Traumtanz: Dinamo Tiflis 1980/81

din-tiflis-1981Tiflis feierte seine goldene Generation. Endlich war es Dinamo gelungen, aus dem Schatten der Moskauer Vereine oder Dynamo Kiews herauszutreten, die die sowjetische Meisterschaft in den 70er Jahren immer unter sich ausgemacht und den Stolz der georgischen Teilrepublik gekränkt hatten. Sogar Ararat Jerewan, der Klub aus der kleinen Armenischen SSR, durfte 1973 den Titel bejubeln. Doch nun war Dinamo an der Reihe. Dank herausragender Spieler wie Ramaz Šengelia, David Kipiani, Vitali Daraselia oder Vladimer Gutsaev hatten die Georgier endlich den Durchbruch geschafft. Mit fünf Zählern Vorsprung vor den Namensvettern aus Kiew sicherte sich Dinamo 1978 den zweiten Meistertitel der Vereinsgeschichte. Was für ein Erfolg für Trainer Nodar Akhalkatsi, der erst zwei Jahre zuvor das Kommando in Tiflis übernommen und ausschließlich aus georgischen

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In den 80er Jahren eine der bestbesuchtesten Arenen in Europa: Das Dinamo-Stadion in Tiflis.

Talenten ein europäisches Spitzenteam geformt hatte. Es war die Keimzelle jener Elf, die zwei Jahre später unaufhaltsam durch den Cup der Pokalsieger marschierte.

Doch zunächst vertrat Dinamo die UdSSR im Europapokal der Landesmeister 1979/80, wo es in der ersten Runde den Liverpool FC aus dem Rennen warf. Zwar folgte im Achtelfinale gegen den späteren Finalisten Hamburger SV das frühe Aus, aber die Georgier hatten mit ihrem eleganten, fast südländischen Stil eine erste Duftmarke gesetzt. Die Reifeprüfung sollte allerdings erst noch folgen. Nur haarscharf verpasste Dinamo in der Folgesaison die Titelverteidigung in der sowjetischen Meisterschaft. Schuld daran war die eigenwillige Regelung, nach dem achten Unentschieden keine Punkte mehr für ein Remis zu vergeben. Das kostete Dinamo am Ende vier Zähler, so dass unterm Strich nur Platz vier zu Buche stand. Im Pokal war der Zuschauerkrösus der UdSSR, der regelmäßig über 60.000 Besucher im heimischen Stadion Dinamo empfing, nicht zu schlagen: Mit einem 5:4 im Elfmeterschießen gegen Dinamo Moskau qualifizierten sich die Georgier für den Cup der Pokalsieger – Zeit für den großen Auftritt auf europäischem Parkett!

AGS Kastoriá

Das Dinamo-Team war heiß. Und Coach Akhalkatsi wusste, mit der Achse Gutsaev, Kipiani, Daraselia und Šengelia sowie Keeper Otar Gabelia und Libero Aleksandr Čivadze eine Riesentruppe zusammengebastelt zu haben. Bei ihrem ersten Auftritt tat sie sich allerdings überraschend schwer. Der griechische Vertreter AGS Kastoriá, der sich mit einem sensationellen 5:2 gegen Iraklis Saloniki für den EC2 qualifiziert hatte, trotzte Tiflis zu Hause ein 0:0 ab. Es war das erste und bis heute letzte Europapokal-Heimspiel für die Griechen, die sich zwar im Rückspiel wacker wehrten, aber chancenlos blieben. Šengelia (32’) und Gutsaev (80’) erzielten die Treffer zum ungefährdeten 2:0-Endstand.

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Waterford United

Das nächste Duell führte Dinamo Tiflis an die irische Küste. Waterford United hatte sich gegen die Malteser von Hibernians Paola durchgesetzt, war aber gegen die georgischen Sowjets ganz klar in der Außenseiterrolle. Ganz kampflos wollte sich das Team aus der antiprotestantischen Hochburg am 22. Oktober 1980 allerdings nicht ergeben und hielt bis zur Pause ein torloses Unentschieden. Šengelia erlöste aber nach dem Wechsel die Georgier mit dem einzigen Treffer der Partie (50’). Das Rückspiel war dann nur noch Formsache, obwohl die Dinamo-Anhänger über eine Stunde auf das erste Tor warten mussten. Daraselia (66’, 79’), Čivadze (74’) und Georgi Čilaia (87’) versöhnten die Zuschauer schließlich mit einem deutlichen 4:0-Sieg.

