Vergessene Klubs: RWD Molenbeek

rwd-molenbeekGerade erst hat Molenbeek-Saint-Jean ein trauriges Kapitel Weltgeschichte mitgeschrieben. In Folge der Terroranschläge von Paris führte eine Spur zu den Drahtziehern in die Brüsseler Gemeinde, von hier aus sollen die Attacken vom 13. November 2015 teilweise geplant worden sein. In den 70er Jahren sorgte Molenbeek für positive Schlagzeilen. Der Fußball-Klub Racing White Daring, kurz RWD, mischte in jenen Tagen nicht nur die belgische Liga auf, sondern machte sich in ganz Europa einen Namen.

Im Gegensatz zum ungeliebten Nachbarn Niederlande, der 1974 nur haarscharf am WM-Titel in Deutschland vorbeigeschrammt war, fristete Belgien im internationalen Vergleich noch ein Mauerblümchendasein. Zwar waren die „Roten Teufel“ 1930 als eine von nur vier europäischen Nationen bei der ersten Weltmeisterschaft in Uruguay am Start, fuhren aber nach zwei Niederlagen in zwei Spielen ohne eigenen Treffer wieder nach Hause und rissen auch in den darauffolgenden Turnieren – sofern sie sich qualifizierten – keine Bäume aus. Lediglich bei der EM-Endrunde 1972 im eigenen Land landete Belgien mit Platz drei einen ersten Achtungserfolg, die Vereinsmannschaften verhielten sich im Europapokal ebenfalls unauffällig.

Ein Jahr später, am 1. Juli 1973, wurde in Molenbeek, eine von 19 Gemeinden des Verwaltungsbezirks Brüssel-Hauptstadt mit damals knapp 90.000 Einwohnern, der RWDM aus der Taufe gehoben. Er war das Resultat zahlreicher Namensumbenennungen und Fusionen, zuletzt der zwischen Racing White und Daring Club, und erhielt die Stammnummer 47. Die Stammnummern spielen in Belgien seit jeher eine große Rolle, sie werden in chronologischer Reihenfolge vergeben und sind der Inbegriff von Tradition. Der älteste Klub des Königreichs, der noch heute existierende Royal Club Antwerp, trägt seine Stammnummer 1 mit großem Stolz sogar im Wappen. RWD Molenbeek erbte die Nummer seines 1909 gegründeten Vorgängervereins Racing White.

Trainer Felix Week wurde in der anderen für ihren Fußballklub berühmten Brüsseler Gemeinde Anderlecht geboren und hatte eine Karriere als Profi-Torwart beim RSC Anderlecht hinter sich. Unter Weeks Leitung belegte RWD Molenbeek in der ersten Saison seiner Existenz einen beachtlichen dritten Platz und lag am Ende nur zwei Zähler hinter Meister RSC Anderlecht. Week hatte ein Team aus Namenlosen, die heute außerhalb Belgiens – und selbst dort – kaum jemand kennt, zu einer Spitzenmannschaft geformt. Zu den Leistungsträgern zählten neben dem niederländischen Torhüter Nico de Bree und Linksverteidiger Maurice Martens auch Kapitän Kresten Bjerre, der dänische Abwehrhüne trug den stolzen Spitznamen „General“, Torjäger Jacques Teugels sowie der niederländische Mittelfeldregisseur Johan Boskamp. „Bossie“ war im Sommer 1974 von Feyenoord Rotterdam nach Molenbeek gekommen und hatte entscheidenden Anteil daran, dass RWDM 1974/75, also vor genau 40 Jahren, mit nur zwei Niederlagen in 38 Spielen den nationalen Titel holte.

Es war der Vorabend der ersten großen Ära des belgischen Fußballs, die mit den Europapokal-Triumphen des RSC Anderlecht 1976 und 1978 sowie Platz zwei bei der EM 1980 in Italien (1:2 im Finale gegen Deutschland) Fahrt aufnahm. Im damals 30.000 Zuschauer fassenden Edmond Machtensstadion, 1939 als Oscar Bossaertstadion errichtet und nach der Fusion zu Ehren des Molenbeeker Bürgermeisters umbenannt, war Racing White Daring eine Macht. In der Meistersaison blieb das Team von Coach Week hier unbesiegt.

