Traumtanz: Wolverhampton Wanderers 1971/72

wolves-1972Die Wolverhampton Wanderers sind an allem schuld. Ohne sie hätte es vielleicht gar keinen Europapokal gegeben. Doch dann gewannen sie im Dezember 1954 das mit Spannung erwartete Freundschaftsspiel gegen Honvéd Budapest im heimischen Molineux nach 0:2-Pausenrückstand noch mit 3:2. Knapp ein Jahr, nachdem die ungarische Nationalelf England im Wembley-Stadion beim 6:3 gedemütigt hatte, glückte dem amtierenden Champion aus dem Fußball-Mutterland gegen Puskás, Czibor, Bozsik und Co. zumindest eine kleine Revanche. Und als die englische Fachpresse dies zum Anlass nahm, die Wanderers mit ihrem unumstrittenen Star Billy Wright zur stärksten Mannschaft der Welt zu deklarieren, lancierte der Franzose Gabriel Hanot, Journalist bei L’Équipe, die Idee eines europäischen Wettbewerbs, der die wahrhaft stärkste Elf des Kontinents ermitteln sollte. „Wir wollen abwarten, bis Wolverhampton in Moskau und Budapest gespielt hat, bevor wir sie als unschlagbar bezeichnen“, schrieb er in seinem Blatt.

Nur wenige Tage später skizzierte er einen ersten Entwurf und zählte 18 mögliche Teams – allesamt Meister ihres Landes – auf, die am geplanten „Pokal der europäischen Meisterklubs“ teilnehmen könnten. Bereits ein dreiviertel Jahr später war es soweit. Hanot hatte die UEFA von seinem Projekt überzeugt. Im September 1955 erfolgte der Anpfiff zu diesem internationalen Wettbewerb. Nur: weder Honvéd noch die Wanderers waren dabei. Wolverhampton hatte die Meisterschaft an Chelsea verloren. Doch die Londoner beugten sich dem Druck des englischen Verbandes, der diesen Pokalwettbewerb in der Befürchtung, er könne eine zu große Konkurrenz für die heimische Liga werden, ablehnte – und nahmen gar nicht teil. In Ungarn behielt sich der Verband die Nominierung des teilnehmenden Vereins selbst vor und schickte anstelle des Meisters Honvéd das Team von Vörös Lobogó (heute MTK Budapest) mit seinen Stars Péter Palotás und Nándor Hidegkuti ins Rennen. Der Rest ist Geschichte: Real Madrid holte den Cup, während weder Wolverhampton noch Honvéd jemals einen europäischen Wettbewerb gewinnen sollten.

Dennoch drückten auch die Wolves („Wölfe“) dem Europapokal ihren Stempel auf. Allerdings erst 16 Jahre später. In der Zwischenzeit waren zwei zusätzliche Wettbewerbe hinzugekommen: Der Cup der Pokalsieger (1960) und der UEFA-Pokal, der gerade den weniger attraktiven Messestädte-Pokal abgelöst hatte und für den sich die unmittelbar hinter den jeweiligen Landesmeistern platzierten Klubs aus 32 Verbänden qualifizierten. In England – das mit Leeds, Newcastle, Arsenal und erneut Leeds die vier letzten Gewinner des Messestädte-Pokals gestellt hatte – waren dies Leeds United (2.), Tottenham Hotspur (3.), die Wolverhampton Wanderers (4.) und Southampton (7.), das davon profitierte, dass sowohl Liverpool (5.) als auch Titelverteidiger Chelsea (6.) im Cup der Pokalsieger starteten.

