Traumtanz: Dundee United 1986/87

„What a waste of money“, was für eine Geldverschwendung, sangen Dundee Uniteds Fans hämisch in Richtung Mark Hughes und Gary Lineker, dem Sechs-Millionen-Pfund-Angriff des FC Barcelona. Lineker hatte gerade die Riesenchance verpasst, mit dem möglichen Ausgleichstreffer für eine sehr gute Ausgangsposition für das Rückspiel im Stadion Camp Nou zu sorgen. So genügte Kevin Gallachers früher Kunstschuss mit der rechten Außenseite (2’) gegen einen schlecht positionierten Andoni Zubizarreta, um mit einem minimalen Vorsprung nach Katalonien zu reisen. Dort sollte ein abgefälschter Schuss von Ramón Calderé fünf Minuten vor der Pause für den Gesamtausgleich sorgen und das Spiel für lange Zeit einer Verlängerung entgegensehen. Bis Paul Sturrock fünf Minuten vor Schluss in Strafraumnähe gefoult wurde. Ian Redford flankte auf den Kopf von John Clark und die Sensation war geschafft. Dass Iain Ferguson gar noch einen Treffer nachlegte, war bloß das i-Tüpfelchen einer denkwürdigen Nacht, als der damals wohl reichste Klub der Welt von einer nur 750.000 Pfund schweren Bande vom Tay-Ufer aus dem UEFA-Cup geworfen wurde.

RC Lens

Die Viertelfinals gegen die katalanische Großmacht waren die Höhepunkte einer beachtlichen Europareise, die Dundee United bis ins Finale des UEFA-Pokals 1986/87 führte. Und dabei hatten es die Schotten wahrlich nicht mit Fußballzwergen zu tun. Die Nordfranzosen vom RC Lens brachten United, das auf nationaler Ebene bis dahin in zehn Spielen ungeschlagenen geblieben war, auch gleich die erste Saisonniederlage bei. Der Uruguayer Daniel Carreño hatte den einzigen Treffer für den Gastgeber erzielt (43’), die Taysiders brauchten zudem kurz vor Schluss die Hilfe des Pfostens, um nicht noch deprimierter in den Osten Schottlands zurückkehren zu müssen.

Wie schon im Meisterjahr 1983 war die überragende Heimstärke Garant für diese erfolgreiche Spielzeit, und so bezwang die Truppe des legendären Trainers Jim McLean Lens im Rückspiel mit 2:0. Torschützen waren Ralph Milne (54’) und Tommy Coyne (59’), der bei United nicht Fuß fassen konnte, sechs Monate später zum Stadtrivalen Dundee FC wechselte und es erst dann zu einer beachtlichen Karriere bei Celtic und dem irischen Nationalteam schaffte. United hatte damit sein zweites Pokal-Aus verhindert, nachdem kurz zuvor die Glasgow Rangers zur Endstation im Halbfinale des bereits weit fortgeschrittenen League Cup geworden waren.

Universitatea Craiova

In Runde zwei des UEFA-Pokals durften die Schotten zuerst im heimischen Tannadice Park ran. Universitatea Craiova, 1983 noch Halbfinalist im gleichen Wettbewerb, kam mit dem 20-jährigen Gheorghe Popescu und wurde nach Toren von Redford (54’, 86’) und Clark (81’) mit einer 3:0-Packung nach Hause geschickt. Das Rückspiel sollte nur noch Formsache sein. Und tatsächlich rannten die Rumänen die ersten 58 Minuten erfolglos an, ehe die zögerlichen Clark und Gary McGinnis ihrem Gegenspieler Gheorghe Biţă freies Geleit gaben und dieser zum 1:0 einschoss. Nur rund zehn Minuten später drohte es noch eine Zitterpartie zu werden, denn McGinnis, ein verdienstvoller United-Kicker mit seltenen Einsätzen von Beginn an, spielte den Ball nun Popescu in die Füße, der jedoch im aufmerksamen Billy Thomson seinen Meister fand. The Terrors, so einer der Spitznamen der United-Fußballer, waren eine Runde weiter.

