Vergessene Klubs: Royal Tilleur FC

logo-RFC-TilleurAls das Örtchen Tilleur 1977 mit den Nachbargemeinden Montegnée und Saint-Nicolas zusammengelegt wurde, zählte es gerade mal 5.200 Einwohner. Und doch wurde in Tilleur, das sich übergangslos an die Großstadt Lüttich anschmiegt, 21 Jahre Erstliga-Fußball gespielt – obwohl „nebenan“ schon die populären und erfolgreichen Fußball-Klubs Standard und FC Liégeois (FC Lüttich) existierten. Mit dem Royal Tilleur FC, dessen kleines Stadion Buraufosse in der Zeit stehen geblieben zu sein scheint und gerade mal zwei Kilometer Luftlinie von Standards Stade Sclessin entfernt liegt, ging es jedoch nach der Eingemeindung rapide bergab.

Der Tilleur Football Club wurde 1899 aus der Taufe gehoben, zehn Jahre später zählte er zu den elf Gründungsmitgliedern der „Promotion“, der zweithöchsten nationalen Spielklasse (heute „Division 2“), aus der sie erst 1976 absteigen und nie wieder zurückkehren sollten. Dazwischen lagen jedoch viele erfolgreiche Spielzeiten, 21 in der Erstklassigkeit.

In den Anfangsjahren vagabundierte der Verein von Sportplatz zu Sportplatz, alle in unmittelbarer Umgebung von Sclessin und Standard, das ein Jahr vor Tilleur gegründet worden war, aber noch im Schatten des FC Lüttich stand, der die erste belgische Meisterschaft 1896 gewonnen hatte und zwei weitere Titel 1898 und 1899 folgen ließ.

1920 gewannen die Blau-Weiß-Gestreiften ihre erste Zweitliga-Meisterschaft – und das vor Standard (2.) und dem mittlerweile abgestiegenen FC Lüttich (5.). Der sportliche Aufstieg blieb Tilleur in den Wirren der Nachkriegszeit jedoch verwehrt, und so blieb der Klub weiterhin zweitklassig.

Fünf Jahre später gab es gleich doppelt Grund zur Freude. Wie in Belgien üblich, wurde dem Verein nach 25 Jahren makellosen Verhaltens der Titel „Royal“ (königlich) verliehen, den er seitdem im Namen trug. Passend dazu holten die Blau-Weißen ihren zweiten Titel – und durften diesmal auch tatsächlich aufsteigen.

Der Sprung in die Eliteklasse erforderte eine neue Heimspielstätte, und so wurde auf die Schnelle das Stade du Pont d’Ougrée aus dem Boden gestampft, es befand sich in der Nähe der gleichnamigen Brücke über die Maas und gegenüber des Stade Sclessin am anderen Ufer. Hier wurden sogar zwei Länderspiele ausgetragen, die die „Roten Teufel“ gegen Österreich (1925) und Frankreich (1930) als Vorbereitung auf die WM in Uruguay verloren.

Die erste Spielzeit Belgiens erster Liga, der „Division d’Honneur“, endete 1926 mit dem sofortigen Wiederabstieg. Im Dezember 1926 veröffentlichte der belgische Fußballverband eine Meldung, wonach alle Vereine mit einer Stamm- bzw. Matrikelnummer versehen werden, die jeder Klub in seinen Dokumenten und auf dem Briefpapier zu tragen habe. Diese Stammnummern wurden, so hieß es in einem von der Zeitung La Vie Sportive am 21. Dezember abgedruckten Artikel, in der chronologischen Reihenfolge der Vereinsgründung vergeben. Der Royal Tilleur FC erhielt die 21.

Zwei weitere Male, 1928/29 und 1933/34, gab Tilleur ein einjähriges Gastspiel in der obersten Spielklasse, das Team von der Ougrée-Brücke wurde jeweils Letzter, machte aber 1935 von sich reden, als es – durch ein 1:0 gegen Standard – ins Halbfinale des belgischen Pokals stürmte.

