Traumtanz: SÉC Bastia 1977/78

sec-bastiaDie Korsen sind ein stolzes Volk. Daher gab es auch keine Diskussion. Das Final-Hinspiel im UEFA-Pokal 1978 gegen die PSV Eindhoven sollte in Bastia – und nicht etwa in Marseille oder gar in Paris – stattfinden, obwohl der Vereinsvorstand schon mit derartigen Gedanken gespielt hatte. Aber das kam nicht in Frage, die Fans wären auf die Barrikaden gegangen. Lieber auf Mehreinnahmen beim Eintrittsgeld verzichten, als das Heimspiel zu verkaufen, dachten sich die heißblütigen Anhänger. Schließlich hatte ihr Team im Stade Armand Césari alle fünf bisherigen Begegnungen gewonnen, warum sollte es also ausgerechnet zum Endspiel seine Festung in Furiani vor den südlichen Toren Bastias verlassen? Dass es das 40.000-Einwohner-Städtchen an der Ostküste der Mittelmeerinsel überhaupt soweit geschafft hatte, war schon damals eine große Sensation und ist noch heute eines der schönsten „Märchen“ der europäischen Fußball-Geschichte.

Das Abenteuer UEFA-Pokal begann für den „Sporting Étoile Club Bastia“, wie der Verein damals noch hieß, mit einem dritten Rang in der französischen Meisterschaft 1976/77. Die Heimstärke der Blau-Weißen war überwältigend: 17 Siege, zwei Unentschieden und 59:14 Tore. Wäre da nicht diese eklatante Auswärtsschwäche gewesen, hätten sich die Überflieger von der Mittelmeerinsel vielleicht sogar mit dem Landesmeistertitel schmücken können. Doch nun war es an der Zeit, auch die europäischen Top-Klubs mit der stärksten Offensive Frankreichs vertraut zu machen. Dabei war es nicht der erste internationale Auftritt Bastias. In der Saison 1972/73 nahm der SECB am Cup der Pokalsieger teil, schied aber bereits in Runde eins gegen Atlético Madrid aus. Zudem wurde das „Heimspiel“ in Ajaccio ausgetragen. Es endete 0:0, in Madrid unterlag Bastia 1:2.

Die Vorzeichen für die europäische Kampagne standen schlecht. Nach dem starken dritten Platz kehrte der jugoslawische Ausnahmestürmer und Rekordnationalspieler Dragan Džajić in seine Heimat zurück, während sein kongenialer Partner Jacques Zimako nach St.-Étienne wechselte. Die Flügelzange Bastias war also zerbrochen. Im Tausch für Zimako kamen die bis dahin unbekannten Mittelfeldspieler Félix Lacuesta und Jean-François Larios. Eine Schwächung, wie es schien, doch beide Neuzugänge avancierten schnell zu Stützen des Teams und sollten alle zwölf UEFA-Pokal-Spiele absolvieren.

An ihrer Seite Claude Papi, der noch heute als bisher bester korsischer Fußballer verehrt wird und dessen Karriere in der Nationalmannschaft nur deshalb so kurz war, weil er einen Henri Michel und anschließend einen Michel Platini vor sich hatte. In der südlichen Hafenstadt Porto Vecchio geboren, hatte Papi seine gesamte Laufbahn bei den Blauen verbracht und maßgeblichen Anteil an ihren Erfolgen. Das neue Sturmduo bildeten François Félix und der Ex-Ajax-Star Johnny Rep, der Valencia im Streit verlassen und gehofft hatte, sich in Bastia von den Strapazen in Spanien gemütlich erholen zu können. Er konnte ja nicht ahnen, dass eine lange, nervenaufreibende Saison auf ihn wartete.

