Momente: Donadoni und der Nebel von Belgrad

Der AC Mailand hatte nach neunjähriger Durststrecke erstmals wieder den Scudetto, die italienische Meisterschaft, gewonnen und durfte endlich wieder im Europapokal der Landesmeister ran. Möglich gemacht hatte das der umstrittene Geschäftsmann Silvio Berlusconi, der 1986 die Aktienmehrheit des Klubs erworben hatte und fortan reihenweise Starspieler in die Mode-Hauptstadt lockte. Roberto Donadoni, in der Nähe von Bergamo geboren und fußballerisch bei der Atalanta aufgewachsen, war der erste „Berlusconi-Transfer“ überhaupt, es folgten unter anderem die Niederländer Ruud Gullit, Marco van Basten und Frank Rijkaard.

In der ersten Europapokal-Runde 1988/89 hatte das Mailänder Star-Ensemble mit dem bulgarischen Meister Vitosha Sofia keine Mühe. Doch dann wurde ihm Roter Stern Belgrad zugelost. Die Jugoslawen waren seit Jahrzehnten ein europäisches Spitzenteam, da ihre Spieler aus politischen Gründen nicht ins Ausland wechseln durften. So blieben die Top-Spieler den Klubs erhalten. Was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste: Die talentierten Balkan-Kicker um Robert Prosinečki, Dragan Stojković und Dejan Savićević schickten sich gerade an, zur besten Elf des Kontinents zu werden und würden drei Jahre später tatsächlich den europäischen Thron erklimmen.

Das Hinspiel im Mailänder San Siro ende mit einem aus Sicht der Italiener enttäuschenden 1:1. Nun mussten sie es also im Rückspiel richten, doch das Marakana, wie das Stadion Roter Stern in Anlehnung an die Riesenschüssel in Rio de Janeiro genannt wurde, war eine der größten und aufgrund ihrer explosiven Stimmung gefürchtetsten Arenen der Welt.

Die Partie wurde – das war zu Ostblock-Zeiten durchaus üblich – an einem Mittwochnachmittag angepfiffen. Donadoni und Co. wurden im Hexenkessel regelrecht erdrückt, Savićević traf kurz nach der Pause zum 1:0, und als Milans Pietro-Paolo Virdis mit Rot vom Platz flog, schien der Zug für die Elf von Trainer Arrigo Sacchi abgefahren. Allerdings hatte sich zu diesem Zeitpunkt ein Nebelschleier über den Rasen gelegt, der immer dichter wurde und von dem man in Belgrad behauptet, Berlusconi persönlich habe ihn in dieser ausweglosen Situation über Belgrad gebracht. In der 54. Minute musste der deutsche Unparteiische Dieter Pauly die Begegnung abbrechen.

„Wir dachten, er sei tot“

Die UEFA-Regularien sahen vor, dass die Partie am Folgetag komplett neu angesetzt werden musste. Also wieder alles auf Anfang, 0:0, noch 90 Minuten, Milan wieder zu elft. Am 10. November 1988 fanden sich die Italiener besser zurecht. Donadoni zog mit dem heutigen Bayern-Coach Carlo Ancelotti im Mittelfeld die Fäden, van Basten traf kurz vor der Pause zum 1:0, doch Stojković glich postwendend aus.

Dann die 43. Minute: Nach einem Kopfballduell mit Goran Vasilijević geht Donadoni zu Boden und bleibt regungslos liegen. Der jugoslawische Abwehrspieler hat ihn derart unglücklich am Kopf getroffen, dass Donadoni noch in der Luft das Bewusstsein verliert und unkontrolliert auf den Rasen knallt. Spätestens, als die Milan-Spieler sich vor Entsetzen an den Kopf fassten und hastig den Teamarzt herbeirufen, ist klar, dass es nicht gut um Donadoni bestellt ist.

Die Verletzungsunterbrechung dauert mehrere Minuten, Betreuer spannen eine Decke, um den Spielern und Zuschauern, das, was sich da abspielt, zu ersparen. Die Abwehrspieler Paolo Maldini und Alessandro Costacurta brechen in Tränen aus. „Roberto lag verkrampft da und hatte die Augen verrollt. Wir dachten, er sei tot“, erzählte Gullit später. „Er hatte seine Zunge verschluckt und bekam keine Luft mehr, seine Beine zitterten.“ Doc Giovanni Monti bricht Donadoni den Kiefer, um die Zunge aus dem Rachen zu holen. Donadoni wird ins Krankenhaus gebracht, noch in der Halbzeitpause kommt die Stadiondurchsage, dass er außer Lebensgefahr ist. Er wird zwei Monate kein Fußball mehr spielen. „Wenn Monti mich nicht noch auf dem Platz intubiert hätte, könnte ich heute diese Geschichte nicht erzählen“, sagte Donadoni Jahre später.

Die Partie in Belgrad plätscherte anschließend bis zum Ende der Verlängerung vor sich hin. Milan gewann das Elfmeterschießen, wenige Monate später auch den Wettbewerb. Arrigo Sacchi stieg zum Trainer-Weltstar auf. Und Donadoni? Der damals 25-Jährige stand beim 4:0-Finalsieg gegen Steaua Bukarest in der Startelf und gewann noch zahlreiche weitere Titel, insgesamt sechs italienische Meisterschaften und drei Mal den Cup der Landesmeister. Nach seiner aktiven Laufbahn coachte er unter anderem auch die Squadra Azzurra.

ac-milan-1989
Im Mai 1989 war Roberto Donadoni, kniend Zweiter von links, wieder fit. Der AC Mailand besiegte im Finale des Cups der Landesmeister in Barcelona Steaua Bukarest mit 4:0.

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