Traumtanz: Ipswich Town 1980/81

ipswich-town-1981-300pxDas Königreich East Anglia wurde um 525 n.C. von den Angeln gegründet und war bis 878 unabhängig. Dieser westgermanische Volksstamm aus dem heutigen Schleswig-Holstein war mit den Sachsen und Jüten maßgeblich an der Reichsbildung in Britannien beteiligt, das Land der „Angelsachsen“ erhielt schließlich den Namen England. Kein Wunder, dass die Nachfahren dieser frühen Siedler noch besonders stolz darauf sind, dass von ihrem Gebiet aus – das den heutigen Verwaltungsbezirken Norfolk und Suffolk entspricht – die spannende Geschichte der Insel ihren Lauf nahm. Pride of Anglia, der Stolz von Anglia, bezeichnet allerdings nicht die historischen Wurzeln jener Gegend, sondern den größten Fußballklub der Region – Ipswich Town. Und insbesondere die Saison 1980/81, als die Blues von der Portman Road unbeirrt durch den UEFA-Pokal-Wettbewerb marschierten.

Der glorreiche Aufstieg Ipswich Towns hatte sich abgezeichnet. Zwei Jahre zuvor hatte das Team den FA Cup gewonnen, in der Meisterschaft allerdings nur den 18. Platz belegt. Doch Trainer Bobby Robson, der 1969 das Zepter an der Portman Road übernommen hatte, war auf dem besten Weg, eine eingespielte Truppe zu formen, was Rang sechs in der Folgesaison belegte.

Es ging weiter bergauf: 1979/80 landete Ipswich schließlich auf dem dritten Platz und machte sich berechtigte Hoffnungen auf ein erfolgreiches Abschneiden im UEFA-Cup, in dem es in der Vorsaison bereits in Runde zwei am Grasshopper-Club aus Zürich gescheitert war. Anfang der 80er Jahre spielten die englischen Klubs im Europapokal eine dominierende Rolle, und so gehörten sie immer zu den Favoriten. Insbesondere Ipswich, das auch in der Meisterschaft blendend aus den Startlöchern gekommen war und ernsthafte Titelansprüche anmeldete. Der Kader der Super Blues ließ die Konkurrenz vor Neid erblassen: Da waren Spieler wie Kapitän Mick Mills, die eisenharten Verteidiger Terry Butcher – nomen est omen – und Steve McCall, die Torjäger John Wark und Paul Mariner oder die fliegenden Holländer Frans Thijssen und Arnold Mühren.

Aris Saloniki

ipswich-warkDas Erstrundenlos bescherte Town gleich ein Heimspiel gegen die Griechen von Aris Saloniki. Und die sollten sofort mit der Torgefährlichkeit des John Wark Bekanntschaft machen. Drei Mal schlug der Goalgetter in der ersten halben Stunde zu und erzielte somit einen lupenreinen Hattrick. Die giftigen Griechen hatten für eine aggressive Atmosphäre gesorgt, doch ihre raue Gangart wurde knallhart bestraft: Erst verursachten sie zwei Elfmeter, die Wark sicher verwandelte (13’, 30’), dann verloren sie auch noch Giorgios Firos mit einem Platzverweis. Die Quittung war ein 3:0 zur Halbzeit, Wark hatte in der 15. Minute nach einer Mills-Flanke auch das zwischenzeitliche 2:0 besorgt.

Nach der Pause folgte aber zunächst der Schock für Town: Gerade mal drei Minuten waren gespielt, da deutete der portugiesische Unparteiische Antonio Garrido erneut auf den Punkt, und Theodoros Pallas ließ Ipswichs Keeper Paul Cooper keine Chance. Mariner stellte allerdings nach 61 Minuten den alten Abstand wieder her und als Garrido zum vierten Mal an diesem denkwürdigen Abend auf Elfmeter entschied, sorgte Wark mit seinem vierten Treffer für den 5:1-Endstand. Wark dürfte sich an jenem Abend kaum ins Ehebett getraut haben: Seine Frau ist Griechin und ihre Familie stammt aus … Saloniki.

