Andere Zeiten: Als Uruguay Weltmeister der Weltmeister wurde

mundialito-logoFußballerisch gesehen hat die Zeit vor und nach dem Jahreswechsel recht wenig zu bieten. Sicher, in England wird seit jeher munter durchgespielt, aber das half uns in den 80er Jahren, als es noch kein Pay-TV gab, auch nicht weiter. 1980/81 war allerdings alles anders. Die Weihnachtsplätzchen waren noch nicht restlos aufgegessen, der Baum stand noch – und plötzlich gab es hochklassigen Fußball live im Fernsehen! Uruguay, das 50 Jahre zuvor die erste Weltmeisterschaft ausgerichtet hatte, war vom 30. Dezember 1980 bis zum 10. Januar 1981 Schauplatz des „Mundialito“: Die Weltmeisterschaft der Weltmeister.

Die sechs Nationen, die bis dahin mindestens einmal Weltmeister geworden waren, sollten den ultimativen Champion ermitteln. Man stelle sich einen derartigen Wettbewerb zum Jahreswechsel 2018/19 vor. Wer würde sich im Zeitalter von Champions League, Confederations Cup und Nations League ernsthaft für ein weiteres Kommerzprodukt interessieren, welcher Verband würde tatsächlich um diese Jahreszeit ihre besten Spieler nach Südamerika schicken?

1980 war das tatsächlich so. Bundestrainer Jupp Derwall hatte neun Spieler dabei, die ein halbes Jahr zuvor das EM-Finale gegen Belgien gewonnen hatten, und acht, die 18 Monate später im WM-Finale in Spanien stehen würden. Die DFB-Elf bekam es als zweifacher Weltmeister in der Gruppe B mit dem amtierenden Champion Argentinien und Brasilien zu tun, in der Gruppe A trafen Uruguay, Italien und die Niederlande aufeinander. „Oranje“ sprang als aktueller Vizeweltmeister für England ein, das aufgrund des andauernden Spielbetriebs in der First Division auf eine Teilnahme verzichtete.

Am 30. Dezember, einen Tag vor Silvester, als sich die Bundesliga im Tiefschlaf befand, startete das Turnier um die Copa de Oro, den Goldpokal. 40 Grad Temperaturunterschied zwischen dem alten und dem neuen Kontinent machten den Niederländern im Auftaktmatch gegen den Ausrichter zu schaffen. 65.000 Menschen drängten sich ins Estadio Centenario von Montevideo, dem Austragungsort des WM-Endspiels 1930, das alle Spiele des „Mundialito“ beherbergen sollte.

Trainer Jan Zwartkruis hatte die Elftal 1976 übernommen, musste sie aber unmittelbar vor der WM 1978 an den Österreicher Ernst Happel abtreten. Nach dem verlorenen Endspiel gegen Argentinien (1:3 n.V.) durfte Zwartkruis wieder ran, scheiterte dann in der Gruppenphase der EM 1980 an Deutschland und musste nun den Umbruch vorantreiben. Die „Urus“ setzten sich fast ausschließlich aus Spielern der Montevideaner Top-Klubs Nacional und Peñarol zusammen, hinzu kam der Brasilien-Legionär Hugo de León, der sich als furchtloser Verteidiger den Status eines Kriegshelden erworben hatte.

Vor eigenem Publikum spielte die Elf von Trainer Roque Máspoli wie entfesselt und gewann durch Tore von Venancio Ramos (Peñarol) und Waldemar Victorino (Nacional) mit 2:0. Die DFB-Elf war am Neujahrstag an der Reihe, hatte also Silvester in Südamerika „gefeiert“, wobei die Spieler alles andere als in Feierlaune waren. „Diese Mini-WM war unnötig wie ein Kropf“, verriet Abwehrspieler Karl-Heinz-Förster 30 Jahre später der „Welt“. „Ich weiß noch, dass darauf keiner wirklich Lust hatte. Wir Spieler haben nur mit dem Kopf geschüttelt über diese Veranstaltung und es war uns klar, dass es hier passieren könnte.“ Damit meinte Förster das mögliche Ende der bis dahin längsten Serie einer deutschen Nationalmannschaft. 18 Siege und fünf Unentschieden hatten Förster und Co. seit der „Schmach von Córdoba“, dem 2:3 gegen Österreich bei der WM 1978, erzielt. Die Serie endete in Montevideo, wenn auch sehr unglücklich.

