Traumtanz: AS St.-Étienne 1975/76

asse-1976-logoDie Experten waren sich einig. Die bessere Mannschaft war im Halbfinale des Landesmeister-Wettbewerbs 1974/75 ausgeschieden. Der französische Champion AS St.-Étienne hatte gegen den Titelverteidiger FC Bayern München den technisch anspruchsvolleren Fußball gezeigt, es aber versäumt, ein Tor zu erzielen. Nach dem 0:0 im heimischen Stade Geoffroy Guichard mussten Les Verts, die Grünen, im Münchner Olympiastadion die Segel streichen: Franz Beckenbauer und Bernd Dürnberger beförderten die Bayern ins Finale, wo sie sich gegen Leeds United erneut die Krone aufsetzten. Für die Spieler aus St.-Étienne blieb ein bitterer Beigeschmack. Aber sie sollten eine zweite Chance bekommen. Knapp zwölf Monate später standen sie im Europapokal der Landesmeister erneut den Bayern gegenüber – und diesmal war es das Finale…

Mit neun Zählern Vorsprung vor Olympique Marseille waren die Grünen zum Titel gestürmt. Das Fundament legte die Truppe von Trainer Robert Herbin im Geoffroy Guichard, wo den Gegnern bereits beim Einmarsch die Knie zitterten, denn die Heimstärke St.-Étiennes war absolut beeindruckend. Seit dem 23. März 1973 – 1:2 gegen den späteren Meister FC Nantes – hatte ASSE, so die Kurzform des Klubnamens, vor heimischem Publikum nicht mehr verloren und in der Meister-Saison 1974/75 alle 19 Spiele gewonnen.

Just Fontaine, französische Fußball-Legende und WM-Torschützenkönig 1958 in Schweden, hatte nach dem Halbfinal-Aus gegen die Bayern prophezeit: „St.-Étienne wird sich noch steigern.“ Er sollte Recht behalten, denn die Truppe von Coach Herbin war über die Jahre gewachsen. Als die französische Trainer-Legende Albert Batteux 1972 den Klub verlassen hatte, musste Präsident Roger Rocher schnell handeln. Nach erfolgloser Suche überredete er seinen eigentlichen Wunschkandidaten, den Mittelfeldspieler Robert Herbin, seine Karriere zu beenden und den Cheftrainerposten anzunehmen. Der gebürtige Pariser Herbin war bereits im zarten Alter von 19 Jahren nach St.-Étienne gekommen, wo er seine gesamte Karriere verbringen sollte. Fünf Mal wurde er mit den Grünen Meister und absolvierte 23 Länderspiele, zwei davon bei der WM 1966 in England.

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Herbin trat ein schweres Erbe an. Sein Vorgänger Batteux hatte den Provinzklub Stade Reims 1956 und ’59 ins EC1-Finale geführt und auch bei der Association Sportive (Sportvereinigung) hervorragende Arbeit geleistet. Immerhin übernahm Herbin eine intakte Mannschaft, die er bestens kannte. Da war zum Beispiel der jugoslawische Keeper Ivan Ćurković, der sich zuvor bei seinem Heimatklub Velež Mostar und anschließend bei Partizan Belgrad einen Namen gemacht hatte. Die Abwehr hielten die beiden 22-Jährigen Christian López und Gérard Janvion zusammen. Das Alter war aber noch lange nicht das einzige, was die beiden gemeinsam hatten. Mit jeweils 43 europäischen Einsätzen für ASSE sind sie bis heute die internationalen Rekordspieler des Klubs. Zudem sind beide außerhalb Frankreichs geboren: López erblickte im algerischen Küstendorf Aïn Témouchent das Licht der Welt, Janvion 6.350 Kilometer Luftlinie westlich in Fort-de-France, der Hauptstadt der Karibikinsel Martinique. Für die nötige Robustheit im Defensivzentrum sorgte der Argentinier Osvaldo Piazza, der mit seinen Gegenspielern nicht gerade zimperlich umsprang.

