Momente: „Boban“ Janković und der fatale Blackout

Als Slobodan „Boban“ Janković zu Boden ging, wusste wohl nur er selbst, was für ein schlimmes Ausmaß sein von einem Schiedsrichterpfiff provozierter Ausraster haben würde. Den Spielern und Zuschauern in der engen Halle wurde das erst später klar. Der serbische Basketballer in Diensten von Panionios war gerade mal 29 Jahre jung, als er am 28. April 1993 auf einer Trage vom Parkett befördert wurde. Er würde nie wieder Basketball spielen. Er würde nie wieder gehen können. Und er würde infolgedessen seinen 43. Geburtstag nicht erleben.

„Boban“ Janković debütierte im Alter von 17 Jahren in der ersten jugoslawischen Liga, eine der stärksten der Europas, wo er von 1980 bis 1990 für Roter Stern Belgrad spielte, ehe er über Vojvodina Novi Sad 1992 nach Griechenland wechselte. Der hellenische Basketball durchlebte gerade eine sehr erfolgreiche Phase: 1987 war Griechenland dank seines Superstars Nikos Galis erstmals Europameister geworden, Klubs wie Aris und PAOK Saloniki, Panathinaikos Athen und Olympiakos Piräus feierten in den internationalen Wettbewerben erste Erfolge und dominierten die heimische Liga.

Trainer Vlade Đurović, der Janković bereits in Belgrad gecoacht hatte, lotste den „Bomber“ zu Panionios. Die Athener Vorstädter hatten ein Jahr zuvor unter Đurović erstmals den griechischen Pokal gewonnen und wollten nun den großen Klubs aus dem Großraum Athen – Panathinaikos und Olympiakos – die Stirn bieten. Janković hatte keine Anpassungsprobleme und großen Anteil an der starken Saison der Rot-Blauen. Im Korać-Pokal erreichten sie das Viertelfinale und scheiterten nur knapp am späteren Sieger Olimpia Mailand (78:79, 74:81), Janković steuerte 22 und 16 Punkte bei. In der Gruppenphase bezwang Panionios unter anderem den späteren Finalisten Virtus Rom mit dem kroatischen Superstar Dino Rađa, Janković markierte dabei stolze 41 Zähler. Die Zeitungen feierten ihn anschließend als den „serbischen Larry Bird“.

In der Meisterschaft lief es ebenfalls sehr gut, gemeinsam mit Theofanis Christodoulou bildete Janković eine gefürchtete Flügelzange, die Panionios mit einer Bilanz von 21 Siegen und fünf Niederlagen auf Platz drei führte – punktgleich hinter Panathinaikos und nur einen Zähler schlechter als PAOK (22-4). In seiner kleinen, nur 2.000 Zuschauer fassenden Halle in Nea Smyrni war Panionios eine Macht, nur das Derby gegen Panathinaikos wurde verloren.

Im Playoff-Viertelfinale gegen Peristeri hatte die Đurović-Truppe mehr Mühe als erwartet, setzte sich aber mit 2:1-Siegen durch – und traf im Halbfinale auf Panathinaikos, wo der große Nikos Galis seine Karriere ausklingen ließ. Nach einer 46:72-Klatsche zum Auftakt der Best-of-five-Serie behielt Panionios in der „Kleistó Gymnastírio Néas Smýrnis“ mit 89:86 die Oberhand, um dann wiederum Spiel drei bei „PAO“ zu verlieren (66:75). Und so gingen Panionios und Janković mit einem 1:2-Rückstand in die verhängnisvolle vierte Partie am 28. April 1993.

Sechseinhalb Minuten vor dem Ende erhielt Janković ein Zuspiel unter den Korb, setzte wie gewohnt seine Physis gekonnt ein und verkürzte per Korbleger in dieser hitzigen Begegnung zum vermeintlichen 52:56. Doch der Schiedsrichter wertete den Körpereinsatz gegen Fragiskos Alvertis als Offensivfoul. Keine Punkte, Einwurf Panathinaikos – und das Allerschlimmste: Es war Jankovićs fünftes Foul, das Spiel für den Serben somit beendet. Er hätte sich enttäuscht auf die Bank setzen können. Aber es kam anders.

Der Frust über diese aus seiner Sicht falsche Entscheidung in einer Partie, die nun ohne seine weitere Beteiligung zu entgleiten drohte, das damit verbundene nahende Saisonende und das Zerplatzen des großen Traums, die erste griechische Meisterschaft für Panionios zu gewinnen, diese Gemengelage ließ den Mann im roten Trikot mit der Nummer 8 die Nerven verlieren. In dieser Sekunde beging er einen fatalen Fehler, der sein Leben praktisch von einem Moment auf den nächsten beendete.

Er rannte mit dem Kopf voraus in die von einem Werbebanner bedeckte Korbanlage, in der irrigen Annahme, dahinter befände sich Schaumstoff, der im Falle eines Aufpralls Schlimmeres verhindern sollte. In Wahrheit verdeckte das Banner einen riesigen Betonklotz, der als Gegengewicht dafür sorgte, das die Korbanlage stabil stand. Janković fiel sofort zu Boden, verlor jede Menge Blut und rief den Mannschaftsarzt, der den Ernst der Lage schnell erkannte. Als der Schwerverletzte auf die Trage gehoben wurde, schrie er, dass er seine Beine nicht mehr spüren könne. In der Athener Poliklinik wurden wenige Stunden später die schlimmsten Befürchtungen Gewissheit: „Boban“ Janković hatte sich einen Wirbel gebrochen, selbst ein eilig herbeigerufener Spezialist konnte in einer mehrstündigen Operation nichts mehr für den Serben tun. Er war fortan am Rollstuhl gefesselt.

Dass Panionios 57:65 unterlag, verkam natürlich zur Randnotiz. Das Trikot mit der Nummer 8 wurde seit diesem tragischen Ereignis bei Panonios nie wieder vergeben, bis heute erreichten die Rot-Weißen nie mehr das Playoff-Finale. „Boban“ Janković, der nicht zuletzt aufgrund seines Bewegungsmangels ordentlich an Gewicht zugelegt hatte, starb 13 Jahre nach seinem fatalen Blackout während einer Urlaubsreise auf Rhodos an einem Herzinfarkt.

Ein Jahr später, zur Saison 2007/08, debütierte sein 1990 in Belgrad geborener Sohn Vladimir in der ersten griechischen Liga – für Panionios. Als griechischer Staatsbürger trägt er den Namen Vladimiros Giankovits. 2013 wechselte er ausgerechnet zu Panathinaikos und wurde ein Jahr später Meister. Sein Trainer: Fragiskos Alvertis. Der Mann, gegen den sein Vater sein fünftes Foul begangen hatte.

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