Lost Grounds: Üllői úti Stadion

Wer vom Budapester Flughafen Ferihegy Richtung Innenstadt fährt, kommt zwangsläufig auf den Üllői út, jene mehrere Kilometer lange Hauptverkehrsader, die am Stadtpark Népliget vorbei führt den neunten Bezirk Ferencváros streift. Schon aus der Ferne machten sich bis vor kurzem die imposanten Flutlichtmasten auf der linken Seite bemerkbar – und wer das Tempo drosselte, konnte von der Straße aus einen Blick in das Stadion des beliebtesten Klubs Ungarns erhaschen. Auffahrunfälle waren daher auf dem Üllői út, der sich direkt am Stadion entlang auf Tribünenhöhe erhebt, keine Seltenheit.

2013 wurde die kleine Arena, in der der Ferencvárosi Torna Club (FTC) viele Erfolge feierte, dem Erdboden gleichgemacht. Das Stadion, das 2007 zu Ehren Flórián Alberts – Klub-Legende und Europas Fußballer des Jahres 1967 – in Albert Flórián Stadion umbenannt worden war, war längst völlig aus der Zeit gefallen und genügte nicht einmal mehr den Ansprüchen der einst so stolzen, aber mittlerweile nur noch unterklassigen Fußball-Nation.

Schon 1911 wurde im damals deutschsprachigen Viertel Franzenvorstadt, später als Ferencváros ins Ungarische übersetzt, Fußball gespielt. Das kleine Stadion verfügte in jenen Tagen noch über eine Aschenbahn und eine kleine Haupttribüne (Tribüne A) im englischen Stil. 1924 kam auf der gegenüberliegenden Seite eine doppelstöckige Holzkonstruktion – die Tribüne B – hinzu. Das Klubhaus befand sich in der Ecke des Stadions. Charakteristisches Merkmal war bereits damals die heute noch existierende Statue des Vereinsgründers Dr. Ferenc Springer.

Es dauerte allerdings noch bis 1947, ehe das Üllői úti Stadion mit einem Länderspiel gegen Österreich seine erste große Bewährungsprobe zu meistern hatte. Sie endete tragisch: Weil sich 38.600 anstatt der erlaubten 37.000 Menschen ins Innere drängten, kollabierten die Holzränge unter dem Gewicht der Zuschauer. Wie durch ein Wunder kam niemand zu Tode, aber zahlreiche Verletzte mussten in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert werden, während das Spiel fortgesetzt wurde. Ungarn gewann 5:2, das Stadion wurde vorläufig geschlossen.

1969 wurde es einer weiteren großen Umbaumaßnahme unterzogen. Sie dauerte geschlagene fünf Jahre, die der FTC im „Exil“ Népstadion verbrachte. Am 19. Mai 1974 weihte der Klub sein „neues“ Stadion, das ein völlig neues Gesicht erhalten hatte und dessen Fassungsvermögen von knapp 40.000 auf 27.000 reduziert worden war, mit einem Freundschaftsspiel gegen den Stadtrivalen Vasas ein, der die Party allerdings mit einem 1:0-Sieg vermasselte.

ulloi-uti-stadion-1Das rechteckige, reine Fußballstadion kam recht spartanisch daher, und durch die fehlende Überdachung wurde es hier bei Regenwetter ziemlich ungemütlich. Auf der Südseite befand sich das neue Klubhaus, das auf seinem Dach Sitzplätze hinter Glas für die VIPs beherbergte. Zusammen mit den auffälligen Flutlichtmasten, die 1978 installiert wurden, bildete es einen starken Kontrast zum Rest der Arena.

Mit der vollständigen Versitzplatzung kamen grüne und weiße Schalensitze auf die Ränge, die die Kapazität noch einmal deutlich auf 18.100 verringerten. Die Kabinen befanden sich im Klubhaus, und wenn die Spieler das Feld betraten, marschierten sie unmittelbar an der Springer-Statue vorbei. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich die einzige Anzeigetafel. Der Name eines europäischen Spitzenklubs leuchtete auf ihr schon lange vor dem Abriss nicht mehr auf. In den 60er und 70er Jahren waren sie hier noch Stammgäste.

Heute befindet sich auf dem Gelände die neue, moderne Arena des Budapester Traditionsklubs, die vor wenigen Tagen am 10. August 2014 eröffnet wurde, 22.000 Zuschauern Platz bietet und selbstverständlich einen Sponsorennamen trägt. Das Spielfeld wurde um 90 Grad gedreht und wenige Meter in westliche Richtung verschoben.

Das einzige, was das neue Stadion mit dem alten gemein hat, ist die Adresse. Ein Blick vom Üllői út ins Stadioninnere ist allerdings nicht mehr möglich.

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