Der Spott der 21.000 Zuschauer hallte noch lange in den Ohren der Aris-Akteure, die vielleicht gerade aus diesem Grund topmotiviert ins Rückspiel gingen, obwohl sie nach der klaren Schlappe eigentlich chancenlos waren. 40.000 Fans im heimischen Harilaou glaubten allerdings an eine Sensation, und sie schien tatsächlich greifbar nahe. Unglaublich, wie sich die Gelb-Schwarzen wieder zurückkämpften: Thalis Tsirimokos (4’), Ioannis Drambis (22’) und Theodoros Zelelidis (65’) hatten ein erstaunliches 3:0 herausgeschossen, und Ipswich war stehend K.o. Ein weiteres Tor hätte Town den Gnadenstoß versetzt, doch dann schlug die Stunde des Wirbelwinds Eric Gates, „Urheber“ zweier Strafstöße und des Platzverweises im Hinspiel. In der 73. Minute netzte er von der Strafraumgrenze aus ein, das 3:1 begrub die Hoffnungen der Griechen. Doch auch Gates’ Treffer konnte die erschreckend schwache Vorstellung der Engländer nicht kaschieren. Robson wusste, dass sich seine Spieler gewaltig steigern mussten, wenn sie nicht bald in hohem Bogen aus dem Wettbewerb fliegen wollten.

Bohemians Prag

Aber da war ja noch diese immense Heimstärke. Die bekam in der zweiten Runde der tschechoslowakische Vertreter Bohemians Prag zu spüren, der mit hohen Erwartungen an die Portman Road gekommen war und mit einer 0:3-Packung an die Moldau zurückgeschickt wurde. Dabei hatte es bis zur Pause ganz gut für die Spieler um Antonín Panenka ausgesehen. Geschickt hatten sie ein 0:0 in die Kabinen gerettet, doch unmittelbar nach dem Wechsel war es wieder Wark, der mit zwei Treffern in sieben Minuten (48’, 55’) den Weg zum Sieg ebnete. Erst hatte der Schotte von der Strafraumgrenze abgezogen, sein Schuss wurde leicht abgefälscht, dann stand er goldrichtig, als Alan Brazils Schuss vom Pfosten abprallte. Der kurz zuvor eingewechselte Kevin Beattie war es schließlich, der mit einem 25-Meter-Hammer fünf Minuten vor dem Ende für das beruhigende 3:0 sorgte. Dass es dabei blieb, hatte Town der Querlatte zu verdanken, die nach Pavel Chaloupkas Schuss den so wichtigen Auswärtstreffer der Prager verhinderte.

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Es war eine bedrückende Spannung, die über dem mit 16.000 Zuschauern restlos ausverkauften Stadion Ďolíček lag. Ipswich sah sich vom Anpfiff weg in die Defensive gedrängt und nach bereits drei Minuten klingelte es. Tibor Mičinec erzielte das frühe 1:0, das noch mehr Druck auf die Briten ausübte. Als derselbe Spieler mit einem Kopfball nur die Unterkante der Latte traf, war Robson klar, dass es bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt noch ein sehr langer Abend werden würde. Die zweite Halbzeit begann wie die erste, wieder war Ipswich noch nicht richtig auf dem Platz, als Ersatzkeeper Laurie Sivell erneut das Leder aus dem Netz holen musste: Panenka hatte ihn mit einem Freistoß zum 2:0 überwunden (53’). In der nächsten Viertelstunde geriet Sivells Gehäuse schwer unter Beschuss, doch Beattie, der als einziger mit kurzärmligem Trikot spielte, hielt die Abwehr zusammen und gegen Ende konnte sich Town sogar etwas aus der Umklammerung befreien. Der eingewechselte Robin Turner traf sieben Minuten vor dem Abpfiff den Pfosten. Der Schlusspfiff kam wie eine Erlösung. Ipswich Town stand im Achtelfinale, doch noch ein Spiel dieser Dramatik würde Robson sicherlich nicht durchstehen.