Die Aufregung im Hôtel des Bergues war groß. In der Genfer Nobel-Herberge herrschte unter den Repräsentanten der 64 Vereine eine Mischung aus Vorfreude und Furcht. Vorfreude auf lukrative Spiele im internationalen Geschäft, Furcht vor einem allzu starken Gegner in der ersten Runde. Darüber, dass der neue Wettbewerb eine tolle Idee war, waren sich alle Beteiligten einig. Die ungarische Sportzeitung Népsport fieberte jedenfalls dem Auftakt entgegen und schrieb: „Eine feine Sache, der UEFA-Pokal. Hier sind die besten europäischen Vereine von gestern und morgen vertreten. Nahezu jedes Land schickt seinen Vizemeister in diesen Wettbewerb. Und so viele klangvolle Namen wie der UEFA-Pokal weisen weder der Meister-Wettbewerb noch der Cupsieger-Pokal auf: Real Madrid, der erfolgreichste Verein der Nachkriegsgeschichte, die Spurs aus Tottenham, Leeds United, Österreichs Rekordmeister Rapid Wien, der Hamburger SV mit Uwe Seeler und AC Mailand. Oder denken wir an unsere beiden Traditionsklubs Ferencváros und Vasas, die im Vorgänger aller europäischen Wettbewerbe, im Mitropa Cup, schon vor Jahrzehnten für Schlagzeilen sorgten!“ Keinen Platz fand der Schreiber dieses Artikels für das Team aus Wolverhampton. Warum auch? Billy Wright hatte seine Stiefel längst an den Nagel gehängt und die letzte internationale Teilnahme der Wolves lag bereits zehn Jahre zurück.

Académica de Coimbra

In den West Midlands wussten sie nicht so recht, was sie mit dem Erstrunden-Los anfangen sollten. Der portugiesische Vertreter Académica de Coimbra war zwar sicherlich nicht der gefürchtete Überflieger. Im EC2 waren die Portugiesen allerdings eineinhalb Jahre zuvor erst im Viertelfinale am späteren Sieger Manchester City gescheitert, und das auch nur sehr unglücklich: Nach dem 0:0 in Coimbra erzielte City das alles entscheidende Tor erst eine Minute vor dem Ablauf der Verlängerung. Wolverhamptons Coach Bill McGarry, der seit 1968 bei den Wanderers das Sagen hatte, war also gewarnt.

wolves-academicaMit Spannung erwarteten die Fans am 15. September 1971 den ersten UEFA-Cup-Auftritt ihres Teams im Molineux. Und die Spieler in den orangefarbenen Trikots drängten die „Akademiker“ von Beginn an in die eigene Hälfte. Nach einer knappen halben Stunde hatten sie in dieser einseitigen Begegnung erstmals Grund zum Jubeln, als John McAlle zum 1:0 traf (28’). Nach der Pause legten die Platzherren noch einmal einen Zahn zu. Die Stürmer John Richards (62’) und Derek Dougan (89’) schraubten das Resultat auf ein beruhigendes 3:0. Das sollte reichen.

Und in der Tat: Nach anfänglichen Schwierigkeiten entpuppte sich der Ausflug in die portugiesische Universitätsstadt als Spaziergang. Zwar schoss Manuel António seine Farben nach einer Viertelstunde in Front, doch Dougans Ausgleichstreffer nur acht Minuten später versetzte Académica den K.o.-Schlag. Die weiteren Tore durch McAlle (57’) und wiederum zwei Mal Dougan (72’, 90’) zum überzeugenden 4:1-Auswärtserfolg hatten allerdings mehr als nur statistischen Wert: Sie gaben den Wolves das nötige Selbstvertrauen für die kommenden Runden. Für Académica hingegen folgte eine rabenschwarze Saison. Hatten sie in der Spielzeit zuvor mit einer makellosen Heimbilanz noch Rang fünf belegt, musste Coimbra im Sommer 1972 den bitteren Gang in die zweite Liga antreten.

FC Den Haag

In der nächsten Runde wartete der FC Den Haag, der nur wenige Wochen zuvor aus der Fusion zwischen ADO, dem Tabellendritten der Eredivisie, mit dem Fast-Absteiger Holland Sport hervorgegangen war und sich gegen Aris Bonneweg aus Luxemburg mühelos durchgesetzt hatte. In den Reihen der Niederländer spielte ein gewisser Dick Advocaat, der zwar Jahre später als Trainer – unter anderem als Bondscoach – von sich reden machen sollte, aber im Hinspiel gegen Wolverhampton im heimischen Zuiderpark keinen sonderlich guten Tag erwischte und ausgewechselt wurde. Doch allein am „kleinen General“, wie Advocaat damals allerdings noch nicht genannt wurde, lag es nicht, dass der Fusionsklub chancenlos blieb. Eine Stunde lang hielt Den Haag einigermaßen mit, aber nach dem 0:1 durch Dougan (63’) – es war bereits der fünfte Europapokaltreffer des 34-jährigen Haudegens – brachen die Südholländer ein. Wolverhamptons Kapitän Jim McCalliog erhöhte kurz darauf auf 0:2 (74’), ehe Ken Hibbitt mit dem 0:3 (80’) bereits die Weichen auf Achtelfinale stellte. Daran änderte auch das Elfmetertor durch Harry Hestad nichts mehr, der kurz vor Schluss vom Punkt auf 1:3 verkürzte (89’). Es war in den 31 Partien der zweiten Runde (ein Spiel wurde nicht ausgetragen) der einzige Auswärtssieg!

