Vergessene Klubs: Hartford Whalers

hartford-whalers-79-92Und da heißt es, die US-Amerikaner pfeifen auf Tradition. Kurz vor Weihnachten liefen die Carolina Hurricanes aus der National Hockey League im Heimspiel gegen die Boston Bruins nicht in ihren etatmäßigen Trikots aufs Eis, sondern im grünen Outfit der Hartford Whalers – jenem Team, das vor 21 Jahren von Connecticut nach North Carolina transferiert wurde. In der „Whalers Night“ präsentierten sich die „Canes“ in jener Kluft, die die Hartford Whalers von 1985 bis 1989 trugen – und besiegten die Bruins, in deren „Garden“ ihre Geschichte einst begann, mit 5:3.

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Der Finne Sebastian Aho markierte beim 5:3 der Hurricanes gegen die Bruins zwei Tore im Trikot der Hartford Whalers. Aho wurde im Mai 1997 geboren, einen Monat zuvor hatten die Whalers ihr letztes NHL-Spiel in Hartford ausgetragen.

Das 1975 eröffnete Hartford Civic Center wurde von den gegnerischen Fans müde belächelt. Die Heimspielstätte der Whalers hatte nichts von den glamourösen Superlativ-Arenen, die in den Jahren zuvor in Nordamerika aus dem Boden gestampft worden waren. Es war von einem Einkaufszentrum umgeben, was nicht gerade den Hochglanz einer Profi-Liga wie der NHL widerspiegelte. Und überhaupt der Standort: Hartford, Connecticut. Etwas über 100.000 Einwohner, ein Witz im Vergleich zu den Metropolen New York, Los Angeles, Chicago oder Boston.

Boston ist der Geburtsort der Whalers. Als die World Hockey Association (WHA), das Konkurrenzprodukt zur NHL, im September 1971 aus der Taufe gehoben wurde, beschlossen ihre Gründer, dass ein Team in der New-England-Region beheimatet sein sollte. Die Wahl fiel auf Boston, wo sich mehrere Investoren um den Filmproduzenten Howard Baldwin zusammentaten, um nur zwei Monate später die New England Whalers ins Leben zu rufen. Erste Heimat der neuen Franchise war ausgerechnet der Boston Garden, in dem die Boston Bruins aus der NHL zu Hause waren. Der traditionsreiche Lokalrivale hatte im Mai 1972 zum fünften Mal den Stanley Cup gewonnen, es war also ein sehr schwieriges Umfeld für die Whalers, um in der fünf Monate später beginnenden Premierensaison das Bostoner Publikum auf ihre Seite zu ziehen.

Die Verantwortlichen versuchten es daher mit einigen Tricks: So engagierten sie zum Beispiel Bruins-Abwehrspieler Ted Green und machten ihn zum ersten Kapitän. Zudem sicherten sie sich die Dienste zweier Bostoner „Urgesteine“, Timothy Sheehy und Thommy Williams, die den Großteil ihrer Karrieren in Boston verbracht hatten, sowie vieler im Bundesstaat Massachusetts geborener Spieler, um einen Lokalkolorit zu erzeugen, während die anderen Teams auf abgehalfterte NHL-Stars setzten.

Die Rechnung ging auf. In ihrem ersten Spiel drehten die Whalers einen 0:2-Rückstand gegen die Philadelphia Blazers in einen 4:3-Sieg, gewannen die Regular Season und setzten sich in den Playoffs gegen die Ottawa Nationals, die Cleveland Crusaders und im Finale gegen die Winnipeg Jets mit jeweils 4:1-Siegen durch. Die New England Whalers feierten unter der Leitung von Coach Jack Kelley die erste Meisterschaft der neuen Liga, die es aber nicht geschafft hatte, den Siegerpokal rechtzeitig fertigzustellen.

