Andere Zeiten: Märchen im Fischerdorf

„Es war einmal ein kleines Fischerdorf…“ So könnte die Geschichte der IJsselmeervogels aus Spakenburg beginnen. Spakenburg – 20.000 Einwohner, Provinz Utrecht, aber nicht weniger weit entfernt von Amsterdam. In diesem verträumten „vissersdorpje“ spielte sich Mitte der 70er Jahre eine der größten Sensationen der niederländischen Fußball-Historie ab. Die IJsselmeervogels erreichten 1975 als erster – und bis heute letzter – Amateurklub das Halbfinale des KNVB-Pokals. Der bekerstunt – die Pokalsensation – ist eine Geschichte von Heimatverbundenheit, Treue und Religion.


Exkurs: Das niederländische Amateursystem

Um die gesamte Tragweite dieser Pokalsensation von 1975 besser einordnen zu können, sind ein kleiner Ausflug in die Entstehung des Profitums im niederländischen Fußball sowie ein Verständnis für dessen kompliziertes Zusammenspiel mit dem Amateurwesen, das in Samstags- und Sonntagsfußball unterteilt ist, nötig.

Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte der Fußball in den Niederlanden einen regelrechten Boom, zumal das „Arbeitervolk“ mehr und mehr Gefallen an dieser Sportart fand und sich das nicht nur auf den Rängen, sondern auch auf dem Rasen bemerkbar machte. In den 30er Jahren taten sich Ajax Amsterdam und Feijenoord Rotterdam als Spitzenklubs hervor, aber auch die Betriebsmannschaft der Eindhovener Philips-Werke machte verstärkt auf sich aufmerksam und etablierte sich bald als dritte Kraft im Land.

Die Nationalmannschaft war konkurrenzfähig, doch während in anderen Ländern nach und nach das Profitum eingeführt wurde, standen die niederländischen Funktionäre den Berufsfußballern eher skeptisch gegenüber. Die wiederum verließen das Land, um andernorts Geld verdienen zu können, während die heimischen Klubs immer mehr ausbluteten und die Elftal – für die die „Legionäre“ keine Berücksichtigung fanden – zur Lachnummer verkam.

Ein abstruses Spielklassensystem, das lediglich regionale Meister ermittelte, die dann wiederum in einer Endrunde den nationalen Meister kürten, tat während der Amateur-Ära ein Übriges und sorgte auch dafür, dass es jährlich wechselnde Titelträger aus der Provinz mit fantastischen Namen wie Limburgia Brunssum (1950) oder RCH Heemstede (1953) zu bejubeln gab.

In dieser Zeit platzte den Berufsfußball-Befürwortern der Kragen. Sie leiteten den Aufbau eines vom nationalen Verband KNVB unabhängigen Spielbetriebs ein und erfreuten sich schon zur Saison 1954/55 hoher Zuschauerzahlen, derweil die Amateurvertreter vor einer Handvoll Unverdrossener dahinvegetierten. Erst jetzt setzte beim KNVB aufgrund der drohenden Spaltung ein Umdenken ein, der Verband öffnete sich für den Profifußball, der 1957 mit Ajax Amsterdam seinen ersten Meister kürte. Mit der Einführung der Vollprofiliga Eredivisie und den darunter liegenden Halbprofiligen Eerste Divisie und Tweede Divisie (1971 abgeschafft) hatte der Profi-Fußball (betald voetbal) nun also auch die Niederlande erreicht, darunter unterteilte sich der Amateurbereich nach konfessionellen Richtlinien in Zaterdag– (Samstagsfußball, orthodoxe Protestanten) und Zondagvoetbal (Sonntagsfußball, Katholiken, liberale Protestanten und Konfessionslose). Da sich die Protestanten in der Minderheit befinden, gibt es deutlich mehr Mannschaften und Ligen im Zondagvoetbal (2005 sah die religiöse Verteilung in den Niederlanden wie folgt aus: 48,4% Konfessionslose, 27,0% Römisch-Katholische, 16,6% Protestanten, 8,0% Andersgläubige).

