Traumtanz: Slovan Bratislava 1968/69

slovan-logo-1969Der Sekt war bereits kaltgestellt. Niemand zweifelte daran, dass der dreifache Messe-Pokal-Gewinner CF Barcelona nun auch den ersten „richtigen“ Europacup holen würde. Im Baseler St.-Jakob-Stadion warteten an jenem 21. Mai 1969 knapp 20.000 Zuschauer auf den Anpfiff des EC2-Finales, an dessen Ausgang sie keinen Zweifel hatten: Die Katalanen würden mit dem ČSSR-Vertreter Slovan Bratislava, der als erster – und bis heute letzter – Klub seines Landes in ein europäisches Endspiel vorgedrungen war, keine Probleme haben. Schließlich wurden die Slowaken eher als Geigenbauer belächelt und nicht gerade als Fußball-Künstler verehrt. Es kam anders.

Slovan Bratislava hatte sich zu den Top-Klubs in der Tschechoslowakei aufgeschwungen und sich mit einem überraschenden Pokal-Erfolg gegen das große Dukla Prag für den internationalen Wettbewerb qualifiziert. Vier Jahre zuvor waren die Blau-Weißen zuletzt im EC2 am Start gewesen und hatten mit dem Erreichen des Viertelfinals aufhorchen lassen, doch dann war Celtic Glasgow eine Nummer zu groß für Slovan, das in den 60er Jahren dafür bekannt war, seine Trainer reihenweise zu verschleißen. Ján Hucko war bereits der zehnte Coach in diesem Jahrzehnt. Und nachdem er den nationalen Pokal geholt hatte, musste auch er gehen. Ihm folgte der frühere Auswahlspieler Michal Vičan, der während seiner aktiven Laufbahn 13 Jahre lang die Slovan-Defensive zusammengehalten hatte und nun von seinem Vorgänger eine intakte Truppe übernahm. Dazu zählten neben Torhüter Alexander Vencel sr. und Karol Jokl nicht zuletzt die Zwillingsbrüder Ján und Jozef Čapkovič oder der alte Haudegen Ján Popluhár. Und mit diesen Jungs wollte Vičan die internationale Szene mal so richtig aufmischen.

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Das Stadion Tehelné pole zu ČSSR-Zeiten.

Doch daran war in diesem Sommer 1968 noch nicht zu denken. Die Erstrundenauslosung des an Popularität gewinnenden Europapokals der Pokalsieger am 10. Juli 1968 bescherte den Slowaken zunächst den isländischen Vertreter KR Reykjavík, doch die innenpolitischen Ereignisse dieses Sommers warfen alles über den Haufen. Der „Prager Frühling“ – der Versuch der tschechoslowakischen KP, das bestehende System zu liberalisieren – wurde am 20. August 1968 auf Geheiß des sowjetischen Staatsoberhaupts Leonid Brežnev von Truppen des Warschauer Pakts brutal niedergeschlagen. Das hatte zur Folge, dass Celtic Glasgow gegen seinen Erstrundengegner im Europapokal der Landesmeister – Ferencváros Budapest – protestierte, weil Ungarn an der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ beteiligt war. Die UEFA nahm daher am 31. August eine partielle Neuauslosung des EC1 sowie des EC2 vor, um zumindest gleich zum Auftakt Ost-West-Duelle zu vermeiden, und beeinflusste sie dahingehend, dass Ost-Teams nur auf Ost-Teams treffen konnten. Somit kam Slovans neuer Gegner plötzlich aus Jugoslawien. Der FK Bor war eigentlich dem DDR-Pokalsieger Union Berlin zugelost worden, das nun gegen Dinamo Moskau hätte antreten müssen. Doch sowohl die Unioner als auch Dinamo protestierten gegen diese Neuansetzungen und zogen sich ebenso wie die weiteren „Warschauer-Pakt-Mannschaften“ Spartak Sofia, Górnik Zabrze und Rába ETO Győr zurück.