SPORTING LISSABON

bastia1Das erste Opfer der Korsen war Sporting Lissabon. Die Portugiesen lagen im Furiani, wie das Stadion Armand Césari im Volksmund genannt wird, zwar durch Rui Jordãos Strafstoß (42’) zur Pause mit 1:0 in Führung, doch im zweiten Abschnitt drehte die Elf von Trainer Pierre Cahuzac („Cahu“), der seit Dezember 1971 im Amt war, auf. Nach einer Ecke Yves Mariots war François „Fanfan“ Félix per Flugkopfball zur Stelle und glich aus (50’). Félix war es auch, der fünf Jahre zuvor das bisher einzige Europacup-Tor für Bastia erzielt hatte. Doch die Freude währte nur kurz. Nur sieben Minuten später war Samuel Fraguito zur Stelle und überwand Keeper Ognjen Petrović zum 1:2. Aber Bastia ließ nicht locker. Ein Angriff nach dem anderen rollte nun auf das Tor von Sportings Schlussmann Botelho, und die Portugiesen wurden immer müder. Wieder war es Félix, und erneut hielt er im richtigen Moment den Kopf hin – 2:2 (75’). Sporting war nun stehend K.o. und versuchte, das Remis über die Zeit zu retten. Es nutzte nichts. Félix schlug nach 82 Minuten mit einem Volleyschuss zum dritten Mal zu und wurde an jenem denkwürdigen Septemberabend als Held von Furiani gefeiert.

Doch bis zum Einzug in die nächste Runde war es noch ein sehr weiter Weg. 60.000 Zuschauer säumten die Ränge des José Alvalade in Lissabon, der Einzug in die zweite Runde sollte gegen das biedere Bastia nur Formsache sein. Sporting machte das Spiel, während sich die Cahuzac-Elf aufs Kontern verlagerte. Die SECB-Abwehr hielt lange dicht, doch dann schlug Manuel Fernandes, einer der gefährlichsten Angreifer seiner Zeit, zum 1:0 zu (73’). Das Aus der Korsen schien besiegelt, die große Überraschung nur knapp verpasst. Die Portugiesen wähnten sich bereits in der nächsten Runde, als die Blauen mit dem Maurenkopf auf der Brust das Alvalade zum Schweigen brachten. Rep markierte aus dem Gewühl heraus den Ausgleich (87’) und Félix besorgte nach Mariots Vorarbeit sogar noch den 2:1-Siegtreffer (89’). Sporting war geschockt, während die französischen Gazetten nun dem SEC Bastia die Titelseiten widmeten, auf denen sonst das europapokalerprobte St.-Étienne, der Meister Nantes oder das Racing Lens von Didier Six Platz fanden. Und auf der Place Saint Nicolas, im Herzen der Hafenstadt, wurde kräftig gefeiert. Es sollte nicht das letzte Mal sein.

NEWCASTLE UNITED

sec-bastia-1978Das Lospech blieb den Korsen treu. Wieder mussten sie zuerst daheim antreten, und wieder wartete ein Spitzenteam: Newcastle United. Zwar machten die Engländer gerade eine schwere Phase durch und sollten am Saisonende sogar in die zweite Liga absteigen, doch gerade in den 70er Jahren genossen die Teams von der Insel immer den allergrößten Respekt. Die Eintrittspreise im Furiani schnellten in die Höhe, aber die Fans störte das wenig – schließlich war es ja nicht alltäglich, dass der Europapokal auf Korsika Halt machte. Die Magpies gingen bereits nach sieben Minuten durch Paul Cannell in Führung, Bastia fand einfach nicht ins Spiel. Mitte der ersten Halbzeit kam der SECB erstmals gefährlich vor das Tor der Briten, doch mit dem 0:1 ging es in die Kabinen. Papi war es schließlich vorbehalten, nach dem Wiederanpfiff für den Ausgleich zu sorgen (50’). Und als die letzte Minute bereits angebrochen war und viele Zuschauer das Stadion schon verlassen hatten, war erneut der Mann mit der hohen Stirn zur Stelle und „tunnelte“ Newcastles Keeper Steve Hardwick zum 2:1-Endstand. Richard Dinnis, Trainer der Magpies, tönte nach der Partie: „Das war nur die erste Halbzeit. Bastias Abwehr wird in Newcastle leiden.“ Worauf Torjäger Félix versprach, den „Coup von Lissabon“ zu wiederholen.

