Vergessene Klubs: Como Calcio

como-calcioDas Stadio Giuseppe Sinigaglia liegt etwas verträumt am Comer See. Die idyllische Lage ist noch immer einzigartig pittoresk, doch an den Rängen nagt der Zahn der Zeit. Ihre glorreichste Epoche hat die baufällige Arena schon lange hinter sich. In den 80er Jahren gaben sich auf dem nicht immer grünen Rasen noch die Stars des Welt-Fußballs die Ehre, in der Saison 1984/85 schrieben die Spieler von Como Calcio hier eine interessante Catenaccio-Geschichte: Als Aufsteiger kassierten sie im „Sinigaglia“ gerade mal zwei – in Worten: zwei – Treffer in 15 Spielen. Eines davon erzielte auch noch Diego Maradona. Per Elfmeter. Entschuldigung, aber wenn es so etwas wie ein „akzeptables Gegentor“ gibt, dann dieses.

Um die Leistung von Como Calcio besser einordnen zu können, muss man sich zwei Dinge vor Augen führen: In jenen Tagen waren pro Verein nur zwei ausländische Spieler zugelassen. Und: Die Serie A galt Mitte der 80er Jahre als stärkste Liga der Welt.

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Im Sommer 1984 besetzte Como, das gerade aus der Serie B in die Serie A zurückgekehrt war, die beiden Ausländerpositionen mit dem Schweden Dan Corneliusson und dem Deutschen Hans Peter (Hansi) Müller. Corneliusson, UEFA-Cup-Sieger mit dem IFK Göteborg 1983, zog es nach nur einer Saison beim VfB Stuttgart, mit dem er auf Anhieb Deutscher Meister wurde, nach Norditalien. Und der gebürtige Stuttgarter Müller, der 1980 in Italien mit der DFB-Elf Europameister geworden war, hatte bei Inter Mailand sein Glück nicht gefunden. Der „schöne Hansi“, wie er spöttisch genannt wurde, war mehr oder weniger weggemobbt worden. Dass er sich vor den Partien Parfüm auftrug und die Haare richtete, um auf dem Platz bella figura zu machen, kam nicht bei allen Kollegen gut an. Auch sein eigenwilliger Spielstil stand bei manchen in der Kritik. Von Inters Publikumsliebling Evaristo Beccalossi ist etwa folgendes Zitat überliefert: „Mit Hansi Müller zu spielen ist schlimmer als mit einem Stuhl. Der Stuhl spielt Dir wenigstens den Ball zurück.“ Nun also Comer See statt Mode-Metropolregion. Wo die Luft besser ist und wo die Schönen und Reichen leben.

Der Aufstiegstrainer Tarcisio Burgnich war zu Sampdoria Genua weitergezogen und durch den 40-jährigen Ottavio Bianchi ersetzt worden, der sich wiederum dadurch einen Namen gemacht hatte, mit Avellino in der Serie A die Klasse gehalten zu haben. Er übernahm ein Team, das defensiv intakt war und als Vizemeister der Serie B nur ein Heimspiel verloren und überhaupt im „Sinigaglia“ nur sieben Tore kassiert hatte. Den ausschließlich aus Italienern bestehenden Kader, die meisten von ihnen aus dem Norden des Landes, verstärkte er im Sommer mit dem Ausländerduo Corneliusson (Angriff) und Müller (Mittelfeld) sowie im Oktober mit Moreno Morbiducci, den Torjäger des AC Perugia.

como-juveDas Saisonziel der Azzurri, die 1982 sang- und klanglos aus der Serie A abgestiegen waren, konnte nur der Klassenerhalt sein. Doch der Start verlief wenig verheißungsvoll. Nach drei Unentschieden setzte es eine 0:3-Klatsche beim Titelaspiranten SSC Neapel. Immerhin hatte Como in den ersten beiden Heimspielen den Top-Teams Juventus und Fiorentina ein 0:0 abgetrotzt, jetzt kam Udinese mit seinem brasilianischen Ausnahmekönner Zico in das Stadio Giuseppe Sinigaglia. Ein Eigentor von Dino Galparoli sowie Gianfranco Matteolis 2:0 in der 90. Minute besiegelten Comos ersten Saisonsieg.

Auch in den restlichen vier Partien, die die Azzurri im Kalenderjahr 1984 zu Hause bestritten, gelang es keinem Gegner, Bianchis Abwehrbollwerk zu knacken. Selbst der Spitzenreiter und spätere Meister Hellas Verona mit Hans-Peter Briegel kam am Tag vor Heiligabend nicht über ein 0:0 hinaus. Erst am 6. Januar 1985 musste Comos Keeper Giuliano Giuliani erstmals in dieser Spielzeit im „Sinigaglia“ einen Ball aus dem eigenen Netz holen. Ausgerechnet gegen Bianchis Ex-Klub Avellino gerieten die Azzurri durch Davide Lucarellis Treffer 0:1 in Rückstand. Es sollte der einzige Heim-Gegentreffer Comos aus dem Spiel heraus in der gesamten Saison bleiben. Fünf Minuten später glich Müller per Elfmeter aus. Auch dieses Tor weist zwei Besonderheiten auf. Erstens, er traf für Como nur dieses eine Mal. Zweitens, es war das einzige, das Como in allen Heimspielen im ersten Durchgang erzielte! Como bezwang Avellino schließlich dank Corneliussons zweitem Saisontreffer mit 2:1.

