Momente: John Elway und „The Drive“

the-driveSeit diesem klirrend kalten Januar-Tag 1987 in Cleveland hat es viele weitere dramatische Finishes in einem Playoff-Spiel, ja sogar im Super Bowl, gegeben. Vielleicht waren auch noch spektakulärere, noch spannendere darunter, vielleicht ist die Erinnerung an „The Drive“ tatsächlich überhöht. Dennoch steht diese Angriffsserie, mit der sich die Denver Broncos bei den Cleveland Browns in den Schlusssekunden in die Verlängerung retteten, in der Liste der historischen NFL-Momente ganz oben. 15 Spielzüge von der eigenen 2-Yard-Linie bis zum Touchdown – es war „The Drive“, der Denvers Quarterback John Elway zu John Elway machte.

Das alte Municipal Stadium in Cleveland war für zwei Dinge berüchtigt: Die Nähe zum Eriesee sorgte dafür, dass in den Wintermonaten eiskalter Wind durch das Rund blies. Und hinter der Endzone auf der Ostseite befand sich der Dawg Pound – der „Hundezwinger“. In der Vorsaison hatten die Fans der Browns den Kult entwickelt, in diesem Block mit den niedrigsten Eintrittspreisen in Hundekostümen verschiedenster Art zu erscheinen. Der Lärm, der von diesen Rängen aufs Spielfeld drang, konnte mitunter ohrenbetäubend sein. Am 11. Januar 1987 war er das.

Unter Coach Marty Schottenheimer erzielten die Browns mit zwölf Siegen und vier Niederlagen die beste Bilanz ihrer NFL-Geschichte, die ihnen nicht nur Platz eins in der Central Division, sondern in der gesamten American Football Conference sicherte. Noch nie hatten sie in der modernen NFL-Ära (seit 1970) ein Playoff-Spiel gewonnen, jetzt setzten sie sich im Municpal Stadium nach zwei Verlängerungen gegen die New York Jets mit 23:20 durch. Quarterback Bernie Kosar, Fullback Kevin Mack und Wide Receiver Webster Slaughter waren die Stars der „Braunen“, die – vom Dawg Pound nach vorne gepeitscht – eine verloren geglaubte Partie (10:20 im vierten Viertel) drehten. Mark Moseley setzte das entscheidende Field Goal aus 27 Yards.

Auf der anderen Seite die Denver Broncos mit ihrem Chefcoach Dan Reeves und Superstar John Elway, die das vor sich hin darbende Team aus Colorado in eine Gewinnertruppe verwandelt hatten. Mit einem 22:17-Heimsieg gegen die New England Patriots galoppierten die Broncos ins Conference-Finale nach Cleveland. Die Temperaturen lagen knapp unter dem Gefrierpunkt, der Wind wehte mit 21 Stundenkilometern durch die Arena. Und der Dawg Pound bellte. Einmal musste Elway sogar eine Auszeit nehmen, weil seine Offensive Line seine Kommandos nicht verstand.

Noch nie hatten die Browns den Super Bowl erreicht, und das sollte sich verdammt nochmal ändern. Ein Sieg fehlte, und 80.000 Zuschauer sorgten für eine fantastische Atmosphäre. Cleveland war mit seinen Profi-Teams nicht gerade verwöhnt: Ein Eishockey-Team gab es nicht (die Barons stellten 1978 den Betrieb ein), die Basketballer (Cavaliers) hatten in den zurückliegenden zehn Jahren gerade mal ein Playoff-Spiel gewonnen und die Baseballer (Indians) waren eine derartige Lachnummer, dass sie als Vorlage für einen Kinofilm dienten, der mit Tom Berenger und Charlie Sheen in den Hauptrollen 1989 in die Kinos kam.