Gerade mal neun Minuten waren im St. James’ Park gespielt, da führten die Korsen bereits mit 2:0! Jean-Marie de Zerbi, gerade mal 17 Jahre jung und für den verletzten Mariot in die Startformation gerückt, hatte nach nur drei Minuten zugeschlagen, Rep packte kurze Zeit später einen drauf. Das saß. Alan Gowlings Anschlusstreffer (35’) brachte Bastia nicht aus der Ruhe, denn schließlich benötigten die Magpies noch drei Tore. Sie schossen kein einziges mehr. Ihr Widerstand wurde Mitte des zweiten Durchgangs gebrochen, als Rep aus 30 Metern abzog und die Kugel im Netz zappelte. 1:3 (67’), Newcastle war bedient, der erste Europapokal-Sieg einer französischen Mannschaft auf englischem Boden perfekt.

Bastia erregte bei den französischen Sportjournalisten immer mehr Aufmerksamkeit. Nicht nur wegen ihres schnellen Direktspiels, sondern auch weil die gehätschelten Klubs aus St.-Étienne (Pokalsieger) und Nantes (Landesmeister) die europäische Bühne bereits verlassen hatten. Dennoch: Wenn sie überhaupt einem Team im UEFA-Pokal-Wettbewerb etwas zutrauten, dann Racing Lens, das gerade Lazio Rom mit einem satten 6:0 nach Verlängerung aus dem Wettbewerb gekegelt hatte.

TORINO CALCIO

Vier Spiele, vier Siege. Aus diesem Grund brauchte den Korsen auch vor dem nächsten Gegner, Torino Calcio, nicht bange zu sein. Ausgerechnet ein italienisches Team, darauf hatten sie lange gewartet. Die Granata zählten allerdings zu den ersten Adressen in Europa. In der Vorsaison hatten sie sich ein spannendes Rennen gegen Juventus geliefert und mit nur einer Saisonniederlage und einem Punkt Rückstand auf die „Alte Dame“ den zweiten Platz belegt. Das Jahr zuvor waren sie sogar Meister geworden. Und in beiden Spielzeiten zusammen hatten die Granatroten die sagenhafte Heimbilanz von 27-3-0 erzielt.

bastia2

Das erste Aufeinandertreffen fand auf Korsika statt. Und der SECB drängte im restlos ausverkauften Furiani die Turiner sofort in die eigene Hälfte, kassierte aber wie in den Heimspielen zuvor das erste Tor. Paolino Pulicis herrlicher Volleyschuss zappelte nach 24 Minuten im Netz. Bastia blieb unbeeindruckt. Papi nach schönem Zusammenspiel mit Larios (37’) und Rep nach Vorlage von Félix (63’) drehten das Spiel und schossen den fünften Sieg in Folge heraus, den Félix (66’) und Papi (88’) durchaus deutlicher hätten gestalten können. Für den Turiner Pulici war das 1:2 auf der Mittelmeerinsel nicht weiter beunruhigend: „Die Qualifikation schaffen wir im Rückspiel ohne Schwierigkeit“, glaubte er. „Uns genügt ja schon ein 1:0-Sieg. Bastia ist eine Klassemannschaft, wir aber haben mehr Substanz.“

