Momente: Die Feuerkatastrophe von Bradford

„What a night to come from Bradford!“, schlagzeilte der TV-Kommentator pathetisch, obwohl die Sensation noch nicht einmal besiegelt war. 6.500 Yorkshire-Kehlen stimmten bereits freudetrunken Siegesgesänge an, während sich Aston Villa seinem blamablen Schicksal ergab. Zwar gewannen die „Villans“ das Liga-Pokal-Halbfinale gegen den Viertligisten Bradford City mit 2:1, strichen aber nach dem 1:3 aus dem Hinspiel die Segel. „What a night to be a Bantam!“ Der Reporter von Sky Sport redete sich in Ekstase.

Der historische Abend von Birmingham hatte durchaus etwas Pilchereskes: Eine Mannschaft aus dem Mittelfeld der viertklassigen League Two, die zuvor schon Wigan Athletic und Arsenal aus dem Rennen geworfen hatte, düpierte zum dritten Mal in wenigen Wochen einen Klub aus der Premier League und erreicht zum ersten Mal nach 102 Jahren wieder das Endspiel eines nationalen Pokalwettbewerbs. 1911 hatten die „Bantams“, die Zwerghühner, mit einem 1:0 im Wiederholungsspiel gegen Newcastle United den FA Cup gewonnen.

Doch das Datum, das die Geschichte dieses Vereins entscheidend prägte, war der 11. Mai 1985. Die Feuerkatastrophe im heimischen Stadion Valley Parade kostete 56 Menschen das Leben. Dabei hätte es ein glorreicher Tag werden sollen: Eine Woche zuvor hatten sich die „Bantams“ die Meisterschaft in der Third Division gesichert, am letzten Spieltag sollte in der bedeutungslosen letzten Partie gegen Lincoln City nach fast 50 Jahre währender Absenz die Rückkehr in die Zweitklassigkeit gefeiert werden. Es kam anders.

Die 3.000 Zuschauer auf der Tribüne marschieren um 15:44 Uhr unruhig hin und her. Ein kleines Feuerchen hatte sich breit gemacht, wie die späteren Untersuchungen ergeben werden, hatte eine achtlos weggeworfene Zigarette den Papiermüll, der sich unterhalb der Stufen angesammelt hatte, entzündet. Besonders tragisch ist die Tatsache, dass nach der Saison 1984/85 dieser Teil des Stadions aufgrund der Sicherheitsbestimmungen in der Second Division ohnehin hätte renoviert werden sollen.

„It’s gonna be problems, Tony!”

Keine drei Minuten später steht die komplette Holztribüne in Flammen. Die entstehende Hitze führt mitsamt den leicht entzündlichen Brandgasen unter dem mit Asphaltplatten bedeckten Holzdach zu einem Flashover. Tony Delahunty, für den lokalen Radiosender Pennine live auf Sendung, schreit in sein Mikrofon:

»We’re on fire here at Valley Parade, the whole end of the stand at one side is actually in flames […] They’re running out of the ground now from that far end […] It looks like there could be a situation of panic. All the time, people are spilling onto the pitch. We can see the flames going up into the air […] People are running around, they’re running around beside us […] Let’s get all those people out of there […] Don’t rush, watch for the kiddies […] You can hear the heat; there’s smoke coming everywhere […] We are going to have to disconnect very shortly!«

Ein Zuschauer nähert sich währenddessen dem Mann am Mikrofon und ruft: „The whole stand is on fire, Tony. […] It’s gonna be problems, Tony!“

Zuschauer flüchten in Panik zu den Ausgängen, doch die Drehkreuze sind blockiert. Einige Stadionbesucher verbrennen, andere erleiden Brandvergiftungen. Die meisten der 11.076 Augenzeugen klettern über die Zäune auf den Rasen, wo sich bizarre Szenen abspielen. In völliger Unterschätzung der Situation stimmen einige Fans Schlachtrufe an, tanzen auf dem Spielfeld und jubeln in die Kameras, die das Desaster dokumentieren. Doch schnell merkt auch der Dümmste, dass es nichts zu feiern gibt. Die Tribüne brennt vollständig nieder und die Hitze auf dem Rasen wird immer unerträglicher. Der Tag, der Triumph verhieß, endet in einer Tragödie. Der Alptraum fordert 56 Menschenleben und weit über 200 Verletzte.

James Hanson war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal geboren. Er erblickte erst zweieinhalb Jahre später in Bradford das Licht der Welt. Am Dienstagabend köpfte er nach 55 Minuten das zwischenzeitliche 1:1 und durfte sich eine Stunde später vor den Sky-Kameras als schüchterner Hero feiern lassen. Der Höhepunkt einer Aschenbrödel-Karriere: Vor drei Jahren spielte Hanson noch Conference Football in Guiseley und verdingte sich nebenbei in einem Supermarkt, ehe er für die Ablösesumme von 7.500 Pfund zu den Bantams wechselte.

Die waren nach einem zwischenzeitlichen Gastspiel in der Premier League um die Jahrtausendwende wegen finanzieller Probleme unter Fremdverwaltung gestellt worden und bis in die League Two abgestürzt. Jetzt dieser unglaubliche Husarenritt ins Liga-Pokal-Finale, das am 24. Februar in Wembley steigt. Gegner ist dann ein weiterer Außenseiter: Swansea City. Doch die Waliser spielen immerhin in der Premier League.

Der Spitzname „Bantams“ rührt von jenem FA-Cup-Finale 1911 her, als der Mannschaftsbus auf dem Weg nach Wembley ein Zwerghuhn überfuhr. 102 Jahre später rollt der Bus der Bantams erneut nach London.

valley-parade
Das Valley Parade in einer Aufnahme vor der Katastrophe von 1985. Das Feuer entstand auf der rechten Seite der Holztribüne, die in wenigen Minuten niederbrannte.

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