Das Mittelfeld war mit dem jungen Dominique Bathenay (21), dem späteren französischen Nationaltrainer Jacques Santini (23), Christian Synaeghel (25) sowie dem erfahrenen Kapitän Jean-Michel Larqué (28) stark besetzt. Im Sturm glänzte neben Hervé Revelli – nach zweijährigem Intermezzo in Nizza an die Loire zurückgekehrt – und dessen jüngerem Bruder Patrick auch der hoffnungsvolle Dominique Rocheteau, der mit seinen 20 Jahren gerade am Anfang seiner großen Laufbahn stand. Lediglich der Abgang des griechischstämmigen Stürmers Yves Triantafilos nach Nantes schmerzte ein wenig.

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KB Kopenhagen

Das Erstrunden-Los KB Kopenhagen sorgte im Zentralmassiv für wenig Aufregung. Der dänische Meister war international ein unbeschriebenes Blatt und hatte bisher nicht viel zustande gebracht. Zu Hause allerdings konnten die Kopenhagener, die 1992 mit dem Stadtrivalen B 1909 zum FC Kopenhagen fusionierten, mitunter ungemütlich werden. Das hatte im Vorjahr Atlético Madrid zu spüren bekommen, das hier mit 3:2 verlor, im Rückspiel jedoch mit einem 4:0 alles klar machte. Für die AS St.-Étienne wurde der Trip asse-kbnach Dänemark allerdings zum erwarteten Spaziergang. Patrick Revelli (50’) und Larqué nach schöner Doppelpasskombination (67’) erzielten beim ungefährdeten 2:0-Auswärtssieg die Tore und sorgten dafür, dass die Spannung vor dem Rückspiel auf ein Minimum sank.

Gerade mal 20.000 Zuschauer verloren sich im Geoffroy Guichard, und obwohl sich die Dänen alle Mühe gaben, bestand am Ausgang der Partie nicht der geringste Zweifel. Rocheteau (7’) und Patrick Revelli nach Vorarbeit seines Bruders Hervé (32’) sorgten frühzeitig für klare Verhältnisse, ehe Goalgetter Bjarne Petersen kurz nach der Pause auf 2:1 verkürzte (49’). Ein kleiner Schönheitsfehler im europäischen Parcours des ASSE, der mit Larqués abgefälschtem Schuss den alten Abstand wieder herstellte (85’). 3:1 – wieder einmal ein Heimsieg für die Grünen. Auch auf internationalem Parkett waren die Stéphanois, wie die Bewohner der Kohle- und Stahlstadt genannt werden, zu Hause eine Macht. In den 15 vorangegangenen Europapokal-Heimspielen hatten sie nur einmal als Verlierer den Platz verlassen. Ein Gefühl, das sie gar nicht mehr kannten.

