Traumtanz: Bohemians Prag 1982/83

bohemians-praha-1983Antonín Panenka, der große Star, hatte die Bohemians 1981 verlassen. Er war zwar schon 32 Jahre alt und hatte seinen Karriere-Höhepunkt längst überschritten, doch erst jetzt durfte er ins Ausland wechseln. Und Interessenten aus dem Westen waren ausreichend vorhanden. Panenka entschied sich für Rapid Wien, für die Grün-Weißen, die in denselben Farben wie seine Bohemka spielten. Der Klub, der ihn groß gemacht hatte, musste ab sofort ohne seinen Vorzeigespieler auskommen. Und doch witterten sie im Sommer 1982, dass hier, im Arbeiterviertel Vršovice, etwas in der Luft lag. Trainer Tomáš Pospíchal hatte in Praha 10, dem zehnten Prager Bezirk, über mehrere Jahre ein Team geformt, das endlich zu einer Spitzenmannschaft gereift war und fast ausschließlich aus Nationalspielern bestand. Seit jeher standen die Klokani, „Kängurus“, im Schatten der Lokalrivalen Dukla, Sparta und Slavia, doch in der Saison 1982/83 sollten sie die Nummer eins in der „Goldenen Stadt“ werden. Und nicht nur dort.

ADMIRA/WACKER

Als Tabellendritter der Vorsaison hatten sich die Grün-Weißen für den UEFA-Pokal qualifiziert und die Österreicher von Admira Wacker Wien waren die Ersten, die im Stadion Ďolíček die Stärke der Pospíchal-Truppe zu spüren bekamen. Schon zur Pause hatten der blonde Mittelstürmer Milan Čermák (18’) und Torjäger Miroslav Příložný, der insgesamt drei Treffer erzielen sollte (27’, 32’, 89’), einen beruhigenden 3:0-Vorsprung herausgeschossen, am Ende wurden die Wiener gar mit einer 5:0-Packung (das zwischenzeitliche 4:0 besorgte Vladimír Hruška in der 70. Minute) nach Hause geschickt.

Die Sache war gelaufen, so dass nur 2.000 Zuschauer das Rückspiel im Südstadt-Stadion sehen wollten. Bohemians gewann locker mit 2:1 (1:1) – Peter Zelenský (16’) und Spielmacher Jiří Sloup (68’) erzielten die Tore – und setzte ein erstes Ausrufezeichen: Erst zum zweiten Mal hatten die „Kängurus“ die erste Europapokalrunde überstanden. Zwei Jahre zuvor setzten sich die Grün-Weißen ebenfalls im UEFA-Cup gegen Sporting Gijón durch (3:1, 1:2), ehe sie dem späteren Gewinner Ipswich Town nur denkbar knapp unterlagen. Der 0:3-Pleite an der Portman Road folgte ein regelrechter Sturmlauf der Bohemians, doch nach Panenkas Tor zum 2:0 (53’) wollte der entscheidende dritte Treffer einfach nicht mehr fallen. Diesmal sollten sich die Prager nicht so früh geschlagen geben.

AS ST.-ÉTIENNE

In Runde zwei wartete die AS St.-Étienne, die zwei Jahre zuvor im selben Wettbewerb immerhin mal eben 5:0 beim Hamburger SV gewonnen hatte. Mit Torhüter Jean Castaneda und den Feldspielern Patrick Battiston, Philippe Mahut, Gérard Janvion und Bernard Genghini verfügten Les Verts, die Grünen, über fünf Spieler, die bei der WM 1982 in Spanien erst im Elfmeterschießen an Deutschland gescheitert waren (7:8) und somit den Finaleinzug nur haarscharf verpasst hatten. In der Spitze agierte zudem der niederländische Internationale Johnny Rep. Doch gegen die Bohemka kam der französische Rekordmeister nicht über ein 0:0 hinaus.

bohemians-asse-1982.jpg

Also mussten sie es eben im Rückspiel richten, aber die Grünen staunten nicht schlecht, als sie vor 15.000 Zuschauern in Vršovice in ihre Einzelteile zerlegt wurden. Das Stadion platzte aus allen Nähten, und während an der angrenzenden Hauptstraße Vršovická der Feierabendverkehr vorbeirollte, wurden die Franzosen im Ďolíček förmlich an die Wand gespielt. Jaroslav Němec verwandelte freistehend aus elf Metern zum 1:0 (29’), nachdem ihm ein abgefälschter Schuss vor die Füße gefallen war, und eröffnete somit den Torreigen. Nach der Pause bezwang Příložný Castaneda mit einem satten Linksschuss (59’) zum 2:0, Abwehrhüne Zdeněk Prokeš war nach einem Eckball per Kopf zur Stelle (62’) und der eingewechselte Tibor Mičinec besorgte ebenfalls mit einem Kopfball den aus französischer Sicht deprimierenden 4:0-Endstand (78’). Für Saint-Étienne war es für knapp 25 Jahre der letzte Auftritt auf der internationalen Bühne, auf der sich die Bohemians gerade einen Namen machten.