Grund für diese strikte Trennung in Samstags- und Sonntagsfußball ist der in den Niederlanden einst weit verbreitete Partikularismus, der hier verzuiling (Versäulung) genannt wird. Im „versäulten“ soziopolitischen System lebten einst religiös, sozial und kulturell definierte Gruppen nebeneinander her und es existierten parallele soziale Organisationen wie Kirchengemeinden, Bildungsanstalten, etc. Es wird zwischen einer christlich-protestantischen (calvinistischen), einer katholischen, einer sozialistischen und der allgemeinen Säule unterschieden.

Neben den üblichen Dissonanzen zwischen den wohlhabenden und oftmals idealistischen Amateurverfechtern und den vornehmlich proletarischen Befürwortern des Profitums wies die Frage in den Niederlanden vor allem noch eine konfessionelle Komponente auf. Viele Vereine standen einer der beiden großen Religionsrichtungen nahe, und vor allem die katholischen Klubs konnten sich mit „bezahltem Fußball“ gar nicht anfreunden, mussten aber Mitte der 50er Jahre zähneknirschend klein beigeben.

Einen fließenden Übergang zwischen beiden Ebenen gab und gibt es bis heute nicht. Will ein Amateurverein in den Profifußball aufrücken, muss er in erster Linie die wirtschaftlichen Voraussetzungen erfüllen. So „gelang“ unter anderem dem RKC Waalwijk (1984), AGOVV Apeldoorn (2003) oder Almere City (2005) der Aufstieg in den betaald voetbal. Im Umkehrschluss konnte nur absteigen, wer bankrott ging, so geschehen mit dem Kultklub FC Wageningen Anfang der 90er Jahre oder zuletzt mit dem HFC Haarlem oder dem RBC Roosendaal.

Die höchste Liga im Amateurbereich behielt nach der Einführung des Profitums ihren alten Namen, den sie seit jeher trug: Eerste Klasse. Allerdings galt das nur für den Sonntagsfußball. Bei den Samstagskickern wurde die Eerste Klasse als höchste Amateurliga erst zur Saison 1969/70 eingeführt, so dass hier verwirrenderweise die Tweede Klasse die höchste Liga war. In den Folgejahren wurde die Organisationsstruktur des Amateurfußballs immer undursichtiger, vereinfacht erklärt: Die Meister verschiedener Staffeln spielten nach Saisonende ihren Champion aus, erst seit 1969 ermitteln Samstags- und Sonntagsmeister den allgemeinen Amateur-Landesmeister.

Der erste Titel wurde zwischen VVOG, das sich als Meister der Tweede Klasse Zaterdag, Staffel D, gegen die anderen vier Staffelsieger in der Samstagsklasse durchgesetzt hatte, und Middelburg, das die Staffel C in der Eerste Klasse Zondag für sich entschieden und anschließend gegen die fünf anderen Staffelmeister die Oberhand behalten hatte, ausgetragen. Die Voetbalvereniging Ons Genoegen („Fußballvereinigung Unser Vergnügen“), kurz VVOG, aus Harderwijk im Gelderland unterlag im Hinspiel in Middelburg 1:2, glich zu Hause dank eines 1:0-Erfolgs aus – und holte sich mit einem 3:1 im Elfmeterschießen den ersten Titel.

Dem Amateur-Landesmeister ist es seit 2011 erstmals möglich (aber nicht verpflichtend!), auf sportliche Weise in die Zweite Liga – und somit in den Profifußball – aufzusteigen. Macht der landskampioen nicht von seinem Recht Gebrauch, darf der Verlierer des Finals zwischen Samstags- und Sonntagsmeister hoch. Verzichtet auch der, gibt es keinen Aufsteiger. Glück für den Zweitliga-Letzten, der dann im bezahlten Fußball bleiben darf und nicht absteigen muss.