Widzew Łódź

Der nächste Gegner hieß Widzew Łódź und kam vom Namen her so unscheinbar daher, doch auf dem Papier hatten die Polen, denen immerhin Manchester United und Juventus Turin zum Opfer gefallen waren, einiges zu bieten: Keeper Józef Młynarczyk, Abwehrchef Władysław Żmuda sowie Włodzimierz Smolarek und der unvergleichliche Zbigniew Boniek im Angriff nötigten den Gegnern gehörigen Respekt ab. Das peinliche Debakel an der Portman Road wussten allerdings auch sie nicht zu verhindern. Dabei spielte Widzew gar nicht so schlecht und hielt mit gefährlichen Kontern auch gut dagegen, doch am Ende brach der spätere polnische Meister bitter ein. Wark, wer sonst, eröffnete in der 21. Minute mit einem platzierten 20-Meter-Schuss den Torreigen. Wenige Sekunden später traf Mühren nur den Pfosten, doch in der Schlussphase der ersten Hälfte versetzte ein Doppelschlag durch Brazil (42’) und Wark (45’) den tapferen Polen den K.o. Spätestens, als Boniek die Gelbe Karte sah und somit für das Rückspiel gesperrt war, waren Widzews Chancen auf den Nullpunkt gesunken. Mariner per Kopf (70’) und Wark zum Dritten (77’) stellten schließlich den demoralisierenden 5:0-Endstand her.

Dieser Fünf-Tore-Vorsprung sorgte dafür, dass Town trotz der bisher schwachen Auswärtsvorstellungen beruhigt nach Zentralpolen fliegen konnte. Doch das Rückspiel wurde zur Farce. „Pantomime on ice“ titelte der Daily Telegraph nach der 0:1-Niederlage Ipswichs auf schneeglattem Boden in Łódź. Es schneite, die Spielfeldmarkierungen waren orangefarben und die Spieler trugen Handschuhe und lange Hosen – kein Wunder, bei Temperaturen von minus 16 Grad. Den einzigen Treffer markierte Marek Pięta nach 55 Minuten – zu spät, um Ipswich ernsthaft in Verlegenheit zu bringen. „Ich bin froh, dass wir das alles verletzungsfrei überstanden haben“, erklärte Robson und freute sich auf die europäische Winterpause. In der Meisterschaft lief derweil alles nach Plan. Und als sich die Blues im März zum Viertelfinal-Hinspiel nach St.-Étienne aufmachten, hatten sie in der First Division gerade mal zwei Spiele verloren und steuerten ihrem zweiten Titelgewinn nach 1962 entgegen.

AS St.-Étienne

In den drei Runden zuvor hatte Town immer im Hinspiel den Grundstein zum Weiterkommen gelegt, dabei aber auch auf seine Heimstärke bauen können. Die Auswärtspartien wurden hingegen allesamt verloren. Nun mussten sie erstmals das erste Duell fernab der Portman Road austragen, und der Gegner war nicht aus Pappe: Die AS St.-Étienne hatte die Runde der letzten Acht mit einem grandiosen 5:0-Erfolg beim

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Hamburger SV erreicht und im laufenden Wettbewerb erst einen mickrigen Gegentreffer kassiert. 42.000 Zuschauer strömten ins Stadion Geoffroy Guichard, um die Grünen um Michel Platini anzufeuern. Das war die geeignete Kulisse und die rechte Gelegenheit für Town, um endlich auch einmal auf fremdem Boden seine Klasse aufblitzen zu lassen. Zwar gingen Les Verts, die Grünen, durch Johnny Rep in Führung (16’), doch der Kopfballtreffer des Niederländers war der Startschuss zur Galavorstellung der Engländer. Mariner erzielte ebenfalls per Kopf das 1:1 (28’) und beendete die Drangperiode der Franzosen, denen nun langsam die Ideen ausgingen.

„Das war die beste Vorstellung einer Mannschaft auf europäischer Ebene in den letzten zehn Jahren“, frohlockte Robson nach einer grandiosen zweiten Halbzeit, in der seine Elf die Partie souverän kontrollierte. Mühren markierte mit einem satten Distanzschuss aus knapp 30 Metern das 1:2 (47’). St.-Étienne setzte nun alles auf eine Karte und wurde von den Briten eiskalt ausgekontert. Mariner erzielte mit seinem zweiten Tor des Abends das 1:3 (58’), und es kam noch schlimmer: Wark war in der 77. Minute mit dem Kopf zur Stelle und sorgte mit seinem zehnten UEFA-Cup-Treffer für den niederschmetternden Endstand von 1:4. Was für eine Pleite für das große St.-Étienne!