Glasgow Rangers

Seit dem 16. Jahrhundert werden in St.-Étienne Waffen für die französische Armee produziert. Und genau dieses Gemisch aus Stahlwerken, Waffenfabriken und Arbeitermilieu war wie in vielen anderen europäischen Städten auch eine ideale Brutstätte für den Fußball. Hier, zwischen Fabrikschornsteinen und Stahlkochern, wurde er zur willkommenen Abwechslung – und Ablenkung – vom tristen Arbeitsalltag. So auch am 22. Oktober 1975, als die Glasgow Rangers im Geoffroy Guichard einmarschierten. Der schottische Meister hatte sich mühelos gegen den Bohemian FC aus Dublin durchgesetzt und war selbstsicher an die Loire gereist. Allerdings mussten die Blues auf ihren etatmäßigen Torwart-Riesen Peter McCloy verzichten, der sich beim Aufwärmen verletzte und durch Stewart Kennedy ersetzt wurde. Der war machtlos, als Linksaußen Patrick Revelli nach einer Flanke Rocheteaus in der 28. Minute per Direktabnahme das 1:0 markierte. Dieses Tor war kein Zufallsprodukt, denn von der Flügelzange ging die meiste Gefahr aus. Hervé Revelli hatte einen schlechten Tag erwischt, und auch Kapitän Larqué trug sein Trikot im Mittelfeld nur spazieren. Vielleicht war es der Respekt vor der Härte der Schotten, der ASSE wie mit angezogener Handbremse spielen ließ. Trotz der 1:0-Pausenführung waren die 29.000 Zuschauer enttäuscht. Nach dem Wechsel hätten sie sogar beinahe den Ausgleich schlucken müssen, doch Alexander MacDonalds Kopfball fand den Weg ins Tor nicht (53’) – das 1:1 wäre auch ziemlich unverdient gewesen. Die Grünen nahmen nun wieder Fahrt auf, vor allem zwischen der 60. und 70. Minute setzten sie die Rangers stark unter Druck, doch das erlösende 2:0 wollte einfach nicht fallen. Erst ein schwerer Schnitzer von Thomas Forsyth ermöglichte es Bathenay kurz vor dem Abpfiff, noch einen draufzupacken (89’) und für ein einigermaßen ruhiges Polster zu sorgen.

Im Ibrox Park erwartete die Franzosen ein siegessicherer Hexenkessel, doch die auswärts nicht immer sattelfesten Herbin-Schützlinge boten dem Sturmlauf der Rangers eindrucksvoll Paroli. Die Abwehr stand so sicher, dass Ćurković trotz wütender Angriffe nahezu beschäftigungslos blieb. Und je mehr sich die Blues die Zähne ausbissen, desto besser bekam St.-Étienne die Partie in den Griff. Regisseur Larqué hatte wieder zu seiner Normalform gefunden, während der pfeilschnelle Rocheteau ein ums andere Mal am rechten Flügel durchbrach. So auch in der 63. Minute, als er den müde werdenden Schotten davonlief und Kennedy zum 0:1 überwand. Sechs Rangers-Spieler, die drei Jahre zuvor noch den Cup der Pokalsieger in Barcelonas Nachthimmel gestreckt hatten, standen auf dem Platz, doch auch sie waren nun nicht mehr in der Lage, den Spieß umzudrehen. Im Gegenteil: Als Rocheteau nach einem 50-Meter-Sprint die Kugel für Hervé Revelli auflegte, klingelte es erneut in Kennedys Kasten – 0:2 (72’). Erst zwei Minuten vor dem Ende gelang MacDonald der Ehrentreffer zum 1:2, aber der löste im sich leerenden Ibrox Park keinen großen Jubel mehr aus.

Wieder einmal „überwinterte“ ASSE im Europapokal, und Robert Herbin konnte sich in aller Ruhe auf einen weiteren großen Gegner freuen, denn im Lostopf waren nur noch Hochkaräter verblieben: Neben dem Titelverteidiger Bayern München und dem deutschen Meister Borussia Mönchengladbach waren das die „Dauerbrenner“ Benfica Lissabon und Real Madrid sowie die Emporkömmlinge PSV Eindhoven, Hajduk Split und Dynamo Kiew. In Split waren die Grünen ein Jahr zuvor noch 1:4 baden gegangen. Doch im Rückspiel wendete St.-Étienne das Blatt: Yves Triantafilos erzwang acht Minuten vor dem Ende die Verlängerung, in der er mit dem 5:1 (106’) das nicht mehr für möglich Gehaltene wahr machte. Aber auch Dynamo Kiew war nicht zu unterschätzen. Die Sowjets hatten gerade den Cup der Pokalsieger gewonnen und in den beiden Duellen um den Supercup dem FC Bayern keine Chance gelassen (1:0, 2:0). Außerdem verfügten sie über den stärksten Spieler jener Tage: Oleg Blochin hatte nicht nur alle drei Treffer gegen die Bayern markiert, sondern war von den Experten auch zu Europas Fußballer des Jahres 1975 gewählt worden.