Wolverhampton Wanderers v Den Haag - November 1971
Kees Weimar (am Boden) erzielt das erste von drei Eigentoren in einer Halbzeit. Im Hintergrund Derek Dougan sowie der legendäre Molineux Street Stand.

Kurios verlief dann das Rückspiel im Molineux, das immerhin 20.300 Zuschauer sehen wollten, obwohl das Duell praktisch schon entschieden war. Nachdem Torjäger Dougan bereits nach sieben Minuten die Wolves erneut in Front geschossen hatte, benötigten die Niederländer nunmehr drei Treffer, um zumindest die Verlängerung zu erreichen. Diese drei Tore sollten ihnen auch tatsächlich gelingen – allerdings trafen sie dabei unglücklicherweise immer ins eigene Netz. Den Haags Keeper Ton Thie konnte einem wirklich Leid tun. Zunächst überwand ihn Kees Weimar zum 2:0 (50’), kurze Zeit später setzte ausgerechnet Goalgetter Aad Mansveld noch einen drauf (58’). Doch damit nicht genug. Eine Minute vor dem Ende war Theo van der Burch an der Reihe – 4:0. Drei Eigentore in einer Halbzeit, das gibt es wahrlich nicht alle Tage.

Wolverhampton stand im Achtelfinale, doch zwei andere englische Teams hatten derweil die Segel streichen müssen. Leeds United, das als amtierender Messepokalsieger sozusagen Titelverteidiger war, hatte schon in der ersten Runde eine bitterböse Überraschung erlebt, als es nach dem 2:0-Auswärtssieg bei den Belgiern vom Lierse SK zu Hause auf sechs Stammkräfte verzichtete und prompt mit 0:4 verlor. Southampton hingegen hatte gegen die Basken von Athletic Bilbao den Kürzeren gezogen. Lediglich die Spurs aus dem Norden Londons waren wie die Wolves noch im Rennen.

Carl Zeiss Jena

Die Auslosung für das Achtelfinale bescherte den „Wölfen“ den DDR-Vertreter Carl Zeiss Jena. In Thüringen hatte bereits Ende November der Winter Einzug gehalten, doch die Elf von Coach McGarry kam mit dem schneebedeckten Untergrund des Ernst-Abbe-Sportfeldes hervorragend zurecht. Der junge Richards, der gerade seinen 21. Geburtstag gefeiert hatte und sich in den Folgejahren noch zum Toptorjäger entwickeln sollte, entwischte schon nach zwölf Minuten der Carl-Zeiss-Defensive und markierte vor knapp 10.000 Zuschauern das frühe 1:0. Bei diesem Ergebnis blieb es, die Wanderers fuhren im fünften Spiel den fünften Sieg ein. Und sie sollten auch nach der sechsten Partie eine blütenweiße Weste behalten, denn in Molineux hatten die Thüringer nicht den Hauch einer Chance. Letzte Zweifel räumte Hibbitt mit seinem frühen 1:0 beiseite (8’), ehe Dougan mit seinen Toren sieben (35’) und acht (60’) für den 3:0-Endstand sorgte.