FK BOR

Der Klub aus der 30.000 Einwohner zählenden Grubenstadt Bor war das absolute Überraschungsteam Jugoslawiens. Als Zweitligist stürmte die Elf von Trainer Radojica Radojčić ins Pokalfinale, wo es in der Höhle des Löwen bei Roter Stern Belgrad antreten musste. Dort hielt der frischgebackene Aufsteiger bis zur Pause (0:1) noch ganz gut mit, brach dann aber gegen die Truppe um Superstar Dragan Džajić mit 0:7 ein. Weil jedoch Roter Stern gleichzeitig auch jugoslawischer Meister wurde, hatte sich Bor den Auftritt auf der internationalen Fußball-Bühne verdient, wo ab jener Saison erstmals die Einwechslung von bis zu zwei Spielern zugelassen war.

Mehr als eine Außenseiterchance rechneten sich die Jugoslawen zwar nicht aus, stürmten aber beim Hinspiel in Bratislava vor 8.000 Zuschauern munter drauf los. Slovans Keeper Alexander Vencel musste erst einige Chancen der frechen „Jugos“ entschärfen, ehe seine Vorderleute ins Spiel fanden. Vor allem durch das Übergewicht, das Ivan Hrdlička im Mittelfeld erzeugte, bekam Slovan die Partie nun immer besser in den Griff. Hrdlička war es schließlich auch, der nach Vorarbeit Ľudovít Cvetlers die Verkrampfung im Stadion Tehelné pole löste – 1:0 (48’). „Das war Wasser auf unsere Mühlen“, erklärte später der flinke Jokl, nachdem er zwei weitere Treffer zum 3:0-Endstand beigesteuert hatte. Dem Linksfuß war der Fußball in die Wiege gelegt worden, sein Vater war ebenfalls ein großer Spieler gewesen und hatte ihm seine technische Fähigkeiten vererbt. Jokl kam 1963 als 17-Jähriger zu Slovan und machte sich als intelligenter Spielgestalter einen Namen. Als er 1975 nach Prievidza wechselte, hatte er 238 Partien im Slovan-Dress (68 Tore) und 27 für die Nationalmannschaft (elf Treffer) absolviert.

Das Rückspiel im bescheidenen Gradski vor gerade mal 3.000 Zuschauern sollte eigentlich nur noch Formsache sein, aber der FK Bor wollte die Vorgabe seines Kapitäns Pava Rajzner umsetzen. Der hatte vor der ersten Begegnung die Marschroute ausgegeben, zumindest das Heimspiel gewinnen zu wollen… Und der Außenseiter legte los wie die Feuerwehr, belagerte den Slovan-Sechzehner und stürzte den tschechoslowakischen Vizemeister von einer Verlegenheit in die nächste. Abwehrchef Ján Popluhár – eine der Säulen der tschechoslowakischen Vize-Weltmeister-Mannschaft von 1962 – musste mit seinen 33 Lenzen noch einmal Schwerstarbeit verrichten. Pech, dass ausgerechnet er einen Handelfmeter verursachte, den Desimir Ranković drei Minuten vor der Pause zum 1:0 versenkte. Die Sensation lag in der Luft, und als Slobodan Tomić nach einer knappen Stunde sogar auf 2:0 erhöhte, witterten die Zuschauer eine Sensation. Sie entfachten nun einen Höllenlärm und peitschten ihre Elf nach vorn, allerdings ohne Erfolg. „Wir haben Blut und Wasser geschwitzt“, gab Popluhár nach den nervenaufreibenden 90 Minuten zu und war wenigstens ehrlich: „Vor allen Dingen haben wir den Jugoslawen diese Leistung einfach nicht zugetraut.“ Der Schlusspfiff kam für den Favoriten aus Preßburg, so die deutsche Bezeichnung Bratislavas, wie eine Erlösung.

FC PORTO

In der Meisterschaft lieferte sich Slovan – wie schon in der Vorsaison – einen Zweikampf mit Spartak Trnava, das gerade die stärkste Phase seiner Klubgeschichte durchlief. Die Tyrnauer, rund 40 Kilometer nordöstlich von Bratislava ebenfalls im slowakischen Teil der ČSSR gelegen, hatten 1967/68 das Rennen gemacht und erstmals den nationalen Titel gewonnen. Und auch im Cup der Landesmeister sollte Spartak für Furore sorgen und erst im Halbfinale haarscharf an Ajax Amsterdam scheitern.