Am Sonntag Fußball spielen? Das kommt für mich nicht in Frage! Das Team der IJsselmeervogels, die bis zu diesem Zeitpunkt zwar schon vier Samstag-Meisterschaften, aber noch keine landskampioenschap gewonnen hatten, bestand unmittelbar nach der WM-Final-Niederlage von „Oranje“ 1974 in Deutschland gegen die Bundesrepublik aus herausragenden Fußballern. Trainer Pierre Stevenaart scharte Spieler um sich, die lukrative Angebote mehrerer Spitzenklubs ausschlugen, weil sie nicht sonntags spielen wollten, keinen Cent kassierten – und zudem alle aus dem Fischerdorf Spakenburg und näherer Umgebung stammten: Torwart Jos de Feijter, Vorstopper Aalt Kok, davor Bram de Graaf, Evert de Graaf, Henk de Graaf, Jaan de Graaf und nicht zu vergessen Spielmacher Jan Vedder, genannt „de Cruijff van Spakenburg“. Es sind, dem Zeitgeist angemessen, bärtige Männer, denen 1974/75 die Schlagzeilen in den niederländischen Gazetten gehören.

Die „Vogels“ hatten sich im niederländischen Amateurfußball einen Namen gemacht. 1932 zunächst als NAS (Na Arbeid Sport) bekannt und in Ajax-ähnlichem Outfit auftretend, gewannen sie 1954 ihre erste Samstag-Meisterschaft. Im Vergleich zu ihren direkt nebenan beheimateten und in Blau spielenden Lokalrivalen SV Spakenburg, die vogels-1975sich aus Bauern und Kaufmännern rekrutierten, sind die IJsselmeervogels das Team des Volkes und der Fischer. Rot gegen Blau, Arbeiterklasse gegen Mittelschicht, klischeehafter geht es nicht. Zudem befinden sich beide Stadien im Sportpark de Westmaat und liegen nur 55 Meter voneinander entfernt.

Im KNVB-Pokal waren die „Roten“ Dauergast, in den Jahren zuvor aber gegen die Zweitligisten Roda Kerkrade (0:4) und PEC Zwolle (1:3) sang- und klanglos ausgeschieden. Im Oktober 1974 meinte es das Pokallos gut mit der Stevenaart-Truppe, die mit Limburgia Brunssum auf ein gleichklassiges Team traf und dabei auch noch Heimrecht genoss. Die Roten gewannen 1:0 und zogen in die zweite Runde ein, die ihnen nur einen Monat später einen Klub aus dem betaald voetbal bescherte: Der SC Amersfoort, nur knappe zehn Kilometer von Spakenburg entfernt und erst ein Jahr zuvor gegründet, um den Anforderungen des Profifußballs gerecht zu werden, hatte gerade seine erste Zweitliga-Saison respektabel zu Ende gebracht. Amersfoort ging im Sportpark de Westmaat mit 1:4 unter, 1982 wurde der Klub wegen finanzieller Probleme wieder aufgelöst.

„Wo liegt Spakenburg eigentlich?“

Als einziger Amateurklub standen die IJsselmeervogels in der dritten Runde (Achtelfinale) und erwarteten mit dem FC Groningen erneut einen Zweitligisten. Die großen Drei des niederländischen Fußballs gingen in dieser Runde allesamt baden: Der amtierende Meister Feyenoord schied beim FC Twente aus (0:2), Ajax blamierte sich bei Heracles Almelo (2:4 n.V.) und die PSV ging auf dem legendären „Wageningse Berg“ des FC Wageningen mit wehenden Fahnen unter (2:3).

Spakenburg ist neben der Fischerei auch für die eigenwillige Kleidertracht bekannt, die die weibliche Bevölkerung teilweise trägt. Darüber wird anscheinend genau Buch geführt, denn 1971 gab es laut Wikipedia offiziell noch 1.364 vrouwen in dracht, heute sind es gerade mal noch 175. Allerdings: Het zijn nu nog voornamelijk de oudere vrouwen die zich dagelijks in de traditionele kleding steken. De jongste vrouw in klederdracht is geboren in 1950. Eine aussterbende Tradition.

Groningen kam mit zwei Spielern, die in ihrer weiteren Laufbahn in „Oranje“ auflaufen sollten, in den windigen Sportpark de Westmaat: Hugo Hovenkamp und Piet Wildschut. Ihr damaliger Trainer Ron Groenewoud erinnert sich: „Wir waren gerade aus der Eredivisie abgestiegen, sind aber als Team zusammengeblieben und hatten allemal Erstliga-Niveau.“ Und IJsselmeervogels-Spielmacher Jan Vedder ist eine Aussage von Groningens Verteidiger Henk Medik in Erinnerung geblieben, der sich mit dem verhängnisvollen Satz „Wo liegt Spakenburg eigentlich?“ in einer Zeitung zitieren ließ.