Das Rückspiel war also nur Formsache. Ipswich stand schon mit eineinhalb Beinen im Halbfinale, während die Franzosen nicht mehr an ihre Chance glaubten, den Spieß noch umdrehen zu können, und so entwickelte sich eine enttäuschende Partie. Alle Tore fielen nach der Pause: Butcher (47’), Wark vom Elfmeterpunkt (83’) und Mariner (88’) trafen für Town, Jacques Zimako besorgte den zwischenzeitlichen Ausgleich (81’). 30.000 Zuschauer an der Portman Road feierten ihre Elf, die nach abgelegter Auswärtsschwäche zum klaren Titelfavoriten avanciert war. Dabei hatten Robson vor der Partie noch große Personalprobleme geplagt. Er musste sogar den jungen Reservisten Kevin Staggles ins kalte Wasser werfen, doch der 20-jährige Verteidiger machte seine Sache ordentlich.

1.FC Köln

Die Spielweise des 1.FC Köln lag den Engländern gar nicht. „Das ist der einzige Klub, vor dem wir verschont bleiben wollten“, jammerte Robson nach der Halbfinal-Auslosung. Er wusste warum. Hatte St.-Étienne mit seinem offensiven Anrennen noch Lücken in der Abwehr offeriert, igelte sich der Bundesligist hinten ein, zumal er ohne seine verletzten Nationalspieler Herbert Zimmermann und Rainer Bonhof an die Portman Road gekommen war. Und da war auch ein Toni Schumacher im Tor, der die Großchancen von Brazil, Gates, Wark und Mariner zunichte machte. Nach 34 Minuten war aber auch der deutsche Nationalkeeper machtlos. Mills’ gefühlvolle Flanke köpfte Wark zum 1:0 über die Linie.

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Die Kapitäne Mick Mills und Toni Schumacher beim Wimpeltausch.

Jetzt wollte das Team aus East Anglia noch mehr, vernachlässigte aber bei aller Offensivfreude die Verteidigung. Als René Botteron in der 55. Minute durchbrach, brannte es lichterloh, doch Butcher konnte die Hereingabe des Schweizers in höchster Not noch entschärfen. Ipswich Town übernahm schnell wieder die Kontrolle, ein weiteres Tor wollte allerdings nicht fallen. Und was die Kölner mit einem 0:1 aus dem Hinspiel anstellen konnten, hatte der FC Barcelona in der zweiten Runde erfahren müssen. Denn genau mit diesem Ergebnis hatten die Katalanen in Köln-Müngersdorf gewonnen, um im Rückspiel mit 0:4 unter die Räder zu kommen.

Ipswich reiste als angeschlagener Boxer nach Deutschland. Im Halbfinale des FA Cups hatte die Robson-Truppe überraschend mit 0:1 nach Verlängerung gegen Manchester City verloren, und auch in der Meisterschaft musste Town einige Rückschläge einstecken. Die Truppe war körperlich und moralisch am Boden, als sie im Kölner Crest-Hotel eincheckte. Da half auch ein Ausflug ins Brühler „Phantasia-Land“ nichts.

Frans Thijssen war derweil von der Presse zu Englands Fußballer des Jahres gewählt worden. Erstmals seit dem Deutschen Bert Trautmann war dies einem Ausländer gelungen. Die Spieler erfuhren davon bei ihrer Rückkehr ins Hotel, und diese Nachricht konnte die Laune dann doch wieder ein bisschen steigern. Zusätzliche Motivation gab es von einigen in Deutschland stationierten britischen Soldaten: „Eine Niederlage – und ihr dürft nie wieder nach Hause.“ Diese Drohung sollte ihre Wirkung nicht verfehlen.

Bonhof und Zimmermann waren in den Kölner Kader zurückgekehrt, doch je länger das Spiel im Mittelfeld vor sich hinplätscherte, desto selbstbewusster wurden die Engländer. Brazil und Mariner, der auf Grund einer Achillessehnenverletzung gar nicht hätte spielen sollen, vergaben gute Möglichkeiten, aber auch auf der Gegenseite tauchte Stefan Engels, von Pierre Littbarski in Szene gesetzt, gefährlich vor Coopers Kasten auf. Der Knackpunkt folgte in der 63. Minute: Botteron foulte Thijssen, und nach Mills’ Freistoß stieg Abwehrrecke Butcher am höchsten, um zum 0:1 einzuköpfen.

Drei Tore in weniger als 30 Minuten, ein aussichtsloses Unterfangen für die Elf von Trainer Rinus Michels, die zwar noch mal alles nach vorn warf, aber sowohl dem Engländer Tony Woodcock als auch Torjäger Dieter Müller gelang es nicht, zumindest den Ausgleich zu erzielen. Schlusspfiff. Zum ersten Mal überhaupt stand Ipswich Town in einem Europapokalfinale, und das ausgerechnet gegen die niederländischen Überflieger von AZ ’67 aus Alkmaar, gegen die sie zwei Jahre zuvor ein Freundschaftsspiel 0:2 verloren hatten, um sich wenige Wochen später in der ersten Runde des Cups der Pokalsieger zu revanchieren (0:0, 2:0).