Slovans Europa-Tournee führte in der zweiten Runde nach Porto. „Deckt konsequent und rennt schnell“, riet der frühere Benfica-Star Eusébio seinen Landsleuten. „Das ist etwas, was die Tschechoslowaken nicht lieben.“ Es sollte der große Tag des Alexander Vencel werden. Zwar musste er in der 34. Minute einen Treffer des Edeljokers Custodio Pinto hinnehmen, aber der Slovan-Schlussmann wuchs wieder einmal über sich hinaus und machte zahlreiche weitere Chancen des FC Porto zunichte. Sein Gegenüber Américo Lopes verlebte hingegen einen ruhigen Abend, aber ihm schwante trotz des 1:0-Erfolgs seines Teams nichts Gutes: „Das wird kaum reichen, um das Rückspiel ohne Schaden zu überstehen.“ Er sollte Recht behalten.

Die Partie in Preßburg wurde, wie lange Zeit im Osten üblich, bereits am frühen Nachmittag angepfiffen. Kein Wunder also, dass bei der Anstoßzeit von 16:30 Uhr an einem normalen Arbeitstag gerade mal 10.000 Menschen den Weg ins Tehelné pole fanden. „Hauptsache, wir kommen weiter“, ließ sich ein Slovan-Vorstandsmitglied durch den schwachen Besuch nicht aus der Fassung bringen. Lopes geriet in den ersten 20 Minuten schwer unter Beschuss. Ján Čapkovič kurvte am linken Flügel entlang und zog scharf ab, aber Portos Keeper klärte mit Mühe zur Ecke. Čapkovič ließ nicht locker und markierte, nachdem Lopes mehrfach den Rückstand verhindert hatte, nach 22 Minuten das 1:0 für die Platzherren. Mit diesem Ergebnis ging es in die Kabine, aber es dauerte nicht lange, bis Porto nach dem Wechsel unter dem Druck der Slowaken einbrach. Jokl erzielte das 2:0 (48’), sechs Minuten vor dem Ende sorgte Jozef Čapkovič für die endgültige Entscheidung. Den Schlusspunkt setzte erneut Jokl, als er vom Elfmeterpunkt zum 4:0-Endstand traf (88’). Der von Coach Vičan propagierte Angriffsfußball trug erste Früchte: Slovan stand im Viertelfinale.

AC TURIN

Popluhár, der seine Karriere in der Nationalmannschaft bereits beendet hatte, kehrte seinem Heimatklub in der Winterpause den Rücken. Er hatte die Altersgrenze, die tschechoslowakischen Spielern einen Wechsel ins Ausland ermöglichte, überschritten und heuerte auf seine alten Tage noch einmal in Frankreich bei Olympique Lyon an.

torino-slovanDie Viertelfinal-Paarungen waren deutlich auseinandergezerrt. So fand beispielsweise das Hinspiel des deutschen Vertreters 1.FC Köln gegen die Dänen von Randers Freja erst dann statt, als die restlichen Halbfinal-Teilnehmer bereits feststanden. Slovan hatte sich über die kalten Monate in Südamerika, als es bei einem hochkarätig besetzten internationalen Turnier den dritten Platz belegte, fit gehalten und sich gezielt auf den Europapokal vorbereitet, der Gegner hieß schließlich AC Turin. Die Granatroten hatten sich im seltsamen italienischen Pokal-Modus, der als Finale eine Gruppenphase vorsah, gegen Inter, Milan und Bologna durchgesetzt. Zwar handelten die Gazetten den Toro als Favoriten, aber die Heimstärke der Vičan-Schützlinge hatte sich bis nach Piemont herumgesprochen. Ohne ein beruhigendes Polster aus dem Hinspiel würde es also wenig zu erben geben, und der französische Torjäger in Diensten der Italiener, Nestor Combin, wusste: „Slovan hat eine spieltechnisch ausgezeichnete Mannschaft und eine glänzende Abwehr.“

