Legenden: Raymond Kopa

»Wäre ich ohne meine polnischen Wurzeln … und in einer etwas wohlhabenderen Familie aufgewachsen, hätte ich nicht den unwiderstehlichen Drang verspürt, aus meinem Milieu auszubrechen, hätte es den Kopa … von Stade Reims, Real Madrid und der französischen Nationalelf wahrscheinlich nicht gegeben. … [Ich wäre auch ohne dies] wohl ein ganz guter Spieler geworden, aber … ohne die Arbeit im Bergwerk hieße ich immer noch Kopaszewski.« Raymond Kopa

In den frühen 50er Jahren waren zwei starke Gruppen von Zuwanderern in der Équipe Tricolore vertreten, die auch die französische Liga nachhaltig prägten. Zum einen waren es Söhne italienischer Zuwanderer wie Antoine Bonifaci oder Roger Piantoni, vor allen Dingen aber die Nachkommen polnischer Arbeitsimmigranten, die in den 30er Jahren in die französischen Bergbaugebiete gekommen waren. Dazu zählten neben Torwart César Ruminski Spieler wie Maryan Wiesnieski, Léon Glovacki oder Tadeusz „Thadée“ Cisowski. Einer überragte sie alle: Raymond Kopaszewski.

Geboren wurde er als Sohn eines Bergmanns am 13. Oktober 1931 in Nœux-les-Mines bei Lille. Die Großeletern waren aus Krakau ausgewandert und machten zunächst in Deutschland Station, wo sein Vater Franz (François) das Licht der Welt erblickte. Als er 13 war, zog die Familie ins französische Kohlegebiet weiter.

Im zarten Alter von acht Jahren gründete der kleine Raymond eine Straßenmanschaft, die Équipe du Chemin-Perdu, die sich aus älteren polnischen, aber auch italienischen und französischen Jungs zusammensetzte. Sein Elternhaus befand sich in der Nähe des Stadions, wo er einst den Deutschen, die das Areal zwischenzeitlich besetzt hatten, einen Ball stibitzte, denn nicht immer verfügten die Straßenkicker über ein angemessenes Spielgerät.

1943 schloss sich Kopaszewski der lokalen „Union Sportive“ an und bemühte sich nach der Schulzeit vergeblich um eine Stelle als Elektriker, doch jedesmal, wenn er seinen Nachnamen nannte, war das Bewerbungsgespräch beendet. Wie seine Vorfahren landete schließlich auch er unter Tage – und erlitt 1947 einen schweren Arbeitsunfall, bei dem der Daumen und der Zeigefinger seiner linken Hand zertrümmert wurden und teilamputiert werden mussten. Seinem Erfolg auf dem Platz tat das jedoch keinen Abbruch.

stade_de_reims_alt1949 ließ sich der dribbelstarke Offensivspieler zum Zweitligisten SCO Angers in den Südwesten Frankreichs transferieren, wo er bis 1951 aktiv war. Albert Batteux, Trainer des aufstrebenden Stade de Reims, entdeckte Kopaszewski anlässlich eines Freundschaftsspiels beider Teams und verpflichtete ihn vom Fleck weg. Der Stürmer gefiel den Massen und den Medien als großer Dribbler. Er war einer, der auf engstem Raum seine Gegner austrickste. Aber Batteux hatte erkannt, dass dieser Mann zu mehr taugte – zum Spielmacher. Er war technisch perfekt und konnte im entscheidenden Moment den „tödlichen Pass“ spielen. 1952 nahm er die französische Staatsbürgerschaft an und änderte seinen Nachnamen: aus frankophonen Erwägungen beließ er es bei den ersten vier Buchstaben und hieß fortan Kopa.

kopa-franceUnd es dauerte natürlich auch nicht mehr lange, bis er in der Nationalmannschaft debütierte. Es war im Spätjahr 1952, als eine junge Garde den Rasen zum Länderspiel gegen die Bundesrepublik Deutschland im Stade de Colombes bei Paris betrat. Ein durchaus brisantes Treffen, denn die Wunden der deutschen Besatzung waren im Bewusstsein der Bevölkerung noch immer präsent. Mit Kopa debütierten eine Reihe weiterer „junger Wilder“ wie Ruminski, Joseph Ujlaki, Lazare Gianessi oder Raymonds Teamkollege aus Reims, Armand Penverne. Und sie spielten die Deutschen schwindlig. Am Ende war Bundestrainer Seppl Herberger froh, dass es beim 1:3 blieb. Die deutsche Presse ließ kein gutes Haar an Herberger und vor allem nicht an Fritz Walter, dem in Paris nichts gelang und der eigentlich nach diesem Match endgültig von der Nationalelf zurücktreten wollte. Von diesem Spiel an war Kopa nicht mehr aus Frankreichs Nationalteam wegzudenken.