Dem FCG wehte Ende Dezember 1974 im Westmaat im wahrsten Wortsinn ein starker Gegenwind entgegen. Groningens Keeper Willy Huberts brachte vor 6.000 Zuschauern, die laut Zeitungsbericht een kollektief chauvinisme aan de dag leegden, bei Abschlägen den Ball nur mit Mühe aus dem Sechzehner, die Hausherren nutzten den Windvorteil und setzten den Favoriten gehörig unter Druck. Als Huberts einen Distanzschuss Vedders abklatschen ließ, war Jan Zwaan zur Stelle und staubte in der 25. Minute zum 1:0 ab, nur eine Minute später erhöhte Vedder auf 2:0. Im TV-Halbzeitinterview wies Groenewoud den Wind als mögliche Entschuldigung für den peinlichen Rückstand zurück und attestierte den Vogels Zweitliga-Niveau.

vogels-bekerstunt

Was hatte ich denn in Rotterdam verloren?

Neun Minuten vor dem Ende markierte Bjarne Jensen den 2:1-Anschlusstreffer, doch zu mehr reichte es für Groningen nicht. Groningen belegte am Saisonende Platz zwei in der Eerste Divisie punktgleich hinter NEC und verpasste nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisse den direkten Wiederaufstieg. In der Playoff-Runde landete die Groenewoud-Elf erneut nur auf dem zweiten Rang und blieb fünf weitere Spielzeiten im Unterhaus.

Nun war plötzlich das nationale Interesse für die IJsselmeervogels geweckt. „Wir trainieren zwei Mal die Woche“, bestätigte Vedder einem verdutzten Journalisten, der das nicht glauben wollte und nach einer Erklärung für den erstaunlichen Fitnesszustand dieser Elf suchte. Er kam schließlich selbst zu dem Entschluss: „Ploeg met karakter.“ Eine Mannschaft mit Charakter.

Jan Vedder hatte einige Jahre zuvor ein Probetraining bei Feyenoord absolviert – und eigentlich bestanden. Dem Mittelfeldspieler lag ein unterschriftsreifer Dreijahresvertrag vor. Der Deal scheiterte letztlich an seiner „moeder en aan mijn meisje wat nu mijn vrouw is“. Seine Frau, selbstredend eine Trachtenträgerin, sagte Jahre später, auf das verlorene Geld angesprochen, sinngemäß: „Was hatte ich denn in Rotterdam verloren?“

Dem kantigen Rechtsaußen Jaan de Graaf lagen ebenfalls Angebote vor. Ajax, PSV, Feyenoord, ja sogar Fenerbahçe, Anderlecht und Dortmund buhlten um den Stürmer der Vogels. Die Eltern des damals 19-Jährigen waren früh verstorben, de Graaf wuchs bei seiner Großmutter auf, für die es undenkbar war, dass ihr Enkel an Sonntagen Fußball spielte. Ähnlich erging es Aalt Kok, der für die „nederlandse amateurelftal“ spielte. „Oranje op zaterdag“, wie die Amateur-Nationalmannschaft auch genannt wurde, existierte von 1956 bis 2007. Der „boomlange centrumverdediger“ weigerte sich hartnäckig, den heiligen Sonntag für eine Karriere im Profifußball aufzugeben. Andere Zeiten.

Vedder, de Graaf, Kok – alle drei gebürtige Spakenburger. Im Viertelfinale reisten sie zum aufstrebenden AZ ’67 nach Alkmaar, das in seinem kuscheligen Stadion Alkmaarderhout eine Macht war. Die Truppe um Superstar Cornelis „KeesKist kassierte in den auslaufenden 70ern pro Saison nur eine Heimniederlage. Das Grundgerüst jener Elf wurde 1980/81 sogar niederländischer Meister (der einzige zwischen 1965 und 2008, der nicht Ajax, Feyenoord oder PSV hieß) und erreichte das UEFA-Pokal-Finale, das es gegen Ipswich Town nach Aussagen einiger Beteiligter nur deswegen verlor (0:3, 4:2), weil die Spieler wenige Stunden vor dem Hinspiel an der Portman Road den Eredivisie-Titel mit einem 5:1 (!) bei Feyenoord unter Dach und Fach gebracht und entsprechend gefeiert hatten! In sämtlichen Europapokalspielen im „De Hout“, weit über 20, sollte AZ ungeschlagen bleiben. Gegen die IJsselmeervogels war lediglich die Frage nach der Höhe des Sieges zu klären.