AZ ’67

Bobby Robson, der gerade ein lukratives Angebot aus Sunderland ausgeschlagen hatte, kannte also die Qualitäten von AZ ’67 und war gewarnt, zumal Alkmaar bereits als niederländischer Meister feststand. Nur ein Spiel verlor das Team aus Noord-Holland in der Eredivisie (0:1 gegen Ajax) und im UEFA-Pokal (0:1 in Lokeren). Für das Rückspiel planten die Niederländer eine große Party und beantragten daher die Verlegung vom kleinen Stadion Alkmaarderhout ins Olympisch Stadion von Amsterdam.

Aber zunächst musste die Truppe von Trainer Georg Keßler an die Portman Road. Es wurde schnell klar, dass es die Niederländer auf ein 0:0 abgesehen hatten, um auf heimischem Terrain alles klar zu machen. Und dabei gingen sie nicht gerade zimperlich zu Werke, wie vor allem Mariner und Gates bei knallharten Tacklings leidvoll erfahren mussten. Aber Town ließ sich nicht beeindrucken. Vor allem Mühren und Thijssen erwischten gegen ihre Landsleute einen guten Tag und kurbelten das Spiel der Blauen immer entschiedener nach vorn, während McCall mit bewundernswerter Gelassenheit in der Verteidigung die Fäden zusammenhielt.

Mariner und Gates vergaben erste gute Möglichkeiten und die AZ-Abwehr bröckelte. Nach 28 Minuten deutete der ostdeutsche Unparteiische Adolf Prokop auf den Punkt, Hugo Hovenkamp hatte einen Mariner-Schuss mit der Hand abgewehrt. Wark verwandelte den Strafstoß sicher zur 1:0-Pausenführung. Nach dem Wechsel machte Ipswich weiter Druck, denn die Möglichkeit, mit einem komfortablen Vorsprung in die Niederlande zu fahren, war offensichtlich. Innerhalb von elf Minuten schraubten die Blues an der mit 27.532 Zuschauern restlos ausverkauften Portman Road das Resultat auf 3:0. Gerade mal 46 Sekunden waren gespielt, als Thijssen nach Brazils Zuspiel AZ-Keeper Eddy Treijtel anschoss und den Abpraller per Kopf zum 2:0 verwertete. Das saß. Zehn Minuten später vollstreckte Mariner nach Brazils Vorarbeit zum 3:0. Alkmaar drohte einzubrechen, befreite sich aber schließlich aus der Belagerung, ohne je das Heft in die Hand nehmen zu können. Town kontrollierte die Partie, brachte sie sicher nach Hause und trat zwei Wochen später äußert selbstbewusst die Reise nach Amsterdam an. So sicher waren sich die Briten ihrer Sache, dass sie noch am Abend vor dem Spiel eine Rundfahrt durch die Amsterdamer Grachten unternahmen und sich Robson vom ortskundigen Thijssen bis in die Morgenstunden die Schönheiten der Stadt zeigen ließ.

28.500 Besucher im Olympisch Stadion hofften auf die große Überraschung und wurden schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Ausgerechnet Thijssen, der vor dem Finale kein einziges Mal getroffen hatte, markierte nach drei Minuten das 0:1 und traf bereits zum zweiten Mal gegen seine Landsleute. Jetzt hatte AZ ’67 aber endgültig genug. Ganz so kampflos wollten sie die Trophäe den Engländern nun auch nicht überlassen. Und sie schlugen schnell zurück: Nur vier Minuten später war der Österreicher Kurt Welzl zur Stelle und köpfte nach Johnny Metgods Flanke zum 1:1 ein.