West Ham United

west-ham-tbilisiZum ersten Mal überhaupt stand Dinamo Tiflis im Viertelfinale eines europäischen Wettbewerbs. Nächster Gegner war West Ham United – allerdings erst vier Monate später. Und die unendlich lange Winterpause hatte schon so manchem Team aus der Sowjetunion im neuen Kalenderjahr einen Fehlstart beschert. Aber Trainer Akhalkatsi und seine Schützlinge hatten ihre Hausaufgaben gründlich erledigt. Auf den Punkt topfit liefen sie im Boleyn Ground ein, und die Fans der Hammers mussten tatenlos mit ansehen, wie ihr Team gnadenlos auseinander genommen wurde. Kapitän Čivadze überraschte den zu weit vor seinem Tor stehenden West-Ham-Keeper Phil Parkes mit einem strammen 25-Meter-Schuss (25’) und Gutsaev sorgte kurz darauf nach einem Abwehrschnitzer für klare Verhältnisse (32’), und auch der Anschlusstreffer durch David Cross (54’) nach dem Wechsel brachte die Georgier nicht aus dem Konzept. Šengelias Doppelschlag (55’, 67’) machte die peinliche Pleite perfekt. Erst staubte der pfeilschnelle Angreifer nach einem Pfostentreffer ab, dann vollendete er nach Kipianis Pass über das halbe Feld stilvoll. Vom Ballgewinn im eigenen Strafraum bis zum Tor vergingen gerade mal neun Sekunden, heute heißt das „schnelles Umschaltspiel“.

Dinamo stand mit einem Bein in einem europäischen Halbfinale, als drittes sowjetisches Team nach Dinamo Moskau und Dynamo Kiew. Und nun wollten sie mehr. Allerdings ließen sie im Rückspiel gegen die Londoner im Gefühl des sicheren Weiterkommens die Zügel etwas schleifen und enttäuschten ihre Fans mit einer 0:1-Heimniederlage. Doch Stuart Pearsons Treffer fiel viel zu spät (87’), um Dinamo Tiflis noch einmal ernsthaft in Gefahr zu bringen. Es sollte für knapp 20 Jahre der letzte internationale Auftritt der Hammers bleiben.

Die sowjetische Meisterschaft hatte zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht begonnen. Am Ende der Saison, die in der UdSSR von März bis November ausgetragen wurde, sollte Tiflis auf Rang drei landen – aber mit deutlichem Abstand hinter Kiew. Šengelia krönte sich mit 23 Treffern zum Torschützenkönig.

Feyenoord Rotterdam

Derweil bahnte sich das zweite osteuropäische Endspiel in der Geschichte des Europapokals nach dem 75er Cupsieger-Finale zwischen Dynamo Kiew und Ferencváros Budapest (3:0) an. Denn die Auslosung förderte mit den Partien Carl Zeiss Jena gegen Benfica Lissabon und Feyenoord Rotterdam gegen Dinamo Tiflis zwei Ost-West-Duelle zu Tage. Erstmals in diesem Wettbewerb musste Tiflis das Hinspiel zu Hause austragen. Die Niederländer hatten nach den Erfolgen im Landesmeister-Pokal 1970 sowie im UEFA-Cup 1974 etwas von ihrer Stärke eingebüßt, gehörten aber nach wie vor zur Crème des europäischen Fußballs.

Doch vor den rund 80.000 Zuschauern im Dinamo-Stadion hatten sie am 8. April 1981 nichts zu bestellen, Kipiani und Co. spielten mit den hilflosen Feyenoord-Akteuren Katz’ und Maus. Tengiz Sulakvelidze (23’) und Gutsaev (30’) besorgten die beruhigende 2:0-Pausenführung, die Sulakvelidze nach sehenswertem Dribbling mit seinem zweiten Treffer zum 3:0 ausbaute. Feyenoord war bedient. Und doch musste Dinamo noch einmal zittern, denn im De Kuip setzte Rotterdam alles auf eine Karte. Und tatsächlich: In der 43. Minute – dem viel zitierten „psychologisch ungünstigen Zeitpunkt“ kurz vor der Pause – erzielte Karel Bouwens das 1:0 für die Platzherren. Dinamo war angeschlagen und musste sogar das 2:0 hinnehmen, als René Notten einen Strafstoß sicher verwandelte (56’). Die fanatischen Feyenoord-Fans glaubten nun an die Sensation, immerhin hatte ihr Team in der Runde zuvor Slavia Sofia mit 4:0 nach Hause geschickt. Aber Dinamo war nicht Slavia, und die Mannen von Coach Akhalkatsi retteten sich über die Zeit – Finale.

Carl Zeiss Jena

hmeyer-jenaUnd hier sollte es in der Tat zum Ostblock-Duell gegen Carl Zeiss Jena kommen, das sich überraschend gegen Benfica Lissabon durchgesetzt hatte. Der Siegeszug der Elf von Trainer Hans Meyer konnte sich wahrlich sehen lassen: In der ersten Runde sorgte der DDR-Pokalsieger für Furore, als er nach einem 0:3 im Hinspiel den AS Rom mit sage und schreibe 4:0 aus dem Ernst-Abbe-Sportfeld schoss. Noch heute schnalzen Augenzeugen mit der Zunge, wenn sie sich an den Sturmlauf der Thüringer und die Tore der Sportkameraden Andreas Krause (26’), Lutz Lindemann (38’) und Andreas Bielau (71’, 87’) zurückerinnern. Auch der Valencia CF (3:1, 0:1) und Benfica Lissabon (2:0, 0:1) blieben an Jena hängen. Erstaunlicherweise bereitete den Thüringern ausgerechnet das kleine Newport County, walisischer Pokalsieger und englischer Drittdivisionär, im Viertelfinale die größten Probleme. Nach einem kläglichen 2:2 zu Hause rettete Kapitän Lothar Kurbjuweit mit seinem Treffer zum 1:0-Endstand (27’) seine Farben vor dem blamablen Aus gegen den krassen Außenseiter.

