schluss, in der Addition schied das Team von Trainer David Williams mit 1:2 gegen Plymouth Argyle (D3) aus. Williams, 1942 in Newport geboren, hatte seine gesamte Profikarriere bei den Ironsides verbracht und sollte nun unter dem eigentlichen Boss, Manager Len Ashurst, auf andere Weise das größte Kapitel der Klubgeschichte mitschreiben.

Am letzten Spieltag reisten 8.000 County-Fans nach Wallsall, um ihr Team im Aufstiegsrennen zu unterstützen. Wallsall stand bereits als Aufsteiger fest, hätte sich aber mit einem Sieg zusätzlich die Meisterschaft sichern können. Newport hingegen musste unbedingt gewinnen, um nicht noch von Portsmouth und Bradford auf der Ziellinie eingeholt zu werden. Der spätere Liverpool-Star John Aldridge brachte County mit einem Doppelschlag (20./22.) 2:0 in Führung. Wallsall kam zurück, doch schließlich war es Aldridges Sturmpartner Tommy Tynan, der die Ironsides auf die Siegerstraße brachte. Am Ende hieß es 4:2.

Das andere Märchen schrieb Newport County im Welsh Cup, wo es in der vierten Runde, gleichbedeutend mit dem Achtelfinale, im heimischen Somerton Park auf Cardiff City (D2) traf. Aldridge nach einer knappen Stunde und Tynan per Kopf in der Schlussphase trafen zum 2:0-Sieg, dem ersten Erfolg gegen die Hauptstädter nach 40 Jahren. Im Viertelfinale ging es nach Wrexham, das ebenfalls zwei Ligen höher spielte. Steve Lowndes netzte den Matchwinner zum 1:0-Endstand ein – und plötzlich reifte in der Hafenstadt der Traum von einer Europapokal-Teilnahme.

Im Halbfinale genossen die Ironsides erneut Heimrecht und gegen Merthyr Tydfil auch die Favoritenrolle, der sie mit einem 3:1 im Somerton Park gerecht wurden. Mit diesem Sieg löste der kommende Drittligist bereits das Europapokalticket, denn im anderen Halbfinale schied Swansea City nach Elfmeterschießen gegen Titelverteidiger Shrewsbury Town aus. Doch Shrewsbury gehörte zu jenen Klubs, die aufgrund ihrer geografischen Nähe zwar im Welsh Cup mitspielen durften, sich aber als englischer Verein nicht auf diesem Weg für den Cup der Pokalsieger qualifizieren durften. Doch so oder so wollte Newport County jetzt auch den dritten Zweitligisten besiegen und den Titel holen! 9.950 Zuschauer bejubelten im Final-Hinspiel am 6. Mai 1980 zwei Tynan-Tore und einen 2:1 (1:1)-Erfolg. Sechs Tage später behielt County im unglücklich benamten Stadion Gay Meadow von Shrewsbury gar mit 3:0 die Oberhand.

Es soll die Erfolgsgeschichte Newports nicht schmälern, dass die Waliser bei der Europapokal-Auslosung großes Glück hatten. In der ersten Runde bekamen sie es mit dem Crusaders FC aus Belfast zu tun. Amateure, mit denen sie erstaunlich kurzen Protest machten. Crusaders-Coach Ian Russell musste für diese Paarung vier Tage unbezahlten Urlaub nehmen. David Gwyther (5.) und Kevin Moore (7.) sorgten für eine frühe 2:0-Führung, die Aldridge (66.) und Dave Bruton (68.) Mitte der zweiten Hälfte zu einem 4:0 ausbauten. Im Rückspiel fielen keine Tore. „Das war das schlechteste Spiel, das ich in meinem Leben gesehen habe“, gab Ashurst anschließend zu.

Und auch in Runde zwei wartete mit den Norwegern vom SK Haugar, die sich eher überraschend gegen den FC Sion durchgesetzt hatten, alles andere als ein Schwergewicht auf die Ashurst-Truppe. Starker Regen hätte um ein Haar die Verlegung ins 20 Kilometer entfernte Kopervik erforderlich gemacht. 100 LKW-Ladungen Sägemehl sorgten dann aber dafür, dass die Partie doch im Haugesund-Stadion, allerdings auf entsetzlichem Geläuf, über die Bühne gehen konnte. Sie endete erneut torlos.

