Rebellen: Zbigniew Boniek

Zibi. Der Kosename für Zbigniew Boniek klingt wie eine Liebeserklärung. Es ist vielleicht auch eine, denn der Ausnahmefußballer, der seine Karriere 1988 beendete, gilt noch immer als einer der größten Spieler, die der Ostblock je hervorgebracht hat. Und in Polen ist er ganz klar die absolute Nummer 1.

Boniek wurde am 3. März 1956 in Bydgoszcz, dem deutschen Bromberg, geboren. Seine Karriere begann er 1970 bei Zawisza, dem Armeeklub seiner Heimatstadt, und fiel dort bald wegen seiner herausragenden Klasse, aber auch wegen gelegentlicher Eskapaden auf. Denn Boniek war schon in jungen Jahren ein Mann, der seine Meinung zu vertreten wusste. Und so kam es eines Tages zum Eklat, als ein hochrangiger Offizier – in Personalunion Vizepräsident des Klubs – ihn wegen seiner Trainingsfaulheit rügte. Im darauffolgenden Wortgefecht spuckte der exzentrische Boniek dem uniformierten Mann kurzerhand ins Gesicht und musste anschließend eine empfindliche Sperre abbrummen.

Vielleicht trug dieser Zwischenfall auch dazu bei, dass Boniek 1976 Zawisza verließ und sich dem Arbeiterklub Widzew Łódź anschloss. Hier entwickelte sich der dynamische und schussstarke offensive Mittelfeldmann sofort zum Nationalspieler. Boniek debütierte gerade mal 20-jährig in der polnischen Auswahl und gewann bei den Olympischen Spielen in Montreal die Silbermedaille.

Bei der WM 1978 in Argentinien wurde erstmals die gesamte Fußball-Welt auf den Rotschopf aufmerksam. Zwar schieden die Polen in der Zwischenrunde gegen Argentinien und Brasilien aus, aber Bonieks imposanter Auftritt blieb nicht unbemerkt. Kein Wunder also, dass ihn die Experten im selben Jahr zu Polens Fußballer des Jahres wählten – eine Ehrung, die ihm zwei Jahre später erneut zuteil wurde. Seinen Klub Widzew Łódź führte er anschließend zu zwei nationalen Meisterschaften (1981 und ’82), die ersten überhaupt in der bis dahin erfolglosen 70-jährigen Vereinshistorie. Anfang der 80er Jahre reifte Boniek zu einem der besten Spieler der Welt.

„Widerstand, egal wie stark, und Hindernisse, egal wie hoch, sind für ihn stimulierende Herausforderung“, schrieb einst die Frankfurter Allgemeine Zeitung über den rothaarigen Rebellen und erzählte passend dazu folgende Anekdote: Als sich die polnische Nationalmannschaft Anfang Dezember 1980 vor dem Abflug zum WM-Qualifikationsspiel auf Malta am Warschauer Flughafen traf, erschien Torwart Józef Młynarczyk in offensichtlich volltrunkenem Zustand. Da diese Tatsache vor den anwesenden Journalisten nicht mehr zu kaschieren war, wollten die Funktionäre den taumelnden Torwart auf der Stelle nach Hause schicken. Doch Boniek stellte sich schützend vor seinen Vereinskollegen und erklärte, dass entweder alle Widzew-Spieler auf die Mittelmeerinsel fliegen würden – oder keiner. Um einen Eklat zu vermeiden, gaben die Verbandsbosse zunächst nach. Bei der Zwischenlandung in Rom wurden Młynarczyk, Boniek und Władysław Żmuda kurzerhand nach Hause geschickt und für lange Zeit gesperrt. Boniek bekam ein Jahr aufgebrummt, nach sechs Monaten wurde er begnadigt.

1982 kehrte er auf die WM-Bühne zurück: Erfahrener, schneller, entschlossener. Polen zog bis ins Halbfinale ein und scheiterte erst am späteren Weltmeister Italien (0:2), aber Boniek brachte immerhin die Bronzemedaille mit nach Hause und hatte dem Wettbewerb seinen Stempel aufgedrückt. Vor allem in der Zwischenrunde, als er mit seinem Hattrick gegen die starken Belgier den Einzug in die Runde der letzten Vier zementierte. Längst war er ins Visier der europäischen Top-Klubs geraten und schließlich war es der italienische Meister Juventus Turin, der sich die Dienste des polnischen Stars sicherte. Nach 172 Spielen und 50 Toren kehrte „Zibi“ Widzew Łódź den Rücken.

„Mein größter Wunsch ist es, bei einem Spitzenverein in Westeuropa zu spielen, weil ich mich nur dort als Fußballer vervollständigen kann.“ Die Altersgrenze für eine Ausreisegenehmigung lag zwar bei 28 Jahren, aber die Verbindungen des Fiat-Chefs und Juve-Präsidenten Giovanni Agnelli, der 1,8 Millionen Dollar auf den Tisch legte, ließen die sozialistischen Dogmatiker schwach werden. In Turin bildete Boniek mit dem Franzosen Michel Platini das beste Offensivgespann jener Zeit. Im Trikot von Juventus streckte er den italienischen Pokal (1983), den Cup der Pokalsieger (1984) und den der Landesmeister (1985) in die Luft, den Meistertitel 1984 nicht zu vergessen. Beim Pokalsieger-Finale gegen den FC Porto 1984 in Basel markierte er den 2:1-Siegtreffer. Das darauffolgende Supercup-Spiel gegen Liverpool (2:0) gewann er für Juventus mit zwei Toren sozusagen im Alleingang. Boniek erhielt bald den Spitznamen „Bello di notte“, Schöner der Nacht, weil er vor allem bei Abendspielen Glanzleistungen ablieferte.

1985 wechselte Boniek nach 81 Meisterschaftsspielen (15 Tore) für Juve innerhalb der Serie A zur AS Roma. Er hatte an Schnelligkeit eingebüßt, doch sein Spielwitz war noch immer der alte. Das stellte er auch bei seiner dritten WM 1986 in Mexiko unter Beweis, wobei er allerdings das frühe Aus der Polen nicht verhindern konnte. Nach 80 Länderspielen und 24 Toren beendete er seine internationale Laufbahn. Mit der Roma holte er 1986 noch einmal den italienischen Pokal und hing zwei Jahre später die Fußballstiefel an den Nagel.

Seine Karriere setzte Boniek – als Trainer – im Stiefelland fort, allerdings mit geringem Erfolg. Denn sowohl mit Lecce als auch mit Bari stieg „Zibi“ in die Serie B ab. Immerhin rehabilitierte er sich ein bisschen, als er 1995 Avellino von der dritten in die zweite Liga führte.

Nach einigen Jahren als Vizepräsident des polnischen Fußballverbands PZPN übernahm Boniek infolge des schwachen Abschneidens bei der WM in Japan/Südkorea von Juli bis Dezember 2002 das Amt des Nationaltrainers. Doch auch hier eckte er bald an, weil er die miserablen Zustände im Verband – die noch immer auf dem Stand der kommunistischen Zeit waren und den Vorstellungen des seit 1982 im Westen lebenden Boniek zuwiderliefen – fortwährend anprangerte. Bonieks Platz war ohnehin nicht auf der Bank, sondern auf dem Rasen. Seine genialen Pässe und Ideen haben sich für immer in das Bewusstsein der Fußball-Anhänger gebrannt. Nicht nur in Polen.

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