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Wolverhampton war mehr oder weniger im Schnelldurchgang ins Viertelfinale eingezogen, doch während der Klub auf der internationalen Bühne „überwinterte“, dümpelte er in der heimischen First Division nur im Mittelfeld der Tabelle herum. Dennoch: Englische Teams waren schon damals unbequeme Gegner und die sechs anderen verbliebenen Klubs hofften, bei der Auslosung sowohl den Spurs als auch den Wanderers aus dem Weg gehen zu können. Ein Wunsch, der sich für Juventus Turin, dem Team des deutschen Ex-Nationalspielers Helmut Haller, nicht erfüllte: Als erste Viertelfinalpaarung wurde das Duell Juve gegen Wolverhampton aus dem Lostopf gezogen.

Juventus Turin

Die „Alte Dame“ befand sich gerade in einem Nerven aufreibenden Dreikampf um die italienische Meisterschaft, den sie am Ende für sich entscheiden sollte. Als sie am 7. März 1972 die Briten im Stadio Comunale empfing, hatte die Truppe des tschechischen Trainers Čestmír Vycpálek gerade zwei Zähler Vorsprung auf Milan und Torino. In Turin waren die Fans nicht gut auf britische Teams zu sprechen, hatte Juventus doch im Vorjahr gegen Leeds United das Finale um den letzten Messestädte-Pokal nur auf Grund der neu eingeführten Auswärtstorregel verloren. Dem 2:2 in Turin folgte ein 1:1 in Leeds.

Die Juve-Elf war nahezu identisch geblieben. Lediglich Roberto Bettega fiel mit einer Lungenerkrankung aus, für ihn spielte Adriano Novellini, der im ersten Finale gegen Leeds noch für Pietro Anastasi eingewechselt worden war. Und eben jener Anastasi war es, der die Bianconeri gegen Wolverhampton in der 37. Minute mit 1:0 in Führung brachte. Die technisch beschlagenen Italiener taten sich gegen die körperlich überlegenen Engländer allerdings sehr schwer und mussten nach dem Wechsel dem Kräfteverschleiß Tribut zollen. Erst als McCalliog der Ausgleich für die Wolves gelang (66’), rafften sich die Turiner noch zu einer Schlussoffensive auf, die allerdings nicht von Erfolg gekrönt war.

Über 40.000 erwartungsfrohe Zuschauer strömten zwei Wochen später ins Molineux und sahen eine bessere B-Elf Juves, weil Coach Vycpálek angesichts des bevorstehenden Derbys mit dem Toro gleich auf mehrere Stammspieler verzichtete. So blieben unter anderem Franco Causio, Fabio Capello und Anastasi draußen. Eine Maßnahme, die sich in doppelter Hinsicht nicht auszahlen sollte. Denn sowohl das Turiner Stadtderby vier Tage später als auch das Viertelfinal-Rückspiel in Wolverhampton verlor Juve mit 2:1. Danny Hegan kurz vor (40’) und Dougan (52’) kurz nach der Pause sorgten zunächst für klare Verhältnisse, ehe Haller mit seinem Elfmetertor sechs Minuten vor dem Ende doch noch das große Zittern auslöste. Novellini hatte in der 90. sogar noch den Ausgleich auf dem Fuß, der das Aus für die Wolves bedeutet hätte.

Haller, der Rebell, setzte sich mit der Niederlage auf seine Weise auseinander. Bei der späteren Zimmerinspektion im Hotel glänzte der Deutsche durch Abwesenheit. Nun war Wolverhampton nicht gerade London, und die Juve-Verantwortlichen griffen den Nachtschwärmer im fünften Pub, den sie aufsuchten, leicht angetrunken auf. Vycpálek strich Haller anschließend aus dem Kader und von der Gehaltsliste. Der Tscheche sollte am Ende der Saison zwar dennoch den Gewinn der Meisterschaft unter Dach und Fach bringen, doch zum Feiern war dem Coach nicht zu Mute. Bei einem Flugzeugabsturz am 5. Mai 1972 in Palermo – nur wenige Wochen nach dem Wolverhampton-Spiel und zwei Tage vor dem drittletzten Spieltag der Serie A – verloren 108 Menschen ihr Leben, darunter Vycpáleks Sohn Čestmír junior.