In einem Interview mit der Tageszeitung Het Nieuwsblad vor vier Jahren sprach Maurice Martens, von 1971 bis 1983 ein „Molenbekenaar“, über die große Zeit des Klubs. „Johan Boskamp war unser Anführer. Als Persönlichkeit und Spielmacher eine unvergleichliche Präsenz“, so Martens über den Niederländer, der im niederländischen Fernsehen als Spielanalyst auftritt und mit einem zwischenzeitlichen Kampfgewicht von 140 Kilogramm noch immer eine gewisse Ausstrahlung besitzt. Boskamp bestritt zwei Länderspiele für die Elftal, eines bei der WM 1978 in Argentinien, als er bei der 2:3-Niederlage gegen Schottland in der Gruppenphase eingewechselt wurde. Immerhin kann sich der Mann, der die Rückennummer 14 des großen Johan Cruyff tragen durfte bzw. in diesem Fall treffender tragen musste, Vizeweltmeister nennen.

Der starke Mann bei RWDM hieß Jean-Baptiste L’Ecluse, der zuvor den Daring Club geführt hatte und nun als Präsident die Geschicke des Fusionsklubs leitete. L’Ecluse war ein erfolgreicher Bauunternehmer. Einige der Plattenbauten, die charakteristisch für die Gegend um das Edmond Machtensstadion sind, wurden von seiner Firma aus dem Boden gestampft. Der Schriftzug „L’Ecluse“ zierte viele Jahre lang als Hauptsponsor die Trikots von RWDM.

Im Europapokal der Landesmeister scheiterte Molenbeek in der zweiten Runde am jugoslawischen Champion Hajduk Split. Der große Auftritt auf internationaler Bühne folgte ein Jahr später. Nach Platz drei in der Meisterschaft startete Molenbeek unter seinem neuen Trainer Piet de Visser im UEFA-Pokal, der damals einen deutlich höheren Stellenwert genoss als sein Nachfolger-Wettbewerb Europa League. Als einer von drei Neuzugängen stabilisierte der Däne Morten Olsen die Abwehr. Der spätere Trainer des 1.FC Köln (1993 bis 1995) und der dänischen Nationalmannschaft (2000 bis 2015) war vom Liga-Rivalen Cercle Brügge in die Hauptstadt gekommen. Über Olsen, der wie viele andere ehemalige RWDM-Weggefährten seine Karriere beim RSC Anderlecht fortsetzte und dort mit Titeln pflasterte, sagte Martens: „Einer der Besten, die Belgien je gesehen hat. Mit seinen körperlichen Voraussetzungen hätte er locker drei Spiele in Folge bestreiten können.“

Nach Siegen über Næstved IF (3:0, 4:0) und Wisła Krakau (1:1, 5:4 n.E.) traf RWD Molenbeek im Achtelfinale auf den FC Schalke 04. Die „Knappen“ kamen mit der körperlichen Robustheit der Belgier nicht zurecht, in Molenbeek unterlagen sie durch Alexander Lafonts Treffer fünf Minuten vor dem Ende mit 0:1. Das Team von Trainer Friedel Rausch dachte, im Parkstadion den Spieß locker umdrehen zu können, kam aber nach Teugels’ Führungstreffer nur noch zum Ausgleich durch Rüdiger Abramczik. In der 51. Minute sah Klaus Fichtel die Rote Karte, das Aus der Königsblauen war besiegelt.

Im Viertelfinale wartete Boskamps Ex-Klub Feyenoord Rotterdam auf RWDM – und biss sich beim 0:0 gegen die Elf von Coach de Visser die Zähne aus. Zwei Wochen später schienen die Niederländer das Halbfinal-Ticket bereits in der Tasche zu haben, als Theo de Jong in Molenbeek nach einer halben Stunde den Führungstreffer für Feyenoord markierte. Doch Willy Wellens (40.) und Teugels per Foulelfmeter (84.) bogen die Partie um und versetzten dem Favoriten den K.o.-Schlag.

Zum ersten Mal überhaupt stand ein belgischer Verein im Halbfinale des UEFA-Pokals. Die ausländischen Medien waren mit dem unerwarteten Erscheinen der tapferen Belgier in diesem späten Stadium überfordert und bezeichneten den Klub mitunter als „Mohlenbeck“ oder „Moolenbäck“, manche Experten vermochten auf Anhieb gar nicht zu sagen, aus welchem Land dieser Verein überhaupt stammt. RWDM sollte erneut in Hin- und Rückspiel ohne Niederlage bleiben.

Gegen Athletic Bilbao gerieten die Belgier, nachdem der ehemalige Duisburger Bundesliga-Profi Karl-Heinz Wißmann nach 17 Minuten verletzt ausgewechselt werden musste, durch José Ignacio Churruca zunächst in Rückstand (25.). Teugels scheiterte nach der Pause mit einem Strafstoß an Keeper José Ángel Iribar (53.), traf aber zwei Minuten vor dem Ende noch zum Ausgleich. Am 20. April 1977 endete das europäische Abenteuer Molenbeeks mit einem torlosen Remis im San Mamés. Die Belgier haderten mit dem ostdeutschen Schiedsrichter Adolf Prokop, der bei Wellens’ Tor in der 78. Minute auf Abseits entschieden hatte.

