Andere Zeiten: Als Metz das Camp Nou eroberte

fc-metz-altNun hat also der große FC Barcelona – der nach eigenen Angaben „més que un club“, mehr als nur ein Klub ist – durch ein 0:3 im Rückspiel bei der AS Roma die Segel im Champions-League-Viertelfinale gestrichen. „Sensation!“ hallte es aus allen Winkeln der Fußball-Welt, entsprechend verdutzt schauten die Messis, Suárez und Iniestas aus der Wäsche. Dass sich die Katalanen frühzeitig, sofern man beim Viertelfinale von „frühzeitig“ sprechen kann, von der internationalen Bühne verabschieden, ist in diesen Tagen durchaus außergewöhnlich. Das war es allerdings nicht immer. Es gab sogar Zeiten, da war schon im Herbst Schluss – und das gegen durchaus weniger renommierte Klubs als die AS Roma.

1984/85 zum Beispiel hörte der Stolperstein des FC Barcelona auf den Namen „FC Metz“. Zur genauen Einordnung: Der FC Barcelona, der damals nicht wie selbstverständlich allerorts Barça genannt wurde, war schon immer ein großer Klub. Mit Udo Lattek leisteten sich die Katalanen 1981 einen ausländischen Erfolgstrainer, 1982 lotsten sie den argentinischen Wunderknaben Diego Maradona nach Europa, und die Fans auf den Rängen ließen sich vom deutschen Schöngeist Bernd Schuster berauschen. Mit einem Zuschauerschnitt im fast sechsstelligen Bereich war der FC Barcelona der unangefochtene Krösus der Branche. Doch die internationale Silberware war überschaubar. Erst fünf Jahre zuvor hatten sie ihre erste Trophäe gewonnen, 4:3 nach Verlängerung in Basel gegen Fortuna Düsseldorf im Europapokal der Pokalsieger. 1982 folgte der zweite Titel. Selber Wettbewerb, 2:1 nach 0:1-Rückstand gegen Standard Lüttich. Kleiner Makel am Rande: Das Finale fand nicht etwa auf neutralem Terrain, sondern im eigenen Wohnzimmer, dem Camp Nou statt.

Ganz egal, ob nun das Standing des FC Barcelona im Herbst 1984 mit dem von heute vergleichbar war oder nicht, dass die Blaugrana in der ersten Runde des Pokalsieger-Wettbewerbs gegen den FC Metz haushoher Favorit waren, daran bestand nicht der geringste Zweifel. Satte zehn Jahre lag allerdings der letzte nationale Meistertitel zurück, so lange mussten die Barça-Anhänger seither nie wieder warten. In der Copa del Rey hatte sich das Team von Trainer César Luis Menotti nach einem Elfmeterschießen gegen Las Palmas ins Finale gewürgt, verlor es dann jedoch gegen Athletic Bilbao mit 0:1. Da die Basken aber auch (mit einem Punkt Vorsprung) spanischer Meister wurden, startete der FC Barcelona 1984/85 unter seinem neuen Trainer Terry Venables in jenem Wettbewerb, den er in den zurückliegenden fünf Jahren zwei Mal gewonnen hatte.

Ganz anders hingegen der FC Metz, der in der französischen Division 1 gerade mal Zwölfter geworden war und lange gegen den Abstieg gespielt hatte. Im Pokal jedoch gaben die Granatroten Vollgas und gewannen ihn durch ein 2:0 nach Verlängerung gegen die AS Monaco zum ersten Mal überhaupt. Zum ersten Mal überhaupt qualifizierten sie sich somit auch für einen der drei europäischen Klub-Wettbewerbe. „Vater“ des Erfolgs war der ehemalige Motocross-Fahrer und Jung-Industrielle Charles „Carlo“ Molinari, der wie so viele Lothringer (Michel Platini) italienischstämmig ist. 1967, im Jahr des Aufstiegs in die Division 1 und mit gerade mal 34 Jahren, hatte er den Klub als Präsident übernommen und in der Beletage konsolidiert.

Dann war da noch Henryk Kasperczak. Der Pole hatte seine Karriere in Metz ausklingen lassen und wechselte 1979 direkt auf die Trainerbank. Bevor er im Sommer 1984 nach St.-Étienne weiterzog, brachte er die Coupe de France an die Obermosel und hinterließ seinem Nachfolger Marcel Husson ein bestelltes Feld. Viel zu lachen hatten die Menschen ansonsten aber nicht, wie es sich für ein anständiges Fußball-Märchen gehört, war die Region in jenen Tagen von wirtschaftlichem Niedergang und Arbeitslosigkeit gezeichnet. Die lokale Stahlindustrie hing in den Seilen, stieg aber dennoch beim FC Metz als Sponsor ein und sorgte dafür, dass auch der gebürtige Messin Husson mit einem konkurrenzfähigen Kader in die Saison 1984/85, die 18. seit dem Aufstieg 1967, gehen konnte.