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Zum vierten und bis heute letzten Mal trat die deutsche Nationalmannschaft am Neujahrstag zu einem Pflichtspiel an. Bemerkenswert: Alle vier Begegnungen verlor die DFB-Elf.

Bis sechs Minuten vor dem Ende führte Deutschland durch ein Tor von Horst Hrubesch per Kopfball-Aufsetzer nach Hansi-Müller-Ecke (41.) mit 1:0, dann unterlief erst Manfred Kaltz ein Eigentor, ehe Ramón Díaz in der 88. Minute den Siegtreffer in den Winkel nagelte. 2:1 für die Albiceleste um ihren jungen Superstar Diego Maradona, den Hans-Peter Briegel gut im Griff hatte. „Er war mein erster Gegenspieler, der mich während des ganzen Spiels weder angeguckt noch angeredet hat“, gab die „Walz von der Pfalz“ Jahre später zur Protokoll.

mundialito-briegel-maradona„Mit etwas mehr Teamgeist hätten wir 1982 Weltmeister werden können“, behauptet Förster in dem Interview mit der „Welt“, und auch die „Süddeutsche Zeitung“ rückt diese Elf in ein schlechtes Licht: „Bundestrainer Jupp Derwall verlor auf dieser Reise seine Autorität, weil deutlich wurde, was für ein disziplinloser Haufen da für den DFB unterwegs war. In Uruguays Metropole hatte eine beträchtliche Anzahl Spieler brasilianische Techniken bestaunt, allerdings nicht im Stadion, sondern in der Animierbar ‚Go-Go-Girls‘, wo sich auf Podesten Gastarbeiterinnen feilboten.“

In der Gruppe A machte Uruguay zwei Tage später mit einem 2:0 gegen den kommenden Weltmeister Italien bereits den Gruppensieg und somit den Finaleinzug klar, erneut traf Victorino, den Führungstreffer hatte Julio Morales vom Elfmeterpunkt erzielt. Der 36-jährige Nacional-Stürmer war fünf Jahre für Austria Wien am Ball und stand 1978 im Finale des Europapokals der Pokalsieger (0:4 gegen RSC Anderlecht). In der letzten Partie trennten sich Italien und die Niederlande 1:1, Carlo Ancelotti hatte das 1:0 für Azzurri markiert, das Jan Peters nach einer Viertelstunde ausglich. Diese völlig bedeutungslose Begegnung wollten gerade mal 15.000 Zuschauer sehen.

Spannend blieb es in Gruppe B. Nur dass Deutschland nach dem 1:1 zwischen Brasilien und Argentinien – Edevaldo glich nach der Pause Maradonas Führungstor aus – keine Chance mehr aufs Finale hatte. Die Derwall-Elf ging entsprechend unmotiviert in dieses Duell, aber dennoch durch Klaus Allofs nach 54 Minuten in Front. Was dann aber kicker-mundialitogeschah, empfanden die Argentinier als Schiebung. Nur 120 Sekunden später traf Júnior zum 1:1, schließlich schraubten Toninho Cerezo, Serginho und Zé Sérgio auf 4:1 und schossen die Seleção aufgrund der besseren Tordifferenz ins Endspiel, während die Deutschen emotionslos abreisten. Der „Mundialito“ war für die DFB-Elf nach zwei Niederlagen zu Ende. „Kein Weltuntergang“, titelte der „kicker“.

Alle 18 Spieler, die Brasiliens Coach Telê Santana nach Uruguay mitgenommen hatte, darunter auch der große Dr. Sócrates, standen bei brasilianischen Vereinen unter Vertrag. Heute undenkbar.