Dynamo Kiew

Die Ukrainer stellten fast die komplette sowjetische Nationalmannschaft, und als am 14. Januar 1976 in Zürich die Viertelfinal-Paarungen ausgelost wurden, hofften wohl alle Teilnehmer, dass ihnen ein Zusammentreffen mit den Dynamos erspart bliebe. „Wir können uns den Gegner sowieso nicht aussuchen“, erklärte Herbin, nachdem es seine Mannschaft getroffen hatte. „Wir werden versuchen, auch aus den Spielen gegen Kiew das Beste zu machen.“

Fast schon traditionsgemäß war Dynamo auf Grund der klimatischen Verhältnisse gezwungen, das erste Heimspiel nach der Winter-Unterbrechung fernab der Heimat auszutragen. In Simferopol auf der Schwarzmeer-Halbinsel Krim war es allerdings auch nicht gerade sommerlich, und das kleine Stadion Lokomotiv, das noch vom Schnee befreit werden musste, verfügte gerade mal über 30.000 Plätze. Die waren allerdings schon tagelang ausverkauft, denn Spitzen-Fußball bekamen sie auf der Krim nur äußerst selten zu sehen. War bei den sowjetischen Teams nach der langen Pause meist eine gewisse Müdigkeit festzustellen, war das diesmal bei Dynamo Kiew überhaupt nicht der Fall. Der sowjetische Meister legte los wie die Feuerwehr und belagerte in der Anfangsphase den Strafraum der Franzosen, doch Leonid Burjak, Vladimir Onyščenko und Blochin ließen in den ersten zwölf Minuten drei glasklare Chancen aus. Nach 21 Minuten war es dann aber soweit: Ćurković wehrte einen Ball zu kurz ab, Anatolij Kon’kov war zur Stelle und bugsierte die Kugel zum 1:0 ins Tor. Erstmals lag ASSE in dieser Europapokal-Saison im Rückstand. Und die Dominanz Dynamos hielt an. Kon’kov und Kapitän Viktor Kolotov regierten im Mittelfeld, während Blochin vorne ständig für Gefahr sorgte. Er war es auch, der nach einem Freistoß Kon’kovs an den Ball kam, die Deckung der Grünen überlief und zum 2:0 einnetzte (54’). Das Konzept, wie in Glasgow die Partie aus einer sicheren Abwehr heraus zu bestimmen, ging nicht auf. Dazu war Dynamo auch viel stärker als die Rangers, beging nun aber den Fehler, die Zügel schleifen zu lassen und das Ergebnis zu verwalten. Aus dieser drückenden Überlegenheit nicht einen höheren Vorsprung mitgenommen zu haben, das sollte die Truppe von Trainer Valerij Lobanovs’kij noch bereuen.

