Lost Grounds: Arsenal Stadium

»Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte:
plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz
und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden…«
Nick Hornby

Mit diesen Worten leitet der englische Schriftsteller seinen Roman Fever Pitch ein, eine Liebeserklärung nicht nur an den Fußball, sondern in erster Linie an den Arsenal FC und sein legendäres Stadion. Das Arsenal Stadium, wie es korrekt hieß, oder „Highbury“, wie es nach dem gleichnamigen Stadtteil im Volksmund genannt wurde, hat das eine oder andere Kapitel der Fußball-Historie mitgeschrieben.

1910 spielte der aus einer Waffenfabrik hervorgegangene Klub noch in Woolwich, im Südosten der Hauptstadt, und stand kurz vor der Pleite. Doch der Boss des Lokalrivalen Fulham FC, Henry Norris, rettete Arsenal, weil er sich einen gewinnbringenden Zusammenschluss beider Vereine erhoffte. Dazu kam es nicht, wohl aber zu einer Umstrukturierung der „Gunners“. Der Klub zog in den nördlichen Stadtbezirk Islington, wo 1913 hastig ein neues Stadion errichtet worden war: Das Arsenal Stadium an der Avenell Road sollte 93 Jahre lang die Heimat der Rot-Weißen bleiben. Die Bürger dort waren eigentlich dagegen, fürchteten sie doch „die unerwünschten Elemente des Profi-Fußballs“. Aber sie wurden überstimmt.

highbury-old

Der erste Besuch Nick Hornbys in Highbury datiert vom 14. September 1968. „Ich erinnere mich an die überwältigende Männlichkeit der ganzen Geschichte, den Zigarren- und Pfeifenrauch, die verdorbene Sprache“, schreibt Hornby, der als Elfjähriger von der Atmosphäre derart ergriffen wurde, dass er nicht nur eingefleischter Arsenal-Anhänger wurde, sondern als Erwachsener auch in die Nähe des Stadions „mit seinen wunderschönen Art-déco-Tribünen und Jacob-Epstein-Statuetten“ ziehen sollte.

Das Stadion war mitten in ein gar nicht allzu schönes Wohngebiet hineingepresst, was sich in der Architektur mehrfach bemerkbar machte. Das Spielfeld gehörte zu den kleinsten überhaupt, die Bewegungsfreiheit auf den Tribünen war ebenso eingeschränkt wie die freie Sicht. Auf Grund der äußeren Umstände war eine Expansion ausgeschlossen, so dass – um den steigenden Ansprüchen des modernen Fußballs gerecht werden zu können – ein neuerlicher Umzug her musste. Wenige Meter Luftlinie westwärts wurde für rund 530 Millionen Euro eine neuzeitliche Arena aus dem Boden gestampft, die 60.000 statt wie bisher 38.500 Zuschauern Platz bietet.

Wer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu Arsenal-Heimspielen anreist, kann nach wie vor an derselben Haltestelle aussteigen. „Arsenal“ ist die einzige U-Bahn-Station der Welt, die nach einem Fußballverein benannt ist. Eigentlich hieß sie „Gillespie Road“, doch Herbert Chapman – Taktikfuchs und prägender Trainer der 30er Jahre – setzte kurz vor seinem Tod die Umbenennung dieser auf der Piccadilly Line gelegenen Station durch.

Highbury hat in 93 Jahren viele sportliche Höhepunkte erlebt, die nicht immer mit Fußball zu tun hatten. Am 21. Mai 1966 trafen hier zum Beispiel die Boxer Henry Cooper und Muhammad Ali in einem Schwergewichtskampf um den WM-Titel aufeinander, den Letzterer gewann. In erster Linie war es jedoch der Kampf um den Ball, der die Menschen in dieses Stadion lockte. Die „Battle of Highbury“ etwa, in dem 1934 die englische Nationalmannschaft mit sieben Arsenal-Spielern den frischgebackenen Weltmeister Italien vor 70.000 Menschen 3:2 niederrang. Über die Jahre erhielt das Stadion den Beinamen „The Home of Football“.

Wer durch den langen Tunnel der U-Bahn-Station die Gillespie Road betrat, konnte das Stadion noch nicht erkennen, da es auf drei Seiten von Häusern umgeben und nur durch fabriktorähnliche Zugänge zugängig war. Lediglich die Haupttribüne auf der Ostseite, der East Stand an der Avenell Road, lag direkt an der Straße. Hier befanden sich die Geschäftsräume und Trophäen, die Umkleidekabinen, zwei kleine Kanonen sowie eine Bronzebüste des allseits verehrten Chapman. Der Sitzungssaal („boardroom“) direkt über den Kabinen war in lackierter Eiche gehalten und wurde Spieltag für Spieltag mit Blumen in der Farbe der Gast-Mannschaft geschmückt.

Die Fassade des denkmalgeschützten East Stand blieb vom Abriss verschont, hier befinden sich mittlerweile Luxus-Apartments mit Blick auf eine kleine Parkanlage – dem ehemaligen Spielfeld. Wer sich früher durch die nach Öl krächzenden Drehkreuze drängte und anschließend auf einem der Klappstühle im Unterrang Platz nahm, sah aufgrund der eigenwilligen Architektur des Oberranges die gegenüberliegende Tribüne nur zur Hälfte. Bälle, die 15 Meter über der Grasnarbe flogen, gar nicht. Wenn ein Zuschauer links oder rechts aufgrund der eingeschränkten Optik aufstand, löste er eine Kettenreaktion aus, das melodische Klacken der Klappstühle kündigte dann meistens eine Großchance an.

highbury-clock-endEin trauriger Mythos rankt sich um die North Bank, auf der die leidenschaftlichen Anhänger saßen. 1931 wurden die Anwohner im Zuge der Ausbaumaßnahmen gebeten, überflüssigen Schutt abzuliefern. Ein Kohlenhändler folgte diesem Aufruf, geriet aber mit seinem Pferd zu nah an die Baugrube. Das arme Tier fiel der Legende nach mitsamt dem Kohlekarren hinein und musste auf Grund seiner schweren Verletzungen eingeschläfert werden. Es wurde direkt vor Ort begraben. Als die Nordtribüne 1992 komplett abgerissen und neu aufgebaut wurde, tauchte allerdings kein Pferdeskelett auf.

Simon Inglis, Autor zahlreicher Stadion-Bücher, schrieb über das Arsenal Stadium: „Highbury scheint in der Vergangenheit verloren, in einer Zeitfalle gefangen.“ Seit den 30er Jahren, so Inglis, hat sich hier kaum etwas verändert. Sogar die überdimensionale Uhr, die Chapman einst auf der Nordseite installieren ließ, tickte bis zum bitteren Ende, allerdings seit 1935 auf der Hintertortribüne gegenüber, die seither den Namen Clock End trug. Als hier am 7. Mai 2006 das letzte Spiel abgepfiffen wurde, stand sie bei 16:54 Uhr.

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