Keeper Vencel war bereit. Er versprach, nicht mehr als einen Gegentreffer zuzulassen, und Kapitän Alexander Horváth ergänzte vollmundig: „Wenn das so ist, werden wir das Halbfinale erreichen. Die Italiener sind dafür bekannt, dass sie auswärts keine Tore schießen.“ Der AC Turin hatte in der ersten Runde sogar bei Partizan Tirana 0:1 verloren, zu Hause mit 3:1 gewonnen und anschließend ein Freilos genossen. Und gegen Slovans Hintermannschaft bissen sich die Italiener nun die Zähne aus. Combin schoss aus allen Lagen, verfehlte aber sein Ziel oder scheiterte an Vencel. Der ursprünglich aus Rumänien stammende Torhüter hatte im slowakischen Šaľa die Schule besucht und ein paar Kilometer weiter westlich, in Diakovce, seine Karriere zwischen den Pfosten begonnen. Als er schließlich bei Slovan Bratislava landete, stand dort noch der legendäre Viliam Schrojf – einer der besten Schlussmänner seiner Zeit – im Tor.

slovan-torino.jpgNachdem sie die Anfangsphase schadlos überstanden hatten, sorgten die Slovan-Spieler nach 20 Minuten mit plötzlichen Vorstößen für Gefahr vor dem von Lido Vieri gehüteten Tor. Dem ansonsten so zuverlässigen Keeper sollte in der 55. Minute ein folgenschwerer Patzer unterlaufen, der die Partie zu Gunsten der Slowaken entschied. Nachdem er einen harmlosen Schuss von Hrdlička pariert hatte und den Ball wieder schnell ins Spiel bringen wollte, achtete er nicht auf den sich heranschleichenden Ján Čapkovič. Er warf ihm die Kugel an den Kopf, von wo sie Jokl vor die Füße prallte. Der brauchte nur noch ins leere Gehäuse einzuschieben. „So ein kurioses Tor habe ich in meiner Laufbahn nicht mal gesehen, geschweige denn erzielt“, sagte später der verdutzte Schütze des einzigen Treffers. Zwar machten die Turiner noch mal ordentlich Druck, aber bei Combins Pfostenschuss hatten die Granatroten Pech. Es blieb beim 0:1, und die italienische Presse prügelte auf Vieri ein.

Für das Rückspiel im Stadion Tehelné pole hatte sich eine völlig umgekrempelte Turiner Mannschaft angesagt, bei den Ankündigungen sollte es jedoch bleiben. Sogar Unglücksrabe Vieri stand vor 25.000 Zuschauern wieder im Tor, musste aber nach nur drei Minuten verletzt passen – für ihn kam Franco Sattolo. Der österreichische Unparteiische Schiller entpuppte sich schnell als der schwächste Mann auf dem Platz und ließ viele harte Aktionen der Italiener durchgehen, die nun neues Selbstvertrauen schöpften. Doch aus der Aufholjagd wurde nichts. Als sich Horváth in der 26. Minute aus der Entfernung ein Herz fasste, zappelte die Kugel im Netz – 1:0. Hektisch wurde es, als sich Hrdlička für ein schweres Foul von Natalino Fossati revanchierte und vom Platz gestellt wurde (35’). „Jetzt kriegen wir sie noch“, versprach Combin einem Journalisten der Tageszeitung La Stampa zur Pause, doch zehn Slovan-Spieler verteidigten den Vorsprung mit Mann und Maus. Als Jokl zehn Minuten nach Wiederanpfiff verletzt vom Feld musste, kam Ján Hlavenka – und traf prompt zum 2:0 (62’). Der Anschlusstreffer durch Alberto Carelli fiel zu spät (89’), um Slovan am Ende ernsthaft in Gefahr zu bringen.