Montevideo fieberte dem südamerikanischen Finale am 10. Januar 1981 entgegen. Die Celeste wollte 50 Jahre nach dem ersten WM-Triumph in eben diesem Stadion (4:2 gegen Argentinien) und 30 Jahre nach dem zweiten (2:1 in Rio de Janeiro gegen Brasilien) unbedingt diese Copa de Oro. „Im entscheidenden Augenblick waren Kraft, Konzentration und Wille der Uruguayer stärker als die Spielkunst Brasiliens“, tickerte nach der Partie „kicker“-Chefredakteur Karl-Heinz Heimann in die Heimat. Sportjournalistenschreibe anno 1981.

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Auch andere Chronisten waren sich zwar darin einig, dass die Heimelf nicht an die Leistung aus den Gruppenspielen anknüpfen konnte, aber angepeitscht von fanatischen 70.000 Fans nach torloser erster Hälfte als verdienter Sieger vom Platz ging. Heimann: „Die Abwehrriesen [Walter] Olivera und de León, [Ariel] Krasouski als ständiger Schatten von [Paulo] Isidoro, der wieder erst in der zweiten Halbzeit richtig auf Touren kommende Rubén Paz als Antreiber und die beiden schnellen Sturmspitzen Ramos und Victorino waren ihre stärksten Stützen.“

Jorge Barrios, nach 36 Minuten für Eduardo de la Peña eingewechselt, staubte fünf Minuten nach Wiederanpfiff nach Vorarbeit von Rubén Paz zum 1:0 ab, zum dritten Mal im dritten Auftritt geriet die Seleção zunächst in Rückstand. Sócrates gelang zwar per Elfmeter der Ausgleich (62.), doch die Celeste blieb in der Folge spielbestimmend. In der 81. Minute drückte Victorino eine Freistoß-Hereingabe von Ramos mit dem Kopf über die Linie. Es war der dritte Turniertreffer des 28-Jährigen, der in jedem Spiel einmaltraf und sich als Torschützenkönig feiern lassen durfte. Urrrruguaay – das Estadio Centenario befand sich für den Rest des Abends im Ausnahmezustand.

mundialito-victorinoIm August hatte Victorino mit Nacional noch die Copa Libertadores gewonnen und nach dem 0:0 im Final-Hinspiel beim SC Internacional aus Porto Alegre im Rückspiel – im Estadio Centenario – den einzigen Treffer erzielt. Einen Monat nach dem „Mundialito“ schoss er seinen Klub in Tokio zum Weltpokal-Sieg gegen Nottingham Forest – es waren durchaus erfolgreiche Wochen für den Stürmer, der im selben Jahr seine Nationalmannschaftskarriere beendete. Sein 1982 geborener Neffe Mauricio Victorino nahm mit der Celeste als Verteidiger an der Seite von Diego Godín und Diego Lugano an der WM 2010 in Südafrika teil und stand in fünf Partien, unter anderem bei der 2:3-Halbfinalniederlage gegen die Niederlande, auf dem Rasen.

Uruguay feierte sich an diesem 10. Januar 1981 als Weltmeister der Weltmeister. Sie sind es bis heute. Einen zweiten „Mundialito“ hat es nie gegeben.


rodolfo-rodriguezUruguay – Brasilien 2:1 (0:0)
Uruguay: Rodríguez – Diogo, Olivera, de León, Martínez – Krasouski, de La Peña (36’ Barrios), Paz – Ramos, Victorino, Morales. – Trainer: Máspoli.
Brasilien: João Leite – Edevaldo, Oscar, Luizinho, Júnior – Batista, Toninho Cerezo, Paulo Isidoro – Tita (51’ Serginho), Sócrates, Zé Sérgio (81’ Éder). – Trainer: Santana.
Tore: 1:0 Barrios (50’), 1:1 Sócrates (62’, Strafstoß), 2:1 Victorino (81’). – SR: Erich Linemayr (Österreich). – Zuschauer: 71.250. – Karten: Gelb für Diogo / Luizinho, Paulo Isidoro.
Montevideo, »Estadio Centenario«, 10. Januar 1981

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