Hajduk Split

Und auch das Achtelfinal-Rückspiel sollte United gegen den jugoslawischen Top-Klub Hajduk Split mit besonderem Dank an Goalie Thomson und Abwehrchef David Narey, Ersatzkapitän für den verletzten Paul Hegarty, überstehen. Vor der torlosen Abwehrschlacht in Kroatien hatten sich die McLean-Schützlinge zu Hause ein 2:0-Polster erarbeitet. Jim McInally (28’) per Abstauber nach einem Patzer von Mladen Pralija, vielen bekannt aus einem ähnlich unglücklichen Bundesliga-Zwischenspiel beim Hamburger SV, und Clark (47’) mit sattem Linksschuss waren die Torschützen.

Zum vierten Mal in seiner Vereinsgeschichte hatte Dundee United das Viertelfinale eines europäischen Klubwettbewerbs erreicht. Und während sich andere Nationen auf die wohl verdiente Spielpause einstimmten, machten sich über 18.000 Zuschauer an einem kalten Januar-Tag auf, um DUFC gegen die Großmacht Celtic Glasgow spielen zu sehen – auf der Insel halten sie seit eh und je wenig von einer fußballlosen Winterzeit. Auf dem von Schnee bedeckten Rasen im Tannadice Park ging Dundee 2:0 in Front, doch Celtic glich aus und in einem packenden Match wurde Eamonn Bannon zum Matchwinner dieses Meisterschaftsspiels. Für Uniteds Fans war es nicht nur mindestens so schön wie eine weiße Weihnacht, sondern gleichzeitig eine Steilvorlage für nostalgische Erinnerungen. Denn schließlich haben ihre Helden die Nicknames Terrors einem 1949er Pokalerfolg eben über Celtic und Arabs den besonderen Beschaffenheiten des Untergrunds im Tannadice Park zu verdanken. Im harten Winter von 1962/63 befand sich der Platz in denkbar schlechtem Zustand, doch das Spiel gegen Albion Rovers wollten die Verantwortlichen um keinen Preis ausfallen lassen. So schütteten sie Tonnen von Sand auf das Spielfeld, bis schließlich kein Grashalm mehr zu sehen war. Im wüstenähnlichen Sandkasten von Dundee spielte United so gut, dass es zu einem 3:0 reichte und seither die Fans und in der Folgezeit auch die Spieler des Vereins TheArabs genannt werden.

FC Barcelona

Der Januar 1987 zeitigte personelle Veränderungen, denn Ralph Milne ging zu Charlton Athletic und wurde durch Rückkehrer Billy Kirkwood ersetzt. Gegen Craiova aber hatte sich der 22-jährige John „Clarkie“ Clark als Ersatzmann für Paul Hegarty in den Blickpunkt gespielt. Zufall oder nicht, Clark war ebenso wie einst Hegarty als Angreifer zum Verein gekommen und wurde wie sein Vorgänger zum Innenverteidiger umfunktioniert. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, am Ende vier wichtige Treffer auf europäischer Bühne zu schießen. Der bedeutendste davon war freilich der Ausgleich im Camp Nou gegen die Millionentruppe von Terry Venables.

Borussia Mönchengladbach

Nach dem glanzvollen Auftritt in Barcelona reiften an der Tannadice Street Träume, und im Halbfinale sollte gegen Borussia Mönchengladbach möglichst ein deutlicher Sieg eingefahren werden. Es kam anders. Die Borussia, 1981 noch im gleichen Wettbewerb und an gleicher Stelle 0:5 untergegangen, kontrollierte nicht nur das Spiel, sondern hatte auch noch einige exzellente Konterchancen. Zum Glück für die Taysiders fiel das bedeutsame Auswärtstor nicht. Das Team von Dundee United durfte sich diesbezüglich noch glücklich schätzen, dass es beim torlosen Remis blieb, auch wenn es in den aufregenden sieben Schlussminuten selbst einem Treffer noch sehr nahe kam. Besser machten es die Arabs drei Tage später im Halbfinale des schottischen Pokals. Im Tynecastle, der Heimstätte von Heart of Midlothian, besiegten sie in einem packenden Derby ihren Stadtrivalen Dundee FC mit 3:2. Das erste Finale war perfekt!