So kalt, dass die Fingerkuppen aneinander kleben: Newports Steve Lowndes und Keith Oakes mit Teamkollegen auf schwierigem Geläuf in Haugesund.

Es folgte ein weiteres Schützenfest im Stadtteil Somerton. Gwyther und der walisische U21-Nationalspieler Lowndes sorgten für die 2:0-Pausenführung, Aldridge, Moore und zwei Mal Tynan schraubten das Endresultat auf 6:0. Newport, oder walisisch Casnewydd, das bislang auf keiner Fußballkarte von Belang eingezeichnet war, stand im Viertelfinale eines Europapokals!

Da hatten sie sich in Jena einen durchaus attraktiveren Gegner gewünscht. Carl Zeiss war nämlich vor der Winterpause wie in Ekstase durch den Wettbewerb gerauscht. Das 4:0, mit dem das Team von Trainerlegende Hans Meyer die 0:3-Hinspielniederlage gegen die AS Roma wettmachte, ist bis heute der absolute Höhepunkt der Vereinsgeschichte. In der zweiten Runde setzten sich die Thüringer nicht weniger denkwürdig gegen Titelverteidiger Valencia (3:1, 0:1) durch. Nun also Newport County, das sollte eher ein Spaziergang werden.

„Und dann kam diese Mannschaft aus Newport, und wir haben erfahren, dass sie am Montagabend im Hotel noch Fasching gefeiert haben, alle zu bis zum Stehkragen“, sagte Jenas Nationalspieler Lothar Kurbjuweit Jahre später in einem Interview. „Wir haben den Gegner auf die leichte Schulter genommen und uns dann zu einem echt blamablen Unentschieden gequält. Danach wussten wir, was uns was auf der Insel erwartet.“

Ohne den verletzten Aldridge liefen die Waliser als krasser Underdog im Ernst-Abbe-Sportfeld ein und zeigten sich britisch-furchtlos. Jürgen Raab brachte die Hausherren zwar zwei Mal in Front, doch Tynan glich jeweils aus, das 2:2 fiel in der Schlussminute. Unter wütenden Pfui-Rufen der enttäuschten Fans wurde die Partie noch einmal an-, dann aber sofort abgepfiffen. Carl Zeiss, das eine starke Saison in der DDR-Oberliga spielte und zwischen den beiden Newport-Spielen Sachsenring Zwickau 5:0 demontierte, stand vor dem Aus.

Der Somerton Park, in dem auch Windhund- und Speedwayrennen ausgetragen wurden, platzte am 18. März 1981 mit 18.000 Zuschauern aus allen Nähten. Ein 0:0 würde County gegen die in ihren legendären blau-weiß-quergestreiften Trikots spielenden Ostdeutschen reichen, dann wären sie der zweite walisische Klub nach Cardiff 1968 – und der erste Drittligist überhaupt – der ein Europapokal-Halbfinale erreicht. Immer noch ohne Aldridge drückten die Waliser sofort aufs Gaspedal, drei Mal innerhalb kürzester Zeit klärte Jena nach Standards auf der Linie. Doch nach 27 Minuten gefror der Somerton Park, als Kapitän Kurbjuweit einen 25-Meter-Freistoß direkt aufs Gehäuse drosch und Keeper Gary Plumley schlecht aussehen ließ.

Im zweiten Abschnitt spielten sich surreale Szenen ab. Carl-Zeiss-Torwart Hans-Ulrich Grapenthin wuchs über sich hinaus und entschärfte ein Geschoss nach dem nächsten. Tynan traf das Gestänge, Grapenthin parierte einen Gwyther-Kopfball aus kurzer Distanz. „‚Sprotte‘ Grapenthin hat uns an dem Abend das Ding gerettet“, so Kurbjuweit. „Das war unvorstellbar, was dort los war.“ Angriff auf Angriff rollte auf das Tor der ersatzgeschwächten Thüringer. Doch das erlösende 1:1 wollte nicht fallen.