Ipswich blieb gelassen, zu gelassen. Alkmaar übernahm die Kontrolle und Metgod sowie Jan Peters leiteten einen Angriff nach dem nächsten ein. Es war eine fast logische Konsequenz, dass gerade eine Kombination beider Spieler zur 2:1-Führung führte, als Metgod nach 25 Minuten Peters’ Hereingabe in die Maschen köpfte. Nur noch drei, und das Publikum glaubte plötzlich an Alkmaar. Dieser Glaube hielt ganze sieben Minuten. Wieder war es Wark, der mit seinem 14. UEFA-Cup-Treffer – natürlich wurde er in jener Saison Torschützenkönig – die Vorentscheidung herbeiführte. Aber Alkmaar gab sich noch immer nicht geschlagen. Noch vor der Pause ging AZ erneut in Führung, als Pier Tol Cooper zum 3:2 überwand (40’).

Die Niederländer „lebten“ noch und übten nach dem Wechsel unglaublichen Druck aus. Welzls Kopfball aus kürzester Distanz konnte Cooper gerade noch abwehren, doch bei Jos Jonkers Freistoß-Hammer war auch er machtlos – 4:2 (74’). Die Sensation lag in der Luft, zwei Tore fehlten den Keßler-Schützlingen und sie hatten noch über eine Viertelstunde Zeit, aber Ipswichs Abwehr hielt dicht. Der erste Europapokalerfolg der Blues war perfekt. „So eine aggressive Truppe hatten wir nicht erwartet“, wunderte sich Ipswichs Mittelfeldmotor Mühren. „Ich verstehe nur nicht, warum die nicht bei uns so gespielt haben.“ Jene AZ-Spieler, die bei der Meisterfeier am 3. Mai – also drei Tage vor dem Spiel in Ipswich – dabei waren, hätten es ihm erklären können…

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So gerne sich heute die Fußball-Fans aus Suffolk an den UEFA-Cup-Sieg 1981 erinnern, so hatte er dennoch einen bitteren Beigeschmack. Die Doppelbelastung kostete den Jungs von Bobby Robson nämlich so viel Kraft, dass ihnen auf der Zielgeraden zur Meisterschaft die Luft ausging. Von den abschließenden zehn Spielen verloren sie sieben an der Zahl – darunter auch ausgerechnet eines gegen den Erzrivalen Norwich City – und mussten den sicher geglaubten Titel mit vier Zählern Rückstand Aston Villa überlassen. Und doch: Das Jahr des UEFA-Pokal-Triumphs gilt bis heute als das glorreichste Kapitel in der Fußballhistorie East Anglias. Eine Mannschaft ohne viel Schnickschnack. Mit herausragenden Spielern, aber ohne die hinzugekauften Superstars. 23 der 29 eingesetzten Akteure entstammten in jener Saison der eigenen Jugend. Unvorstellbar.


UEFA-POKAL 1980/81

Ipswich Town – Aris Saloniki 5:1, 1:3
Ipswich Town – Bohemians Prag 3:0, 0:2
Ipswich Town – Widzew Łódź 5:0, 0:1
AS St.-Étienne – Ipswich Town 1:4, 1:3
Ipswich Town – 1.FC Köln 1:0, 1:0

Ipswich Town FC – AZ ’67 3:0 (1:0)
Ipswich:
Cooper – Mills, Osman, Butcher, McCall, Thijssen, Wark, Mühren, Mariner, Brazil, Gates. – Trainer: Robson.
AZ ’67: Treijtel – van der Meer, Metgod, Spelbos, Hovenkamp, Peters, Jonker, Arntz, Nygaard (75’ Welzl), Kist, Tol. – Trainer: Keßler.
Tore: 1:0 Wark (28’, Strafstoß), 2:0 Thijssen (46’), 3:0 Mariner (56’). – SR: Prokop (DDR). – Zuschauer: 27.532.
Ipswich, »Portman Road«, 6. Mai 1981

AZ ’67 – Ipswich Town FC 4:2 (3:2)
AZ ’67:
Treijtel – Reijnders, Metgod, Spelbos, Hovenkamp, Peters, Jonker, Arntz, Nygaard, Welzl (79’ van den Dungen), Tol (46’ Kist). – Trainer: Keßler.
Ipswich: Cooper – Mills, McCall, Thijssen, Osman, Butcher, Wark, Mühren, Mariner, Brazil, Gates. – Trainer: Robson.
Tore: 0:1 Thijssen (4’), 1:1 Welzl (7’), 2:1 Metgod (25’), 2:2 Wark (32’), 3:2 Tol (40’), 4:2 Jonker (74’). – SR: Eschweiler (BR Deutschland). – Zuschauer: 28.500.
Amsterdam, »Olympisch Stadion«, 20. Mai 1981

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