Selbstbewusst ob der Erfolge auf den fremden Plätzen Camp Nou und Tynecastle fuhren die Schotten zur nächsten Pokalschlacht auf den Bökelberg. Die Hauptrolle fiel Iain Ferguson zu. Der kleine wendige Torjäger war zu Beginn der Saison von den Glasgow Rangers als Nachfolger von Davie Dodds an den Tay gewechselt, unterzeichnete aber etwas zu spät, um in den ersten drei UEFA-Cup-Runden mitwirken zu dürfen. Das Warten sollte sich allerdings gelohnt haben: Nach seinem Siegtreffer in Barcelona war er nun in der 43. Minute erneut zur Stelle und verwandelte eine Kopfballvorlage Eamonn Bannons ebenfalls per Kopf zum 0:1. Die 1.500 mitgereisten Fans waren aus dem Häuschen. Uniteds Führung war zu diesem Zeitpunkt völlig verdient, hatte die Borussia in der ersten Hälfte doch nur eine Chance durch Hans-Jörg Criens zu verzeichnen. Als Ian Redford, ebenfalls ein Ex-Ranger, einen Gegenangriff von Kevin Gallacher über die rechte Angriffsseite seelenruhig zum 0:2 abschloss (89’), waren alle Messen gesungen und hatte Borussia Mönchengladbach zum ersten Mal ein Europacupspiel am Bökelberg verloren.

Im zweiten Halbfinale hatten sich derweil die Schweden vom IFK Göteborg nahezu mühelos gegen den FC Tirol aus Innsbruck durchgesetzt und schickten sich an, den UEFA-Pokal ein zweites Mal nach dem Überraschungscoup gegen den Hamburger Sportverein in der Saison 1981/82 zu gewinnen. Ein Hinspielerfolg vor eigenem Publikum konnte schon Gold wert sein, denn IFK hatte im laufenden Wettbewerb kein einziges Spiel verloren, auswärts auf minimalistische Art drei Mal 1:1 gespielt und zwei Mal 1:0 gewonnen.

IFK Göteborg

United wollte gegen den IFK Göteborg als erstes schottisches Team den UEFA-Cup erobern, musste aber in Schweden auf den gelbgesperrten Iain Ferguson verzichten – das war der einzige Wermutstropfen aus dem Halbfinalrückspiel. Es waren ausgerechnet die verdienstvollen Dave Narey und Torwart Billy Thomson, deren Fehler das entscheidende 1:0 in der 38. Minute begünstigten. Narey machte keine glückliche Figur, als er sich nach einem Foul an Lennart Nilsson per Handschlag entschuldigen wollte und der schnell ausgeführte Freistoß zu einer Ecke führte. Die Hereingabe von Michael Andersson hätte der bei Flanken sonst so zuverlässige Thomson eigentlich entschärften müssen, was er diesmal aber nicht tat. Stefan Pettersson nutzte die Situation zu einem Kopfballaufsetzer über den Keeper hinweg. Es kann durchaus eine Rolle gespielt haben, dass Thomson sich bereits nach fünf Minuten bei einem Zusammenprall mit Nilsson verletzt hatte. Uniteds 2.000 mitgereiste Anhänger sahen noch Chancen auf beiden Seiten, jedoch blieb es vor rund 50.000 Besuchern im Stadion Nya Ullevi beim knappen aber bedeutsamen Erfolg der Heimmannschaft.

Vor dem Rückspiel hatten die Terrors noch zwei letzte Meisterschaftsspiele und das schottische Cup-Finale im Glasgower Hampden Park zu absolvieren. Dundee war jetzt voll im Pokalfieber und schonte in der Liga seine besten Leute. Kein Wunder, gingen den Terrors doch langsam die Kräfte am Ende einer Saison aus, in der 67 Pflichtspiele zu bestreiten waren. Lediglich das verpasste Ligapokalfinale verhinderte das absolute Saisonmaximum. Ein mickriger Punkt aus den Spielen gegen die Hearts und Motherwell waren die Folge, doch das war nicht weiter wichtig. Das vierte Scottish Cup Final innerhalb von 13 Jahren sollte nun endlich einmal siegreich beendet werden und gegen St. Mirren waren die Mannen vom Tay Favorit. Doch der Schiedsrichter machte United einen Strich durch die Rechnung und verweigerte Iain Ferguson einen regulären Treffer in der Nachspielzeit. Nach dem falschen Abseitspfiff kam es noch dicker und Namensvetter Ian Ferguson traf zum 1:0-Sieg für den Außenseiter. Wenn nun auch der UEFA-Pokal flöten gehen sollte, dann war somit auf tragische Weise auch der Trostpreis verloren gegangen.