Der Erfolg konnte nicht verhindern, dass die Whalers aus dem „Garden“ gedrängt wurden, wo die Terminkalender der Bruins und der Boston Celtics (Basketball) Priorität genossen, und sie sich eine neue Heimat suchen mussten, die sie zunächst in West Springfield, Massachusetts, und ab 1975 in Hartford mit seinem nagelneuen Civic Center fanden.

hcc-dach-1978Am 18. Januar 1978 stürzte in Folge eines heftigen Schneesturms das Dach der Arena ein, die glücklicherweise menschenleer war und es somit keine Verletzten zu beklagen gab. Der Wiederaufbau dauerte allerdings ein Jahr, in dieser Zeit wichen die Whalers nach Springfield, Massachusetts, aus. Mittlerweile hatten sie einen absoluten Top-Star, den Hall of Famer Gordie Howe, stolze 49 Jahre alt, sowie dessen beiden Söhne Mark und Marty von den Houston Aeros verpflichtet. Mit den Howes erreichten die New England Whalers 1978 noch einmal das WHA-Finale, kamen aber gegen die Winnipeg Jets diesmal mit 0:4 unter die Räder. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits Gerüchte, dass die WHA finanziell am Ende sei, was sich schließlich bewahrheitete und 1979 das Ende der kurzen Existenz herbeiführte.

Ganze sieben Mannschaften waren in die siebte und letzte Spielzeit gestartet, in der außer Konkurrenz auch die Nationalteams der Sowjetunion, der Tschechoslowakei sowie Finnlands mitmischten, eine Franchise ging mitten in der Saison bankrott. Von den sechs übrig gebliebenen Unternehmen erhielten zwei eine finanzielle Entschädigung, währen die anderen vier – Meister Winnipeg Jets, die Edmonton Oilers, die Quebec Nordiques und eben die New England Whalers – in die NHL übernommen wurden.

Neustart in der NHL

Um seiner Identifikation mit ihrer Heimatstadt Ausdruck zu verleihen, benannte sich der einzige Profi-Klub im Bundesstaat Connecticut in Hartford Whalers um – auch wenn er aufgrund der Dachreparaturen seine ersten Heimspiele von Oktober 1979 bis Februar 1980 noch in Springfield austragen musste. Der erste Auftritt im wiedereröffneten Civic Center endete vor ausverkauften Rängen und 14.460 Zuschauern mit einem 7:3-Erfolg gegen die Los Angeles Kings. Neben Gordie Howe ließ ein weiterer Altstar (und späterer Hall of Famer), der 41-jährige Bobby Hull, seine Karriere bei den Whalers ausklingen.

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In der Debütsaison in der NHL erreichte Hartford die Playoffs, schied aber in der ersten Runde gegen die Montreal Candiens mit 0:3 aus. Howe sr. und Hull bestritten in dieser Serie ihre letzten Partien auf Profi-Niveau. In ihrem letzten Spiel am 12. April 1980 unterlagen die Whalers den Canadiens zu Hause mit 3:4 nach Verlängerung. Drei Tage zuvor hatte Gordie Howe beim 4:8 im Montreal Forum mit einem Rückhandschuss sein letztes Tor erzielt – mit 52 Jahren! Er ist somit der bis heute älteste NHL-Torschütze der Geschichte, und damit die Sache schön rund wird: Den Assist lieferte Sohnemann Mark.

In den folgenden fünf Jahren verpassten die Whalers die Playoffs. 1986 aber erlebte das Civic Center einige große Spiele: zunächst das 38. All Star Game (mit dem Whaler Sylvain Turgeon), wenige Wochen später die Playoff-Serien gegen die Nordiques und die Canadiens. Die Nordiques hatten die Adams Division gewonnen und gingen hochfavorisiert in dieses Best-of-five-Duell, verloren aber die ersten beiden Heimspiele und gingen schließlich in Hartford 4:9 unter. Es war der Höhepunkt der Hartford-Historie, denn nie wieder würden die Whalers eine Playoff-Serie gewinnen.

In der zweiten Runde, den Division Finals, lieferten sie aber den Canadiens einen großartigen Kampf. Kevin Dineen erzwang mit dem einzigen Treffer in Spiel sechs im Civic Center ein alles entscheidendes letztes Match in Montreal, das Claude Lemieux nach 5:55 Minuten in der Verlängerung für die Canadiens entschied, die anschließend den Stanley Cup gewannen und in den weiteren Serien gegen die New York Rangers (4:1) und die Calgary Flames (4:1) weitaus weniger Mühe hatten.