In der heimischen Meisterschaft hatten die Prager derweil einen guten Lauf, und es sah wirklich so aus, als könnte der Arbeiterklub aus Vršovice (Werschowitz) tatsächlich erstmals den tschechoslowakischen Meistertitel holen. Nur vier Tage nach dem grandiosen Auftritt gegen Saint-Étienne stand das Stadtderby bei Vorjahresmeister Dukla Prag an. 15.000 Zuschauer säumten die Ränge des Stadion Juliska. Ihnen stockte der Atem, als Sloups Doppelpack (8’, 13’) die Bohemians mit 2:0 in Führung brachte, aber die Elf um Superstar Zdeněk Nehoda kämpfte sich noch einmal ins Spiel zurück und lag zur Pause sogar 3:2 vorn. Doch wer dachte, die Jungs von Coach Pospíchal würden nun zusammenbrechen, wurde eines Besseren belehrt. Pavel Chaloupka (71’) und Němec (75’) drehten in einer mitreißenden Partie den Spieß herum. Nach dem grandiosen 4:3-Auswärtserfolg festigte Bohemians nicht nur die Tabellenspitze, sondern tankte zusätzliches Selbstvertrauen für die kommenden europäischen Aufgaben.

SERVETTE GENF

In Genf waren sie also gewarnt, als die Prager im Stade des Charmilles aufliefen. Servette, immerhin Schweizer Vizemeister, hatte den polnischen Vertreter Śląsk Breslau deutlich abgefertigt und mit den Tschechen ähnliches vor. Doch als Sloup zu einem herrlichen Sololauf über das halbe Feld ansetzte und eiskalt zum 0:1 vollstreckte (23’), kehrte zunächst Ruhe ein. Chaloupka zimmerte nach dem Wechsel die Kugel von der Strafraumgrenze unter die Latte, nachdem er ebenfalls über das halbe Feld gesprintet war (69’), doch durch die Treffer von Marc Schnyder zum zwischenzeitlichen 1:1 (53’) und Angelo Elias (81’) stand es am Ende 2:2.

bohemians-servetteZwei Wochen später gefror 16.000 Bohemians-Fans das Blut in den Adern, als Michel Decastel einen weiten Pass aufnahm, einige Meter auf Keeper Vladimir Borovička, der den etatmäßigen Torwart Zdeněk Hruška ersetzte, zulief und die Schweizer nach 16 Minuten aus kurzer Distanz in Front schoss. Čermák besorgte allerdings zur Freude der nun wieder in Stimmung kommenden Bohemians-Anhänger noch vor der Pause den Ausgleich. Sein Tor zum 1:1, eine Direktabnahme aus fünf Metern, hätte auf Grund der Auswärtstorregel bereits zum Weiterkommen gereicht. In den Schlussminuten ging es aber noch einmal drunter und drüber. Es war hochdramatisch: Servette konnte einen indirekten Freistoß innerhalb des Strafraums aus zehn Metern nicht verwerten, anschließend hämmerte Příložný einen Foulelfmeter zum 2:1 in den linken Winkel (88’), dann bewahrten die Latte und zwei waghalsige Rettungsmanöver auf der Torlinie die Bohemians vor der Verlängerung – Viertelfinale!

DUNDEE UNITED

In der Runde der letzten Acht hieß die Hürde Dundee United. Und die war ziemlich hoch, denn die Schotten waren gerade auf dem Weg zu ihrer ersten – und bis heute letzten – Meisterschaft. Zudem hatte Pospíchal zwei gravierende Ausfälle zu beklagen: Spielmacher Sloup hatte sich im Winter bei einem Turnier eine schwere Knieverletzung zugezogen, im Frühjahr erwischte es auch noch den Stürmer Němec, der bis Mai außer Gefecht bleiben sollte. Ein herber Rückschlag für die Kängurus auf dem Weg zum möglichen ersten Titelgewinn.