Tilleur blieb eine Fahrstuhlmannschaft. 1939 wurden die Blau-Weißen erneut Meister, doch der Spielbetrieb wurde für zwei Jahre unterbrochen und wurde erst 1941/42 aufgenommen. Da das eigene Stadion zerbombt war, musste Tilleur auf andere Plätze ausweichen, spielte aber eine erstaunlich gute Rolle und hielt erstmals die Klasse. Am Ende belegte der Klub einen respektablen siebten Platz und brachte mit dem in Saint-Nicolas geborenen Verteidiger Joseph Pannaye sogar einen Nationalspieler hervor. Ebenfalls ein Kind der Stadt, in Montegnée geboren, war der Schlussmann François Daenen, der 14 Jahre für Tilleur zwischen den Pfosten stand und auch für die „Diables Rouges“ das Tor hütete.

Weil sich in den Anfangsjahren des Klubs die Spieler – und Fans – aus den umliegenden Stahlkonzernen rekrutierten, erhielt er, wie es sich für einen Arbeiterverein gehört, den Beinamen „les métallos“. 1948 feierten die Métallos ihre fünfte und letzte Zweitliga-Meisterschaft, für elf Jahre am Stück, die längste Periode in seiner Geschichte, hielt sich Tilleur in der Erstklassigkeit. Als sich der Stahl-Gigant Cockerill Ende der 50er Jahre vergrößerte und mehr Platz benötigte, waren die Tage des alten Stade du Pont d’Ougrée gezählt. Die letzte Partie wurde hier im April 1960 gegen Cercle Brügge ausgetragen, anschließend musste Tilleur einige Heimspiele in Standards Stade Sclessin austragen.

Die Bauarbeiten für das neue Stadion hatten da bereits begonnen, der Klub war auf der Suche nach einer neuen Heimat in seinem Gründungsort Tilleur fündig geworden und hatte ein Grundstück an einem Hügel gekauft, der zum Teil abgetragen wurde, um das Spielfeld einzuebnen, und zum Teil als Hintertortribüne integriert wurde. Die 1960 eröffnete Spielstätte, das Stade de Buraufosse, blieb bis zu seiner Auslöschung 1995 das Zuhause des RFC.

Hier erlebte die Stammnummer 21 Mitte der 60er Jahre ihre erfolgreichste Epoche. Mit seinem Ex-Spieler Pannaye auf der Trainerbank stieg der Klub 1964 als Zweitliga-Zweiter mit dem Meister Union St.-Gilloise zum sechsten und letzten Mal in die „Division 1“, wie die oberste Spielklasse mittlerweile hieß, auf. Zwei Neuzugänge sollten der Saison 1964/65 ihren Stempel aufdrücken: Keeper Jean Bodart und Jean-Paul Colonval. Im Dezember 1964 empfing Tilleur im schneebedeckten Buraufosse den RSC Anderlechtois mit seinem Superstar Paul van Himst. Die Brüsseler kamen als amtierender Meister sowie einer beeindruckenden Serie von 14 Siegen in 14 Spielen – und unterlagen vor 17.000 Zuschauern mit 0:1. Torschütze Colonval (34.) wurde nach der Partie vom Platz getragen. Tilleur beendete die Spielzeit auf Rang vier, Colonval wurde mit 25 Treffern vor van Himst (24) Torschützenkönig.

tilleur-1964
Das Team, das Anderlecht 1:0 bezwang. Stehend von links: Guy Grimbérieux, Marcel Jacquemain, Joseph Bastin, Emer Tihange, Jean Bodart, Jacky Van Horen. Kniend von links: Vladimiro Pezzetti, René Delchambre, Hubert van Dormael, Jean-Paul Colonval, René Andries.

