Vergessene Klubs: SV Waldhof Mannheim

Nichts, aber rein gar nichts, deutet darauf hin, dass hier vor ziemlich genau 100 Jahren der SV Waldhof gegründet worden ist. Aus einem Dachfenster stöhnt Bob Dylan „Like a Rolling Stone“, auf dem Gehweg liegt achtlos weggeworfener Müll. Die Straßenschilder widersprechen sich. „Huben-Strasse“ steht auf dem einen, direkt gegenüber heißt es ohne Bindestrich und mit scharfem S „Hubenstraße“. Vor der Hausnummer 20 steht ein Wagen, in dem ein Schalke-Wimpel prangt, in unmittelbarer Nähe wartet ein Hundehaufen auf die Fliegen. Die Rollläden im Erdgeschoss sind heruntergelassen, weit und breit keine herumspielenden Kinder. Das war im April 1907 noch ganz anders. Auf den Straßen wurde gebolzt, was das Zeug hielt. Und Autos standen schon mal gar keine im Weg. Genau hier, in der Hubenstraße 20, liegt die Wiege des SV Waldhof.

Die Gründerjahre

Um 1800 tauchte die Bezeichnung „Waldhof“ in der Gemarkung Käfertal das erste Mal auf, verschwand aber auf Grund des unfruchtbaren Bodens umgehend. Erst die französische Glasmanufaktur „Saint-Gobain“, die sich dank des in rauen Mengen vorhandenen Quarzsandes 1853 hier niederließ, machte das einstige Hofgut vor den nördlichen Toren Mannheims bewohnbar. Straßen, die französische Namen erhielten, wurden gebaut, nach und nach siedelten sich weitere Fabriken an. Darunter befanden sich unter anderem die Arzneimittelfirma Boehringer (heute Roche), die Zellstoff- (SCA Hygiene Products) und die „Benz & Cie. Rheinische Gasmotorenfabrik“ (DaimlerChrysler) sowie die Draiswerke. Die Arbeiterwohnsiedlungen, die in der Folge aus dem Boden gestampft wurden, erfüllten den Waldhof mit Leben.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem das beliebte Fußball-Spiel aus England salonfähig geworden war, riefen viele begeisterte Kicker neue Vereine ins Leben. Auf dem Waldhof hießen diese „Fußball Gesellschaften“ Kickers, Viktoria oder Ramelia. Adolf Wolf, Inhaber des Lokals „Zum Tannenbaum“ in der Hubenstraße, unterstütze die Ramelia, wo er nur konnte. Sein Vater, der dank seiner langjährigen Tätigkeit in der Spiegelfabrik viel Einfluss in der Chefetage besaß, vermittelte den Jungs ein Gelände auf dem Fabrik­areal, das bald zum Fußballplatz hergerichtet und auf Grund der bescheidenen Bodenverhältnisse aus Schlamm und Quarzsand „Schlammloch“ getauft wurde. Doch die jungen Männer waren nicht zimperlich und störten sich nicht an der Beschaffenheit ihrer neuen Heimat, die jetzt immerhin nur noch einen Katzensprung entfernt war. Zuvor hatten sie ständig mehrere Kilometer zum Käfertaler Exerziergelände zurücklegen und dabei das gesamte Spielmaterial schultern müssen. Die anfangs verpönten Balltreter weckten bei den Anwohnern mehr und mehr Interesse an ihrem Hobby, wer bei Wettspielen zusehen wollte, musste 10 Pfennig Eintritt zahlen.

In der Spielzeit 1906/07 sprachen einige Mitglieder des MFC 02 Phönix auf dem Waldhof vor. Sie hatten ihren Sportplatz räumen müssen und waren auf der Suche nach einem neuen. Über einen Zusammenschluss mit der Ramelia erreichten sie zwar ihr Ziel, allerdings war diese Zweckgemeinschaft nur von kurzer Dauer. Der Phönix löste sich bald wieder aus dieser Fusion, doch einige seiner Mitglieder blieben auf dem Waldhof. Am Donnerstag, den 11. April 1907, gehörten sie zu den 42 Fußballbegeisterten, darunter Vertreter der Viktoria und der Ramelia, die im Lokal „Zum Tannenbaum“ den SV Waldhof aus der Taufe hoben. Unter den Gründungsmitgliedern befanden sich unter anderem der Bankkassierer Emil Menton, der zum Vorsitzenden gewählt wurde, Fritz Streckfuß, der erste Kapitän des neuen Klubs, sowie der Lokal-Besitzer Adolf Wolf. Die Wahl der Vereinsfarben fiel auf Blau-Schwarz-Blau, eine Anlage war mit dem Sportplatz der Ramelia hinter der Wachtstraße bereits vorhanden.

Am 12. März 1908 informierte die „Süddeutsche Sportzeitung“ über die Aufnahme des „Sp.V. Mannheim-Waldhof“ in den Verband Süddeutscher Fußball-Vereine. Knapp einen Monat später berichtete dasselbe Organ über die erste Generalversammlung, die am 29. März 1908 ebenfalls im „Tannenbaum“ abgehalten und auf der Emil Menton als Vorsitzender des Klubs bestätigt worden war. In dem Artikel heißt es unter anderem: „Sämtliche Schriftstücke und Wettspiel-Aufforderungen sind an Herrn Karl Lösch, Mannheim-Waldhof, Wachtstraße 8, zu richten.“

Das erste Pflichtspiel bestritten die Waldhöfer am Sonntag, den 17. Mai 1908, um 15:30 Uhr zu Hause gegen den Darmstädter SC 1905, einem Vorgängerklub des SV Darmstadt 98. Die Partie endete mit einer 1:4-Niederlage, die „Süddeutsche Sportzeitung“ berichtete in ihrer Dienstagsausgabe:

» […] Auch Mannheim zeigt sich vorzüglich in Form und so entwickelt sich, trotz der infernalischen Hitze, ein aufregendes, abwechslungsreiches Spiel. Jedoch die Gäste zeigten sich den Einheimischen überlegen und konnten drei schöne Tore erzielen. Nach Seitenwechsel erlahmen beide Vereine, da die Hitze geradezu unerträglich geworden war. […] In 25. Minute kann Sportclub ein 4. Tor einsenden. Bald darauf verwirkt er jedoch einen Eckball, der von Mannh. unmittelbar auf das Tor getreten und von dem Halbrechten durch Kopfstoß ins Netz befördert wird, welches Resultat unverändert bleibt.«

Sportberichterstattung anno 1908. Den Namen des Halbrechten ließ der Reporter aus, schrieb aber nicht ohne Weitsicht weiter:

»Der neue Sportplatz ist vorzüglich gelegen, hat genügende Länge und Breite, ist jedoch leider etwas sandig. Die Mannschaft des neuen Vereins ist überaus flink und stark und dürfte den übrigen Mannheimer Vereinen manche harte Nuß zu knacken geben. Daß verschiedene Spieler allzu scharf auf den Mann gingen, ist zu entschuldigen, da dies das 1. Wettspiel des Sportvereins war.«

Am 4. Oktober desselben Jahres absolvierten die Waldhöfer ihr erstes Verbandsspiel in der Kreisklasse C Neckargau, Abteilung I. Alle Namen aus der Formation, die mit einem 8:1-Erfolg bei der FG Ladenburg 03 zurückkehrte, finden sich auch unter den 42 Gründungsmitgliedern wieder: Streckfuß – Dierolf, Hof – Scheuermann, Strauch, Gentner – Meier, Weingärtner, Schwärzel, Hahner, Rottmann. Das „Schlammloch“ hatte derweil bald ausgedient. Nach dem Aufstieg in die B-Klasse zog der SVW auf den neuen „Sportplatz Mannheim-Waldhof“ hinter der Waldhof-Schule um. Die Ankündigung zum Eröffnungsspiel am 21. Mai 1911 warb mit den Worten: „Eigener eingezäunter Platz“ und „Direkt am Bahnhof“. Gegner in diesem Freundschaftsspiel war der Frankfurter FC Germania, der mit 5:4 gewann. Dies war die offizielle Eröffnung der neuen Anlage, da bei der eigentlichen am 12. März (5:2 im Aufstiegsspiel gegen Borussia Neunkirchen) „einige der geladenen Persönlichkeiten nicht zugegen sein konnten“. Der Sportplatz, bei dessen Bau aktive Spieler Hand angelegt hatten, wurde im Volksmund „Sandacker“ genannt, war aber gleichwohl sehr beliebt. Auszug aus dem „General-Anzeiger“:

» […] Der Platz, ein gut angelegtes, schön ebenes Feld, ist mit einer wohlgeordneten Tribüne ausgestattet, wie sie kein Verein Mannheims besitzt. Dem Boden fehlt zwar noch die Grasnarbe, aber in jeder Hinsicht müssen die Platzverhältnisse als vorzüglich bezeichnet werden.«

B-Klasse-Meister 1911.

1911 und 1912 wurden die Waldhöfer jeweils Meister in der B-Klasse, scheiterten aber in der Relegation an den anderen Staffelsiegern. In der Spielzeit 1912/13 durften sie nach einer Reform der Klasseneinteilung aber dennoch in der A-Klasse ran. Diese war die zweithöchste Liga, darüber war lediglich die Liga-Klasse Westkreis angesiedelt, in der die Stadtrivalen vom MFC 02 Phönix und des im November 1911 aus einer Fusion hervorgegangenen VfR Mannheim angesiedelt waren. Der SV Waldhof beendete die Saison auf Rang drei, stürmte ein Jahr später ungeschlagen zur Meisterschaft und qualifizierte sich somit für die als Vierer-Aufstiegsrunde ausgetragene Westkreismeisterschaft. Am letzten Spieltag empfingen die Waldhöfer Alemannia Worms und waren zum Siegen verdammt … 3.000 Zuschauer sahen einen 6:0-Erfolg – der Durchmarsch in die höchste Spielklasse war perfekt! Zudem sicherte sich der SVW am 28. Juni 1914 mit einem 1:0 über Germania Bockenheim die Süddeutsche Meisterschaft der A-Klassen.

Doch während die Waldhöfer diesen Erfolg feierten, wurden am selben Tag im entfernten Sarajewo der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau ermordet. Das Attentat war nicht nur das Ende der Donaumonarchie, sondern zog den Ersten Weltkrieg nach sich. Die Waldhöfer tauschten das Trikot mit der Uniform, manche kehrten nie mehr von den Schlachtfeldern zurück.

Der „Sandacker“ hinter der Waldhof-Schule: Heimat des SV Waldhof von 1911 bis 1924.

Der Drei-H-Sturm

In der Spiegelsiedlung wuchs am Anfang des 20. Jahrhunderts ein o-beiniger junger Mann heran, den sie alle nur „Seppl“ riefen. Josef Herberger war als Sohn eines Arbeiters am 28. März 1897 in der Rue de France zur Welt gekommen, wo er bereits vor der Gründung des SV Waldhof gegen die Lumpenbälle trat. Schon als 17-Jähriger debütierte er 1914 im blau-schwarzen Trikot, doch der Erste Weltkrieg machte ihm und vielen anderen Altersgenossen einen Strich durch die Rechnung.