Derweil war Lens in Magdeburg mit 0:4 unter die Räder gekommen und so gut wie draußen. Ausgerechnet Bastia hielt nun also noch die französischen Farben hoch. Und wie. Ohne Félix, der sich bei einem Autounfall eine schwere Knieverletzung zugezogen hatte, traten die Korsen im Stadio Comunale an. Der Schnee türmte sich an diesem eiskalten Dezemberabend am Spielfeldrand, und der Toro begann wild wie ein Stier, den Strafraum der Korsen zu belagern. Doch das erste Tor markierten die Blauen mit dem Maurenkopf auf dem Trikot, Larios brachte die 50.000 Zuschauer mit einem trockenen Dropkick aus 20 Metern zum Schweigen (19’). Francesco Graziani markierte allerdings nur drei Minuten später den Ausgleich und 120 Sekunden nach Wiederanpfiff sogar die 2:1-Führung für die Platzherren. Jetzt schlug die Stunde des Marokkaners Merry Abdelkarim, besser bekannt unter seinem Spitznamen „Krimau“, der für den verletzten Félix in die Startelf gerückt war: Erst traf er nach einem Pass von Jean-Louis Cazes zum 2:2 (50’), dann besorgte er nach Zuspiel Papis sogar den 3:2-Siegtreffer (65’). Der sechste Sieg im sechsten Spiel war perfekt. „Fabuleux Bastia“, fabelhaftes Bastia, titelte der Corse-Matin am Folgetag auf seiner ersten Seite und lieferte vier Sonderseiten aus Turin. Auch Lens war nun ausgeschieden und Bastia der letzte französische Vertreter in Europa. Auf der Place Saint Nicolas wurde erneut gefeiert.

CARL ZEISS JENA

Hans Meyer, Trainer des DDR-Vertreters Carl Zeiss Jena, wusste wohl, was im Viertelfinale auf ihn und seine Mannschaft zukommen würde. Zumal er im Furiani auf Keeper Hans-Ulrich Grapenthin sowie Kapitän Eberhard Vogel verzichten musste. Die Atmosphäre war einschüchternd, seit 16 Uhr hatten sich die Ränge für das Abendspiel kontinuierlich gefüllt, zum Anpfiff wurden die Ostdeutschen mit einem Feuerwerk empfangen. Ein Unentschieden, erklärte Meyer vor der Partie, sei in Ordnung. Aber es kam anders. Mit einem satten 7:2 wurden die Jenaer nach Hause geschickt, und das Debakel zeichnete sich bereits in der ersten Hälfte ab, als Larios (3’) und Papi (41’) ihren Farben einen komfortablen Pausenvorsprung bescherten. Die lange Winterpause hatte den Korsen also nichts anhaben können. Mariot (57’), der eingewechselte Félix (69’, 77’), Cazes (82’) und Georges Franceschetti (86’) bei zwei Gegentoren von Jürgen Raab (62’, 71’) machten inmitten des Konzerts aus Knallkörpern und Raketen das „Fiasko von Furiani“ perfekt. Siebter Sieg in Serie, und das mit sieben Toren – nun wurde auf Korsika ganz unverhohlen vom Finale gesprochen.

bastia3Das Rückspiel im Ernst-Abbe-Sportfeld sollte dennoch kein Spaziergang werden, schließlich wollte sich Carl Zeiss mit Anstand aus dem europäischen Wettbewerb verabschieden. Drei Jahre später würde nahezu dieselbe Elf das Finale im Cup der Pokalsieger erreichen. Ein eisiger Wind blies Bastia an diesem 15. März 1978 ins Gesicht, die 14.000 Zuschauer sorgten zusätzlich für ein fröstelndes Ambiente: Sie schwangen ein Transparent mit der Aufschrift „Waterloo“, aber das beeindruckte die „Söhne Napoléons“ nicht. Gerade mal 400 Sporting-Anhänger hatten ein Visum erhalten. Und sie mussten zunächst mit ansehen, wie die Thüringer 1:0 in Führung gingen, wieder war es Raab, der per Flugkopfball einnetzte (21’). Aber die „Maurenköpfe“ waren mehr als ebenbürtig und Papi sorgte fast postwendend für den Ausgleich (26’). Jena hatte nun wirklich nichts mehr zu verlieren und warf alles nach vorn. Lutz Lindemann (33’) mit einem herrlichen Seitfallzieher sowie Vogel (53’) ließen noch so etwas wie Hoffnung aufkommen. 3:1, jetzt fehlten „nur“ noch drei Tore. Doch als Grapenthin Reps Schuss nicht festhalten konnte und Krimau unhaltbar zum 3:2 abstaubte (64’), war das Halbfinale endgültig erreicht – da schmerzte auch Thomas Töpfers Elfmetertor zum 4:2-Endstand (69’) nicht mehr. Der SEC Bastia hatte die erste Niederlage kassiert, doch den Feierlichkeiten auf der Place Saint Nicolas tat dies keinen Abbruch.