Tulpenstrauß und Sherryflasche

Kees Kist, der sich 1979 mit 34 Treffern den „goldenen Schuh“ als Europas bester Torschütze sichern würde, und seine Kollegen staunten nicht schlecht, als die in den Farben ihres Lokalrivalen SV Spakenburg ganz in Blau auflaufenden Vogels frech nach vorne stürmten. Während die anderen drei Paarungen bereits am 12. März über die Bühne gegangen waren, wurde diese auf den 13. März verlegt, um nicht am protestantischen Gedenktag „Biddag voor Gewas en Arbeid“ spielen zu müssen. Es war ein kühler Donnerstagnachmittag, Abendspiele waren zu diesem Zeitpunkt in Alkmaar noch nicht möglich, da die Flutlichtmasten erst zwei Jahre später installiert wurden.

Ehe sich’s die Hausherren versahen, lagen sie nach Toren von Jan Vedder und Jaan de Graaf 0:2 hinten. Der bekerstunt hatte eine konkrete Form angenommen. Was er bei diesem sensationellen Pausenstand als Erstes gemacht habe, als er in die Kabine kam, wurde de Graaf Jahre später gefragt. „Roken“, rauchen, seine mehr als ehrliche Antwort.

Im zweiten Durchgang versuchte AZ ’67, die drohende Blamage abzuwenden. Kist zimmerte die Kugel von der Strafraumgrenze in den Winkel und verkürzte auf 1:2, doch „de Witte“ (der Weiße), wie er aufgrund seines außerordentlich hellen Blondschopfs genannt wurde, sollte an diesem Tag zum tragischen Helden avancieren. Nach einer Stunde verballerte Kist, der sich an Kok die Zähne ausbiss, einen Strafstoß, aber nur zwei Minuten markierte Ruud Suurendonk den Ausgleich und der Einbruch der IJsselmeervogels schien nun nur noch eine Frage der Zeit. Doch er blieb aus.

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Nach 90 Minuten bejubelte Coach Stevenaart das Remis wie einen Sieg. Er ahnte ja nicht, dass es noch besser kommen sollte. Sein Team rettete sich ins Elfmeterschießen, wo Kist weiterhin seine Schwierigkeiten hatte. Zunächst hatte Bram de Graaf für die „Vögel“ verschossen, anschließend vergab Joop Wildbret für AZ ’67. Den letzten Elfer für den haushohen Favoriten trat beim Stand von 3:3 Kees Kist – und vergab erneut. Diesmal brachte er das Leder zwar auf das Tor, doch Jos de Feijter parierte humorlos. Evert de Graaf war der letzte Schütze – und machte die Sensation perfekt: Mit 6:5 nach Elfmeterschießen setzten sich die Vogels im „De Hout“ durch und zogen ins Halbfinale ein!

vogels-vogels-1975In den späten Abendstunden wurde der Mannschaftsbus am Klubheim im Sportpark de Westmaat unter ohrenbetäubenden „Vogels! Vogels!“-Rufen empfangen, viel zu viele Menschen drängten sich in die viel zu kleinen Räume und feierten die ganze Nacht, unter ihnen auch Frauen in ihrer eigenwilligen Tracht. Zur Belohnung für die nicht für möglich gehaltene Sensation gab es für die Spieler eine Flasche Sherry und einen Tulpenstrauß. Jaan de Graaf, den auf dem Platz noch Krämpfe geplagt hatten, erschien am Folgemorgen allen Feierlichkeiten zum Trotz pünktlich, aber humpelnd, an seinem Arbeitsplatz in einer Fischfabrik. Pokalheld Jos de Feijter saß ebenfalls in seiner Funktion als Assistenz-Buchhalter brav an der Rechenmaschine an seinem Schreibtisch, den die Kollegen mit Blumensträußen geschmückt hatten.

