Lost Grounds: Estadio de Sarriá

Da hatten sich die Organisatoren der WM 1982 kräftig verkalkuliert. Andererseits konnten sie ja auch nicht damit rechnen, dass sowohl Italien als auch Argentinien in ihren Vorrundengruppen nur zweite Plätze belegen würden. Und während sich also in Barcelonas großem Stadion Camp Nou Polen, Belgien und die UdSSR in den Zwischenrundenspielen um den Einzug ins Halbfinale mühten, sollte das kleinere Estadio de Sarriá (katalanisch: Estadi de Sarrià) die absoluten Hammerspiele zwischen Argentinien, Brasilien und Italien zu sehen bekommen.

Allein schon von den klangvollen Namen her waren diese Partien viel reizvoller. Dass sie allerdings die hohen Erwartungen noch um ein Vielfaches übertreffen würden, konnte niemand vorhersehen. Nicht zuletzt dem Nerven aufreibenden 3:2-Erfolg der Italiener gegen die Seleção am 5. Juli 1982 – einem der aufregendsten Spiele der WM-Historie – hat es dieses Stadion zu verdanken, mythischen Charakter erlangt zu haben und in die Geschichte des Welt-Fußballs eingegangen zu sein.

sarria-rossiDrei Mal Paolo Rossi, unvergessen. Drei Mal brachte der spätere WM-Torschützenkönig, der in der ersten Gruppenphase noch leer augegangen war, die Azzurri in Front, zwei Mal glichen die hochfavorisierten Brasilianer aus, dem dritten Treffer Rossis hatten sie allerdings nichts mehr entgegenzusetzen. Ein Unentschieden hätte der Seleção zum Einzug ins Halbfinale gereicht, Italien wäre ausgeschieden. So kam es anders. Brasilien trat die Heimreise an, Italien wurde Weltmeister. Rossi zementierte an diesem Tag an diesem Ort seinen Heldenstatus.

Knapp zwei Kilometer nordöstlich des großen Camp Nou, am westlichen Rand des Stadtteils Sarrià-Sant Gervasi, befindet sich heute eine Wohnanlage mit einem Park, der den Namen Jardins del Camp de Sarrià trägt, eine Hommage an die altehrwürdige Arena des RCD Espanyol Barcelona, die 74 Jahre an dieser Stelle stand und 1997 der Abrissbirne zum Opfer fiel. Hier, zwischen der Plaça de Ricard Zamora und dem Carrer de Can Ràbia, sind in der Zwischenzeit neue Wohn- und Grünanlagen entstanden, die dem Espanyol-Anhänger die Tränen in die Augen treiben. Denn die Fans der Pericos haben ihre Arena geliebt und wollten sie nicht hergeben. Aber sie wurden nicht gefragt, als es um das große Geld ging, das durch den Verkauf des Areals gescheffelt werden konnte.

1988 stieg im Estadio de Sarriá erneut ein Spiel von internationalem Interesse. Espanyol empfing im Hinspiel des UEFA-Pokal-Halbfinals – auf dem Weg hierhin hatten sie unter anderem Borussia Mönchengladbach sowie Inter und AC Mailand ausgeschaltet – Bayer Leverkusen, das wiederum Espanyols großen Stadtrivalen FC Barcelona eliminiert hatte. Die Katalanen spielten die Werkself an die Wand. 3:0 hieß es nach 90 Minuten, die Leverkusener sahen keinen Ball. An diesem Abend hatte Espanyol bereits eine Hand am Pokal und feierte entsprechend. Zwei Wochen später drehte Bayer den Spieß um.

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Das Olympiastadion im Süden der Stadt mit seiner unattraktiven Leichtathletikbahn, anschließend ungeliebte Heimat Espanyols, bot außerdem viel mehr Menschen Platz. Und wer wollte riskieren, dass das Estadi Olímpic de Montjuïc – für die Olympischen Spiele 1992 unter hohem finanziellen Aufwand renoviert – zu einer trostlosen Ruine verkommen würde?

Zurück nach Sarrià, dem dicht bebauten Wohngebiet im Nordwesten. Als sich der Klub – der einst seine Spiele auf einem Bolzplatz nahe der Basilika Sagrada Família austrug – ein neues Zuhause suchte, war es die Familie La Riva, die ihr Geld in der Textilindustrie gemacht hatte und mehrere Klub-Präsidenten stellte, die dem Verein im Grenzgebiet zwischen Sarrià und Les Corts, wo der FC Barcelona sein neues Stadion gebaut hatte, 1923 ein Grundstück erwarb. Der Ground wurde im Februar mit einem 4:1-Sieg gegen UE Sants eingeweiht und trug den Spitznamen Can Ràbia, weißes Haus, das er einer alten Villa zu verdanken hatte, die sich direkt hinter dem Tor auf der Südseite befand. Der große Balkon dieser Villa, in der später Jugendspieler untergebracht wurden, bot einen hervorragenden Blick auf den Platz, der erst drei Jahre später eine vernünftige Tribüne erhielt.

Nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs 1939 verfügte General Franco, dass alle Präsidenten der großen Fußball-Vereine aus Madrid kommen sollten, woraufhin der La-Riva-Clan die Rückgabe seines Grundstücks verlangte. 1951 gelang es dem Klub, das Gelände zu erwerben, und als nur ein Jahr später die Can Ràbia abgerissen wurde, begann an derselben Stelle der Bau der neuen Südkurve. Die Flutlichtmasten, nach englischem Stil in den vier Ecken platziert, wurden 1959 errichtet. Während sich der „Dschungel“ immer mehr in eine Betonwüste verwandelte, wurde auch am Stadion nach und nach herumgewerkelt, allein die Renovierungsarbeiten für die Weltmeisterschaft 1982 verschlangen 413 Millionen Peseten. Die Kapazität betrug damals 45.000, später wurde sie auf 41.000 (davon 19.000 Sitzplätze) gesenkt.

sarria-luftSarrià war eine typische Innenstadt-Arena, mit steilen Rängen an den Seiten und unüberdachten Kurven hinter den Toren. Die Bewohner der modernen Apartment-Häuser auf der Nordseite genossen daher – zumindest in den oberen Etagen – einen netten Einblick in das Stadion. Die Ostseite erhielt 1974 einen Oberrang, eine überdachte Tribüne mit blau-weißen Sitzschalen, dahinter befanden sich die Trainingsplätze des Klubs. Auf der gegenüberliegenden (West-)Seite war bereits 18 Jahre zuvor das Anfiteatro, Amphitheater, hochgezogen worden: Ein für spanische Stadien typischer, unüberdachter Oberrang, an dessen Entwicklung der Camp-Nou-Architekt Josep Soteras Mauri beteiligt war.

1997 war Schluss, die Pericos mussten ihr Nest verlassen. Präsident Francesc Perelló, Anfang der 50er Jahre noch am Kauf der Arena beteiligt, beugte sich den finanziellen Verlockungen. Der hochverschuldete Klub benötigte dringend das Geld, das ihm die Regierung für das Grundstück und den Umzug ins Estadio Lluís Companys – so der offizielle Name des Olympiastadions – bot. Richtig heimisch haben sich die Espanyol-Anhänger in der anonymen Arena allerdings nie gefühlt.

Mittlerweile ist der RCD Espanyol zwischen den Vororten Cornellá und El Prat zu Hause. Seine neue 65-Millionen-Euro-Arena wird die Erinnerung an das alte, 1997 in die Luft gesprengte Stadion, das drei packende WM-Spiele und ein UEFA-Pokal-Finale sah,  nicht tilgen können.

 

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