GRASSHOPPERS ZÜRICH

Die mit Spannung erwartete Halbfinal-Auslosung verlief optimal. Nicht nur, weil Bastia erstmals zunächst auswärts ran musste und die entscheidende Partie zu Hause austragen durfte, sondern weil mit den Grasshoppers Zürich der vermeintlich schwächste Gegner aus dem Topf gezogen wurde. Die zweite Paarung führte den PSV Eindhoven und den FC Barcelona zusammen, das vorweggenommene Finale, wie viele Experten meinten. Und dennoch waren die Schweizer nicht zu unterschätzen. Vor allem im heimischen „Hardturm“ hatten sie attraktiven Gegnern das Fürchten gelehrt. Frem Kopenhagen (6:1), Inter Bratislava (5:1), Dinamo Tiflis (4:0) und Eintracht Frankfurt (1:0) hatten in Zürich nichts zu lachen.

bastia4Die Grasshoppers waren dem SECB körperlich überlegen, doch die Korsen setzten die spielerischen Akzente und gingen durch Krimau in Führung (18’). Der überragende Heinz Hermann lief nun aber zur Hochform auf und erzielte den Ausgleich für die Züricher (22’), die nach einer knappen halben Stunde durch Raimondo Pontes Strafstoß – Lacuesta hatte Roger Wehrli gefoult – sogar 2:1 in Führung gingen. Noch vor der Pause beruhigte Papi, der ebenfalls vom Punkt traf (37’), die Gemüter der korsischen Anhänger – sowohl die der 10.000 im Stadion, als auch die Millionen vor den Bildschirmen, die in den drei Jahren zuvor patriotisch der AS St.-Étienne die Daumen gehalten hatten und nun auf eine weitere soirée en bleu – einen Abend in blau – hofften. Doch daraus wurde nichts. Die Grasshoppers entfalteten einen enormen Druck, und Francis Montandon besorgte nach dem Wechsel die erneute Führung für die Schweizer (54’), die weitere gute Chancen ausließen. Mit dem 3:2 kassierte der SEC Bastia zwar die zweite Niederlage in Folge, doch die Ausgangsposition war nach wie vor gut. Ein 1:0 im Furiani würde reichen.

Erstmals standen die „Maurenköpfe“ nun aber unter Druck. Denn waren all die bisherigen Erfolge als freudige Überraschung zur Kenntnis genommen worden, so erwartete nun die Öffentlichkeit den Einzug in das Endspiel. Da kam es Pierre Cahuzac nicht gerade gelegen, dass mit Rep und André Guesdon die erfahrensten Spieler ausfielen. Und sein Team tat sich an diesem 12. April 1978 auch ziemlich schwer gegen die dicht gestaffelte Grasshoppers-Elf, die hinten sicher stand und vorne auf dieses eine Tor lauerte, das die Mission der Korsen doch um einiges verkomplizieren würde. Als es zur Pause noch 0:0 stand, lag eine seltsame Stimmung in der Luft. Die Mannschaft, die das Herz aller Franzosen erobert hatte, tat sich gegen die „Züricher Mauer“ sehr schwer, das Halbfinale schien die Endstation für eine märchenhafte europäische Saison zu werden. Doch da waren noch die alten Hasen Félix und Papi. Der eine, eingewechselt, holte mit der nötigen Cleverness an der Strafraumgrenze einen Freistoß heraus, der andere, Papi, verwandelte die Hereingabe Charles Orlanduccis mit einem schönen Volleyschuss (67’). Über 20 Minuten mussten die Anhänger noch zittern, doch die Abwehr stand sicher. Nach dem Schlusspfiff versank das Spielfeld in einem blau-weißen Fahnenmeer. Frankreich hat sich Korsika selten so nahe gefühlt wie an jenem verregneten Frühlingsabend. Nach Reims und St.-Étienne hatte Bastia als dritter Klub der Grande Nation das Finale eines europäischen Wettbewerbs erreicht.