DUNFERMLINE ATHLETIC

Im 17. Jahrhundert war Preßburg Krönungsstadt des habsburgischen Ungarn. Nun bejubelten sie hier, am Fuße der Karpaten, neue Könige – elf an der Zahl. Darunter die Gebrüder Ján und Jozef Čapkovič, ein Zwillingspaar, das fußballerisch unterschiedlicher nicht sein konnte. Schon in jungen Jahren waren beide vom Lokalrivalen Cervená hviezda (Roter Stern), das spätere Inter Bratislava, zu Slovan gekommen. Doch während sich Ján als offensivstarker Spieler mit Torinstinkt entwickelte, verlagerte sich Bruder Jozef mehr aufs Verteidigen. Und obwohl Ján schon als 20-Jähriger am 25. September 1968 in der Nationalmannschaft debütierte, benötigte Jozef auf den Tag genau sechs Jahre länger und startete seine Karriere in der ČSSR-Auswahl genau dann, als die seines Bruders endete. Sein vielleicht größtes Spiel absolvierte Jozef Čapkovič im EM-Halbfinale 1976, als er beim 3:1-Erfolg der Tschechoslowakei gegen die Niederlande den grandiosen Johan Cruijff zur Verzweiflung brachte. Und auch beim späteren Finalsieg gegen die Bundesrepublik Deutschland stand er 120 Minuten auf dem Platz.

dunfermline-prog.JPGIm Halbfinale des EC2 warteten im Frühjahr 1969 die Schotten aus Dunfermline. Die gesunde britische Härte war auf dem Kontinent gefürchtet, und nicht zuletzt deshalb galt das Team von Manager George Farm als Favorit. Im Viertelfinale hatte Dunfermline Athletic zudem den englischen Vertreter West Bromwich Albion mit einer starken Defensivleistung aus dem Wettbewerb gekegelt. „Wir müssen einen Zwei-Tore-Vorsprung erzielen“, verlangte Farm, „dann brennt in Bratislava nichts mehr an.“

Unter der Regie des Mannheimer Schiedsrichters Kurt Tschenscher, der ein knappes Jahr später bei der WM in Mexiko die erste Gelbe Karte der Fußball-Geschichte zücken sollte, begannen die Pars – so der Spitzname der Zentralschotten – erwartet offensiv. Aber die Slovan-Deckung um Jozef Čapkovič stand gut. In der Offensive taten sich die Slowaken vor 25.000 Zuschauern hingegen schwer, aber wenn Cvetler und Ján Čapkovič über die Flügel kamen, wurde es vor dem von William Duff gehüteten Athletic-Gehäuse stets gefährlich. Eine Minute vor der Pause gingen die Briten schließlich in Führung. Abwehrspieler James Fraser hatte sich nach vorne gemogelt und Vencel zum 1:0 überwunden. „Wenn ihr jetzt das 2:0 schießt, ist alles klar“, frohlockte Farm in der Pausenansprache, während Vičan seinen Mannen predigte, genau dies zu verhindern. „So ein dummes Tor“, hatte er sich ereifert. Die zehnminütige Drangperiode der Pars überstand Slovan mühelos und forcierte nun selbst etwas das Tempo. Vičan lockerte die Abwehr, was zur Folge hatte, dass Jozef Čapkovič nun offensiver agierte und immer häufiger seinen Bruder in Szene setzte. Und wenn der am linken Flügel am Ball war, hatten die Schotten meist ein Problem. Sieben Minuten vor dem Abpfiff war es schließlich eine Jozef-Ján-Kombination, die zum Ausgleich führte. Ján sprintete einem Steilpass Jozefs hinterher und schien im Laufduell mit Duff, der deutlich näher am Ball war, nur zweiter Sieger zu sein. Doch der schottische Keeper zögerte einen Augenblick und verlor wertvolle Sekundenbruchteile, die der Jung-Nationalspieler Ján Čapkovič mit einem geschickten Heber ausnutzte – 1:1. Schiedsrichter Tschenscher, der von der britischen Presse gute Kritiken erntete, erinnerte sich später an ein gerechtes Unentschieden, weil Slovan das technisch bessere Team stellte, das taktisch geschickter operierte. „Das 1:1 darf nicht das Ende sein, wir wollen ins Finale“, polterte Farm.

Abwehrspieler Ján Zlocha, der mit Ľudovít das zweite Bruderpaar Slovans bildete, war überzeugt: „Zu Hause müssen wir es packen, schließlich war Torino stärker!“ Wieder war die Partie auf 16:30 Uhr angesetzt, immerhin waren an diesem Mittwochnachmittag 15.000 Zuschauer – darunter 300 Schotten – ins Tehelné pole gekommen. Vičan hatte seine Schützlinge eingestimmt: „Denkt daran, dass noch nie eine ČSSR-Mannschaft im Finale gewesen ist, die Chance ist riesengroß.“ Was war das – pünktlich zum 50. Vereinsjubiläum – für eine Gelegenheit, es den Hauptstädtern aus Prag zu zeigen! Und im Finale wartete schließlich der spanische Top-Klub CF Barcelona, der bereits vier Tage zuvor nach einem 4:1 gegen den 1.FC Köln die Hotelzimmer in Basel gebucht hatte.