Das Geoffroy Guichard war natürlich ausverkauft, und die 38.000 Zuschauer fieberten erwartungsfroh einer Aufholjagd wie im Vorjahr gegen Hajduk Split entgegen. Sie wurden nicht enttäuscht. Die Grünen nahmen sofort das Heft in die Hand und störten die Ukrainer bereits in der eigenen Hälfte. Der chaudron, der Kessel, wie das Stadion im Volksmund genannt wird, brodelte. Es dauerte jedoch über eine Stunde, bis er überschwappte. Superstar Blochin stürmte unwiderstehlich auf das Tor der Franzosen zu, doch anstatt abzuschließen oder auf einen besser postierten Mitspieler abzulegen, wollte er sein Werk perfekt machen und den zurückgeeilten López ein zweites Mal austanzen. Er blieb jedoch hängen, und im direkten Gegenzug nutzte Hervé Revelli einen Abwehrfehler gnadenlos aus, um den keineswegs sicher wirkenden Evgenij Rudakov im Dynamo-Tor aus spitzem Winkel zum ersten Mal zu überwinden (64’). Die Fotografen stürzten aufs Spielfeld, um den Jubel einzufangen, doch allzu viel Zeit nahmen sich die Spieler dafür nicht, denn noch lagen sie in der Addition hinten. Obwohl die Ukrainer nun immer nervöser wurden, hatte Blochin plötzlich die Riesenchance zum Ausgleich, die allerdings Ćurković mit einer Glanzparade zunichte machte. Wenig später schlug es zum zweiten Mal im Tor des sowjetischen Meisters ein, als Larqué einen Freistoß von der Strafraumgrenze direkt verwandelte (71’) – Verlängerung. Auf einmal lief es besser bei den bis dahin so zurückhaltenden Kiewern. Jetzt machten sie das Spiel und waren dem Anschlusstreffer näher, als St.-Étienne dem 3:0. ASSE rettete sich in die zweite Hälfte der Extra-Zeit und bekam wieder Oberwasser. Als sich die Zuschauer schon auf ein Nerven aufreibendes Elfmeterschießen einstellten, avancierte Flügelflitzer Rocheteau – der sich kurz zuvor noch mit Krämpfen am Boden liegend auswechseln lassen wollte – zum spielentscheidenden Mann. Er nahm einen Ball des erst in der zweiten Halbzeit eingewechselten Patrick Revelli auf und hämmerte dessen Hereingabe nach spektakulärem Alleingang aus fünf Metern zum 3:0 unter die Latte (113’). Die Partie war gedreht, St.-Étienne stand im Halbfinale!

PSV Eindhoven

Um ein Haar wäre es hier zur Neuauflage des Duells mit Hajduk Split gekommen, doch die Jugoslawen scheiterten am PSV Eindhoven mit exakt demselben Ergebnis, wie Kiew an St.-Étienne. 2:0 hatten sie zunächst zu Hause gewonnen, um im Philips Stadion mit einem 0:3 nach Verlängerung doch noch die Segel streichen zu müssen. Wenige Tage vor dem ersten Halbfinale gegen die Niederländer, deren Coach Kees Rijvers Anfang der 60er als Profi bei St.-Étienne spielte, stand im Pariser Prinzenpark ein Freundschaftsmatch zwischen Frankreich und der ČSSR an, doch die Grande Nation interessierte sich mehr für das europäische Abenteuer der Verts als für einen lausigen Test der Bleus. Der neue Nationaltrainer Michel Hidalgo, der gegen die Tschechen vor seinem Debüt stand, verstand das nur allzu gut, hatte er schließlich 1956 als Kapitän von Stade Reims ebenfalls das EC1-Finale erreicht. Also schonte Hidalgo die Nationalspieler aus St.-Étienne für die Partie gegen Eindhoven, und rang dem kommenden Europameister auch ohne sie ein 2:2 ab.

St.-Étiennes Mittelfeldmotor Synaeghel, wie Hidalgo im kleinen Städtchen Leffrinckoucke nahe der belgischen Grenze geboren, war gegen die Philips Sportvereniging aus Eindhoven deutlich anzumerken, dass ihm keine 90 Länderspiel-Minuten in den Knochen steckten. Gemeinsam mit seinen Mittelfeldkollegen Bathenay und Larqué machte er das Spiel, während die Sturmspitzen Rocheteau sowie Revelli I und II erstaunlich stumpf blieben. Larqué war es schließlich, der erneut mit einem direkt verwandelten Freistoß (16’) die 38.000 im Geoffroy Guichard von den Sitzen riss. Es sollte allerdings der einzige Treffer des Abends bleiben. Das lag zum einen am überragenden PSV-Keeper Jan van Beveren, zum anderen daran, dass die Franzosen ihrem hohen Tempo peu à peu Tribut zollen mussten und die körperlich überlegenen Niederländer im zweiten Abschnitt immer besser ins Spiel fanden. Der Philips-Werksklub galt unter den Experten als heißer Geheimtipp, und auch an der Loire zweifelten sie nun, dass dieses magere 1:0 reichen würde, um in Eindhoven zu bestehen.