Die Säulen jener Whalers-Mannschaft waren neben Turgeon und Dineen der schwedische Abwehrrecke Ulf Samuelsson sowie der 1981 an Nummer vier gedraftete Center Ron Francis, der zehn Jahre für Hartford spielte. Ein Jahr nach dem bitteren Ausscheiden errangen die Whalers den größten Erfolg ihrer NHL-Zugehörigkeit, als sie zum ersten und letzten Mal den Division-Titel gewannen, allerdings in den Playoffs von den Nordiques überrascht wurden, die sich somit erfolgreich revanchierten.

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Ron Francis spielte sowohl für die Whalers als auch für die Hurricanes. 2007 wurde der Center in die Hall of Fame aufgenommen.

Auch in den kommenden fünf Spielzeiten erreichten die Whalers die Playoffs, jedesmal als Vierter in ihrer Division, jedesmal schieden sie in der ersten Runde aus. Zwei Mal ausgerechnet gegen die Boston Bruins, 1992 dann wiederum auf hochdramatische Art und Weise gegen die Canadiens. Weil es alle drei Spiele im Civic Center gewann, erkämpfte sich Hartford eine siebte Partie, die es diesmal nicht nach einer, sondern nach zwei Verlängerungen verlor. Andrew Cassels und Geoff Sanderson hatten im zweiten Drittel zum 2:2 ausgeglichen, ehe Russ Courtnall nach insgesamt knapp über 85 Minuten den K.o. der Whalers besiegelte, die daraufhin nie wieder ein Playoff-Spiel bestreiten sollten – zumindest nicht unter diesem Namen.

Nach der Saison 1993/94 wurden die Wahlers für 47,5 Millionen Dollar an den Geschäftsmann Peter Karmanos Jr. verkauft. Dessen Wünsche, dass die Stadt Hartford ihrem Team eine neue, zeitgemäßere Arena bauen solle und mehr als die zuletzt 11.000 Dauerkarten verkauft werden müssten, blieben unerfüllt, so dass der Geschäftsführer des Softwareunternehmens Compuware zum Entsetzen der Eishoxckey-Fans in Connecticut im März 1997 umgerechnet 20,5 Millionen Dollar auf den Tisch legte, um die Franchise aus dem Mietvertrag mit dem Civic Center herauszukaufen und den Umzug in eine andere Stadt voranzutreiben. Das letzte Spiel in der als „Shopping Mall“ verspotteten Arena gewann Hartford 2:1 gegen Tampa Bay, das letzte Whalers-Tor markierte Kapitän Dineen.

Eigentlich hätten die Wahlers als „Hampton Roads Rhinos“ nach Norfolk, Virginia, umziehen sollen, doch auch in dieser „Profi-Liga-Diaspora“ gab es Probleme, ausreichend Dauerkarten an den Fan zu bringen, womit die Wahl letztlich auf North Carolina fiel. Die Stadt Raleigh hatte sich bereit erklärt, eine moderne Arena zu bauen, doch bis diese 1999 eröffnet wurde, spielten die Carolina Hurricanes, wie sich die Franchise fortan nannte, in Greensboro. 2002 erreichten die „Canes“ das Finale um den Stanley Cup, den sie vier Jahre später sogar gewannen (4:3 gegen die Edmonton Oilers).

Und Hartford?

Die „Versicherungsstadt“ bekam mit den Hartford Wolf Pack (vormals Binghamton Rangers) ein neues Eishockey-Team, allerdings eines aus der zweitklassigen American Hockey League. Kapitän Dineen blieb der Franchise treu, ehe er 1999 nach Ottawa wechselte. Und Ron Francis, der von 1991 bis 1998 für die Pittsburgh Penguins spielte und zwei Mal den Stanley Cup gewann, kehrte 1999 zurück, um fünf Jahre als Canes-Captain auf dem Eis zu stehen. Er beendete seine aktive Karriere 2004 und wurde 2007 in die Hall of Fame aufgenommen.

Der letzte Spieler, der noch als ehemaliger Whaler aktiv auf dem Eis stand, war Goalie Jean-Sébastien Giguère. Er beendete seine Laufbahn 2014. Das letzte, was die Hurricanes noch mit Hartford verbindet, ist die Tor-Sirene in Raleighs PNC Arena. Es ist dieselbe, die einst nach Whalers-Treffern im Civic Center ertönte.

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