1966 wurde Tilleur Achter und erreichte zum zweiten Mal das Pokal-Halbfinale (0:2 gegen Anderlecht), anschließend schnupperten die Blau-Weißen sogar internationale Luft, als sie beim Intertoto Cup in der Gruppe A3 gegen die Go Ahead Eagles Deventer, den FC Sion und die US Foggia ran durften. Zu diesem Zeitpunkt hatte Pannaye den Klub bereits verlassen. Im Mai 1967 sah Buraufosse sein letztes Erstligaspiel (0:2 gegen KFC Beeringen), nach dem Abstieg verließ auch Colonval den Klub. Zwei Jahre später wurde er mit dem Lokalrivalen Standard belgischer Meister.

colonval
Colonval bejubelt sein 2:0 beim 3:1-Erfolg gegen seinen Ex-Klub Racing White. Im Hintergrund Robert Waseige und Willy Tack.

Ein letztes Aufflackern erlebten die Métallos in der Saison 1971/72, als sie erneut das Pokal-Halbfinale erreichten, aber im Derby bei Standard mit 1:4 ausschieden. In die Nähe der „Division 1“ kamen sie nie wieder, 1977 verabschiedeten sie sich auch für immer aus der Zweitklassigkeit, während Standard zum europäischen Spitzenklub avancierte und 1982 im Endspiel um den Cup der Pokalsieger stand. Gilbert Bodart, Sohn des früheren Tilleur-Keepers Jean, saß beim 1:2 gegen den FC Barcelona auf der Lütticher Bank. Er hütete von 1981 bis 1996 in rund 450 Partien das Tor der „Rouches“.

1976, ein Jahr vor der Zusammenlegung von Montegnée, Tilleur und Saint-Nicolas zu Saint-Nicolas, stiegen die Blau-Weißen aus der Zweiten Liga ab und kehrten nie wieder zurück. Im Schatten Standards waren die Tage des Klubs endgültig gezählt. 1989 schloss er sich mit R. St. Nicolas FC zum RFC Tilleur-Saint-Nicolas zusammen und behielt seine Stammnummer. Der RFC Lüttich, der Ende der 80er, Anfang der 90er noch einige große Europapokalauftritte gegen Werder Bremen oder Juventus zelebrierte, holte 1990 unter Trainer Robert Waseige den Pokal, doch auch der erste belgische Meister taumelte seinem Ende entgegen.

Beim Pokalsieg stand Jean-Marc Bosman nicht im Kader. Der in Montegnée geborene Mittelfeldspieler hatte sich mit der Vereinsführung überworfen, weil ihm für die Folgesaison ein auf ein Viertel des Gehalts gekürzter Vertrag angeboten war. Der Fortgang der Geschichte revolutionierte den europäischen Transfermarkt: Bosman wollte nach Dunkerque in die zweite französische Liga wechseln, doch der RFC Lüttich verlangte eine utopische Ablöse, so dass Bosman klagte. Das führte wiederum 1995 zum Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das Spielern nach Vertragsende einen ablösefreien Vereinswechsel erlaubt und die im europäischen Sport bestehenden Restriktionen für Ausländer komplett zu Fall brachte.

Ebenfalls 1995 fusionierten die vor der Pleite stehenden Fusionsklubs RFC Lüttich und RFC Tilleur-Saint-Nicolas zum RFC Tilleur Lüttich, der die Stammnummer 4 des ersten belgischen Meisters behielt. Die Nummer 21 wurde gelöscht. Fünf Jahre später wurde der Zusatz „Tilleur“ aus dem Vereinsnamen gestrichen.

Die Métallos sind endgültig Geschichte. Der RFC Lüttich krebst in der Drittklassigkeit herum, während in Tilleur 2002 ein neuer Klub aus der Taufe gehoben wurde, der seither zwei Mal fusionierte und dem Stade Buraufosse, an dem der Zahn der Zeit unerbittlich nagt, weiterhin Leben einhaucht. In der Vierten Liga, mit der Matrikelnummer 2913.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s