Die Devise der Slowaken war klar: Schnell ein Tor erzielen, um dann befreit aufspielen zu können. Nach 24 Minuten war es soweit. Hrdlička, der im East End Park noch verletzt zuschauen musste, passte die Kugel zu Ladislav Móder, der zwei Gegenspieler austrickste und abzog. Duff konnte den Ball zwar noch abwehren, doch Ján Čapkovič schaltete am schnellsten und staubte zum 1:0 ab. Mit Ausnahme der britischen Härte hatte Dunfermline nun nichts mehr dagegenzuhalten, die spielerischen Mittel reichten nicht, um die drohende Niederlage abzuwenden. Nach der Pause packte Athletic die Brechstange aus, doch die von Zlocha und Horváth organisierte Slovan-Abwehr stand sattelfest. Farm, der sich vom jugoslawischen Unparteiischen benachteiligt fühlte, schrie seine Mannen nach vorn. Patrick Gardner hatte dabei wohl etwas falsch verstanden. Zwei Mal attackierte er Jozef Čapkovič derart hart, dass er in der 57. Minute des Feldes verwiesen wurde. Auch der bereits verwarnte Roy Barry, wegen seiner rauen Gangart zum Buhmann erkoren und gnadenlos ausgepfiffen, wandelte am Rande eines Platzverweises. Athletic gab nicht auf, aber gegen die slowakische Defensive war an diesem Tag einfach kein Kraut gewachsen. Den Schuldigen hatten sie natürlich im Referee ausgemacht. Vičan und Co. ließen sich ihre Freude dadurch allerdings nicht trüben. „Wir sind im Finale gegen Barcelona nur Außenseiter. Aber mir sind die Spanier lieber als der 1.FC Köln, der unserem Spiel nicht so liegt“, sagte der Coach.

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Den Zweikampf in der heimischen Meisterschaft gegen Spartak Trnava hatte Slovan derweil erneut verloren, wieder blieb den Preßburgern „nur“ der Vize-Titel. Aber der tschechoslowakische Nationaltrainer Jozef Marko war dennoch voll des Lobes für die Blau-Weißen: „Slovan ist zurzeit die stärkste Mannschaft in unserem Land. Sie ist durch die Europapokalspiele enorm gewachsen.“ Und nun hatte Slovan die einmalige Gelegenheit, als erster Klub hinter dem Eisernen Vorhang einen Europapokal zu gewinnen.

CF BARCELONA

Ein milder Frühlingsabend lud am 21. Mai 1969 in das charakteristische, direkt am Bahndamm gelegene St.-Jakob-Stadion ein, an dem die Zugführer manchmal gern etwas langsamer vorbeifuhren als vorgeschrieben. Basel erwies sich jedoch als undankbarer Gastgeber. Gerade mal 20.000 Zuschauer waren gekommen, den Großteil bildeten natürlich Spanier und Slowaken. Die lokale Presse hatte dieses Großereignis nicht im entsprechenden Maße gefördert.