Herberger gehörte zu denen, die in die Heimat zurückkehrten. Und als 1919 der „normale Spielbetrieb“ wieder aufgenommen wurde, war „Seppl“ mit dem SVW in der Kreisliga Odenwald am Ball. Im zeitgenössischen 2-3-5-System bildete Herberger gemeinsam mit den Sportkameraden Karl Willmann, Simon Skudlarek, Karl Höger und Willi Hutter ein gefürchtetes Sturmquintett. Vor allem im Verbund mit Höger und Hutter versetzte Herberger die gegnerischen Abwehrreihen in Angst und Schrecken, bald war vom „Drei-H-Sturm“ die Rede. Mit 33-3 Punkten stürmten die Waldhöfer zur Meisterschaft, doch weil das bessere Torverhältnis gegenüber dem punktgleichen VfR Mannheim nicht zählte, musste ein Entscheidungsspiel herhalten. Hier ging es nicht nur um den Titel, sondern auch um die Vorherrschaft in der Stadt.

Allerdings unterrichtete die lokale Presse die Mannheimer erst einen Tag vor diesem Duell über den neutralen Austragungsort Karlsruhe, so dass nur knapp 1.000 Zuschauer eine denkwürdige Partie sahen. 0:0 hieß es nach 90, 1:1 nach 120 Minuten. Der Schiedsrichter pfiff zur zweiten Verlängerung an, in die der VfR dezimiert ging, weil sich ein Spieler verletzt hatte. Auswechslungen waren damals noch nicht vorgesehen, doch nachdem bis zur 157. Minute drei weitere Rasenspieler angeschlagen das Feld verlassen mussten, hatte der Unparteiische ein Einsehen und pfiff ab.

Der SVW in der Saison 1919/20, von links: Betreuer Hölzer, Höger, H. Bausch, Herberger, Hutter, Engelhardt, Walter, P. Bausch, Schwärzel, Lidy, Heitz, Skudlarek, Betreuer Gentner.

Das Wiederholungsspiel wurde vor 12.000 Zuschauern auf der restlos überfüllten „Fohlenweide“ ausgetragen, Herberger (3) und Hutter schossen einen 4:1-Erfolg für den SVW heraus. Die Blau-Schwarzen hatten sich somit für die Süddeutsche Meisterschaft qualifiziert und traten in der Nordgruppe gegen den 1.FC Nürnberg, den FV Frankfurt und Kickers Offenbach an. Am 11. April 1920 – also am Tag des 13-jährigen Bestehens – gastierte der mit Ausnahmekönnern gespickte 1.FC Nürnberg auf dem ausgebauten „Sandacker“. 13.000 Menschen sahen einen 2:1-Erfolg der Waldhöfer. Nach dem Spiel ließen sich beide Mannschaften zu einem freundschaftlichen Gruppenfoto ablichten. Doch der Schein trog. Weil nämlich die Nürnberger Heinrich Stuhlfauth und Hans Kalb am selben Tag in Hamburg für die Süddeutsche Auswahl spielten, legten die Franken Protest ein – erfolgreich.

Spiel um die Süddeutsche Meisterschaft gegen den 1.FC Nürnberg (2:1) am 11. April 1920.

Das Wiederholungsspiel verloren die Waldhöfer nach 3:1-Führung noch mit 3:4. Es war ein schlechter Start in eine neue Ära, denn erstmals firmierte der Klub nach einer Fusion mit dem TV 1877 Waldhof als „Sport- und Turnverein 1877 Manheim-Waldhof“. Eine Zweck-Ehe, die von Streitigkeiten geprägt war, wie unzählige Vorstandswechsel belegen. Ende Oktober 1925 wurde der Zusammenschluss wieder aufgelöst. Der „SpuTv Waldhof“, wie sich die Blau-Schwarzen in dieser Zeit abkürzten, belegte am Ende der Aufstiegsrunde Platz zwei, die Nürnberger holten knapp zwei Monate später ihre erste Deutsche Meisterschaft. Der „Club“ sollte bei Leibe nicht zum letzten Mal der Stolperstein der Blau-Schwarzen gewesen sein…

In der Saison 1920/21 schoss der „Drei-H-Sturm“ die Waldhöfer erneut zur Odenwald-Meisterschaft, wieder war der 1.FC Nürnberg Gegner in der Nordgruppe zur „Süddeutschen“. Und diesmal wollten die Blau-Schwarzen nichts dem Zufall überlassen. Um optimal vorbereitet in diese Spiele zu gehen, verpflichteten sie den Engländer William „Billy“ Townley als Cheftrainer. Der 55-Jährige hatte sich auf der Insel als Spieler der Blackburn Rovers seine Meriten verdient. Im FA-Cup-Finale 1890 gegen „The Wednesday“ (6:1) glückte Townley der erste Hattrick der FA-Cup-Historie, bei der Titelverteidigung 1891 (3:1 gegen Notts County) traf er ein weiteres Mal. Nach seiner aktiven Zeit verdingte sich Townley als Trainer auf dem Festland, coachte unter anderem die SpVgg Fürth, die er 1914 zur Deutschen Meisterschaft führte, und den FC Bayern München. 15.000 Zuschauer säumten am 3. April 1921 die Ränge des „Sandackers“ sowie die umstehenden Bäume und die Dächer der angrenzenden Häuser. Hutter glich die Führung des „Clubs“ zwei Mal aus, doch das 2:2 sollte nicht reichen. Drei Wochen später musste der SpuTv in Nürnberg unbedingt gewinnen, um ein Entscheidungsspiel zu erzwingen. Die Partie endete 0:2, Waldhof war wieder nur Zweiter, Nürnberg verteidigte als erster deutscher Klub seinen Titel.

Es war dennoch ein gutes Jahr für die Waldhöfer, die in Karl Höger ihren ersten Nationalspieler hervorgebracht hatten. Am 5. Juni 1921 gehörte er zu jener deutschen Auswahl, die in Budapest Ungarn mit 0:3 unterlag. Es kam aber noch besser für den Verein. Am 18. September trug beim 3:3 gegen Finnland der komplette „Drei-H-Sturm“ den schwarzen Adler auf der weißen Brust. Vor 8.000 Zuschauern traf Herberger zwei Mal (5′, 66′) ins Schwarze.

Der „Drei-H-Sturm“ in der Nationalmannschaft: Vierter von links Willi Hutter, rechts daneben Karl Höger, dann Seppl Herberger.

Der Jubel auf dem Waldhof verhallte allerdings sehr schnell. Ein Artikel des „General-Anzeiger“, der hinter Herbergers Namen in Klammern die Vereinsangabe „MFC 02 Phönix“ führte, hatte für erste Verwirrung gesorgt. Wie sich später herausstellte, hatte der Phönix Herberger – und Höger – jeweils 10.000 Reichsmark gezahlt, um sie vom Waldhof wegzulotsen. Mannheim hatte seine erste „Berufspieler-Affäre“.

Die beteiligten Akteure wurden gesperrt, weil sie gegen den „Amateurparagrafen“ verstoßen hatten, der SpuTv Waldhof selbst musste ebenfalls 1.000 Reichsmark berappen. Höger setzte sich schließlich zum FV Bonn ab, Herberger legte Widerspruch ein und wurde im März 1922 – nachdem er die 10.000 Reichsmark an Phönix zurückgezahlt hatte – freigesprochen. Allerdings schloss er sich nun dem VfR Mannheim an, was ihm in seiner proletarischen Heimat im Norden der Stadt ziemlich übel genommen wurde. Für den Waldhof kam es derweil noch schlimmer, denn Mitte November hatte sich auch Hutter in Richtung Saarbrücken verabschiedet – der „Drei-H-Sturm“ war binnen kürzester Zeit komplett auseinandergefallen! Nicht nur in der Nationalmannschaft – der Auftritt in Finnland sollte auch der einzige bleiben –, sondern auch auf dem Waldhof.

So verwundert es auch nicht, dass die Blau-Schwarzen 1922 in der Kreisliga Odenwald nur Platz zwei hinter dem MFC 08 Lindenhof belegten.
Es dauerte eine Weile, bis sich die Waldhöfer vom Verlust ihrer Aushängeschilder erholt hatten. Die Lücke wurde zumeist mit Spielern aus der zweiten Reihe geschlossen. In der Saison 1922/23 mussten Entscheidungsspiele über den Titelgewinn im Odenwald-Kreis entscheiden, und ausgerechnet der MFC 02 Phönix war der Gegner. Nach einem 0:0 im ersten Aufeinandertreffen, das in der dritten Minute der zweiten Verlängerung abgebrochen wurde, unterlagen die Blau-Schwarzen im zweiten Duell mit 0:1.

Nach einer Umstrukturierung der Ligen in fünf Bezirke für den süddeutschen Raum gingen die Waldhöfer 1923/24 im Rhein-Bezirk an den Start und stürmten mit nur einer Niederlage zum Titel. Und auch in der Sechser-Gruppe um die „Süddeutsche“ – unter anderem mit den ewigen Favoriten aus Nürnberg und Fürth – mischten sie dank der zahlreichen Tore ihrer Stürmer Heinrich Schwärzel und Albert Brückl kräftig mit. Die erstmalige Teilnahme an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft war zum Greifen nah. Mit einem Sieg in Nürnberg hätte der SpuTv am letzten Spieltag den Titel holen können. Doch wieder einmal kam es anders.

Bevor die Partie angepfiffen wurde, ereilte die Waldhöfer die Meldung, dass ihnen fünf Punkte abgezogen und sie für vier Monate disqualifiziert würden. Der Grund: Abwehrrecke Georg Lidy war beim 1:0-Sieg beim FSV Frankfurt wegen „mehrfachen Handspiels“ vom Platz geflogen, kam aber – da keine offizielle Sperre verhängt worden war – beim anschließenden 3:2 gegen die Stuttgarter Kickers wieder zum Einsatz. Zwar wurden dem SpuTv im Endeffekt „nur“ die Zähler aus dem Kickers-Spiel abgezogen, die Partie in Nürnberg – die zu allem Überfluss auch noch 0:3 verloren ging – war aber damit bedeutungslos geworden. Der Rest verlief wie gehabt: Der „Club“ feierte vier Wochen später nach einem 2:0 gegen den HSV die Deutsche Meisterschaft.

Der „Sandacker“ genügte derweil den Ansprüchen nicht mehr. Auf der Suche nach einem neuen Gelände wurde der Klub „auf dem Schlackenplatz bei den Schießständen“ – heute Alsenweg – fündig. Die Premiere ging am 14. Dezember 1924 mit einem 0:1 gegen Phönix Ludwigshafen in die Hose. Der SV Waldhof, der ab November 1925 nach Lösung der Fusion auch wieder so hieß, spielte im Rheinbezirk nicht mehr die erste Geige. Der VfL Neckarau und vor allem der VfR – mit Herberger – gaben nun den Ton an.

Die Otto-Siffling-Ära

Nach der Lösung der Fusion mit dem TV 1877 Waldhof hatte Dr. Hermann Sturm im November 1925 das Präsidentenamt beim SVW übernommen. Knapp 16 Jahre – so lange wie nur Wilhelm Grüber jr. nach ihm – sollte er dem Verein vorstehen und für lang ersehnte Kontinuität an der Spitze sorgen. Den Ton gaben in der Quadratestadt, die 1927 das „Mannheimer Stadion“ in Neuostheim einweihte, allerdings der VfL Neckarau und der VfR Mannheim an.