Der Boden auf dem „Kartoffelacker“ Ďolíček war so tief, dass keine flüssigen Kombinationen zu erwarten waren. So war es auch ein Kopfballtreffer, der die Partie entschied: Přemysl Bičovskýs Freistoß von der rechten Seite netzte Chaloupka aus sechs Metern ein (11’). Es sollte das einzige Tor in beiden Spielen bleiben. Denn im Tannadice Park entpuppten sich die Prager vor 21.300 Zuschauern als wahre Defensivkünstler und hielten der orangefarbenen Angriffslawine stand. 0:0 hieß es nach 90 nervenaufreibenden Minuten, Keeper Hruška zog den Schotten den Zahn und machte einige hochkarätige Chancen zunichte. Zum ersten Mal überhaupt schaffte ein Klub aus der ČSSR den Sprung ins Halbfinale des UEFA-Pokals. Immerhin: sieben Spieler aus dem Kader der Schotten standen vier Jahre später im Finale dieses Wettbewerbs, wo sie aber am IFK Göteborg scheiterten.

RSC ANDERLECHT

16.500 Zuschauer sahen im Halbfinal-Hinspiel gegen den RSC Anderlecht am 6. April 1983 folgende Bohemians-Formation im Stadion Ďolíček auflaufen: Hruška – Jakubec, Prokeš, Marčík, Levý – Zelenský (46’ Bičovský), Chaloupka, Koukal – Příložný, Čermák, Mičinec. Doch aus dem erhofften Fußball-Fest wurde nichts. Die Belgier waren einfach zu stark, zudem machte sich das Fehlen Sloups in der Schaltzentrale bemerkbar. Unter der Leitung des deutschen Unparteiischen Walter Eschweiler markierte Erwin Vandenbergh nach einer halben Stunde den einzigen Treffer der Partie, und der Milchmann aus Lier war es auch, der im Rückspiel per Elfmeter den Torreigen eröffnete (38’). Der Traum der Überraschungself aus dem zehnten Prager Bezirk endete hier. Kenneth Brylle Larsen (40’) erhöhte noch vor der Pause auf 2:0, ehe Abwehrspieler František Jakubec kurz nach dem Wiederanpfiff zumindest der Ehrentreffer gelang. Die Belgier stellten allerdings in beiden Partien unter Beweis, zur absoluten europäischen Spitze zu zählen, der eingewechselte Alex Czerniatynski sorgte in der Schlussminute für den 3:1-Endstand.

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Zdenek Koukal bleibt im Halbfinal-Hinspiel an Anderlechts Keeper Jacques Munaron hängen. Im Hintergrund der deutsche Schiedsrichter Walter Eschweiler.

Anderlecht setzte sich später im Finale gegen Benfica Lissabon mit 1:0 und 1:1 durch. Für Bohemians Prag fand die Saison 1982/83 dennoch einen krönenden Abschluss. Die Pospíchal-Truppe sicherte sich nach einem fulminanten Saisonendspurt mit Siegen über Slavia (2:1), Dukla (6:1), Sparta (2:1) sowie Slovan Bratislava (3:0) erstmals in ihrer Vereinsgeschichte mit zwei Punkten vor Baník Ostrau den tschechoslowakischen Titel. Es sollte der bis heute letzte bleiben.


UEFA-POKAL 1982/83

Bohemians Prag – Admira Wacker 5:0, 2:1
AS St.-Étienne – Bohemians Prag 0:0, 0:4
Servette Genf – Bohemians Prag 2:2, 1:2
Bohemians Prag – Dundee United 1:0, 0:0

Bohemians Prag – RSC Anderlecht 0:1 (0:1)
Bohemians: Z. Hruška – Jakubec, Prokeš, Marčík, Levý – Zelenský (46’ Bičovský), Chaloupka, Koukal – Příložný, Čermák, Mičinec. – Trainer: Pospíchal.
Anderlecht: Munaron – Hofkens, Olsen, Peruzović, de Groote – Frimann, de Greef, Coeck, Vercauteren – Vandenbergh, Brylle Larsen (70’ Czerniatynski). – Trainer: Van Himst.
Tor: 0:1 Vandenbergh (30’). – SR: Eschweiler (BR Deutschland). – Zuschauer: 16.500.
Prag, »Ďolíček«, 6. April 1983

RSC Anderlecht – Bohemians Prag 3:1 (2:0)
Anderlecht: Munaron – Hofkens, Olsen, Peruzović, de Groote – Frimann (87’ de Greef), Lozano, Coeck, Vercauteren – Vandenbergh, Brylle Larsen (69’ Czerniatynski). – Trainer: Van Himst.
Bohemians: Z. Hruška – Jakubec, Prokeš, Bičovský, Levý – Zelenský, Chaloupka, Koukal – Mičinec (67’ Příložný), Čermák, V. Hruška. – Trainer: Pospíchal.
Tore: 1:0 Vandenbergh (38’, Strafstoß), 2:0 Brylle Larsen (40’), 2:1 Jakubec (53’), 3:1 Czerniatynski (90’). – SR: Courtney (England). – Zuschauer: 45.000.
Brüssel, »Parc Astrid«, 20. April 1983

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