Elf Spieler aus Hussons Kader stammten aus dem eigenen Jugendbereich. Nach einem ordentlichen Auftakt in der Meisterschaft stand am 19. September 1984 im Stade Saint-Symphorien vor den Toren der Stadt die heiß ersehnte Europapokal-Premiere an. Metz gegen Barcelona, David gegen Goliath. Barcelona mit seinen beiden Ausländern Bernd Schuster sowie Steve Archibald auf der einen, die No-Name-Truppe aus Lothringen auf der anderen Seite.

Die Partie endete standesgemäß 4:2 für den FC Barcelona, die Euphorie der Vorwochen war mit einem Schlag weggewischt worden, immerhin gelang Mittelfeldspieler Jean-Philippe Rohr drei Minuten vor dem Schlusspfiff per Elfmeter noch der zweite Treffer. Eine nette Erfahrung war das, nicht mehr, nicht weniger. Nie hatte bis dahin eine Mannschaft eine 2:4-Heimniederlage im Europapokal gedreht. Häme und Spott und ergossen sich über den FC Metz. Schuster ließ sich zitieren, er wolle Metz-Keeper Michel Ettorre einen Schinken schenken als Dankeschön für seine Fehler, Archibald ließ sich dazu herab, die Grenats als „Clowns“ zu bezeichnen. Barcelonas Vize-Präsident setzte noch einen drauf, als er versprach, die Mannschaft des FC Metz ins Camp Nou einzuladen – für die nächste Runde als Zuschauer.

Doch dann das Rückspiel, das bis heute die Vereinschronik des FC Metz seitenweise füllt. 3. Oktober 1984, die mangelnde Attraktivität des Gegners und die durch das klare Hinspiel-Ergebnis fehlende Spannung füllen das Camp Nou nur spärlich. Was sollte schon schief gehen? Selbst eine 0:2-Niederlage würde den siegessicheren Blaugrana zum Weiterkommen genügen. Gerade mal zwei schreibende Journalisten sind aus Lothringen in die katalanische Metropole gereist.

„Metz qué un club“

Als Carrasco nach 33 Minuten zum 1:0 für die Katalanen trifft, ist der letzte Funken Hoffnung der Franzosen erloschen. Für die Truppe von Trainer Husson geht es nur noch um Schadensbegrenzung. Die rund 100 Schlachtenbummler werten die Auswärtsfahrt als schönes Reiseerlebnis, doch mit den Großen des europäischen Fußballs kann sich ihr Klub nicht messen.

Fünf Minuten später knallt Zvonko „Tony“ Kurbos, als alle Beteiligten mit einer Flanke rechnen, die Kugel aus halbrechter Position unter die Latte. Der Torjubel passt sich der fehlenden Begeisterung auf den Rängen an, selbst die übertragende TV-Anstalt kann sich nicht richtig motivieren und blendet den falschen Torschützen (Philippe Hinschberger) ein.

Nur eine Minute später der identische Spielzug. Wieder Pass auf die rechte Seite auf Kurbos, wieder rechnen alle mit einer Hereingabe. Und diesmal kommt sie auch. Bevor sie jedoch den Sturmpartner Jules Bocandé erreicht, klärt der zurückgeeilte José Vicente „Tente“ Sánchez – ins eigene Tor. Barcelonas Keeper Lorenzo Amador ist zum zweiten Mal geschlagen.

Der gebürtige Jugoslawe Kurbos, den sie nur Tony nennen, hatte bereits im Hinspiel das zwischenzeitliche 1:1 erzielt. Mit 15 Toren war er in der Vorsaison der erfolgreichste Torschütze der Granatroten, selbstverständlich hatte er auch im Pokal-Endspiel gegen Monaco getroffen, das 2:0 in der 108. Minute. In Stuttgart aufgewachsen, begann er seine Laufbahn beim SV Prag Stuttgart und zog später zu den Kickers weiter, mit denen er 1979 an der Seite von Guido Buchwald Deutscher A-Jugendmeister geworden war. Beim 2:1-Sieg im Finale im Karlsruher Wildparkstadion gegen den 1.FC Nürnberg war er allerdings ohne Treffer geblieben.

Fünf Jahre später im Camp Nou ist Kurbos aber „on fire“, es müssen ja schließlich auch noch zwei Tore her. Das erste markiert er nach einem Zuckerpass von Spielmacher Jean-Paul Bernad. Kurbos schiebt den Ball am herausstürzenden Amador (der aber nur seinen eigenen Mann wegflext) vorbei und versenkt ihn aus kurzer Distanz ins leere Gehäuse. Jetzt glauben die mitgereisten Fans an die große Überraschung.