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Gerade mal 9.000 Zuschauer verloren sich am 13. Mai 1981 im weiten Rund des Düsseldorfer Rheinstadions. Ein Endspiel zwischen Feyenoord und Benfica hätte vermutlich mehr Zuschauer angezogen, aber diesem Ostblock-Duell mangelte es – in einem westlichen Stadion – anscheinend an Attraktivität. Dabei boten beide Mannschaften eine abwechslungsreiche, dem Anlass würdige Partie. Es entwickelte sich ein rasantes Spiel mit zahlreichen Tormöglichkeiten auf beiden Seiten, und es war die Carl-Zeiss-Mannschaft, die auf Grund ihrer körperlichen Überlegenheit zunächst mehr Anteile hatte. Zu harmlos agierten allerdings die beiden Spitzen Jürgen Raab und Eberhard Vogel, die immer wieder von Libero Kurbjuweit auf die Reise geschickt, doch von der Abwehrreihe um Čivadze kontrolliert wurden. Nach knapp über einer Stunde schien aber das „ostdeutsche Kollektiv“ doch das Heft in die Hand zu nehmen: In der 63. Minute aber kombinierten sich die beiden auf der linken Außenbahn dann aber doch mal durch, und Gerhard Hoppe zimmerte Vogels Hereingabe aus zehn Metern unhaltbar unter die Latte – 1:0 für Carl Zeiss.

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Aber nun war Dinamo wachgerüttelt und glich nur vier Minuten später aus. Gutsaev verwertete ein Šengelia-Zuspiel zum 1:1. Ein moralischer Knacks für die Meyer-Truppe, die nun auch mit ihren Kräften mehr und mehr am Ende war und den Georgiern das Spiel überließ. Die Hoffnung, zumindest noch die Verlängerung zu erreichen, verflüchtigte sich drei Minuten vor dem Abpfiff, als sich Daraselia nach feinem Außenristpässchen Kipianis von seinem Bewacher löste, erst Lindemann, dann Schnuphase narrte und mit einem trockenen Linksschuss Hans-Ulrich Grapenthin zum 2:1-Endstand überwand. „Ich bin heute noch nicht darüber hinweg, dass wir damals das Europacup-Finale in Düsseldorf verloren haben. Aber zum Glück reißen sie ja das Rheinstadion jetzt ab“, sagte Meyer Jahre später. „Das war mich schon klar, dass das für mich als Trainer mit einer Bezirksauswahlmannschaft aus Jena nicht wieder kommen wird.“

Das herausragende Dinamo-Team streckte verdient den Europapokal der Pokalsieger in den Düsseldorfer Nachthimmel. Als zweiter sowjetischer Klub nach Kiew hatten die Georgier einen Europacup gewonnen – das war noch keiner Moskauer Mannschaft gelungen! Und mit so starken Spielern wie Šengelia, Kipiani und Daraselia glaubten die Dinamo-Anhänger, eine erfolgreiche Epoche vor sich zu haben. Sie sollten sich irren.

Zwar zog Dinamo 1982 als Titelverteidiger ins Halbfinale gegen Standard Lüttich ein, unterlag aber zwei Mal mit 0:1. Im selben Jahr zog sich Kipiani einen komplizierten Beinbruch zu und musste seine Karriere beenden. Schlimmer noch traf es Torjäger Daraselia, Schütze des „Goldenen Tores“ gegen Jena: Er verunglückte Ende 1982 bei einem Autounfall tödlich.


EUROPAPOKAL DER POKALSIEGER 1980/81

AS Kastoría – Dinamo Tiflis 0:0, 0:2
Waterford United – Dinamo Tiflis 0:1, 0:4
West Ham United – Dinamo Tiflis 1:4, 1:0
Dinamo Tiflis – Feyenoord Rotterdam 3:0, 0:2

Dinamo Tiflis – Carl Zeiss Jena 2:1 (0:0)
Tiflis: Gabelia – Kostava, Khizanišvili, Čivadze, Tavadze, Svanadze (67’ Kakilašvili), Kipiani, Sulakvelidze, Gutsaev, Daraselia, Šengelia. – Trainer: Akhalkatsi.
Jena: Grapenthin – Brauer, Schnuphase, Schilling, Kurbjuweit, Hoppe (88’ Övermann), Krause, Lindemann, Bielau (67’ Töpfer), Raab, Vogel. – Trainer: Meyer.
Tore: 0:1 Hoppe (63’), 1:1 Gutsaev (67’), 2:1 Daraselia (87’). – SR: Lattanzi (Italien). – Zuschauer: 9.000.
Düsseldorf, »Rheinstadion«, 13. Mai 1981

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