Zur Pause stand es 10:10. Dass Elway und Co. eine harte Nuss sein würden, war klar, es bestand also kein Grund zur Aufregung. Kicker Rich Karlis brachte Denver schließlich mit einem Field Goal aus 26 Yards in Führung, Moseley konterte im letzten Abschnitt aus 24 Yards und knapp sechs Minuten vor dem Ende fand Kosar Brian Brennan, der in die Endzone lief! 20:13 für die Browns. Nach dem Kickoff hatten die Broncos zwar noch 5:32 Minuten Zeit, doch der Football lag nach einem Aufnahmefehler auf ihrer eigenen 2-Yard-Linie. Fünf Minuten, Eiseskälte, ein matschiger Untergrund und unerträgliche Dezibelzahlen – es war die perfekte Bühne für John Albert Elway Jr.

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Mit einem 5-Yards-Pass auf Sammy Winder brachte sich Elway zunächst aus der Gefahrenzone. Anschließend lief Winder für drei, zwei und nochmal drei Yards. Drei Spielzüge später (ein Lauf, zwei gefangene Pässe) war das Two-Minute-Warning erreicht. Und der Ball lag auf Clevelands 40-Yard-Linie. Das Gute aus Sicht der Browns: Die Broncos brauchten einen Touchdown. Elways nächster Passversuch misslang, und als ihn schließlich Dave Puzzuoli für einen Raumverlust von acht Yards sackte, bebte der Eriesee. Noch 112 Sekunden bis zum Super Bowl in Pasadena.

Dritter Versuch und 18, Elway passte aus der Shotgun-Formation auf Mark Jackson für 20 und wenig später auf Steve Sewell für 14 Yards, schließlich lief er selbst für neun bis zur 5-Yard-Linie der Browns. Erster Versuch und fünf bei noch 42 ausstehenden Sekunden. Dieser Teufelskerl Elway hatte einfach mal die Nerven behalten – und bediente jetzt auch noch auf Anhieb Mark Jackson für den Touchdown! Der Funken Hoffnung, Karlis möge den Extrapunkt verschießen, erlosch schnell. 20:20, wieder mussten die Browns in die Overtime.

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Was nun aber klar war: Das Moment lag bei den Broncos, die die Zuschauer und ihren Gegner gelähmt hatten. Karlis, der letzte Barfuß-Kicker der NFL, brachte sie schließlich mit seinem Field Goal aus 33 Yards ganz zum Schweigen. Eigentlich hatten die Browns den „coin toss“ gewonnen, der ihnen zu Beginn der Verlängerung den Ballbesitz gewährte, mussten aber früh punten.

Bei den Browns herrschte blankes Entsetzen. Im Folgejahr kam es zur Revanche, diesmal jedoch in Denver, erneut qualifizierten sich die Broncos, diesmal mit einem 38:33 in regulärer Spielzeit, für den Super Bowl (den sie allerdings beide Male verloren). Ihr drittes und bis heute letztes AFC-Championship-Finale spielten die Browns 1990. Wieder in Denver, diesmal verloren sie klar (21:37).

Zur Saison 1996 zogen die Browns nach Baltimore um und gewannen als Ravens zwei Mal den Super Bowl. Als das Municipal Stadium im November 1996 abgerissen wurde, versammelte sich eine Handvoll Fans hinter dem Dawg Pound. Nach drei Spielzeiten ohne Football wurde in Cleveland, das die Namensrechte für die „Browns“ behalten hatte, eine neue Franchise ins Leben gerufen, die seit 1999 in der NFL spielt – mit überschaubarem Erfolg: nur einmal schafften sie es in die Playoffs (und verloren bei den Pittsburgh Steelers), bis heute sind sie eines von nur vier Teams, das nie im Super Bowl stand.

So dicht wie am 11. Januar 1987 sind die Cleveland Browns dem Gewinn der Conference-Meisterschaft nie wieder gekommen. 15 Spielzüge für 98 Yards in knapp über fünf Minuten, die als „The Drive“ in die Geschichte eingingen, haben diesen Traum zunichte gemacht.

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