1927/28 erreichte der SVW nach dreijähriger Durststrecke wieder als Erster das Ziel. An den letzten beiden Spieltagen der „Bezirksliga Rhein“ kam es zu den direkten Duellen mit den schärfsten Verfolgern. Am 25. 12. (!) 1927 besiegten die Waldhöfer zu Hause durch Tore von Willi Walz, Simon Skudlarek (2) und Goalgetter Albert Brückl den VfL Neckarau mit 4:1, am Neujahrstag genügte ein 0:0 beim VfR, um sich den Titel zu sichern. In der Endrunde zur Süddeutschen Meisterschaft wichen die Blau-Schwarzen für das erste Heimspiel gegen die mit acht Nationalspielern gespickte SpVgg Fürth ins „Mannheimer Stadion“ aus und mobilisierten 30.000 Zuschauer. Die sahen allerdings eine 0:2-Niederlage, die frühzeitig jegliche Hoffnung auf die erstmalige Qualifikation zur Endrunde beendete. Zum Schluss belegte der SVW sogar nur einen enttäuschenden siebten und vorletzten Platz.

Meister im Rheinbezirk 1927/28, hinten von links: H. Brezing, K. Brezing, Haut, Schäfer, Rihm, Bausch, Engelhardt, Haber, Schwarz. Vorne von links: Pennig, Kohl, Decker, Brückl, Walz, Skudlarek.

Am 10. Februar 1929 war das „Mannheimer Stadion“ Schauplatz des ersten – und für viele Jahre letzten – Fußball-Länderspiels, das in der Quadratestadt ausgetragen werden sollte. Bedauerlicherweise stand im Kader des Mannheimer DFB-Trainers Professor Otto Nerz kein Mannheimer, über den 7:1-Erfolg freute sich das Publikum dennoch. Der SV Waldhof hatte derweil die Meisterschaft dem VfL Neckarau überlassen müssen, durfte sich aber gemeinsam mit dem VfR über die Hintertür „Trostrunde Gruppe Nordwest“ noch Chancen auf eine Teilnahme an der Endrunde machen. Es kam, wie so oft in der SVW-Historie: Am letzten Spieltag hätte ein Unentschieden beim FSV Frankfurt zu Platz eins gereicht. Die Partie endete 0:3.

Der Mann für die entscheidenden Tore hieß in jenen Tagen Albert Brückl. Er war 1921 zu den Blau-Schwarzen gestoßen, in jener Spielzeit also, während der der „Drei-H-Sturm“ den Verein nach und nach verlassen hatte. Mit Brückls Treffern stürmte der SVW 1930 unter der Leitung seines neuen, aus Nürnberg gekommenen Trainers Hans Tauchert erneut zum Titel, den er sich durch einen Sieg am letzten Spieltag beim Tabellenführer VfL Neckarau sicherte. Brückl erzielte kurz vor dem Schlusspfiff das entscheidende 3:1. In der „Süddeutschen“ ging den Waldhöfern wie gewohnt die Luft aus. Doch ein junger Mann, der diesem fortwährenden Malheur ein Ende bereiten sollte, stand bereits in den Startlöchern: Otto Siffling, am 3. August 1912 in der Hubenstraße 18 (direkt neben dem SVW-Gründungslokal „Zum Tannenbaum“) geboren, wuchs in der benachbarten Kornstraße 3 auf dem Waldhof zu einem herausragenden Fußballer heran.

Der Mannheimer Autor Karl-Heinz Schwarz-Pich schreibt in seinem 1999 erschienenen Buch über Otto Siffling:

» […] Eingeengt zwischen den Häuserfronten wie in anderen Arbeitervororten musste man auf dem Waldhof nicht spielen. Aber Otto Siffling, auf dem Alten Waldhof zu Hause, spielte nicht nur auf dem Hubenplatz Fußball, sondern auch im Spiegel-Wäldchen. Er besuchte oft die Großmutter in der Spiegelsiedlung, und insofern war er auch hier zu Hause. Im Spiegel-Wäldchen waren ganz andere Fähigkeiten gefordert. Der Ball musste eng am Fuß geführt und nicht nur der Gegenspieler, sondern zugleich auch die Bäume umspielt werden. […] Wer die Veranlagung mitbrachte, entwickelte hier eine elegante Beweglichkeit in der Hüfte und hohe Ballfertigkeit.«

Zusammen mit Brückl hätte Siffling ein brandgefährliches Duo bilden können. Es kam anders…

Zwar debütierte der 18-jährige Siffling am 21. September 1930 mit dem 2:1-Sieg beim VfR Mannheim im blau-schwarzen Dress und sollte einige Partien an der Seite Brückls bestreiten. Doch nur wenige Monate später, am 3. Mai 1931, erlag Brückl – der 163 Punktspieltreffer für den SVW erzielte – im Alter von nur 27 Jahren einem Schlaganfall. Zu diesem Zeitpunkt konnte noch niemand ahnen, dass Siffling ein ähnlich tragisches Schicksal ereilen würde.

Brückls Tod war ein Schock für den Klub, der zwar nach dem Gewinn der „Bezirksliga Rhein“ (1:0 im Entscheidungsspiel gegen Phönix Ludwigshafen, Torschütze: Willi Pennig) wieder um die „Süddeutsche“ spielen durfte, aber am Ende nur abgeschlagener Vierter wurde.

Trainer Hans Tauchert war ein Tausendsassa. Er war nicht nur für die „Erste“ und die Reservemannschaft verantwortlich, sondern betreute nebenbei auch die Jugendteams sowie die erfolgreichen – und beliebten – Feldhandballer. Sein Hauptaugenmerk galt aber den Fußballern, denen er nach Brückls Tod wieder die Freude am Spiel einimpfen musste. 1932 errang seine Truppe erneut souverän die Meisterschaft, blamierte sich aber in der Nordwest-Gruppe um die „Süddeutsche“, als sie punktgleich mit Schlusslicht Mainz 05 auf dem vorletzten Platz landete.

Derweil braute sich über Deutschland eine dunkle Gewitterfront zusammen. Zum einen erreichte die Arbeitslosenzahl die Sechs-Millionen-Grenze und es mussten 17.000 Firmen Konkurs anmelden. Zum anderen, wohl auch durch diesen Umstand gefördert, wurde die NSDAP – in Mannheim noch in der Minderheit – immer populärer. Für Vereine wie den SV Waldhof hatte die hohe Arbeitslosigkeit – so absurd es klingen mag – etwas Positives, denn die Spieler verfügten über ausreichend Zeit, die sie zum Trainieren nutzten. Zum vierten Mal in Serie holten sich die Blau-Schwarzen den Titel in der „Bezirksliga Rhein“ und mischten auch in der Gruppe 1 der „Süddeutschen“ lange mit, erst ein 0:1 gegen den 1.FC Nürnberg am drittletzten Spieltag zerstörte den Traum von der erstmaligen Qualifikation für die DM-Endrunde.

Während sich am 11. Juni 1933 Fortuna Düsseldorf und Schalke (3:0) um den Titel stritten, gewannen die Feldhandballer des SVW unter Taucherts Leitung in Magdeburg die Deutsche Meisterschaft. Nach einem 7:5 über den Polizei SV Burg wurde das Team um die späteren Olympiasieger (1936) Fritz Spengler und Wilhelm Müller von einer begeisterten Menschenmenge am Mannheimer Hauptbahnhof empfangen. In der Zwischenzeit hatte sich „Holz“, wie Siffling auf Grund seiner Figur von den Waldhöfern genannt wurde, in Nerz’ Notizbuch gespielt. Die Saison 1933/34 – die bislang erfolgreichste in der Klubhistorie – sollte ihn schließlich zum Nationalspieler befördern.

Nach der Machtübernahme durch die Nazis im März 1933 erfolgte eine erneute Umstrukturierung der Fußball-Klassen. Das bisherige System wurde aufgelöst und stattdessen 16 Gaue eingeführt. Der SVW musste sich nun in der Gauliga Baden neben den Stadtrivalen VfL und VfR auch mit den großen Teams aus Karlsruhe und Freiburg messen. Nach zwei Auftaktniederlagen gegen die Karlsruher Teams Phönix und KFV fingen sich die Blau-Schwarzen wieder. Am letzten Spieltag musste gegen den Spitzenreiter Freiburger FC ein Sieg her, und mit einem 3:1 sicherte sich der SV Waldhof gleich den ersten Gauliga-Titel. Nun ging es in vier Vierer-Gruppen weiter, für die sich die jeweiligen Gauliga-Meister qualifizierten. Ungeschlagen marschierte der SVW durch die Gruppe III mit Union Böckingen, SV Mülheim und Kickers Offenbach und stand somit im Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft! Zwischen der Partie gegen Böckingen (6:0) und dem Halbfinale gegen den FC Schalke 04 wurde mal eben schnell die 2. Fußball-WM – mit Seppl Herberger als Co-Trainer – ausgetragen. Otto Siffling, der „instinktsichere Torjäger“ (O-Ton Herberger), absolvierte im Auftaktmatch gegen Belgien sein erstes Länderspiel überhaupt, markierte beim 5:2-Sieg den 2:2-Ausgleich und kehrte zwei Wochen später mit der Bronzemedaille zurück. Der Legende nach soll sich „Holz“ mit den Worten „Ei nemme se mich halt amol, Herr Herberger“ in die Startformation gequengelt haben…

In der Heimat stand am 17. Juni 1934 das Halbfinale gegen Schalke im Düsseldorfer Rheinstadion an. Unter den 45.000 Zuschauern waren rund 2000 Mannheimer, die in Sonderzügen rheinabwärts gekarrt wurden. Siffling und der vor der Saison vom VfR Mannheim gekommene Karl Engelhardt glichen die 2:0-Führung der „Knappen“ aus, doch in den letzten zehn Minuten zogen Ernst Kuzorra, Fritz Szepan und Co. ihren gefürchteten „Kreisel“ auf, schenkten dem SVW noch drei Tore zum 5:2 ein und wurden eine Woche später erstmals Deutscher Meister.

Der SV Waldhof Ende der 30er, hinten von links: Heermann, Herbold, Kilian, Siegel, Pennig, Schneider. Vorne von links: Mayer, Siffling, Günderoth, Bielmeier, Molenda.

Eben noch unter den besten vier Teams des Deutschen Reichs, rutschte die Elf von Trainer Tauchert nur ein Jahr später auf Platz drei in der Stadthierarchie zurück. Der SVW belegte in der Gauliga – hinter Meister VfR und dem VfL Neckarau (3.) – lediglich Rang vier. In der Saison 1935/36 sahen sich die Waldhöfer durch die Einführung des Von-Tschammer-Pokals – dem Vorläufer des DFB-Pokals – einer Doppelbelastung ausgesetzt. In diesem neuen Wettbewerb stießen sie bis ins Halbfinale vor, wo sie jedoch beim späteren Deutschen Meister 1.FC Nürnberg mit einem anginageschwächten Siffling 0:1 (0:0) unterlagen. In der Gauliga stürmte der SVW anschließend zum Titel, musste aber in der Zwischenrunde zur „Deutschen“ Fortuna Düsseldorf den Vortritt lassen, das erst im Finale dem „Club“ unterlag. Für einen Waldhöfer war die Saison allerdings noch nicht zu Ende: Otto Siffling durfte zu den Olympischen Spielen nach Berlin, wo die deutsche Elf jedoch schon in der Zwischenrunde die Segel strich.