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Raymond Kopa (links) im Laufduell mit Roger Marche von Racing Paris. Reims gegen Racing war der französische „clásico“ der 1950er.

Bei der WM 1954 führte ihn die FIFA auf der offiziellen Namensliste noch mit Kopaszewski. Der Ausflug in die Schweiz stand für den Dribbelkünstler und Frankreich allerdings unter einem unglücklichen Stern. Denn während ausgerechnet Deutschland, das knapp 20 Monate zuvor von der Équipe Tricolore gedemütigt worden war, den Titel holte, scheiterten Kopa und Co. schon in der Vorrunde an Brasilien und Jugoslawien.

Im Verein lief es besser. Stade Reims zelebrierte unter seiner Regie le football champagne. Der begeisterte auch die „Königlichen“ von Real Madrid, die sich 1956 unmittelbar nach dem gewonnen Finale im Cup der Landesmeister gegen Reims (5:3) die Dienste Kopas sicherten. Nun gehörte er selbst über Jahre zur legendären Sturmreihe des „weißen Balletts“. Ob nun Enrique Mateos, Héctor Rial, Ramón Marsal oder Puskás – wer auch immer im Angriff Reals auflief, Kopa war neben Alfredo di Stéfano und Francisco Gento quasi gesetzt, wenn auch auf dem ungeliebten Posten des Rechtsaußen, der er nun eigentlich gar nicht mehr war.

kopa-madridProbleme mit dem absoluten Superstar di Stéfano waren unvermeidbar. Der gebürtige Argentinier lebte nach dem Motto: „Lasst keine Götter neben mir spielen!“ Daran war bereits ein so begnadeter Weltklassespieler wie der Brasilianer Didi gescheitert. Kopa biss sich aber durch, ehe es ihm 1959 dann aber doch reichte. Zuvor hatte er bei der WM 1958 in Schweden auf dem Posten des Mittelfeldspielers herausragende Leistungen geboten. Er und sein Pendant Just Fontaine, der in letzter Sekunde für seinen Klubkollegen René Bliard nachgerückt war, verstanden sich blind. Sie bildeten das tandem terrible: Kopa spielte Rasenschach und Fontaine setzte die Gegner in Form von 13 Treffern matt. Frankreich scheiterte lediglich an den großen Brasilianern und wurde Dritter. Im Spiel um Platz drei ließen sie den Deutschen beim 6:3 – vier Mal Fontaine, einmal Kopa – keine Chance. Im selben Jahr wurde Kopa zu Europas Fußballer des Jahres gewählt und löste damit keinen Geringeren als di Stéfano ab.

Drei Mal wurde Kopa mit Real Madrid Europacupsieger der Landesmeister (1957, ’58 und ’59), zwei Mal spanischer Meister (1957 und ’58). Das letzte Spiel für die „Königlichen“ bestritt er ausgerechnet gegen Stade Reims im Landesmeister-Finale 1959 in Stuttgart (2:0). Danach kehrte er wieder zurück in die Champagne. Für Stade spielte er noch bis 1967, dann war endgültig Schluss. Sein letztes von 45 Länderspielen (18 Tore) – sechs davon als Kapitän – hatte Kopa bereits im November 1962 absolviert.

Kopa ließ sich nach der Karriere mit seiner Familie in Angers nieder. Acht Monate im Jahr verbrachte er auf seinem Zweitwohnsitz, der Mittelmeerinsel Korsika, die er einst über seinen ehemaligen Coach Albert Batteux kennenlernte. Der hatte ein paar Freunde in Ajaccio und nahm seinen dribbelstarken Schützling einfach mal mit. Hin und wieder ließ er sich auch im Mezzavia, dem Stadion des Gazélec Football Club, blicken.

Am 3. März 2017 ist Raymond Kopa in seiner Wahlheimat Angers gestorben. Auf Vorschlag der Stadtverwaltung wurde das örtliche Stade Jean-Bouin Ende März 2017 in Stade Raymond-Kopa umbenannt.

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Raymond Kopa (kniend Mitte) mit Just Fontaine und Roger Piantoni (stehend v.l.) sowie Lucien Muller und Jean Vincent (kniend v.l.) als Teil von Stade Reims…
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… und bei Real Madrid mit Alfredo di Stéfano und Ferenc Puskás.

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