Der ehemalige kicker-Journalist Dr. Friedebert Becker lieferte eine blumige Beschreibung der Zustände „in diesem Geviert namens Armand Césari, das die Funktion eines Fußballstadions erfüllt, in Wirklichkeit aber nicht mehr ist als eine von Eukalyptusbäumen umgebene flache Schachtel, wo die Spieler den heißen Atem der Menge Mensch buchstäblich auf ihrer Haut spüren“. Nirgends verstehe man sich auf die Kunst, die Atmosphäre altrömischer Gladiatorenkämpfe zu simulieren, besser als in diesem korsischen Löwenkäfig: „Wild gestikulierende, brüllende, drohende, keifende Fans, die pausenlos Unmengen an Raketen, Petarden, Schwärmern und Heulern abfeuern – so könnte man sich die Hölle vorstellen.“

PSV EINDHOVEN

Im Finale warteten die Niederländer von der PSV Eindhoven, die am Anfang ihrer größten Epoche und ebenfalls erstmals in einem europäischen Endspiel stand. Den Korsen wurde das Hinspiel zugelost. Stimmen wurden laut, es ins verhasste Marseille oder nach Paris zu verlegen, aber die wurden schnell zum Schweigen gebracht. Und am 26. April 1978 war Bastia die Fußball-Hauptstadt Europas – obwohl das UEFA-Pokal-Hinspiel lange auf der Kippe stand, weil es geregnet hatte wie aus Kübeln. Die Hoffnung, den „regenerprobten“ Niederländern im warmen, mediterranen Klima ein Schnippchen schlagen zu können, schwand von Tag zu Tag, denn eine Woche lang hatte sich ein unüblicher Wasserschwall über die Insel ergossen. Fast holländische Verhältnisse also. Vier Spieler der PSV – Jan Poortvliet, Erny Brandts und die Brüder Willy und René van de Kerkhof – sowie Bastias Stürmer Johnny Rep standen keine zwei Monate später im WM-Finale, das die Niederlande in Argentinien gegen den Gastgeber mit 1:3 nach Verlängerung verloren.

Eindhoven ging als Favorit in diese Begegnung, war als solcher aber nicht zu erkennen. Die erste halbe Stunde gehörte den Lions de Furiani, den „Löwen von Furiani“, wie sie mittlerweile genannt wurden. Und sie gingen bis ans Äußerste. Lacuesta (20’), Rep (38’), Krimau (40’) und Larios per Freistoß (42’) scheiterten am glänzend disponierten PSV-Schlussmann Jan van Beveren. Nach der Pause entwickelte sich eine wahre Schlammschlacht. Die Korsen wurden immer müder, die PSV hatte noch die eine oder andere Gelegenheit – aber an diesem Abend schien das Toreschießen unmöglich. Cazuhac: „In einem solchen Schlammbad regiert der Zufall. Unsere Taktik für dieses Spiel konnte nicht zum Zuge kommen.“ Erstmals in diesem Wettbewerb blieben seine Schützlinge ohne Torerfolg, dennoch wurden sie zur Ehrenrunde gebeten. Die Fans zogen erneut zum Feiern an die Place Saint Nicolas. Ein letztes Mal, denn das Märchen endet hier.