Während sich das ganze Land Hals über Kopf in das Aschenputtel-Team aus Spakenburg verliebte, gab es aber auch kritische Stimmen, die behaupteten, die Spieler würden sehr wohl bezahlt werden, was natürlich nach dem KNVB-Reglement strengstens verboten war. Doch IJsselmeervogels-Präsident Jaap Koelewijn stellte sich unverdrossen vor die TV-Kameras und schwor: „Ich stehe hier als Jaap Koeleweijn und ich stehe hier als eine unbescholtene Person, um den ganzen Niederlanden mitzuteilen: Meine Spieler kriegen keinen Cent!“

Das Märchen endete am 16. April 1975. Im „De Adelaarshorst“, der neutralen Spielstätte in Deventer, trafen die Vogels auf das übermächtige FC Twente, das mit einem 6:0 dem Treiben ein Ende bereitete. Frans Thijssen, der später große Erfolge mit Ipswich Town (UEFA-Pokal-Sieg gegen Alkmaar!) feiern und 1981 zu Englands Spieler des Jahres gewählt werden sollte, stellte mit seinem 1:0 die Weichen auf Sieg. Und obwohl Jos de Feijter ein halbes Dutzend Mal hinter sich greifen musste, wurden die IJsselmeervogels nach der Partie wie die Sieger gefeiert. Twente verlor übrigens das Endspiel gegen Den Haag – und die IJsselmeervogels wurden trotz ihrer Halbfinalpleite nur wenige Monate später zur „sportploeg van het jaar“, zur Mannschaft des Jahres in den Niederlanden gewählt. Selbstredend war es das bis heute einzige Mal, dass diese Ehre einer Amateurmannschaft zuteil wurde. Das Geheimnis der Pokalsensation lautete schlicht und ergreifend: „Niet op zondag!“

Der bekerstunt hatte Kraft gekostet. In der Staffel B der Eerste Klasse Zaterdag landeten die IJsselmeervogels hinter DOVO nur auf Platz zwei. Die Samstag- und Landesmeisterschaft ging an Spijkenisse. Doch von nun an waren die Vogels nicht mehr aufzuhalten und pflasterten ihren weiteren Weg mit Titeln.

Nur ein Jahr später sicherten sie sich in ihrer Staffel Platz eins vor Spijkenisse, holten gegen Noordwijk die Samstagmeisterschaft und trafen im Finale um die Landesmeisterschaft auf Limburgia Brunssum. Eben jenes Team, das die Vogels in der ersten Runde ihres Pokalritts bezwungen hatten. Nach dem 1:1 in Brunssum eine Woche zuvor lagen die IJsselmeervogels im De Westmaat nach zwei Treffern von Jan Deswijzen 0:2 zurück, ehe Jan Vedder (66’) und Jaan de Graaf (68’) mit einem Doppelschlag für den Ausgleich sorgten. Keine Tore in der Verlängerung, wieder Elfmeterschießen, wieder wurde de Feijter zum Helden, als er einen entscheidenden Strafstoß, der den Sieg für Limburgia bedeutet hätte, parierte. Diesmal war es dem 31-Jährigen Aalt Kok – der bereits angekündigt hatte, in der Folgesaison für die dritte Mannschaft der Vogels zu spielen – vorbehalten, den entscheidenden (und insgesamt 20.) Schuss zu verwandeln. Was für ein Karriereende. Die IJsselmeervogels gewannen auf die dramatischste Weise ihre erste Amateur-Landesmeisterschaft und verteidigen diesen Titel – als erste Mannschaft überhaupt – ein Jahr später. Fünf weitere Landesmeisterschaften sollten folgen und die Vogels bis heute zum Rekordtitelträger machen.

1978 wagte Jaan de Graaf dann doch den Schritt zu den Profis und heuerte bei AZ ’67 an. Plötzlich war er Teamkollege von Kees Kist. Der zeigte sich von dem alten Bekannten begeistert: „Der hat sich tatsächlich in seinen Vertrag reinschreiben lassen, nicht an Sonntagen spielen zu müssen, und somit auf viel Geld verzichtet. Vor dieser Entscheidung habe ich unglaublichen Respekt.“ Andere Zeiten.

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