Otto Siffling netzt beim 8:0 gegen Dänemark zum 6:0 ein – es ist sein fünfter Treffer in diesem Spiel.

Am 16. Mai 1937, Pfingstsonntag, stand Siffling in jener Elf, die im Breslauer Hermann-Göring-Stadion Dänemark mit 8:0 überrollte und den Mythos der „Breslau-Elf“ begründete. Der Waldhöfer erzielte die Treffer zwei bis sechs – fünf Tore hintereinander! Der Sportjournalist Ernst Werner dichtete anschließend: „Achtmal wird in vollkommenster Teppichwebekunst des Fußballs das Tor erobert.“ Mit dem SVW scheiterte Siffling nach dem neuerlichen Gewinn der Gauliga zum wiederholten Mal am 1.FC Nürnberg.
In den folgenden Monaten geisterte ein beunruhigendes Gerücht durch Mannheim. „Der Ottl hot’s mit de Lung’ “, hieß es. Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage sollte sich bald auf tragische Weise bestätigen.

Die Waldhof-Buben

Von Dezember 1938 bis Februar 1939 fehlte Otto Siffling in der Waldhöfer Aufstellung. Die Gründe hierfür blieben zunächst im Verborgenen. Für die Nationalmannschaft, die mittlerweile mit Seppl Herberger ein anderer Waldhöfer übernommen hatte, wurde „Holz“ ebenfalls nicht mehr berufen. Beim 1:1 am 24. April 1938 in Frankfurt gegen Portugal – Siffling markierte eine Viertelstunde vor Schluss den Ausgleichstreffer – hatte er seinen letzten Auftritt im Adler-Trikot.

Nach einem 0:4 im Derby beim VfR Mannheim (März 1939) wurde Siffling für seine kraftlose Spielweise kritisiert. Allzuoft gönnte sich der Torjäger, die Hände in die Hüften gestützt, nun Auszeiten auf dem Platz. Die Atemprobleme, hervorgerufen durch Schmerzen im Brustkorbbereich, wurden immer schlimmer. Zum Arzt ging Siffling nicht, obwohl er – wie ein Zeitzeuge später beschrieb – „mit eingefallenen Wangen, abgemagert, hustend und zitternd, gelb-grünlich im Gesicht“ durch die Gegend lief. „Rippenfellentzündung“, lautete die Diagnose. „Des is ä saudumme G’schicht. Hoffentlich hält’s der ,Holz‘ aus“, sagte Hans Jakob, Torwart des FC Bayern sowie der legendären „Breslau-Elf“, als er während einer Länderspielreise in Sofia vom Schicksal seines ehemaligen Teamkollegen erfuhr. Auf der Heimfahrt, der Zug hatte in Belgrad Halt gemacht, kaufte Reichstrainer Herberger die Zeitung und las seinen konsternierten Spielern vor: „Der Nationalspieler Siffling gestorben.“ Siffling, der in 31 Länderspielen 17 Tore erzielt hatte, wurde nur 27 Jahre alt.

Es war der 20. Oktober 1939, und am Ende ging alles ganz schnell. Die Ärzte im Mannheimer Diakonissen-Krankenhaus konnten nichts mehr für den „Holz“ tun, zu lange hatte er seine Krankheit unbehandelt mit sich herumgeschleppt. Drei Tage später säumten 2.000 Menschen den Friedhof Käfertal, um Otto Siffling die letzte Ehre zu erweisen. Die Spieler des SV Waldhof – darunter auch Sifflings Brüder Heinrich und Oskar, die ebenfalls den Sprung in die „Erste“ geschafft hatten – waren in Spielkleidung erschienen, eine Trompete blies das Lied vom „Guten Kameraden“. Aufgebahrt in seiner weißen Ausgehuniform der Olympia­teilnehmer von 1936 lag er da, die Mütze tief über die Stirn gedrückt, um den Trauergästen den erbärmlichen Anblick zu ersparen. Im Juni 1977 wurde die Kornstraße auf dem „Alten Waldhof“, in der Siffling aufgewachsen war, in Otto-Siffling-Straße umbenannt.

Der kicker veröffentlichte 1940 eine Sonderausgabe mit dem Titel „Feldherrn der Fußballschlachten“. In einem Otto Siffling gewidmeten Kapitel heißt es:

» […] einer von vielen, die „auf dem Waldhof“ groß geworden sind und durch eine der besten Fußballschulen Süddeutschlands hindurchgegangen sind. Die Einwohner der Mannheimer Vorstadt sind ein Volk für sich, es hat seinen eigenen Stolz, es hält zusammen wie Pech und Schwefel, jeder kennt jeden. Diese Waldhöfer bilden eine einzige Familie. Klar und selbstverständlich, daß sich dieser Lokalkolorit auf den Fußball-Verein Waldhof übertragen hat, daß die Sportler aus der Vorstadt Waldhof sich hier zusammenfinden, daß sie in keinem anderen Mannheimer Verein sein wollen und sein können. […] zog die sportbegeisterte Waldhöfer Jugend wie ein Magnet an sich, und nun kam noch hinzu, daß diese Waldhöfer ein besonderes Talent für das Fußballspiel haben. So haben sie nicht nur ihren eigenen Verein, sondern auch ihre eigene, eben die Waldhof-Schule zurechtgemacht, und die Tradition der Waldhof-Schule ist geblieben bis auf den heutigen Tag.«

Für die Fortführung der Waldhof-Schule war seit 1937 Professor Dr. Otto Neumann zuständig, der Hans Tauchert als Trainer abgelöst hatte. Neumann war bei den Olympischen Spielen in Amsterdam 1928 mit der deutschen 4×400-Meter-Staffel zur Silbermedaille gespurtet. Über die athletische Grundausbildung verfügte der neue Coach also, beim VfL Neckarau und bei Phönix Ludwigshafen hatte er die fußballerische Kompetenz erworben.

In die Saison 1939/40 startete der SVW ohne den erkrankten Siffling. Dennoch stürmte die junge Mannschaft ins Finale des Tschammerpokals 1938/39, das auf Grund der Kriegswirren erst im April 1940 ausgetragen und gegen den 1.FC Nürnberg 0:2 verloren wurde.


1.FC Nürnberg – SV Waldhof 2:0 (1:0)
Nürnberg:
Köhl – Billmann, H. Uebelein, Luber, Sold, Carolin, Gußner, Eiberger, J. Uebelein, Pfänder, Kund. – Trainer: Riemke.
Waldhof: Fischer – Schneider, Siegel, Mayer, Heermann, Ramge, Eberhard, Franz, Erb, Pennig, Günderoth. – Trainer: Dr. Neumann.
Tore: 1:0 Eiberger (45’), 2:0 Eiberger (85’). Zuschauer: 60.000. Schiedsrichter: Schütz (Düsseldorf).
Berlin, „Olympiastadion“, 28. April 1940


Waldhof-Aufstellung vor dem Tschammerpokalfinale in Berlin, von links: Pennig, Siegel, Günderoth, Eberhardt, Fanz, Mayer, Schneider, Erb, Ramge, Fischer, Heermann.

In den Punktspielen lief es ebenfalls erstaunlich rund. Über die badische Kriegsmeisterschaft sicherte sie sich die Teilnahme an den Endrundengruppenspielen. Diesmal sollte der 1.FC Nürnberg – gemeinsam mit den Stuttgarter und Offenbacher Kickers einer von drei Gegnern – nicht zum Stolperstein werden. Am 26. Mai 1940, also nur wenige Wochen nach der Pokalniederlage gegen den „Club“, waren die Waldhöfer im „Nürnberger Stadion“ zu Gast. Trainer Neumann musste auf einige „abkommandierte“ Akteure verzichten und schickte eine blutjunge, mit mehreren A-Jugend-Spielern gespickte Mannschaft ins Rennen, die sich vor 7.000 Zuschauern ein gerechtes 0:0 erspielte.

Vor der Partie kamen einige Zeitungsreporter in die Kabine. Sie waren auf der Suche nach den A-Jugendlichen der SpVgg Fürth, die damals ebenfalls in Blau-Schwarz aufliefen und das Vorspiel ausgetragen hatten. In der Waldhof-Kabine wähnten sich die Journalisten – auf Grund der Trikotfarben und der jungen Männer – richtig, wurden jedoch bald darauf hingewiesen, dass es sich hier um die Waldhöfer, nicht die Fürther „Buben“ handelte. Das war die Geburtsstunde der bis heute gültigen Bezeichnung für die ersten Mannschaften dieses Klubs. Richtig salonfähig wurde sie allerdings erst wenige Wochen später: Nach dem Gruppensieg, der am 30. Juni durch ein 4:0 im „Mannheimer Stadion“ gegen Offenbach besiegelt wurde, stand der SVW im Halbfinale um die „Deutsche“, der Gegner hieß – wie bereits sechs Jahre zuvor – Schalke 04. 35.000 Zuschauer in der Stuttgarter „Adolf-Hitler-Kampfbahn“ sahen, wie Josef Erb die Mannheimer in Führung schoss, doch Ernst Kuzorra und Fritz Szepan trafen noch vor der Pause zum 2:1, am Ende hieß es 3:1 für die „Knappen“.

Zum Finale nach Berlin durften die Waldhöfer dennoch – um das Spiel um Platz 3 gegen Rapid Wien mit dem legendären Fritz „Bimbo“ Binder auszutragen. Vor 90.000 Zuschauern lagen die Wiener zur Pause 4:2 in Front, nach dem Wechsel schafften Franz Sättele und Erb den Ausgleich, die gefürchtete „Rapid-Viertelstunde“ blieb aus. Das 4:4 nach zweimaliger Verlängerung stellte das Finale zwischen Schalke und dem Dresdner SC (1:0) in den Schatten. Und die Presse schwärmte – jetzt ganz offiziell – von den „Waldhof-Buben“, die in der Mehrzahl jünger als 20 waren und erfrischend offensiv spielten. Einer von ihnen war der 19-jährige Reinhold Fanz, dessen gleichnamiger Sohn mehrere Jahre in der Bundesliga verbrachte (allerdings nicht beim SVW) und 2005 durch seine „siebentägige Amtszeit“ als Trainer des KSC für Aufsehen sorgte. Das Wiederholungsspiel im Wiener Praterstadion verloren die Waldhöfer mit 2:5.

Waldhof-Keeper Hubert Fischer begräbt im Spiel um Platz 3 der Spielzeit 1939/40 den Ball vor dem lauernden Wiener Sturmtank Fritz „Bimbo“ Binder unter sich.