Ferencváros Budapest

„Hoffentlich prallen Tottenham und Wolverhampton nicht aufeinander“, schrieb der Daily Express vor der UEFA-Pokal-Halbfinalauslosung im Züricher St.-Gotthard-Hotel – und wurde erhört. Während es die Spurs mit dem AC Mailand zu tun bekamen, mussten die Wanderers zunächst nach Budapest zu Ferencváros reisen. Fradi hatte sieben Jahre zuvor den Messepokal gewonnen (1:0 im Finale gegen Juventus) und mit Flórián Albert Europas Fußballer des Jahres 1967 in seinen Reihen. Der Traditionsklub befand sich gerade im Umbruch und war im Begriff, ein Team aufzubauen, das drei Jahre später das Finale im Pokalsieger-Wettbewerb erreichen sollte. Für die Wanderers reichte es jedoch noch nicht. 45.000 Zuschauer säumten die Ränge des Budapester Népstadions, in dem die englische Nationalelf gegen die „magischen Magyaren“ 18 Jahre zuvor beim 1:7 ihre schwärzeste Stunde erlebt hatte. Die Wolves gingen, von der Historie unbeeindruckt, in der 18. Minute durch Richards 1:0 in Führung. Ferencváros hielt aber dagegen und drehte noch vor der Pause den Spieß um. Zunächst verwandelte István Szőke einen Strafstoß (29’), nur drei Minuten später traf Albert nach feiner Einzelleistung zum 2:1. Die Ungarn wähnten sich bereits im Finale, als der Unparteiische in der zweiten Halbzeit erneut auf den Punkt deutete. Doch Wolves-Keeper Phil Parkes parierte Szőkes Elfmeter und nun setzten die Wanderers zur Schlussoffensive an. In der 80. Minute köpfte Frank Munro schließlich das 2:2. Im weiten Rund des Népstadions machte sich Schweigen breit. Plötzlich hatten die Wanderers die besseren Karten.

Für die älteren Fans wurden Erinnerungen an 1954 wach, als die Budapester zum Halbfinal-Rückspiel am 19. April 1972 im Molineux einliefen. Nur diesmal war es eben Ferencváros und nicht Honvéd. Coach McGarry hatte sich zuvor den Kopf zerbrochen, wie er den Ausfall seines Linksaußen David Wagstaffe kompensieren könnte. Eigentlich blieb ihm nur die Alternative Steve Daley, doch der war im Laufe dieses Wettbewerbs nur einmal eingewechselt worden und hatte noch kein Spiel von Beginn an bestritten. Es dauerte gerade mal 25 Sekunden, dann waren alle Zweifel vom Tisch: Ausgerechnet Daley markierte schon in der ersten Minute das 1:0 für die Platzherren, die nun die Partie in Ruhe verwalten konnten. Unmittelbar vor der Pause köpfte Munro das 2:0, doch die Ungarn gaben sich noch nicht geschlagen. Gerade mal zwei Minuten standen beide Teams nach dem Wiederanpfiff auf dem Platz, da war Lajos Kű mit dem Anschlusstreffer zur Stelle (47’). Ein weiteres Tor für Fradi, und die Wanderers müssten erstmals in eine Verlängerung. Aber die Abwehr der „Wölfe“ stand sattelfest, zudem parierte Parkes erneut einen Elfmeter des Unglücksraben Szőke.

„Jetzt packen wir auch noch Tottenham“, jubelten die Fans nach dem Schlusspfiff. Ohne eine einzige Niederlage war ihr Team ins Finale vorgedrungen – und hier warteten tatsächlich die Landsmänner aus London. Die Spurs hatten nach dem 2:1-Heimsieg über den AC Mailand in San Siro ein 1:1 erkämpft, und Trainer Bill Nicholson gab sich zuversichtlich: „Was mir in meiner Sammlung noch fehlt, ist der Europapokal der Landesmeister und der UEFA-Pokal. Und den holen wir gegen unsere Freunde aus Wolverhampton.“