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Allerdings war das Spiel der Niederländer leicht auszurechnen. Die meisten Aktionen waren auf ihren Kopfballspezialisten, den Schweden Ralf Edström, zugeschnitten. So auch im Rückspiel, als schon nach drei Minuten ein hoher Ball in den Strafraum der Franzosen gesegelt kam. Edström prallte allerdings so unglücklich mit Ćurković zusammen, dass er sich eine Kopfverletzung zuzog. Er hielt zwar bis zur Pause durch, blieb aber anschließend in der Kabine. Ćurković hatte hingegen den Zwischenfall unbeschadet überstanden und sich mit zahlreichen Glanzparaden zum Matchwinner aufgeschwungen. Selbst einen Kopfball des angeschlagenen Edström, der in die Kategorie „unhaltbar“ fiel, lenkte er noch zur Ecke. Mit beeindruckender taktischer Disziplin schaukelten die Grünen die Partie nach Hause. Sogar, als Schiedsrichter Jack Taylor ihnen in der 47. Minute einen vermeintlichen Abseitstreffer durch Rocheteau nicht anerkannte, verloren sie nicht die Nerven. Apropos Rocheteau: Der gefährlichste Stürmer St.-Étiennes bekam später einen Schlag auf den Knöchel und musste in der 56. Minute vom Platz – eine Verletzung mit Folgen. Für ihn kam Christian Sarramagna, der im Rückspiel gegen Kiew erstmals zum Einsatz gekommen war. Die Stéphanois hielten sich schadlos und retteten vor enttäuschten 22.000 Zuschauern das 0:0 über die Runden. Zum ersten Mal seit 1959 stand ein französisches Team im Finale des Europapokals der Landesmeister! Gewonnen hatte eine Equipe aus der Grande Nation den Wettbewerb noch nie. Das sollte sich ändern, zumal die AS St.-Étienne mit dem Finalgegner Bayern München noch eine Rechnung zu begleichen hatte…

Bayern München

Am 12. Mai 1976 standen sich die beiden Kapitäne Jean-Michel Larqué und Franz Beckenbauer im Glasgower Hampden Park gegenüber. 1960 hatte schon einmal ein EC1-Finale hier stattgefunden, auch damals mit deutscher Beteiligung. Eintracht Frankfurt war allerdings gegen Real Madrid mit 3:7 unter die Räder gekommen. Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker war mit dem Austragungsort überhaupt nicht einverstanden und schlug stattdessen Mailand, Berlin oder Paris vor. Er befürchtete mangelndes Zuschauerinteresse. Außerdem würden „die Leute dort oben“ nicht so viel verdienen und könnten sich wahrscheinlich gar keine Eintrittskarte leisten. Eigentlich hatte er gehofft, Roger Rocher für seine Interessen zu gewinnen, aber der ASSE-Klubchef nutzte die Situation aus, um die Sympathien der Schotten um sein Team zu scharen. In einem Interview mit der Zeitung Le Journal de Dimanche erklärte er: „Bayern will aus dem Endspiel eine finanzielle Affäre machen. St.-Étienne will es lediglich gewinnen. Wir respektieren die Entscheidung der UEFA und treten am 12. Mai in Glasgow an.“ Die schottische Presse tat in der Folge ein Übriges, die Sympathiepunkte waren vor dem Aufeinandertreffen beider Vereine klar verteilt.