Trainer Neumann wechselte nach dieser Saison zum VfR und wurde vom Ex-Nationalspieler Fritz Ruchay beerbt. Wie alle anderen Mannschaften auch, mussten die Waldhöfer mit den „Daheimgebliebenen“ auskommen und darauf hoffen, dass der ein oder andere Soldat wieder zurückkehren würde. Zwei verdienstvolle Waldhöfer taten dies nicht: Karl Bielmeier und Ernst Heermann – Kapitän jener Elf, die das Tschammerpokalfinale 1940 bestritten hatte – fielen im Juni 1941 am Asowschen Meer in Südrussland. 1942 gelang der Ruchay-Truppe ein letztes Mal der Sprung in die DM-Endrunde, wo sie allerdings eine derbe 1:7-Schlappe auf dem Lauterer Betzenberg kassierte. In den Folgemonaten bildeten viele Vereine Kriegsspielgemeinschaften, während sowohl der SV Waldhof als auch der VfR autonom weiter kickten. Luftangriffe auf die Quadratestadt schränkten den Spielbetrieb jedoch weitgehend ein, im Januar 1945 kam er vollends zum Erliegen. Der SVW wurde als aktueller Tabellenführer zum letzten badischen Gaumeister gekürt.

Nach der „Stunde Null“ ging es zwischen Schutt und Asche in der neu eingeführten Oberliga Süd weiter. Für diese Liga bedurfte es keiner Qualifikation, ausschlaggebend waren „Verbindungen“ und „Tradition“. Der SVW startete mit einem 3:1 beim VfR Mannheim in diese erste Nachkriegssaison und belegte in der Sechzehner-Liga einen beachtlichen vierten Rang. Der junge Stürmer Paul Lipponer steuerte 22 Treffer bei.

Die Nachkriegszeit

Langsam kehrte der Alltag ein. Das bedeutete auch, dass in Mannheim wieder regelmäßig Fußball gespielt wurde. Der SV Waldhof hatte in der neu eingeführten Oberliga Süd – der bei 20 Teilnehmern mit Abstand größten – hinter dem 1.FC Nürnberg einen respektablen zweiten Platz belegt. Dieser hätte zur Endrunde um die Deutsche Meisterschaft berechtigt, doch die wurde 1947 nicht ausgespielt. Pech für die Blau-Schwarzen, denn in den Folgejahren rutschten sie ins Mittelfeld der Tabelle ab und erlebten die Endrunde immer nur als Zuschauer.

Die Westzone steuerte in diesen Tagen der Währungsreform, dem markantesten kollektiven Erlebnis der Nachkriegsjahre, entgegen. Sie beinhaltete die Einführung der Deutschen Mark (DM) anstelle der Reichsmark und trat im Juni 1948 in Kraft. Bei Löhnen, Mieten und Gehältern wurde die Reichsmark 1:1 ersetzt, alle anderen Verbindlichkeiten wurden im Verhältnis 10:1 abgewertet. Bis zum 26. Juni 1948 sollten die Bürger ihr Altgeld abgeben. Zuvor durften sie einen „Kopfbetrag“ von 40 DM, später kamen weitere 20 hinzu, kassieren. Für die Einwohner der nördlichen Mannheimer Bezirke hieß es, sich in der Luzenbergschule einzufinden. Oberbürgermeister Fritz Cahn-Garnier rief per Zeitungsannonce auf: „Einwohner Mannheims! Behaltet die Ruhe! Hört nicht auf Gerüchte! Unterstützt die Behörden bei der Geldumstellung! Helft mit, daß die Zeiten des Schwarzhandels endlich aufhören!“

Das neue Geld schaffte neue Möglichkeiten – und leitete den schleichenden Verfall des Amateurwesens ein. Ein im Juli 1948 verabschiedetes Vertragsspielerstatut garantierte den Fußballern der Oberliga Süd eine Aufwandsentschädigung von 320 DM pro Monat. So auch den Waldhöfern, die in der Saison 1947/48 von Willi Pennig trainiert wurden. Der ehemalige Mittelfeldspieler, der von 1927 bis ’43 selbst die Stiefel für die Blau-Schwarzen geschnürt hatte, führte den SVW auf Rang sechs. Mit dem Abstieg, der wegen der Reduzierung der Liga-Stärke auf 16 Mannschaften sechs Teams ereilte, hatte die Pennig-Truppe nichts zu tun. Der VfL Neckarau musste hingegen runter, so dass 1948/49 nur noch zwei Klubs aus der Quadratestadt in der obersten Spielklasse vertreten waren. Es sollte ein denkwürdiges Jahr für den Mannheimer Fußball werden…

Nach der Rückkehr mehrerer Kriegsgefangener hatte der neue Coach Hermann Marquet eine schlagkräftige Truppe beisammen, darunter Spieler wie Keeper Hans Vetter, den Abwehrrecken Fritz Rößling, die Offensiven Reinhold Fanz, Ludwig Siffling, Werner Hölzer und Georg Herbold sowie Sturmtank Paul Lipponer. Nicht zu vergessen Oswald „Ossi“ Rohr, der beim MFC Phönix das Fußball-Einmaleins erlernt und 1932 den FC Bayern München zu seiner ersten Deutschen Meisterschaft geschossen hatte. Weil er unbedingt Profi werden wollte, wechselte er bereits vor dem Zweiten Weltkrieg ins Ausland und schloss sich Racing Straßburg an. Mit den Elsässern wurde Rohr – dessen Großneffe Gernot es Jahre später ebenfalls zum SVW, dem FC Bayern und vor allem nach Frankreich verschlagen sollte – Vizemeister 1936 und ein Jahr später sogar mit 30 Treffern Torschützenkönig der französischen Liga.

Auf seine alten Tage, „Ossi“ war mittlerweile 36, kickte er nun also wieder in seiner Geburtsstadt. Erst beim VfR Mannheim, in seiner letzten aktiven Saison für den SV Waldhof. Sein Tor war es auch, das den Blau-Schwarzen einen unerwarteten 1:0-Erfolg beim Titelverteidiger (und ersten deutschen Nachkriegsmeister) 1.FC Nürnberg bescherte. Die Qualifikation zur Endrunde, zu der Platz vier gereicht hätte, verpassten die Waldhöfer allerdings. Auf Grund des schlechteren Torverhältnisses beendeten sie die Runde hinter 1860 München auf Platz fünf, während sich der VfR mit der Vizemeisterschaft alle Chancen offen hielt. Der Rest ist Mannheimer Fußball-Geschichte: Die Rasenspieler sicherten sich in der „Sonnenschlacht“ von Stuttgart mit einem 3:2 nach Verlängerung gegen Borussia Dortmund am 10. Juli 1949 die Deutsche Meisterschaft. Die Quadratestadt feierte seine Meister, und der SVW gratulierte. Der Mannheimer Morgen vermeldete in seiner Montag-Ausgabe:

» […] Als besonders schöne Geste sportlicher Ritterlichkeit waren vor allem zwei Fahrzeuge des SV Waldhof empfunden worden, die sich dem Zug angeschlossen hatten und mit Plakaten ihrem großen Bruderverein zum großen Sieg gratulierten!«

Der SV Waldhof musste zum Saisonstart 1950/51 am 15. August 1950 ins Ludwigshafener Südweststadion ausweichen. 40.000 Zuschauer sahen ein 1:1 gegen den VfB Stuttgart.

Doch der Jubel, vor allem auf dem Waldhof, verhallte schnell. Die Blau-Schwarzen versanken mehr und mehr im Mittelmaß. Die Saison 1950/51, die mit einem 1:1 gegen den VfB Stuttgart im Ludwigshafener Südweststadion eröffnet wurde (am Alsenweg wurde gerade für 20.000 DM ein neuer Rasen verlegt), beendete der SVW erstmals auf einem zweistelligen Tabellenplatz. Die Oberliga war zwischenzeitlich in Erste Liga Süd umbenannt worden, und noch vor dem SVW (14.) und dem VfR (12.) hatte sich der Lokalrivale VfL Neckarau (11.) platziert. Grund zur Freude gab es im südlichen Stadtteil allerdings nicht, hatten die Neckarauer doch im Januar 1951 ihren Stürmer Fritz Balogh durch ein tragisches Unglück verloren. Der Nationalspieler war auf der Heimfahrt von München aus dem fahrenden Zug gestürzt und auf der Stelle tot. Wenige Wochen zuvor hatte er vor 115.000 Zuschauern in Stuttgart beim 1:0 gegen die Schweiz sein erstes und einziges Länderspiel bestritten.

Im November 1951 wurde der SV Waldhof anlässlich des 50-jährigen Bestehens des SC Westend 01 nach Berlin eingeladen. Hier posieren die Blau-Schwarzen mit den Gastgebern im Olympiastadion.

Im November desselben Jahres wurde der SV Waldhof zu den 50-Jahr-Feierlichkeiten des West-Berliner Traditionsklubs SC Westend 01 eingeladen und absolvierte gegen den Jubilar im Olympia­stadion das Vorspiel zum Städtevergleich Berlin gegen London. Die Engländer waren mit zahlreichen Chelsea- und Arsenal-Spielern nach Berlin gekommen. Doch den großen Fußball sah der SVW nur noch aus der Entfernung, obwohl Lipponer und Rößling in die B-Nationalmannschaft berufen wurden. Die seit 1951 von Hans Wendlandt trainierten Waldhöfer landeten auf Platz neun in der Oberliga, wie die Spielklasse im allgemeinen Sprachgebrauch immer noch genannt wurde. Im März 1953 standen die Blau-Schwarzen sogar im Halbfinale des DFB-Pokals, unterlagen aber vor 15.000 Zuschauern in Koblenz trotz früher Führung durch Lipponer (2′) dem späteren Sieger Rot-Weiß Essen mit 2:3. In jener Waldhof-Formation stand auch der talentierte Mittelläufer Erwin Berger, der ein Jahr zuvor aus Schwetzingen gekommen war. Einen Monat später erreichte den Verein die Nachricht vom Tod des 23-Jährigen. Drei Stunden vor dem Oberliga-Spiel gegen den BC Augsburg wurde er zu Grabe getragen.

Ausgerechnet 1954, als ganz Deutschland den Waldhöfer Bundestrainer Seppl Herberger bejubelte, erlebte der SVW seine bis dato bitterste Stunde. Drei Monate vor dem „Wunder von Bern“ besiegelte die 0:2-Niederlage beim VfB Stuttgart nach 40 Jahren den erstmaligen Abstieg aus der obersten Spielklasse. Zwei Törchen fehlten gegenüber den punktgleichen Stuttgarter Kickers und mit „Schorsch“ Herbold hängte der letzte Verbliebene der „Buben-Generation“ seine Schuhe an den Nagel.

Die Blau-Schwarzen waren am Tiefpunkt. Wer vom sofortigen Wiederaufstieg geträumt hatte, wurde bitter enttäuscht. Der SVW dümpelte im Mittelfeld der Zweiten Liga Süd herum, die Trainer gaben sich die Klinke in die Hand. 1956 wurde vom Ligakonkurrenten TSV Straubing der ungarische Coach Arpad Medve weggelotst, der in den kommenden Jahren für einen Aufschwung sorgen sollte. Die Vorbereitungen auf die 50-Jahr-Feierlichkeiten wurden derweil in der tristen Zweitklassigkeit getroffen.