De Visser verließ Molenbeek nach dieser Saison in Richtung Den Haag. Nach seiner Trainerlaufbahn leitete er die Scouting-Abteilung der PSV Eindhoven und ist als enger Vertrauter Roman Abramowitschs seit 2005 beratend für den Chelsea FC tätig. 2009 soll der heute 81-Jährige laut englischen Medien maßgeblich an der Entlassung des brasilianischen Trainers Luiz Felipe Scolari beteiligt gewesen sein, weil er dessen Trainingsmethoden scharf kritisierte.

rwdm3Mit RWDM ging es in den Folgejahren stetig bergab. Im UEFA-Cup 1977/78 scheiterten die Rot-Weiß-Schwarzen in der zweiten Runde nach Elfmeterschießen an Carl Zeiss Jena. Bis einschließlich 1981 belegte Molenbeek in der belgischen Liga einstellige Tabellenplätze, seither nie wieder. 1984, 1989 und 1999 stieg der Klub jeweils aus der obersten Spielklasse ab und bestritt 2001/02 seine letzte Saison. Zwar wurde RWDM am Saisonende Zehnter, konnte aber die finanziellen Voraussetzungen, die der belgische Verband im selben Jahr durch die Einführung eines strenges Lizenzierungsverfahrens geschaffen hatte, nicht mehr erfüllen. Gemeinsam mit Eendracht Aalst wurde dem Meister von 1975 in der darauffolgenden Spielzeit das Startrecht verweigert, was die Insolvenz des Klubs und einen Neustart in der dritten Liga zur Folge hatte.

Eigentlich endet die Geschichte des RWD Molenbeek hier. Der große Fußball spielte sich ohnehin seit geraumer Zeit 2,5 Kilometer Luftlinie südwestlich im Parc Astrid, der Heimspielstätte des RSC Anderlecht, ab. Zu den großen Stars der Violetten zählte in den 80er Jahren Mittelfeldspieler Franky Vercauteren, der auch die Blütezeit der Nationalmannschaft in den 80er Jahren mitgeprägt hatte. Vercauteren wurde 1956 in Molenbeek geboren.

Im August 2002 fusionierte RWDM mit dem KFC Strombeek zum FC Brüssel. Trotz neuer Stammnummer (1936) wurde der Klub von den Anhängern als legitimer Nachfolger von Racing White Daring akzeptiert, schließlich trug er seine Heimspiele im Machtensstadion aus und hatte der Präsident Johan Vermeersch eine RWDM-Vergangenheit als Spieler und Trainer. Zudem hatte Vermeersch in seiner aktiven Zeit bei Jean-Baptiste L’Ecluse eine Ausbildung begonnen und sich später selbst erfolgreich als Bauunternehmer einen Namen gemacht. Der Präsident polarisierte durch seinen patriarchischen Führungsstil und seine, nunja, unverblümten Ansprachen. Mit Hilfe einer 14-Millionen-Euro-Finanzspritze der Hauptstadtregion stieg der FC Brüssel 2004 in die erste Liga auf, erreichte aber nie wieder den einstigen Status. Vermeersch leistete sich 2007 einen verbalen Fauxpas, als er die schlechten Leistungen des kongolesischen Mittelfeldspielers Zola Matumona mit den Worten „Du kannst wieder auf deinen Baum klettern und deine Bananen essen“ kritisierte.

2013 feierten die Fans zwar die Rückkehr der „magischen vier Buchstaben“, als sich der Verein in RWDM Brüssel FC umbenannte, doch nach dem Abstieg in die Drittklassigkeit gingen die Lichter in Molenbeek endgültig aus. Im Juni 2014 gab Vermeersch die Auflösung des Klubs bekannt. Vom Verband ausradiert, starb RWDM seinen zweiten Tod.


Vollständige Bezeichnung
RWD [Racing White Daring] Molenbeek
Land
Belgien
Stadt
Brüssel (Gemeinde Molenbeek-Saint-Jean / Sint-Jans-Molenbeek)
Gründung
1973 aus der Fusion zwischen Royal Daring Club und Royal Racing White
2002 aufgelöst
Erfolge
1 x Landesmeister: 1975.
Farben
Rot, Weiß, Schwarz
Stadion
Edmond Machtensstadion

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