Mit einem 5:2-Erfolg über Olympique Nîmes hatte St.-Étienne seine Tabellenführung in der heimischen Liga verteidigt, während die Bayern am Wochenende vor dem großen Finale bei RW Essen nicht über ein 3:3 hinausgekommen waren. Gerd Müller und Franz Beckenbauer hatten mit zwei späten Toren noch den Ausgleich geschafft und die Münchner zumindest auf Rang vier geschossen. Der Rückstand auf den späteren Meister Borussia Mönchengladbach betrug vier Spieltage vor Schluss allerdings schon sechs Punkte. Während sich jedoch bei den Bayern das Lazarett langsam lichtete – die angeschlagenen Georg Schwarzenbeck (Bronchitis), Johnny Hansen (Mumps), Jupp Kapellmann (Kiefernhöhlenvereiterung) sowie Franz „Bulle“ Roth (Allergie) waren auf den Punkt topfit –, musste St.-Étienne mehrere Rückschläge verkraften. Der etatmäßige Linksverteidiger Gérard Farison hatte gegen Nîmes einen Schlag aufs Knie bekommen und lag in Gips. Für ihn rückte – erstmals in dieser Europapokalsaison – Pierre Repellini in die Startelf. Synaeghel hatte sich ebenfalls gegen Nîmes eine Oberschenkelzerrung zugezogen und wurde durch Santini ersetzt, während Rocheteau noch immer an seiner Knöchelblessur laborierte. Er nahm zunächst auf der Bank Platz, Sarramagna spielte auf seiner Position.

John Greig, im Achtelfinale mit den Rangers an St.-Étienne gescheitert und gerade zu Schottlands Fußballer des Jahres gewählt, hatte seine eigene Meinung zu dieser Begegnung: „Die Franzosen sind eine exzellente Mannschaft, aber sie verfügen nicht über einen Torschützen, wie sie die Bayern mit Gerd Müller, Uli Hoeneß und Franz Roth haben. Deshalb rechne ich mit einem Sieg der Münchner.“ Der junge Karl-Heinz Rummenigge (20), so würde sein Trainer Dettmar Cramer Jahre später erzählen, war vor diesem Finale derart nervös, dass ihm der Coach höchstpersönlich einen Cognac zur Beruhigung verabreichte.

Der Hampden Park war fest in französischer Hand. Die grünen Klubfarben der Stéphanois bestimmten die Szenerie. Obwohl die UEFA den Verkauf von 75.000 Karten vermeldet hatte, wurde die offizielle Zuschauerzahl mit knapp 55.000 – davon fast die Hälfte Franzosen – beziffert, was an den horrenden Schwarzmarktpreisen gelegen haben mag. Die Anfangsphase gehörte den ganz in Weiß spielenden Münchnern, die den Torschrei schon auf den Lippen hatten, als Müller nach nur zwei Minuten ins Schwarze traf, der ungarische Schiedsrichter Károly Pálotai jedoch auf Abseits entschied. Doch nun nahmen die Franzosen in ihren schwarzen Hosen und knallengen, leuchtend grünen Trikots das Heft in die Hand. Bathenay traf mit einem Distanzschuss nur den Querbalken (34’) und Hervé Revelli, der nach dem zurückspringenden Ball gehechtet war, köpfte ihn direkt in die Arme von Bayern-Keeper „Sepp“ Maier, der wie angewurzelt stehen geblieben war. Hätte er sich nach Bathenays Geschoss gestreckt, wäre er wohl bei Revellis zweiter Chance machtlos gewesen. „Mir war nicht bewusst, dass ich allein auf weiter Flur war“, klagte Revelli später. „Sonst hätte ich den Ball gestoppt und nicht so überhastet abgeschlossen.“ Fünf Minuten später rettete erneut die Querlatte, als Santini nach einer Hereingabe des starken Sarramagna Maier per Kopfball bereits überwunden hatte. Noch heute fragen sie sich in St.-Étienne, ob der Ball den Weg ins Tor gefunden hätte, wenn die Torstangen rund und nicht eckig gewesen wären. Das 0:0 zur Pause war für die Bayern eher schmeichelhaft, doch auch der Titelverteidiger hatte seine Chancen und Pech, dass Hoeneß das Tor aus 17 Metern nur knapp verfehlte und Ćurković einen Querschuss Rummenigges gerade noch von der Linie kratzte.