Die Fahrstuhljahre

Eigentlich hätte der Wiederaufstieg nur Formsache sein sollen. Doch nachdem der SV Waldhof 1954 den bitteren Gang in die Zweitklassigkeit angetreten hatte, wurde es nichts aus der sofortigen Rückkehr. „Die Buben-Generation war aufgebraucht“, nennt der frühere Stürmer Ludwig Siffling (1933 bis ’53) Jahre später einen Grund für die Stagnation. Die Blau-Schwarzen versanken in der Mittelmäßigkeit. Die Zeiten, als der SVW ernsthafter Anwärter um die Süddeutsche Meisterschaft war oder im DFB-Pokal für Furore sorgte, waren fürs Erste vorbei.

Der SV Waldhof in der Spielzeit 1957/58, die er als Meister beendete. Von links: Trainer Arpad Medve, Fritz Rößling, Kurt Lennert, Richard Straub, Karl-Heinz Kott, Herbert Lehn, Albert Preis, Horst Lebefromm, Robert Zache, Walter Kleber, Heinz Hohmann, Reinhold Cornelius.

Die Gegner hießen plötzlich nicht mehr 1.FC Nürnberg, VfB Stutt­gart oder Bayern München, sondern FC Penzberg, VfB Helmbrechts oder ASV Cham. Medve formte im Sommer 1957, als die Quadratestadt unter einer erdrückenden Hitzewelle litt, eine Truppe, die endlich wieder oben mitspielen konnte. Nach einem harten Zweikampf mit der TSG Ulm, die zwölf Jahre später im SSV Ulm 1846 aufgehen sollte, feierten die Blau-Schwarzen im Juni 1958 die Meisterschaft in der Zweiten Liga Süd sowie die Rückkehr ins Oberhaus. Die endete allerdings trotz furiosen Starts inklusive Tabellenführung nach zwei Spieltagen in einem Debakel. Eine 1:9-Heimklatsche (die bis heute höchste Heimniederlage) gegen Bayern München läutete den freien Fall ein, der weitere deprimierende Pleiten – wie das 0:8 in Nürnberg oder ein 3:7 gegen den KSC – mit sich brachte und auf dem letzten Tabellenplatz endete.

Überhastete Trainerentlassungen waren damals noch nicht an der Tagesordnung, und so durfte Medve trotz des Abstiegs auf dem Waldhof weiter arbeiten. Mit Erfolg. In der Spielzeit 1959/60 vollzog er einen Umbruch und integrierte unter anderem den 22-jährigen Angreifer Klaus Sinn, der von Saar 05 Saarbrücken nach Mannheim gekommen war. Sinn sollte für den Rest seiner Karriere den Blau-Schwarzen die Treue halten und auch nach Beendigung seiner Laufbahn als Cheftrainer, Co-Trainer und Geschäftsführer zur Verfügung stehen. Der Neuzugang führte sich mit zwei Treffern beim 4:3 gegen die SpVgg Neu-Isenburg am ersten Spieltag gut ein und durfte wenige Monate später den sofortigen Wiederaufstieg feiern. Am vorletzten Spieltag stürmten die Waldhöfer an die Tabellenspitze, die sie mit einem lockeren 5:1 gegen Amicitia Viernheim vor 10.000 Zuschauern verteidigten. Sinn traf drei Mal. Der SVW war zwar wieder erstklassig, doch der Glanz vergangener Tage war abhanden gekommen. Keine Nationalspieler, von Teilnahmen an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft ganz zu schweigen. Auch der Lokalrivale VfR Mannheim, der 1959 seine alte Heimat – das Stadion an den Brauereien – in Richtung Rhein-Neckar-Stadion verlassen hatte, spielte bei der Vergabe um die Startplätze keine Rolle mehr.

Meister Zweite Liga 1960, hinten v. l.: Trainer Medve, Kleber, Vorstand Dr. Klingen, Höfig, Lehn, Klein, Lederer, Preis, Sinn, Spielausschuss Richtberg, Geschäftsführer Marquet. Vorne v. l.: Walz, Behnke, Pilz, Straub, Masseur Schmitt.

Doch während die Rasenspieler zumindest zum festen Inventar der Ersten Liga gehörten, musste der SVW erneut um den Klassenerhalt zittern. Mit dem Türken Yaman Karakurt stand 1960/61 erstmals ein ausländischer Spieler in der Ligamannschaft der Blau-Schwarzen, der Student der Wirtschaftshochschule (heute Uni Mannheim) verzeichnete sechs Einsätze. Zum Stammtorwart war mittlerweile Kurt Kobberger avanciert, der auch Vollstreckerqualitäten besaß. So markierte er zum Beispiel beim 2:1-Derby-Sieg gegen den VfR den ersten Treffer für seine Farben – per Elfmeter. Rund 20 Jahre später machte er als A-Jugend-Trainer von sich reden, als er die „Waldhof-Buben“ zur Deutschen Meisterschaft führte. Im Frühjahr 1961 musste er allerdings am letzten Spieltag – wie die 10.000 Zuschauer auch – um den Liga-Verbleib bangen. Ein Unentschieden gegen die TSG Ulm – die ihrerseits unbedingt gewinnen musste, um nicht abzusteigen – hätte gereicht. Acht Minuten vor dem Ende hieß es 2:3. Dann traf, zum zweiten Mal an diesem Tag, Klaus Sinn und rettete den SVW vor dem Abstieg. Gerade noch einmal geschafft. Aber die Spielzeiten endeten mittlerweile im April, denn Teilnahmen an irgendwelchen Endrunden gehörten der Vergangenheit an. Und während der ewige Rivale von einst, der 1.FC Nürnberg, zur Deutschen Meisterschaft stürmte, liefen die Planungen für eine landesweite Liga auf Hochtouren. Es wurde auch höchste Zeit, denn Deutschland war europaweit die einzige Nation, in der der Champion noch per Finale ermittelt wurde.

Der SV Waldhof sollte bei der Vergabe der Bundesliga-Startplätze für die Saison 1963/64 keine Rolle spielen. Der Grund: Unter der Regie von Adolf Knoll, der 1961 Medves Amt übernahm, stiegen die Blau-Schwarzen zum dritten Mal in acht Jahren ab und verabschiedeten sich für lange Zeit aus der Erstklassigkeit. Unter Trainer Karl Striebinger, der als VfR-Spieler drei Berufungen in die Nationalmannschaft verzeichnete, gelang den Waldhöfern mit Platz drei in der Zweiten Liga immerhin die Qualifikation für die zweitklassige Regionalliga Süd. Rund 40 Jahre nach dem „Drei-H-Sturm“ erregte nun in der Rückrunde 1962/63 der „S-Sturm“ mit Klaus Sinn, Richard Straub, Karl Schöttle, Artur Schlüter und Klaus Schmitt Aufmerksamkeit, indem er 32 von 37 Treffern verbuchte. Überragender Mittelfeldspieler dieser Zeit war Rolf Lederer, der im August 1961 (in einem nicht-offiziellen Länderspiel) sogar einmal das Trikot der Nationalmannschaft überstreifen durfte. Lederer wurde später ebenso wie Fritz Rößling, der 1961 seine Karriere beendet hatte, zum Ehrenspielführer ernannt.

Günter Träutlein zieht beim 4:1-Heimsieg gegen die Stuttgarter Kickers ab (August 1964).

Als die Bundesliga am 24. August 1963 in ihre erste Saison startete, hatte der SVW unter Neu-Trainer Fred Hoffmann bereits drei Regionalliga-Partien absolviert. Es sollte allerdings eine enttäuschende Saison werden, die auf Rang elf endete. Eine Spielzeit später standen die Blau-Schwarzen Pate, als der FC Bayern München – mit dem 19-jährigen Franz Beckenbauer – Meister wurde, auf- und nie wieder abstieg. Der SVW setzte sich dank der 20 Treffer seines Stürmers Günter Träutlein in den oberen Regionen fest und hatte mit dem Abstiegskampf nichts am Hut. Eine Saison später lief es sogar noch besser. Mit dem Viernheimer Karl-Heinz Kiß landete der SVW auf Platz vier. Kiß war bei der Amicitia groß geworden und von vielen Vereinen umworben worden. Auch vom damals noch nicht so großen FC Bayern. Als feststand, dass die Münchner nicht bei der Bundesliga-Premiere dabei sein würden, entschied sich der schnelle Rechtsaußen für Preußen Münster. „Zwei Jahre später sind die Bayern dann aufgestiegen. Mit Beckenbauer, Müller, Maier in einer Mannschaft zu spielen, das wär‘s gewesen.“ Immerhin: In Münster war Kiß beim historischen Start dabei, kassierte 1.200 Mark Grundgehalt plus 300 Mark Siegprämie und arbeitete nebenbei halbtags als Maschinenschlosser.

Vor dem 3:0-Derbysieg am 7.11.1965, von links: Höfig, Kretzler, Träutlein, Sinn, Kiß, Preis, Schmitt, Zipperer, Lederer, Burger, Behnke.

1966 stieß der ehemalige Rapid-Spieler Robert Körner – der bei der WM 1954 fünf Spiele für Österreich bestritten hatte und unter anderem beim blamablen 1:6-Halbfinal-K.o. gegen die Bundesrepublik Deutschland auf dem Platz stand – als Trainer zum SVW. In seine Amtszeit fällt auch das Debüt einen jungen Mannes, der sich bereits elf Jahre zuvor dem Klub angeschlossen und später zum „Waldhof-Denkmal“ aufsteigen sollte: Günter Sebert wurde am 9. April 1967 beim 3:3 gegen den FC Villingen ins kalte Wasser geworfen. Die Zuschauerzahl, 2.000, lässt bereits erahnen, dass es sich um eine sportlich durchwachsene Saison handelte. Um mehr Besucher aus den anderen Stadtteilen zu generieren, benannte sich der SV Waldhof auf seiner Mitgliederversammlung vom 28. April 1967 in SVW 07 Mannheim um. Da auch der Lokalrivale VfR meilenweit von der Bundesliga entfernt war, machte in jenen Tagen das Wort „Fusion“ die Runde…

Die Chio-Zeit

In der zweitklassigen Regionalliga Süd spielte der SV Waldhof eine untergeordnete Rolle. Unter dem neuen Trainer Hermann Lindemann wurde eine Verjüngungskur eingeleitet, die 1967/68 auf den elften Rang führte. Der Lokalrivale VfR, mit Bundesliga-Ambitionen in die Runde gestartet, landete auf Platz sechs. Die Saison hatte mit einem peinlichen Pokal-Aus (2:4 beim VfL Neckarau) begonnen, nur eine Woche später kamen die Blau-Schwarzen zum Punktspiel-Auftakt bei Darmstadt 98 mit 0:4 unter die Räder. In jener Partie machten die Waldhöfer erstmals von der neu eingeführten Regel Gebrauch, verletzte Spieler austauschen zu dürfen – Manfred Grimm kam für Edwin Preißler.