20.911 Zuschauer zogen am 20. Mai 1987 an die Tannadice Street, um zu sehen, ob Dundee United zum vierten schottischen Europapokalsieger nach Aberdeen, Celtic und den Rangers aufsteigen würde. Lennart Nilssons Gegentor nach nur 22 Minuten, Uniteds erster Gegentreffer dieser Europapokalsaison im heimischen Stadion, begrub die Hoffnungen früh. Sturrock schien in des Gegners Hälfte regelwidrig behindert worden zu sein, aber der Pfiff des rumänischen Schiedsrichters Ioan Igna blieb aus, und so konnte Nilsson zum tödlichen Konter auf die Reise geschickt werden. Von halblinks trat er in den Strafraum ein, ging rechts an John Clark vorbei und schloss hart und präzise ins kurze Eck ab. United verabschiedete sich mit einer großartigen zweiten Hälfte, in der Göteborgs Triumph noch einige Male in Frage gestellt werden sollte. Zu mehr als dem Ausgleichstreffer durch Clark (60’) reichte es allerdings nicht mehr. Ferguson hatte den Ball von rechts nach innen gespielt. Der etwas sperrig wirkende Clark hatte die Kugel geschickt kontrolliert und nach einer schönen Körpertäuschung mit einem satten Linksschuss von der Strafraumgrenze aus getroffen.

Doch mit dem vierten 1:1 auf fremdem Platz war Göteborg erneut Cupsieger geworden. Im Spätjahr sollte noch die schwedische Landesmeisterschaft hinzukommen. Spielführer Glenn Hysén, einer von fünf Stammkräften, die schon fünf Jahre zuvor triumphiert hatten, durfte den Pokal als Erster stemmen. Für Dundee United blieb am Ende einer denkwürdigen Saison der dritte Platz in der Meisterschaft und die schöne Erinnerung an zwei Pokalfinalspiele, aus denen zwar keine Trophäe, jedoch viele Sympathien sowie der Fairplay-Award der UEFA für das sportliche Verhalten der Fans während des Finalspiels im Tannadice Park hervorgingen.


UEFA-POKAL 1986/87

RC Lens – Dundee United 1:0, 0:2
Dundee United – Universitatea Craiova 3:0, 0:1
Dundee United – Hajduk Split 2:0, 0:0
Dundee United – FC Barcelona 1:0, 2:1
Dundee United – Borussia Mönchengladbach 0:0, 2:0

IFK Göteborg – Dundee United FC 1:0 (1:0)
Göteborg:
Wernersson – Mats-Ola Carlsson, Hysén, Larsson, Fredriksson, Johansson
(68’ R. Nilsson), Tord Holmgren (89’ Zetterlund), Tommy Holmgren, Andersson,
L. Nilsson, Pettersson. – Trainer: Bengtsson.
Dundee: Thomson – Malpas, Hegarty (55’ Clark), Narey, Holt, McInally, Kirkwood, Bowman, Bannon, Redford, Sturrock (89’ Beaumont). – Trainer: McLean.
Tor: 1:0 Pettersson (38’). SR: Kirschen (DDR). Zuschauer: 50.023.
Göteborg, »Nya Ullevi«, 6. Mai 1987

Dundee United – IFK Göteborg 1:1 (0:1)
Dundee: Thomson – Holt (46’ Hegarty), Clark, Narey, Malpas, Kirkwood, Ferguson, McInally, Sturrock, Redford (72’ Bannon), Gallacher. – Trainer: McLean.
Göteborg: Wernersson – Mats-Ola Carlsson, Hysén, Larsson, Fredriksson, R. Nilsson
(78’ Johansson), Tord Holmgren, Andersson, Tommy Holmgren (71’ Mordt), L. Nilsson, Pettersson. – Trainer: Bengtsson.
Tore: 0:1 L. Nilsson (22’), 1:1 Clark (60’). SR: Igna (Rumänien). Zuschauer: 20.911.
Dundee, »Tannadice Park«, 20. Mai 1987

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