Tottenham Hotspur

Wolves gegen Spurs – diese Finalpaarung war die logische Fortsetzung des von englischen Klubs dominierten Vorgänger-Wettbewerbs. Knapp 40.000 Zuschauer strömten am 3. Mai 1972 ins Molineux, mussten aber mit ansehen, wie die Gäste – allen voran Martin Chivers – schnell das Heft in die Hand nahmen. Der lange Stürmer setzte zunächst einen Freistoß an den Pfosten und köpfte später nur knapp über die Querlatte. Der sowjetische Unparteiische Tofiq Bahramov, er hatte sechs Jahre zuvor in London als Linienrichter des WM-Finals England gegen Deutschland Geoff Hursts umstrittenes „Wembley-Tor“ anerkannt, musste nach hart geführten Zweikämpfen im Mittelfeld einige Gelbe Karten verteilen. Nach der torlosen ersten Hälfte machte sich im zweiten Abschnitt die größere Erfahrung in Reihen der Spurs gegen das junge Team aus Wolverhampton bemerkbar. Kapitän Alan Mullery war im Mittelfeld für den jungen Hegan zu stark. Und dann war da noch Pat Jennings, der nordirische Keeper Tottenhams, der die Wanderers in ihrer Sturm- und Drangphase zur Verzweiflung brachte. Als er dann doch einmal geschlagen war, Richards hatte die Kugel an ihm vorbei Richtung leeres Tor geschlenzt, kratzte Abwehrrecke Cyril Knowles den Ball noch von der Linie (54’). Die darauffolgende Ecke – eine von vier im Zeitraum von zwei Minuten – wurde ebenfalls gefährlich, aber Phil Beals brachte seinen Blondschopf in Hibbitts Schuss. Vor Jennings baute sich eine weiße Wand auf, und den Wanderers wollte es nicht gelingen, sie zu sprengen. Dann holten die nach der Shakespeare-Figur Harry Hotspur benannten „Heißsporne“ zum Gegenschlag aus. Der walisische Hüne Mike England schlug einen Freistoß über 50 Meter in den Strafraum der Wanderers, und als der herauslaufende Parkes sich auf halbem Weg umentschied, schaltete Chivers am Schnellsten: Kopfball, Tor, 0:1. Doch die Wolves sollten sich schnell von diesem Schock erholen. Als Bahramov eine Viertelstunde später einen Freistoß für die Platzherren verhängte und Mullery wie gewohnt mit ihm über diese Entscheidung diskutieren wollte, nutzte Richards die Konfusion aus und brachte, ehe sich die Mauer der Spurs formiert hatte, mit einem Kurzpass McCalliog in Position. Der ließ sich nicht zwei Mal bitten und glich mit einem trockenen Schuss aus (72’). Nun setzten die Wanderers alles auf eine Karte. Der Druck wurde immer stärker, so dass sich Nicholson genötigt sah, den defensiven John Pratt für Stürmer Ralph Coates zu bringen. Doch der Neue fiel zunächst nur dadurch auf, dass er um ein Haar ein Eigentor fabriziert hätte, was aber Jennings mit einer Glanzparade zu verhindern wusste. In der Schlussphase öffneten die Wolves ihre Abwehr – und wurden knallhart bestraft. Mullery löste sich aus dem Getümmel des Strafraums, erspähte den sträflich allein gelassenen Chivers am linken Flügel und bediente ihn mit einem präzisen Pass. Nach einem Sprint über 50 Meter bemerkte Chivers, dass alle mit einem Abspiel rechneten, also zog er einfach aus 30 Metern ab – und traf (87’) zum 1:2-Endstand.

