Momente: Laurent Fignon und die acht Sekunden

Verdammter Triumphbogen.

Hinter dem einsamen Rennradfahrer auf der Prachtstraße Champs Elysées baut sich das monumentale Wahrzeichen der Stadt auf, während dem Mann im Gelben Trikot der Schmerz und die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben stehen. Was für ein Kontrast. Es ist einer der dramatischten Momente in der Geschichte der Tour de France.

Niemand will Protagonist sein auf einem Foto, das die sportliche Niederlage so eindrucksvoll symbolisiert wie dieses. Dieser Protagonist heißt Laurent Fignon. Sein verzerrtes Gesicht wird am nächsten Morgen die Titelseiten der Sportzeitungen zieren.

fignon-dramaAm Ende fehlen ihm acht Sekunden. Er fährt zwar im Gelben Trikot über die Ziellinie, doch es gehört ihm nicht mehr. Greg LeMond hat es ihm auf den letzten Metern ausgezogen. Der smarte Kalifornier gibt bereits Interviews, er kann sein Glück kaum fassen. Fignon, der gebürtige Pariser, bricht hingegen wenige Meter hinter der Ziellinie zusammen. Körperlich und seelisch. Er hat das schnellste Einzelzeitfahren seiner Karriere abgeliefert. Aber es hat nicht gereicht, um 50 Sekunden Vorsprung zu verteidigen. Die Bitterkeit dieses Moments soll für immer bleiben.


Schon früh zeichnet sich ab, dass die Tour de France 1989 ein harter Zweikampf wird. Die Hauptdarsteller: Laurent Fignon, Sieger 1983 und 1984, und Greg LeMond, der zwar 1986 die Rundfahrt gewonnen hat, 1987 und 1988 aber aufgrund eines Jagdunfalls nicht an den Start gehen konnte. Nach der fünften Etappe, einem Einzelzeitfahren nach Rennes, streift sich LeMond erstmals das Gelbe Trikot über. Fünf Tage später nimmt es ihm Fignon ab, wiederum nur 48 Stunden danach – erneut nach einem contre la montre – heißt der Träger des maillot jaune wieder LeMond.

Was für eine Spannung. In der letzten Tour-Woche geht es noch einmal in die Berge. Auf dem Weg nach L’Alpe d’Huez schlägt erneut Fignons Stunde, nun fährt er wieder in Gelb und gewinnt tags darauf sogar die Etappe. Schließlich baut der Mann, der die Brille und den Pferdeschwanz zu seinem Markenzeichen gemacht hat, einen Vorsprung von 50 Sekunden auf. Doch ausgerechnet für diese hart umkämpfte Tour haben sich die Organisatoren etwas Neues überlegt. Anstatt die Schlussetappe nach Paris wie sonst üblich als allgemeinen Schaulauf inklusive des traditionellen Nichtangriffspakts zu gestalten, haben sie für diesen 23. Juli 1989 noch einmal ein Einzelzeitfahren (contre la montre, „gegen die Uhr“) angesetzt.

Klar, LeMond ist der Zeitfahrspezialist. Aber 50 Sekunden? Zumal auf nur 24,5 Kilometern von Versailles nach Paris? Beim Sieg in Rennes hatte der US-Amerikaner dem Franzosen 56 Sekunden abgenommen, allerdings war die Strecke drei Mal so lang.

Auf den Kommentatorenplätzen auf den Champs Elysées hat mittlerweile der Reporter des französischen Fernsehens, Patrick Chêne, Platz genommen. Es ist die erste Tour, die der 33-Jährige kommentiert. Er wird am Ende des Renntags einen Satz ins Mikrofon sprechen, der sich in das Kollektivgedächtnis der Franzosen einbrennen wird.

Wie üblich, rollen die Fahrer in umgekehrter Reihenfolge des Gesamtklassements auf die Strecke. Zuletzt hatte Fignon über Hautirritationen zwischen den Beinen geklagt, die ihm Schmerzen bereiten würden, er sei aber zuversichtlich, sich auf dem Weg nach Paris nicht die für LeMond erforderlichen zwei Sekunden pro Kilometer abnehmen zu lassen.

Fignon startet zwei Minuten nach LeMond, der vom ersten Meter weg um sein Leben fährt. Nach einem Kilometer hat Fignon bereits zwei Sekunden verloren. Bei der offiziellen Zwischenzeit nach 11,7 Kilometern sind es 21.

Im Pressezentrum wird um die Wette geraucht. Die Journalisten im Zielbereich wittern bereits ein Jahrhundertfinish und bringen die Kameras in Position, es herrscht Ausnahmezustand. Drei Kilometer vor dem Zeil weiß Fignon, dass er nur noch eine Sekunde Vorsprung hat und es nicht schaffen wird, wenn er die aktuelle Geschwindigkeit beibehält. Aber unter diesen Schmerzen, unter diesem Druck noch ein paar Watt draufzupacken, ist unmöglich.

„Laurent Fignon a perdu le Tour de France“

Als LeMond um 16:38 Uhr die Ziellinie überquert, ahnt er, dass es gut aussieht. Während seines Ritts hat er sich nicht über die Abstände informieren lassen, jetzt schon. Mit einem Schnitt von über 54 Kilometern pro Stunde hat er die Etappe beendet, die Kameras sind bereits auf ihn gerichtet, er sieht nicht so aus, als sei er in den zurückliegenden 26 Minuten und 57 Sekunden an seine Grenzen gegangen.

Drei Wochen sind seit dem Prolog in Luxemburg vergangen, die Fahrer haben über 3.000 Kilometer in den Knochen. Jetzt sind es nur noch wenige Meter. Während sich Fignon die Champs Elysées entlang quält, läuft die Chrono unerbittlich nebenher. Sie zählt seine Sekunden Rückstand zu LeMond. 50 dürfen es sein. Es sind 48, 49, 50 – und es fehlen noch knapp über 100 Meter. „C’est fini. Laurent Fignon a perdu le Tour de France“, ruft Chêne, der TV-Kommentator, ins Mikrofon. Die Botschaft erreicht Millionen Fernsehzuschauer. „Es ist vorbei. Laurent Fignon hat die Tour de France verloren.“

Kaum hat Fignon als Tagesdritter die Ziellinie überquert, stürzt er erschöpft zu Boden. Er und LeMond haben gerade Sportgeschichte geschrieben. Er, Fignon, hätte gerne darauf verzichtet. Nie wieder wird der Abstand zwischen einem Erst- und Zweitplatzierten bei der Tour de France so gering sein. Acht Sekunden. Wobei es streng genommen neun sind, denn bei identischer Gesamtzeit hätte das Reglement LeMond zum Sieger erklärt, da er die Schlussetappe gewonnen hat.

fignon-lemond

Bei der Siegerehrung ringt Fignon um Fassung. Das Gelbe Trikot trägt LeMond, der eine Treppenstufe höher steht. Fignon hat hingegen das normale Jersey seines Teams Super U überstreifen müssen. Laurent Fignon, 28, wird keine größere Rennen mehr gewinnen. Eine Tour-Etappe 1992, die Mexiko-Rundfahrt 1993, das war’s.

Jahre später wird er in einem Interview sinngemäß sagen: „Es gibt nichts, was ich mir oder dem Schicksal vorzuwerfen hätte. Greg hat an diesem Tag einfach eine starke Leistung abgerufen und ich war nicht in der Lage, schneller zu fahren.“

Am 31. August 2010 ist Fignon im Alter von nur 50 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Wenige Wochen zuvor hatte er noch als Experte die Tour de France kommentiert.

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