Der Favorit taumelt. Schuster gibt den Stehgeiger im Mittelfeld und Metz wittert die Gelegenheit, Historisches zu erreichen. Die Uhr läuft zwar runter, aber für die Katalenen nicht schnell genug. Kurz vor dem Ende legt Bocandé von der Grundlinie zurück auf Kurbos, der stoppt die Kugel am Fünfmeterraum und nagelt sie unter die Latte. Barcelona 1, Metz 4. In der Addition 5:6. Schlusspfiff. Schuster und Co. schleichen vom Platz, Metz feiert. „Metz qué un club.“

Kurbos – dessen markanter Oberlippenbart heute als „Pornobalken“ bezeichnet werden würde – weiß, dass er sich mit seinem Hattrick in Frankreich unsterblich gemacht hat. Er wird seiner deutschen Heimat den Rücken kehren und 1986 die französische Staatsbürgerschaft annehmen. Der Legende nach soll Ettorre nach Spielende direkt auf Schuster zugegangen sein und ihn nach dem Schinken gefragt haben. Später feierten die Spieler in einer Bar mit dem schwedischen Tennis-As Mats Wilander, der wegen eines ATP-Turniers in Barcelona weilte. Am Vortag hatten sie bereits ihren Landsmann Yannick Noah getroffen. Da hielten die Messins das Ganze noch für einen Touristen-Ausflug, 24 Stunden später waren sie – zumindest für kurze Zeit – Legenden. In der Tiefgarage des Camp Nou wurden die Franzosen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Mittelfeldspieler Vincent Bracigliano erinnert sich: „Barcelonas Spieler brausten in ihren Ferraris und Porsches davon. Wir hingegen fuhren einen 2CV oder einen Renault 8. Eine Welt lag zwischen uns.“

Eine schöne Geschichte, die aber hier bereits zu Ende ist. Eine Runde später flog der FC Metz gegen Dynamo Dresden raus, ohne Kurbos im Rückspiel konnten die Franzosen das 1:3 aus dem Hinspiel nicht mehr biegen und kamen im Stade Saint-Symphorien nicht über ein 0:0 hinaus. In der Meisterschaft wurde die Husson-Truppe immerhin Fünfter, während der FC Barcelona nach elfjähriger Durststrecke wieder die spanische Meisterschaft gewann.

Kurbos zog nach dieser Saison nach St.-Étienne weiter, Rohr und Spielmacher Bernad wechselten zum OGC Nizza. Sie waren nicht dabei, als der FC Metz 1988 unter Hussons Regie im Elfmeterschießen gegen den FC Sochaux seinen zweiten – und bis heute letzten – Pokal-Sieg errang. Diesmal schieden die Lothringer aber gleich in der ersten Runde des Europapokals gegen den RSC Anderlecht aus.

Einmal noch kehrte der große Sport ins Stade Saint-Symphorien, das sich zu diesem Zeitpunkt mitten in einem größeren Umbau befand, zurück. In der Saison 1997/98 lieferte sich der FC Metz mit Racing Lens ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Meisterschaft und verlor das direkte Duell wenige Spieltage vor Schluss zu Hause mit 0:2. Am Ende gingen beide Teams punktgleich durchs Ziel, doch Lens hatte das um fünf Treffer bessere Torverhältnis. In der zweiten Qualifikationsrunde der mittlerweile eingeführten Champions League scheiterte der FC Metz an, nunja, HJK Helsinki.

Der FC Barcelona ist derweil endgültig in die Spitze des Weltfußballs vorgestoßen und hat sich dort etabliert. Dass es jemals wieder zu einer Europapokal-Paarung Barcelona gegen Metz kommen wird, ist unwahrscheinlich, dass Metz dann auch noch 4:1 im Camp Nou gewinnen könnte – völlig ausgeschlossen.


FC Barcelona – FC Metz 1:4 (1:2)
Barcelona:
Amador – Migueli, Julio Alberto, Alexanco, Calderé (72’ Clos), Schuster, Víctor, Tente Sánchez, Carrasco, Archibald, Rojo (63’ Esteban). – Trainer: Venables.
Metz: Ettorre – Sonor (52’ Colombo), Lowitz, Barraja (60’ Pauk), Hinschberger, Zappia, Bernad, Bracigliano, Rohr, Kurbos, Bocandé. – Trainer: Husson.
Tore: 1:0 Carrasco (33’), 1:1 Kurbos (38’), 1:2 Tente Sánchez (39’, Eigentor), 1:3 Kurbos (65’), 1:4 Kurbos (84’). – SR: Bridges (Wales). – Zuschauer: 24.000.
Barcelona, »Camp Nou«, 3. Oktober 1984

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s