Nach dieser Niederlage traten die Wolves 14 Tage später als Außenseiter an der White Hart Lane an. Das einzige Bestreben Tottenhams war es, die Wanderers nicht ihr gewohntes Offensivspiel aufziehen zu lassen. Erneut regierte Mullery, unterstützt vom jungen Steve Perryman, im Mittelfeld und strafte seine Kritiker, die den alten Haudegen bereits abgeschrieben hatten, Lügen. In der 29. Minute ließ er sie alle verstummen. Martin Peters trat einen Freistoß von der linken Seite in den Strafraum, Mullery hechtete aus dem Hintergrund heran und erwischte den Ball einen Meter über der Grasnarbe, um ihn an Parkes vorbei ins Tor zu köpfen – 1:0. Bei dieser Aktion kollidierte der Spurs-Kapitän allerdings mit dem gegnerischen Keeper und blieb mehrere Minuten benommen am Boden liegen. Den Torjubel nahm er nur verschwommen wahr. Wieder steckten die Wanderers den Schock schnell weg. Hegan und Gerard Taylor zwangen den überragenden Jennings zu einigen Paraden, doch als schließlich die Kugel Wagstaffe vor die Füße sprang, war auch der nordirische Schlussmann machtlos. Der Wolves-Stürmer hatte an der Strafraumgrenze gelauert, war einige Meter in den Sechzehner vorgestoßen, um schließlich einen platzierten Linksschuss abzufeuern, der von der Innenseite des Pfostens zum 1:1 ins Netz sprang (40’). Die „Wölfe“ übernahmen nun das Kommando. Doch ausgerechnet an jenem Abend stellte Jennings unter Beweis, dass er in diesen Tagen zu den besten Keepern der Welt gehörte. Erst spitzelte er einen Kopfball von Dougan über die Latte, hechtete, um einen Richards-Schuss auf der Linie abzuwehren, und lenkte einen gefährlichen Drehschuss von McCalliog über den Querbalken. Letztlich wurde er von einem Kopfball Dougans bezwungen, doch der niederländische Schiedsrichter Laurens van Ravens entschied auf Abseits. Dougan war platt, der Torjäger hatte sich in beiden Spielen vergeblich aufgerieben. Mit einer Oberschenkelverletzung musste er nach 84 Minuten vom Platz. Da wusste auch Coach McGarry, dass das Finale verloren war. 1:1 hieß es nach 90 Minuten, und das reichte den Spurs, um sich von den über 50.000 Fans feiern zu lassen und sich die erste Ausgabe des UEFA-Pokals zu sichern. Die „Heißsporne“ aus dem Norden Londons nahmen für heutige Verhältnisse geradezu lächerliche 150.000 Pfund ein und galten somit als reichster Klub auf der Insel.

Und die Wolves? Die konnten ihr Schicksal kaum fassen. „Und wenn ich 90 bin, werde ich nicht begreifen, wie Dougan abseits stehen konnte“, ereiferte sich McGarry über das nicht gegebene Tor seines Stürmers und fügte hinzu: „Ich bin wütend. Wie kann man nur den Gegner in beiden Partien so an die Wand spielen und zum Schluss doch verlieren? Die Medaille für den Verlierer bedeutet nichts.“


UEFA-POKAL 1971/72

Wolverhampton Wanderers – Académica de Coimbra 3:0, 4:1
FC Den Haag – Wolverhampton Wanderers 1:3, 0:4
Carl Zeiss Jena – Wolverhampton Wanderers 0:1, 0:3
Juventus Turin – Wolverhampton Wanderers 1:1, 1:2
Ferencváros Budapest – Wolverhampton Wanderers 2:2, 1:2

Wolverhampton Wanderers – Tottenham Hotspur 1:2 (0:0)
Wolverhampton: Parkes – Shaw, Taylor, Hegan, Munro, McAlle, McCalliog, Hibbitt, Richards, Dougan, Wagstaffe. – Trainer: McGarry.
Tottenham: Jennings – Kinnear, Knowles, Mullery, England, Beal, Gilzean, Perryman, Chivers, Peters, Coates (68’ Pratt). – Trainer: Nicholson.
Tore: 0:1 Chivers (56’), 1:1 McCalliog (72’), 1:2 Chivers (87’). – SR: Bahramov (UdSSR). – Zuschauer: 38.562. – Karten: Gelb für Shaw / Kinnear.
Wolverhampton, »Molineux Stadium«, 3. Mai 1972

Tottenham Hotspur – Wolverhampton Wanderers 1:1 (1:1)
Tottenham: Jennings – Kinnear, Knowles, Mullery, England, Beal, Gilzean, Perryman, Chivers, Peters, Coates. – Trainer: Nicholson.
Wolverhampton: Parkes – Shaw, Taylor, Hegan, Munro, McAlle, McCalliog, Hibbitt (55’ Bailey), Richards, Dougan (84’ Curran), Wagstaffe. – Trainer: McGarry.
Tore: 1:0 Mullery (29’), 1:1 Wagstaffe (40’). – SR: van Ravens (Niederlande). – Zuschauer: 54.303.
London, »White Hart Lane«, 17. Mai 1972

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