Ob das Viertelfinale einen anderen Ausgang genommen hätte, wäre der spätere irische Nationalspieler Aldridge nicht ausgefallen, ist eine in Newport bis heute viel diskutierte Frage. Der Daily Mirror titelte am Folgetag einfach nur: Heartbreak. „Die Spieler sitzen in der Kabine und weinen“, gab Ashurst zu. Das Abenteuer Europapokal war zu Ende.


Newport County – FC Carl Zeiss Jena 0:1 (0:1)
Newport: Plumley – Walden, Oakes, Davies, Relish, Lowndes, Gwyther, Elsey, Tynan, Vaughan, Moore. – Trainer: Ashurst.
Jena: Grapenthin – Kurbjuweit, Brauer, Sengewald, Raab, Oevermann, Schnuphase, Schilling, Bielau, Burow (60’ Krause), Vogel. – Trainer: Meyer.
Tor: 0:1 Kurbjuweit (27’). – SR: Lund-Sørensen (Dänemark). – Zuschauer: 18.000.
Newport, »Somerton Park«, 18. März 1981


In der Third Division kletterte County noch auf Platz zwölf, Jena erreichte das Endspiel, wo es Dinamo Tiflis mit 1:2 unterlag. Im Welsh Cup schied Newport im Halbfinale gegen Hereford United aus. 1982/83 erreichten die Ironsides die beste Platzierung ihrer Klubhistorie, als sie Platz vier in der Third Division belegten und das Aufstiegsrennen in die Zweite Liga gegen Huddersfield knapp verloren. Tynan wechselte nach Plymouth, ein Jahr später verließ Aldridge den Verein in Richtung Oxford, wo er seinen Weg weiterhin mit Toren pflasterte, eher er mit fast 29 Jahren in seiner Heimatstadt Liverpool bei den Reds anheuerte und noch eine englische Meisterschaft sowie einen FA-Cup-Sieg feierte.

1987 erreichte County ein letztes Mal das Finale im Pokal, unterlag aber im Wiederholungsspiel Merthyr Tydfil mit 0:1. Ein weiteres Europapokalspiel sollte es in Newport nie wieder geben. 1987 stieg Newport als 24. und Letzter aus der Third Division ab und wurde geradewegs durchgereicht. In der Fourth Division belegten die Ironsides erneut den letzten Rang und rutschten aus den Profi-Ligen in den Amateurbereich, derweil sich der Schuldenberg auf über 330.000 Pfund anhäufte und den Klub zur Zahlungsunfähigkeit verdammte. Am 27. Februar 1989 wurde der Newport County Football Club abgewickelt.

Im Juni 1989 gründete sich der Klub als Newport AFC neu, 1999 nahm er den Zusatz „County“ in den Vereinsnamen auf. Da die Ironsides ihre Heimspiele zwischenzeitlich im 130 Kilometer entfernten Moreton-in-Marsh austragen mussten, erhielten den bis heute währenden und in das neue Logo integrierten Spitznamen „The Exiles“.

Seit 2013 spielt Newport wieder im Profi-Fußball, in der viertklassigen League Two. 2019 verpassten die Waliser durch ein 0:1 im Playoff gegen Tranmere die Rückkehr in die Drittklassigkeit. Ihre Heimspiele tragen sie im Rugbystadion Rodney Parade aus, der Somerton Park mit all seinen Jena-Erinnerungen wurde 1993 dem Erdboden gleichgemacht.

Im Juli 2014 kam es zu einem Wiedersehen der einstigen Europapokalgegner. 1.300 Fans begleiteten den FC Carl Zeiss zum Freundschaftsspiel in Newport. Viertligist gegen Viertligist. Die Partie wurde kurzfristig in den Spytty Park verlegt. Ein Hauch von 1981 wurde durch die Tatsache versprüht, dass Kurbjuweit auf Jenas Trainerbank saß. Newport County gewann 1:0.

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