In der Spielzeit 1968/69 wurde der junge Bernd Bartels in die „Erste“ befördert. Der Stürmer – nur einen Steinwurf entfernt in der Gartenstadt aufgewachsen – war als Elfjähriger an den Alsenweg gekommen und hatte ab der D-Jugend alle Altersklassen durchlaufen. Der Torjäger schlug im Laufe seiner Karriere mehrere Angebote aus der Bundesliga aus, um mit dem SVW vergeblich darum zu kämpfen, aus der Zweitklassigkeit herauszukommen. Im nach einhelliger Pressemeinung „schlechtesten Derby, das es je gab!“ war Bartels mit von der Partie. Der SV Waldhof unterlag im April 1969 beim VfR mit 0:1, wodurch die Rasenspieler die Klasse sicherten. Die Waldhöfer hingegen hatten sich ins Mittelfeld gerettet, schlitterten aber geradewegs dem nächsten Tiefpunkt entgegen. Drei Trainer – Helmut Berninger, Hans Wendlandt und Klaus Sinn – vermochten den Sturz in die Drittklassigkeit nicht zu verhindern. Vier Niederlagen zum Saisonstart 1969/70 verhießen bereits nichts Gutes und im Mai 1970 stand mit fünf Zählern Rückstand auf das rettende Ufer und 99 Gegentreffern der Abstieg in die 1. Amateurliga Nordbaden, der durch ein traumatisches 2:7 beim FC Villingen besiegelt wurde, fest.

Die Fusionsgerüchte, die in den Jahren zuvor verlegen die Runde gemacht hatten, konkretisierten sich. Ersten Zeitungsmeldungen im November 1969 folgte am 18. Februar 1970 ein Artikel im Mannheimer Morgen, der über eine geplante Spielgemeinschaft berichtete und eine Erklärung beider Klubs zitierte:

» […] Die Vorstandschaften des SV Waldhof und des VfR Mannheim haben sich getroffen, um die Möglichkeiten einer zukünftigen Zusammenarbeit beider Vereine in der Frage des Vertragsfußballs zu erörtern. Übereinstimmung wurde darin erzielt, daß eine echte Fusion der bestehenden Vereine aus verschiedenen Gründen nicht durchführbar ist. Die beiden Vereine streben jedoch eine Zusammenarbeit in der Form an, daß die Vertragsspielerabteilungen baldmöglichst eine Spielgemeinschaft bilden.«

Da eine derartige Spielgemeinschaft seitens des DFB nicht gestattet war, beabsichtigten beide Vereine, eine Sondergenehmigung zu beantragen. Doch daraus wurde nichts, denn mit dem Abstieg des SVW war das Thema bereits wieder erledigt. Die Zeit für einen solchen Schritt war noch nicht reif – und sollte es auch nie werden. Während die eine Fusion scheiterte, glückte die andere: die zwischen der Zellstofffabrik Waldhof („Zewa“) und der aus Aschaffenburg zu den „Papierwerken Waldhof-Aschaffenburg“, deren Schornsteine von den oberen Rängen der Haupttribüne des Waldhof-Stadions sichtbar sind.

Während sich im Sommer 1970 die deutsche Nationalmannschaft – ohne Mannheimer Beteiligung – im fernen Mexiko das Jahrhundertspiel mit Italien lieferte und mit einer Bronzemedaille zurückkehren sollte, bereitete Trainer Klaus Sinn seine Truppe auf den tristen Drittliga-Alltag vor. Die Blau-Schwarzen starteten mit drei Siegen und marschierten souverän zum Titelgewinn, den sie in den letzten 16 Saisonspielen mit 31-1 Punkten und 75:14 Toren zementierten. Es folgte eine bittere Relegationsrunde, wie sie der Klub in seinen frühen Jahren bei den Gruppenspielen zur „Süddeutschen“ regelmäßig erlebt hatte. Die Gegner (SpVgg Ludwigsburg, FC Singen und FC Emmendingen) waren zwar nicht ganz so attraktiv wie damals, der Kampf um den Regionalliga-Aufstieg dafür aber nicht minder dramatisch. Punktgleich mit Ludwigsburg (9:9 Tore) und Singen (12:10) belegten die Blau-Schwarzen mit dem mit Abstand besten Torverhältnis (19:6) Platz eins. Dumm nur, dass das nicht zählte. Und so mussten Entscheidungsspiele her. Das Los wollte es, dass die Drittplatzierten Ludwigsburger ein Freilos erhielten, während sich der SVW gegen Singen über ein Elfmeterschießen (5:3) in das alles entscheidende Match quälte. Es kam, wie es kommen musste. Am 20. Juni 1971 in Rastatt enttäuschte der SVW auf der ganzen Linie. Ein gewisser Dieter Dollmann, der sich Jahre später als SVW-Geschäftsführer nicht viele Freunde machte, stürmte mit der SpVgg 07 durch einen 2:1-Erfolg in Liga zwei – der Waldhof blieb drittklassig.

Ein Jahr später sollte es aber klappen. Mit überwältigenden 58-6 Punkten dominierte der SVW die Amateurliga, beendete die Aufstiegsrunde erneut punktgleich sowie mit dem klar besseren Torverhältnis gegenüber dem FC Singen auf Rang eins, behielt aber diesmal im „Finale“ in Offenburg beim 1:0 das bessere Ende für sich. Schütze des „goldenen Tores“ war Bernd Bartels.

In die Regionalliga Süd kehrten die Blau-Schwarzen mit neuem Namen zurück, im Juli 1972 erfolgte eine Umbenennung in „Chio Waldhof 07“. Die Sinn-Truppe wurde fortan in der Zweitklassigkeit heimisch und qualifizierte sich 1974 problemlos für die neu geschaffene 2. Bundesliga Süd. Chio-Chef Carlo von Opel hatte mittlerweile das Präsidentenamt übernommen. Da auch der VfR Mannheim aufgestiegen war, kamen erneut Fusionspläne auf den Tisch. War der erste Versuch noch mehr oder weniger an den Rasenspielern gescheitert, waren es nun die Waldhöfer, die vehement ablehnten. Ihr „Nein“ mit 470:69 Stimmen konterte das VfR-Ja (178:11).


CHIO

800 Zuschauer waren am 20. Mai 1973 ins Waldhof-Stadion gekommen. Ein Freundschaftsspiel gegen den ASV Gummi-Mayer Landau stand auf dem Programm. Und zum ersten Mal prangte der Schriftzug „Chio“ auf den Waldhöfer Trikots. Was hatte das zu bedeuten?
Obwohl Mannheim Anfang der 70er Jahre bereits eine gewachsene Wirtschaftsmetropole war, hielt sich das Engagement für den Fußballsport in Grenzen. Nach langem Hin und Her fand sich die Frankenthaler Firma „Chio Chips“, die bereit war, 190.000 DM für zwei Jahre in den Verein zu stecken. Bedingung: Die Umbenennung des Klubs in „Chio Waldhof 07“. Die Verantwortlichen willigten ein, nachdem sich auf einer Mitgliederversammlung 95 Prozent der Anwesenden für diese im deutschen Fußball einmalige Maßnahme – die am 27. Juli 1972 in Kraft trat – ausgesprochen hatten. Die Namensänderung war deshalb erforderlich, weil der DFB damals noch keine Trikotwerbung zuließ, so konnte der Schriftzug „Chio“ immerhin auf Trainingsanzüge und -trikots gedruckt werden. Firmeninhaber Carlo von Opel wurde zudem ins Präsidium aufgenommen. Neben dem ASV Gummi-Mayer, der an jenem Mai-Tag 1973 mit 4:0 abgekanzelt wurde, und den Waldhöfern liefen auch der VfR Pegulan Frankenthal oder der SV Röchling Völklingen mit Firmennamen auf. Die Vorreiterrolle in Sachen Trikotwerbung hatte wenige Wochen zuvor der Bundesligist Eintracht Braunschweig übernommen, der nach langem Rechtsstreit mit dem DFB am 24. März 1973 erstmals den Namen eines Kräuterlikörs auf seinen Dressen trug. Dr. Gerhard Zeilinger, damaliger SVW-Finanzvorstand, schreibt in seinem Buch »Mannheim, die etwas andere Bundesliga-Stadt«: „Diese Maßnahme war für den Verein lebensnotwendig und für die Folgejahre richtungsweisend.“
Die als Irmgard Opel 1907 (!) geborene und 1917 in den Adelsstand erhobene Enkelin von Adam Opel (Gründer der Adam Opel AG) errichtete 1962 auf ihrem Gut Petersau die ersten Produktionsanlagen für Kartoffelchips und gründete die Firma „Chio Chips“, die ihr Sohn Carlo von Opel als Geschäftsführer leitete. Der Name „Chio“ setzte sich aus den Initialen Carlo Heinz (Carlos jüngerer Bruder) Irmgard von Opel zusammen. 1977 wurde das Unternehmen verkauft, am 15. September 1978 benannte sich der Klub in „SV Waldhof Mannheim 07“ um.


Aufstellung des Chio Waldhof vor dem Derby am 16. März 1974 im Rhein-Neckar-Stadion (von links nach rechts): Günter Sebert, Walter Pradt, Wolfgang Poly, Karl-Heinz Harm, Peter Schneider, Heiner Schnitzer, Heinz Schrodt, Walter Duttenhofer, Bernd Bartels, Karl-Heinz Mießmer, Werner Adler.

Zum Zweitliga-Auftakt am 3. August 1974 erreichte der Chio Waldhof unter Trainer Philipp „Fips“ Rohr ein 1:1 bei den Stuttgarter Kickers, Torschütze war Bartels, im Tor stand der spätere Waldhof-Trainer Walter Pradt, in der Abwehr debütierte der 18-jährige Bernd Förster, der im Dezember zum FC Bayern München wechseln und später beim VfB Stuttgart zum Nationalspieler reifen sollte.

Am 19. September 1975 beschloss die Mitgliederversammlung, dem Vereinsnamen wieder das „SV“ vorzusetzen. Mit Spielern wie Paul Steiner, Michael Schüßler und Torjäger Werner Heck (23 Treffer) ging der SV Chio Waldhof in die Spielzeit 1976/77, in der 12.000 Zuschauer Ende Februar ’77 eine unglückliche 1:2-Heimniederlage gegen den späteren Meister VfB Stuttgart sahen. Hecks Führung drehten Hermann Ohlicher und Ottmar Hitzfeld erst in den Schlussminuten. Zwei Monate später, am 28. April 1977, starb Seppl Herberger.

Der Bundesliga-Aufstieg

Walter Pradt war bereits in der Saison 1973/74 von der SpVgg Bayreuth zum SV Waldhof gestoßen. Er sah Trainer wie Spieler kommen und gehen, bis sich gegen Ende der 70er Jahre langsam aber sicher das Gerüst jener Truppe bildete, die bald für den größten Erfolg der Vereinsgeschichte sorgen sollte. In der Spielzeit 1977/78 kam es in der 2. Bundesliga Süd wieder zu einem Derby mit dem VfR, allerdings mit dem aus Bürstadt. Der Meister der Amateurliga Hessen trotzte den Blau-Schwarzen zu Hause sogar ein 0:0 ab, musste aber am Saisonende wieder absteigen, während die Waldhöfer – die das Rückspiel 4:0 gewannen – einen sicheren Mittelfeldplatz belegten. Während der jugoslawische Trainer Slobodan Čendić am Alsenweg mit eisernem Besen kehrte, reifte in der Jugend des SVW das ein oder andere Talent heran.