5.000 Fans begleiteten ihren Klub ins sonnige Eindhoven, doch das Wunder blieb aus. Zu stark war der neue niederländische Meister an jenem Abend bei idealen Platzbedingungen. Nach Vorarbeit seines Zwillingsbruders René bezwang Willy van de Kerkhof Bastias Keeper Pierrick Hiard nach 25 Minuten zum 1:0. Und trotz Reps Chance fünf Minuten später sahen die Zuschauer in der Folge Einbahnstraßen-Fußball. Die sattelfeste PSV-Abwehr gab der Offensive die nötige Rückendeckung und der Doppelschlag durch Gerrie Deijkers (64’) – mit neun Toren UEFA-Pokal-Torschützenkönig – und Kapitän Willy van der Kuijlen (64’) erstickte den letzten Funken Hoffnung. Die PSV-Spieler – darunter auch Huub Stevens, der als Trainer des FC Schalke 04 den Cup 19 Jahre später ein zweites Mal gewinnen sollte – streckten den UEFA-Pokal in Eindhovens Nachthimmel. Bastia war aus seinem schönen, langen Traum erwacht.

Der Tanz auf dem europäischen Parkett forderte seinen Tribut. Zwar spielte der SECB in der französischen Meisterschaft tapfer oben mit. Doch am Ende fehlten auf den Meister AS Monaco neun Punkte, unterm Strich blieb für die Bleus Platz fünf. Ohne die Doppelbelastung wäre wohl mehr drin gewesen für die „Löwen aus Furiani“, und auch wenn die Abschlusstabelle eine andere Sprache spricht, so war der kleine Klub aus dem Nordzipfel Korsikas doch der, der Fußball-Frankreich in jener denkwürdigen Saison 1977/78 am meisten begeisterte, Millionen TV-Zuschauer vereinte und – zumindest für kurze Zeit – in heißblütige Anhänger verwandelte.


UEFA-POKAL 1977/78

SÉC Bastia – Sporting Lissabon 3:2, 2:1
SÉC Bastia – Newcastle United 2:1, 3:1
SÉC Bastia – Torino Calcio 2:1, 3:2
SÉC Bastia – Carl Zeiss Jena 7:2, 2:4
Grasshoppers Zürich – SÉC Bastia 3:2, 0:1

SÉC Bastia – PSV Eindhoven 0:0 (0:0)
Bastia: Hiard – Burkhardt, Orlanducci, Guesdon, Cazes – Lacuesta (56’ Félix), Larios, Papi – Rep, Krimau, Mariot. – Trainer: Cahuzac.
PSV: van Beveren – Krijgh, van Kraay, Stevens, Brandts – W. van de Kerkhof, Poortvliet, van der Kuijlen – R. van de Kerkhof, Deijkers, Lubse. – Trainer: Rijvers.
Tore: -. – SR: Maksimović (Jugoslawien). – Zuschauer: 15.000.
Furiani, »Stade Armand-Cesari«, 26. April 1978

PSV Eindhoven – SÉC Bastia 3:0 (1:0)
PSV: van Beveren – Krijgh, van Kraay (79’ Deacy), Stevens, Brandts – W. van de Kerkhof, Poortvliet, van der Kuijlen – R. van de Kerkhof, Deijkers, Lubse. – Trainer: Rijvers.
Bastia: Hiard (75’ Weller) – Marchioni, Orlanducci, Guesdon, Cazes – Larios, Lacuesta, Papi – Rep, Krimau, Mariot (58’ de Zerbi). – Trainer: Cahuzac.
Tore: 1:0 W. van de Kerkhof (25’), 2:0 Deijkers (64’), 3:0 van der Kuijlen (66’). – SR: Rainea (Rumänien). – Zuschauer: 27.000.
Eindhoven, »Philips Stadion«, 9. Mai 1978

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