Lost Grounds: Estadio de Atocha

„Wir haben vor jedem Heimspiel zwei Gebete gesprochen“, sagte mal ein hochrangiger Funktionär der Real Sociedad San Sebastián. „Das erste, dass wir bitte das Spiel gewinnen mögen. Das zweite, dass hoffentlich niemand zu Schaden kommt.“

Diese Aussage macht deutlich, wie es um das Estadio de Atocha (baskisch: Atotxa) Anfang der 90er Jahre bestellt war. Das kleine Stadion im Norden der Stadt, keine 800 Meter Luftlinie vom herrlichen Stadtstrand La Concha am Atlantik entfernt, platzte im wahrsten Wortsinn aus allen Nähten. An der Außenfassade hingen Kabel lose herunter, der Putz bröckelte munter ab. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis auf den steilen Rängen etwas Schlimmeres passieren würde, etwa in einem hitzigen Basken-Derby gegen Bilbao oder gegen die großen Teams aus Madrid bzw. Barcelona. Und doch kam Wehmut auf, als das Estadio de Anoeta 1993 fertiggestellt und neue Heimat Real Sociedads wurde.

 

Das Atotxa hatte große Spiele gesehen. Ein Halbfinale im Europapokal der Landesmeister zum Beispiel (1:1 gegen den Hamburger SV) oder einen dramatischen 4:0-Sieg nach Verlängerung im Rückspiel des spanischen Supercups 1982 gegen Real Madrid. Denn Anfang der 80er Jahre schaffte es dieser verhältnismäßig kleine Klub noch, die Großen zu ärgern, und wurde zwei Mal Meister (1981 und 1982). Und das, obwohl Real Sociedad in dieser Zeit noch wie Athletic Bilbao ausschließlich auf Spieler baskischer Herkunft setzte. Eine Politik, die der Verein 1989 mit der Verpflichtung von John Aldridge aufgab.

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80 Jahre lang war das 1913 erbaute Atotxa Heimspielstätte der Blau-Weißen. Eine Modernisierung war praktisch nicht möglich, da es an allen Seiten angrenzte: an einen großen Obstmarkt im Norden, an eine Hauptstraße im Osten, an Eisenbahngleise im Westen und an ein schrecklich hässliches Bürogebäude, dem scheinbar einzigen der Stadt, im Süden. Aus diesem Grund konnte das kleine Stadion ab den 50er Jahren mit den anderen Arenen Spaniens nicht mehr mithalten und wurde aufgrund der mangelnden Modernisierungsmöglichkeiten 1982 nicht zum WM-Stadion.

Bei einem Fassungsvermögen von damals 27.400 Zuschauern fand hier 1923 das erste und einzige Länderspiel statt, als Spanien (im Baskenland nun nicht gerade bedingungslos unterstützt) Frankreich mit 3:0 bezwang. Ein Jahr später wurde in diesem Stadion das spanische Pokalfinale zwischen Unión de Irún und Real Madrid (1:0) ausgetragen.

Der britische Autor Simon Inglis bezeichnet das Atotxa in seiner Stadion-Bibel „The Football Grounds of Europe“ als hothouse for visitors, das auf allen vier Seiten unterschiedlich überdacht war und keinen Meter Platz ließ zwischen erster Reihe und Seitenauslinie, das sehr „liebenswert, aber hoffnungslos ungeeignet“ war.

Die Erfolge Real Sociedads in den 80er Jahren, 1987 kam der Gewinn der Copa del Rey hinzu, und die damit verbundenen Europapokalspiele besiegelten das Aus. Im Juni 1993 mussten die Verantwortlichen ein letztes Mal zwei Gebete aussprechen. Beide wurden erhört: Real Sociedad besiegte Teneriffa mit 3:1 und niemand kam zu Schaden.

Anschließend diente das Atotxa noch ein paar Jahre einer Rugbymannschaft als Trainingsstätte, ehe es 1999 endgültig abgerissen wurde – und die Hallen des Obstmarkts auf der Nordseite gleich mit. Heute befindet sich hier ein großer Wohnkomplex mit dem ehemaligen Spielfeld als Innenhof inklusive Supermarkt und Kinderspielplatz. Nur das hässliche Bürogebäude steht immer noch da.

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