Nach dem Wiederanpfiff waren es zunächst wieder die Franzosen, die Druck machten. Als Sarramagna nach Patrick Revellis Flanke frei zum Kopfball kam und die Kugel neben das Tor setzte, holte Bayern zum Gegenschlag aus. Müller war 20 Meter vor dem Tor von Piazza gelegt worden, Beckenbauer legte sich den Ball zum Freistoß zurecht. Anstatt jedoch selbst zu schießen, legte er quer auf „Bulle“ Roth, der einfach draufhielt und mit einem „Strich“ den sich vergeblich streckenden Ćurković überwand – 1:0 (57’). Die Grünen holten nun die Brechstange heraus, eröffneten aber so den Bayern zahlreiche Kontermöglichkeiten. Erst nach 82 Minuten entschloss sich Herbin, den „Joker wider Willen“ Rocheteau für den ausgepumpten Sarramagna ins Rennen zu schicken. „Seine Verletzung ließ einen längeren Einsatz nicht zu“, würde er später zu Protokoll geben. Doch auch der Sprinter konnte das Ruder nicht mehr herumreißen. Die allerletzte Chance vergab Patrick Revelli, dessen Flachschuss ins kurze Eck Maiers Beute wurde (89’). Schlusspfiff. Wieder war St.-Étienne gegen die Bayern kein Tor gelungen. Doch diese Niederlage war besonders bitter. Sie kostete die Grünen den europäischen Thron. „Den Bayern stand das Glück Pate“, ereiferte sich Herbin in der Pressekonferenz, während der spätere Bayern-Manager Uli Hoeneß schon damals sein gesundes Selbstbewusstsein demonstrierte: „Ein Lattenschuss ist auch nur ein Ball, der daneben geht. Wir waren jederzeit Herr der Situation.“ Der „mitleidlose Realismus der Deutschen“, wie es die französische Sporttageszeitung L’Équipe beschrieb, hatte über die Spielkunst der AS St.-Étienne triumphiert.

In der Heimat ertrugen sie die Niederlage mit Fassung. Bei der Ankunft der Sondermaschine am Pariser Flughafen Orly ruhte für 45 Minuten die Arbeit, 100.000 Menschen säumten die Champs-Élysées, weitere 20.000 warteten am Abend noch im Geoffroy Guichard. Sprechchöre begleiteten die enttäuschten und völlig übermüdeten Kicker. Es schwang jede Menge Hoffnung mit in jenen Gesängen, die in dieser Nacht die Stahlstadt mit Leben erfüllten. Die Meisterschaft war den Grünen ja kaum noch zu nehmen, und im kommenden Jahr sollten sie wieder eine neue Chance im Europapokal der Landesmeister bekommen.


EUROPAPOKAL DER LANDESMEISTER 1975/76

KB Kopenhagen – AS St.-Étienne 0:2, 1:3
AS St.-Étienne – Glasgow Rangers 2:0, 2:1
Dynamo Kiew – AS St.-Étienne 2:0, 0:3 n.V.
AS St.-Étienne – PSV Eindhoven 1:0, 0:0

Bayern München – AS St.-Étienne 1:0 (0:0)
Bayern: Maier – Hansen, Schwarzenbeck, Beckenbauer, Horsmann, Roth, Dürnberger, Kapellmann, U. Hoeneß, Müller, K.-H. Rummenigge. – Trainer: Cramer.
St.-Étienne: Ćurković – Janvion, Piazza, López, Repellini, Larqué, Santini, Bathenay, P. Revelli, H. Revelli, Sarramagna (82’ Rocheteau). – Trainer: Herbin.
Tor: 1:0 Roth (57’). – SR: Pálotai (Ungarn). – Zuschauer: 54.684
Glasgow, »Hampden Park«, 12. Mai 1976

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