Barça-Coach Salvador Artigas musste auf die beiden Stammspieler Antonio Torres und Francisco Gallego verzichten, was die Defensive der Katalanen doch beträchtlich schwächte. So begann die Partie unter der Leitung des niederländischen Schiedsrichters Laurens van Ravens auch mit einem Paukenschlag, denn als Horváth den Eröffnungsangriff der Blaugrana abgefangen und Jokl in Szene gesetzt hatte, war die Abwehr der Spanier noch nicht im Bilde. Jokl leitete auf den mitgelaufenen Hrdlička weiter, der entging dem Tackle des in die Jahre gekommenen Kapitäns Fernando Olivella und bediente Ján Čapkovič. Dessen Schuss wurde zunächst abgewehrt, landete aber vor den Füßen Cvetlers, der nach eleganter Drehung aus 14 Metern einschoss – 1:0 für den Außenseiter nach nicht einmal einer Minute! Die Barça-Abwehr stand noch gar nicht richtig auf dem Platz, schon hatte es geklingelt. Die Spanier redeten sich später damit heraus, dass es mit der etatmäßigen Abwehr nie zu diesem Überfalltor gekommen wäre, aber es zählte natürlich trotzdem. Wer nun dachte, Slovan würde sich zurückziehen und die frühe Führung 90 Minuten lang verteidigen, sah sich getäuscht. Die Vičan-Truppe blieb ihrem Offensivstil treu und schaltete aus einer massiven Abwehr um Kapitän Horváth mit halbhohen Bällen ohne langes Mittelfeldgeplänkel schnell auf Angriff um, wo in erster Linie Cvetler und der manchmal etwas zu ballverliebte Jokl für ständige Gefahr sorgten. Das aus der Mode gekommene 4-2-4 mit Jozef Čapkovič und Hrdlička in der Zentrale sowie vier gestaffelten Angreifern zahlte sich aus.

Barcelona bemühte sich, doch der katalanische Sturm hatte sich auch in der Meisterschaft nicht gerade als das Prunkstück erwiesen. José Fusté, der den Kölnern vier Mal eingeschenkt hatte (ein Tor beim 2:2 im Hinspiel, drei beim 4:1 im Camp Nou), biss sich fest. Als sich Josep Franch nach einem Zusammenprall die Rippe brach und ausgewechselt werden musste (11’), wurde die Abwehr der Katalanen weiter geschwächt. Doch ausgerechnet der neue Mann, Jesús María Pereda, sorgte nun für Wirbel und riss die slowakische Hintermannschaft auseinander. Fünf Jahre zuvor hatte er im EM-Finale – ebenfalls in einem Ost-West-Duell – sein Land mit 1:0 in Führung geschossen. Am Ende bezwangen die Spanier die UdSSR mit 2:1 nach Verlängerung. Olivella und Fusté standen auch in jener Auswahl.

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Peredas Querpass leitete Carlos Rexach mit dem Kopf weiter und José Antonio Zaldúa war mit dem 1:1 zur Stelle (15’). Nun sollte es mit der Herrlichkeit Bratislavas vorbei sein, hofften zumindest die Barça-Anhänger, und es sah auch so aus. Rexach verpasste mit einem Kopfball nur knapp die Führung und Mittelfeldregisseur Pedro Zabalza, der „baskische Beckenbauer“ in Reihen der Blaugrana, kam immer besser in die Partie. Slovan überließ Barça das Feld, aber nicht das Spiel. Mitten in die scheinbare spanische Überlegenheit stach dann plötzlich wieder ein überfallartiger Angriff Slovans: Der 23-jährige Verteidiger Vladimír Hrivnák traute sich über die Mittellinie, passte zu Jokl, der einen Gegenspieler umkurvte und dann wieder den weiter nach vorn stürmenden Hrivnák bediente. Der zog im Zweikampf mit Olivella ab – und nach einer halben Stunde führte Slovan erneut. Von wegen Barcelona sei technisch besser, wie die Experten im Vorfeld geflunkert hatten! Jokl und Cvetler sorgten mit ihren Einlagen weiter für Verwirrung, und drei Minuten vor der Pause erhöhte Ján Čapkovič sogar auf 3:1. Wieder war Olivella nicht Herr der Lage, und als Barça-Keeper Salvador Sadurní zu früh aus seinem Kasten eilte, netzte Čapkovič locker ein.