Nur eine Woche später sorgte der Aufsteiger, der sich auf Platz zehn festgebissen hatte, zum Abschluss der Hinrunde für einen Paukenschlag, als er in San Siro den AC Mailand mit 2:0 bezwang. Die Torschützen beim ersten und bis heute letzten Auswärtssieg Comos bei den Rossoneri waren Spielmacher Gianfranco Matteoli, die Entdeckung dieser Saison, sowie Abwehrspieler Pasquale Bruno.

Der Comer Catenaccio hatte in ganz Italien für Aufsehen gesorgt. „Wir müssen unser Spiel spielen und dürfen nicht versuchen, uns den zumeist besseren Gegnern anzupassen“, wiederholte Bianchi wieder und wieder. Die defensive Ausrichtung des Trainers sorgte allerdings dafür, dass die Azzurri in der Rückrunde nur noch fünf Mal trafen und nur noch einen Sieg landeten.

Am 17. Februar 1985 platzte das Stadio Giuseppe Sinigaglia, das nach einem erfolgreichen Ruderer benannt ist, aus allen Nähten. Wie immer, wenn Diego Maradona irgendwo auftauchte, herrschte auch im eher kühlen Norden Italiens absoluter Ausnahmezustand. Das Duell Como gegen Napoli wurde zum Duell Matteoli gegen Maradona hochgejazzt. Der Argentinier brachte seine Farben mit einem von ihm selbst provozierten Handelfmeter in Front, nach der Pause glich Enrico Todesco zum 1:1-Endstand aus und verhinderte somit die erste Heimniederlage.

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In den abschließenden fünf Heimspielen sahen die Zuschauer nur einen Treffer: Morbiduccis Siegtreffer gegen Lazio, der den Weg zum Klassenerhalt ebnete. Mit sage und schreibe drei Treffern wurde der Neuzugang aus Perugia Comos bester Torschütze einer denkwürdigen Spielzeit, die auf Platz elf endete. Als einziges Team neben Inter blieben die Azzurri mit fünf Siegen und zehn Unentschieden ungeschlagen und verzeichneten dabei 8:2 Tore.

Im darauffolgenden Sommer wurde Comos Kader noch einmal gehörig umgekrempelt. Müller, Matteoli und Morbiducci verließen den Klub, dafür kamen unter anderem der Brasilianer Dirceu aus Neapel und Stefano Borgonovo. Der 21-Jährige war in der Jugend von Como ausgebildet worden und in der Saison 1984/85 an den Zweitligisten Sambenedettese ausgeliehen. Und Bianchi? Der Trainer war zur SSC Neapel weitergezogen und gewann mit Maradona die italienische Meisterschaft 1987 sowie den UEFA-Pokal 1989.

sinigagliaComo beendete die Saison unter der Leitung von Trainer Rino Marchesi, der den glücklosen Bianchi-Nachfolger Roberto Clagluna abgelöst hatte, auf einem respektablen neunten Rang und stand kurz vor dem größten Erfolg der Klubgeschichte, als es über Juventus (1:0, 1:1) und Meister Verona (3:1, 1:2) ins Halbfinale des italienischen Pokals einzog. Nach dem 1:1 im Hinspiel bei Sampdoria gingen die Azzurri zu Hause fünf Minuten vor dem Ende durch Massimo Albiero in Führung, doch der Engländer Trevor Francis traf postwendend zum Ausgleich. In der Verlängerung markierte Borgonovo das 2:1 und stieß das Tor zum Finale auf – ehe das Unfassbare geschah: Ein Gegenstand flog von den Rängen aufs Feld und traf den Unparteiischen Giancarlo Redini, der die Partie daraufhin abbrach. Sampdoria gewann am Grünen Tisch 2:0, Como kam nie wieder auch nur in die Nähe eines Endspiels.

Borgonovo, der im Juni 2013 mit nur 49 Jahren an der Nervenkrankheit ALS starb, setzte seine Karriere anschließend bei Milan und der Fiorentina fort, während es mit seinem Heimatklub langsam bergab ging. 1989 verabschiedeten sich die Azzurri aus der Erstklassigkeit und kehrten nur noch einmal, zur Saison 2002/03, in die Serie A zurück. Dem sofortigen Abstieg folgten der Absturz in die Viertklassigkeit und mehrere Pleiten.

Der Klub, für den unter anderem auch die 1982er Weltmeister Marco Tardelli (1974/75), Paolo Rossi (1975/76) und Pietro Vierchowod (1976-81) sowie der in Como geborene Luigi Meroni (Jugend und 1961/62) spielten, ist in die Bedeutungslosigkeit abgetaucht.


Die Heimspiele 1984/85

Como – Juventus 0:0
Como – Fiorentina 0:0
Como – Udinese 2:0
Como – Ascoli 1:0
Como – Cremonese 1:0
Como – Atalanta 0:0
Como – Verona 0:0
Como – Avellino 2:1
Como – Roma 0:0
Como – Napoli 1:1
Como – Inter 0:0
Como – Sampdoria 0:0
Como – Lazio 1:0
Como – Torino 0:0
Como – Milan 0:0


Vollständige Bezeichnung
Como Calcio
Land
Italien
Stadt
Como
Gründung
1907 als Como Foot-Ball Club
1926 AC [Associazione Calcio] Comense
1936 AS [Associazione Sportiva] Como
1937 AC Como
1970 Como Calcio
2004 Calcio Como
2017 Como 1907
Erfolge

Farben
Himmelblau
Stadion
Stadio Giuseppe Sinigaglia


Das Stadio Giuseppe Sinigaglia im April 2015

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