Momente: Zaaf und das verhängnisvolle Nickerchen

Es sind nicht immer die Etappensieger, die Träger des Gelben Trikots oder die Könige der Berge, die bei der Tour de France die Fans in Entzückung versetzen. Natürlich begeistern sie die Massen mit ihren „übermenschlichen“ Leistungen, doch auch der Letzte im Gesamtklassement kann die Herzen der Massen erobern. Und dazu reichen dann manchmal Taten aus, die durch und durch menschlich sind.

Im Jahr 1950 lastet eine Backofenhitze über den Landstraßen am Mittelmeer. Auf der 13. Etappe von Perpignan nach Nîmes, es ist der 27. Juli, werden 45 Grad im Schatten gemessen – genau die richtige Temperatur für die algerischen Fahrer, die zum ersten Mal mit einer eigenen Mannschaft an der Tour teilnehmen.

Abdelkader Zaaf will an diesem Tag unbedingt die Etappe gewinnen. Auf den ersten 100 Kilometern herrscht Waffenstillstand, das Feld bummelt. Die Gelegenheit, einen Ausreißversuch zu starten!

Und Zaaf setzt sich ab, zehn Minuten, eine Viertelstunde Vorsprung. Die Hitze macht ihm langsam zu schaffen, seine Kehle ist ausgetrocknet. Er wagt es aber nicht, wie die anderen Fahrer an jedem Brunnen zu halten, schließlich will er als Erster in Nîmes ankommen. Im Vorbeiflitzen nimmt er mit, was sich ihm bietet. Schließlich stoppt Zaaf an einem Getränkebus und leert eine gut gekühlte Flasche Wein in einem Zug. Und weil das so gut tut, schüttet er eine zweite hinterher.

zaaf2Der Algerier steigt wieder auf sein Rad, fährt einige Schlangenlinien und wundert sich über seine schweren Beine. „Ich werde ein Nickerchen machen“, sagt er sich. „Die anderen liegen ja eine Viertelstunde hinter mir.“ Gesagt, getan: Im Schatten einer Platane schläft Zaaf seinen Rausch aus, doch 15 Minuten reichen ihm nicht. Und während das gesamte Feld am schlafenden Algerier vorbei braust, sinkt die Sonne immer tiefer.

Zwei Rennkommissare reißen den Betrunkenen schließlich aus den Träumen. Schwups schwingt er sich wieder auf sein Fahrrad und fährt weiter – in die falsche Richtung. Im Ziel in Nîmes kommt er nie an. Abdelkader Zaaf wird disqualifiziert, die Tour geht auch ohne ihn weiter. Der Schweizer Ferdy Kübler wird sie gewinnen.

Doch das Abenteuer hat ihn berühmt gemacht. Und als er bei der Tour 1951 als Letzter im Pariser Prinzenpark eintrifft, wird er genauso stürmisch begrüßt wie der Sieger.

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