„Hütet euch vor der ersten Viertelstunde“, schwor Vičan seine Mannen für die Phase nach dem Wiederanpfiff ein. „Sie werden uns überfallen wollen. Nur so können sie den Rückstand noch aufholen.“ Für Verwirrung sorgte aber zunächst die Einwechslung des paraguayischen Angreifers Jorge Mendonça, die dem Schiedsrichter nicht mitgeteilt worden war, woraufhin die Partie kurzzeitig unterbrochen werden musste. Doch dann gab Barça noch mal Gas. Rexach, der Rechtsfuß auf der linken Außenbahn, trat einen Eckball herein, der immer länger und länger wurde. Mittlerweile waren die Flutlichtmasten eingeschaltet worden, und Vencel gab später zu Protokoll: „Ich konnte den Ball nicht sehen, weil ich genau in das Licht der grellen Scheinwerfer schaute.“ Urplötzlich zappelte die Kugel im Netz. Rexach, der später vier Mal (1987/88, 90/91, 95/96 und 2001/02) das Traineramt bei Barça übernehmen sollte, hatte auf 3:2 verkürzt (51’). Die Generaloffensive hatte gefruchtet, doch während Zabalza in der Folgezeit seine Angreifer vergeblich fütterte, blieb Slovan über Konter gefährlich.

Es entwickelte sich eine packende Partie, in der es rauf und runter ging. In Lausanne rieb man sich derweil die Hände, denn die Stadt am Genfer See war als Austragungsort eines eventuellen Wiederholungsspiels auserkoren worden. Doch dazu sollte es nicht kommen, weil Zaldúa das Kunststück fertig brachte, aus kurzer Distanz über das Tor zu schießen (70’). Anstatt das 3:3 zu bejubeln, warf sich der Schütze des 1:1 auf den Boden und schlug mit den Fäusten auf den Rasen. Die Zeit verrann. Olivella wagte sich in der Schlussphase nach vorn und probierte es mit einem harten Direktschuss, doch Vencel war auf dem Posten – es war seine letzte Parade in diesem Spiel! Die 16 nervösen Polizeihunde, die die Baseler Polizei am Spielfeldrand postiert hatte, um eine Platz-Invasion zu verhindern, wurden nun ignoriert und zur Staffage degradiert, als der Schweizer UEFA-Präsident Gustav Wiederkehr Alexander Horváth den Pokal überreichte.

Welch Ironie: Am Ende einer Saison, die mit dem blutigen Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag und dem Rückzug einiger Ostblock-Klubs begonnen hatte, streckte nun ausgerechnet ein Team aus der ČSSR den Europapokal der Pokalsieger in die Höhe. Wenigstens hatte der Fußball etwas Licht in die dunkle Schattenseite der Politik gebracht. In Preßburg wurden die Helden von Basel gebührend gefeiert. Cvetler verließ den Klub in Richtung Westen und ließ seine Laufbahn bei Standard Lüttich ausklingen. Aber der Verlust des Torjägers schwächte Slovan nicht. Von diesem Erfolg beflügelt, sollte der Klub in der Folge-Saison nach 15-jähriger Durststrecke auch noch die Landesmeisterschaft gewinnen und ein paar Jahre später das Gros der tschechoslowakischen Europameister-Mannschaft stellen. Doch der 21. Mai 1969 bildet den absoluten Höhepunkt in der Vereinshistorie. Nie zuvor und nie mehr danach stand ein Verein aus der ehemaligen ČSSR in einem Europapokal-Endspiel.

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EUROPAPOKAL DER POKALSIEGER 1968/69

Slovan Bratislava – FK Bor 3:0, 0:2
FC Porto – Slovan Bratislava 1:0, 0:4
AC Turin – Slovan Bratislava 0:1, 1:2
Dunfermline Athletic – Slovan Bratislava 1:1, 0:1

Slovan Bratislava – CF Barcelona 3:2 (3:1)
Slovan: Vencel – Fillo, Hrivnák, J. Zlocha, Horváth – Hrdlička, Jozef Čapkovič – Cvetler, Móder (67’ Hatar), Jokl, Ján Čapkovič. – Trainer: Vičan.
Barcelona: Sadurní – Franch (13’ Pereda), Olivella, Eladio – Rifé, Zabalza – Pellicer, Castro (46’ Mendonça), Zaldúa, Fusté, Rexach. – Trainer: Artigas.
Tore: 1:0 Cvetler (1’), 1:1 Zaldúa (19’), 2:1 Hrivnák (29’), 3:1 Ján Čapkovič (41’), 3:2 Rexach (50’). – SR: van Ravens (Niederlande). – Zuschauer: 19.478.
Basel, »St.-Jakob-Stadion«, 21. Mai 1969

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