Mit Čendić war nicht gut Kirschen essen. So soll er einmal zu einem Spieler gesagt haben: „Du kannst nichts dafür, Du nicht. Ich bin der Idiot, der Dich aufgestellt hat.“ Vor allem die jungen Spieler hatten unter der harten Gangart zu leiden. Vielleicht ging auch deswegen der Saisonstart 1978/79, als die Blau-Schwarzen zu Hause zum Punktelieferanten mutierten, völlig in die Hose. In jener Saison debütierten die aus den A-Junioren rekrutierten Roland Dickgießer, Jürgen Makan und Dieter Schlindwein, vom VfB Dillingen war Hans Hein gekommen. Čendić „flog“ bereits im Oktober 1978, unter seinem Nachfolger Georg Gawliczek retteten sich die Waldhöfer unter Interimstrainer Ludwig Günderoth erst am vorletzten Spieltag mit einem 0:0 gegen den späteren Absteiger FC Hanau 93 über die Ziellinie, Sebert wurde mit neun Treffern klubinterner Torschützenkönig.

Im Frühjahr 1979 war eine dritte Fusionswelle aufgekommen. Von bis zu zwei Millionen Mark Unterstützung seitens der Stadt war die Rede, doch die Ehe zwischen SVW und VfR kam wieder nicht zustande. Immer wieder geisterten neue Meldungen durch die Zeitungen und wurden Machtworte gesprochen, doch die Gräben zwischen beiden Klubs waren einfach zu tief. Im April 1980 war das Thema endgültig vom Tisch.

Mit diesem Kader startete der SVW in die Zweitliga-Saison 1981/82.

Vor seinem Trainer-Engagement auf dem Waldhof hatte Georg Gawliczek den Freiburger FC trainiert. Von dort holte er im Sommer 1979 seinen Ex-Schützling Karl-Heinz Bührer an den Alsenweg. Die Spielzeit 1979/80 begann mit einem vielversprechenden 4:0 über Röchling Völklingen und endete erneut im Abstiegskampf. Trotz einer deprimierenden 1:2-Heimschlappe gegen den in die zweite Liga zurückgekehrten VfR Bürstadt am 3. Mai 1980 kämpften sich die Blau-Schwarzen auf Platz elf.

Die A-Jugend des SVW war derweil nicht zu stoppen. Mit 58-2 Punkten und 154:9 Toren demontierte sie die Verbandsliga-Konkurrenz vom VfR Mannheim und Karlsruher SC und qualifizierte sich für die K.o.-Spiele um die Deutsche Meisterschaft. Nach Erfolgen über die Altersgenossen von Bayer Leverkusen (5:2, 3:2), 1.FC Kaiserslautern (3:1, 1:1) und 1.FC Nürnberg (3:2, 1:1) standen die von Kurt Kobberger trainierten Waldhof-Buben plötzlich im Finale. 10.000 Zuschauer im Oberhausener Niederrheinstadion sahen am 12. Juli 1980 ein packendes Endspiel gegen den FC Schalke 04, in dem es zur Pause nach einem Treffer von Uwe Rahn und einem Eigentor Ulf Quaissers 1:1 stand. Nach dem Wechsel markierte Egbert Zimmermann den 2:1-Siegtreffer – die A-Junioren des SVW waren Deutscher Meister! Zu den Titelträgern gehörten unter anderem auch Keeper Uwe Zimmermann, die Brüder Pandelis und Dimitrios Tsionanis sowie Alfred Schön, die später allesamt den Sprung in die „Erste“ schaffen und den Grundstock für das legendäre Aufstiegsteam bilden sollten. Der spätere Nationalspieler Uwe Rahn konnte hingegen nicht gehalten werden, er erlag den Verlockungen des Bundesligisten Borussia Mönchengladbach.

Im Sommer 1980 fiel am Alsenweg ein Mann in einem VW-Käfer auf, der mit einem Feldstecher bewaffnet aus der Entfernung – in etwa da, wo heute die Herbert-Lucy-Halle steht – das Training der Waldhöfer beobachtete. Dieser Mann hieß Klaus Schlappner und hatte gerade einen Trainervertrag bei den Blau-Schwarzen unterschrieben. Er war der rechte Mann zur rechten Zeit. Dem charismatischen Bibliser stand eine „Goldene Generation“ zur Verfügung, mit der er viele Erfolge feiern und bundesweit als „Schlappi“ oder „Mann mit dem Pepita-Hut“ Berühmtheit erlangen sollte. Sein Auftrag lautete zunächst, den Klub für die eingleisige 2. Bundesliga zu qualifizieren.

Szene aus dem Zweitliga-Spiel gegen Hertha BSC am 15. November 1981 (4:2).

Rang sechs am Saisonende 1980/81 reichte anhand des elaborierten „DFB-Dreijahresschlüssels“ locker aus. Im DFB-Pokal standen die Blau-Schwarzen vor einer großen Sensation: Bis zur 77. Minute führten sie bei Bayern München mit 2:1, ehe der kommende Deutsche Meister noch mit 4:2 gewann. Was dem Waldhof jetzt noch fehlte, war ein „Knipser“. Er fand ihn im 21-jährigen Fritz Walter, der 1981 vom FV 09 Weinheim an den Alsenweg wechselte. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten mauserte sich „Fritzl“ zum Torgaranten und zeitgleich zum 75-jährigen Vereinsbestehen im April 1982 trennten Schlappners Buben nur zwei Pünktchen von einem Aufstiegsplatz. Doch es sollte am Ende nicht reichen. Noch nicht. Die Talentschwemme nahm derweil kein Ende. Die B-Jugend stürmte mit 43-1 Punkten und 152:8 Toren zum Bezirksliga-Titel, wurde souveräner Badischer Meister und scheiterte im nationalen Rennen erst am späteren „Vize“ Eintracht Frankfurt. Im Kader von Trainer Gerhard Baumann standen Spieler wie Jürgen Kohler und Maurizio Gaudino

Kohler, Gaudino

Mannheim schrieb im Juli 1982 Schlagzeilen. Keine sportlichen allerdings. Ein verwirrter US-Soldat fuhr mit einem Panzer durch die Innenstadt, richtete einen Millionenschaden an und stürzte sich anschließend in den Neckar. Bei derartigen Horrormeldungen ging die Nachricht, dass der Freiburger Paul Linz an den Alsenweg wechselte, fast unter. Der Offensivmann sollte das letzte Puzzlestück der Aufstiegs­elf bilden. Die Spielzeit 1982/83 ging als die bislang erfolgreichste in die Klubhistorie ein, der Mannheimer Morgen jubelte auf seiner Titelseite vom 16. Mai 1983: „Waldhof in der höchsten Fußball-Klasse.“ Wenige Wochen zuvor war Bürgermeister Wilhelm Varnholt in Kenia unerwartet an Herzversagen gestorben. Sein Nachfolger wurde Gerhard Widder, dessen Amtszeit länger dauern sollte, als die Zugehörigkeit des SV Waldhof in der Bundesliga.

Nach einem 3:3 beim MSV Duisburg feierte der SV Waldhof am 15. Mai 1983 im Wedaustadion den Bundesliga-Aufstieg!
Klaus Schlappner

Der Einstand in der Eliteliga verlief perfekt. Alfred Schön und Fritz Walter schossen die Blau-Schwarzen vor 42.000 Zuschauern im Ludwigshafener Südweststadion, das für die kommenden sechs Jahre neue Heimat des Klubs wurde, zu einem 2:0-Erfolg über Werder Bremen. Am zweiten Spieltag ging es zu Eintracht Braunschweig (2:3). Für die Anhänger des SVW war die erste Bundesliga-Auswärtsfahrt Anlass genug, eine bis heute bestehende Fan-Freundschaft einzugehen. Am Saisonende belegten die „Waldhof-Buben“, wie das Team in den überregionalen Medien in Anlehnung an frühere Zeiten genannt wurde, einen respektablen elften Rang.

Auf ihren Urlaub mussten die Spieler jedoch noch warten, denn Schlappner „schleifte“ sie zum „Great Wall Cup“ nach China, den sie durch ein Fritz-Walter-Tor im Finale vor 70.000 Zuschauern in Peking gegen die chinesische Nationalelf auch gewannen. Es sollte der letzte große internationale Auftritt bleiben. Den Europapokal verpasste der SVW 1984/85 nur auf Grund des schlechteren Torverhältnisses gegenüber dem Hamburger SV – so nah kamen die Blau-Schwarzen nie mehr an den UEFA-Cup heran.


SV Waldhof – SV Werder Bremen 2:0 (2:0)
Waldhof:
Zimmermann – Sebert – Knapp, Schlindwein, Dickgießer – Quaißer, Hein, Schön – Olaidotter (63’ Scholz), Linz (85’ Makan), Walter. – Trainer: Schlappner.
Bremen: Burdenski – Fichtel (46’ Gruber) – Kamp, Pezzey, Schaaf – Möhlmann, Sidka, Bracht (46’ Reinders) – Neubarth, Völler, Meier. – Trainer: Rehhagel.
Tore: 1:0 Schön (8’), 2:0 Walter (23’). Zuschauer: 42.000. Schiedsrichter: Pauly (Rheydt).
Ludwigshafen am Rhein, „Südweststadion“, 13. August 1983


Am 24. September 1986 debütierte der „Kokser“ Jürgen Kohler als erster (und bis heute letzter) Waldhöfer nach 46 Jahren in der Nationalmannschaft. Der völlig entnervte dänische Sturmtank Preben Elkjær-Larsen haderte später: „Wer gegen Kohler einen Zweikampf gewinnt, muss ein Marsmensch sein.“ Wenige Monate zuvor hatten die Blau-Schwarzen das DFB-Pokal-Halbfinale erreicht, mussten sich allerdings im März 1986 im Südweststadion dem FC Bayern München mit 0:2 geschlagen geben.

Nach der Saison 1986/87, die der SVW mit nur einer Heimniederlage auf Platz 14 beendete, legte „Schlappi“ sein Amt nieder und ging nach Darmstadt. Zudem verlor der SVW Jürgen Kohler (1.FC Köln), Fritz Walter, Maurizio Gaudino (beide VfB Stuttgart) und Günter Sebert. Eine Ära ging zu Ende.

13. August 1983: Alfred Schön erzielt das erste Bundesliga-Tor des SV Waldhof. Bremens Keeper Dieter Burdenski ist geschlagen, die Abwehrspieler Klaus Fichtel (rechts) und der gebürtige Mannheimer Thomas Schaaf kommen zu spät.

Der Bundesliga-Abschied

Der SV Waldhof stand vor einem kompletten Neuaufbau. Torjäger Fritz Walter sowie die Talente Maurizio Gaudino und Jürgen Kohler – sie alle hatten die Blau-Schwarzen im Sommer 1987 verlassen und immerhin 5,6 Millionen Mark in die Waldhof-Kasse gespült. Die Wahl für die Nachfolge des ebenfalls abgewanderten Trainers Klaus Schlappner fiel auf den Österreicher Felix Latzke, der den FC Tirol im selben Jahr bis ins UEFA-Pokal-Halbfinale geführt hatte. Für diesen Wettbewerb wollten sich die Waldhöfer auch qualifizieren, aber die Spielzeit 1987/88 war von Beginn an ein Kampf gegen den Abstieg. Von der Mannschaft, die fünf Jahre zuvor in die Bundesliga aufgestiegen war, waren nur noch sechs Spieler übrig geblieben.

Als Karl-Heinz Bührer am letzten Spieltag beim VfB Stuttgart wenige Minuten vor dem Schlusspfiff das wichtige 1:1 markierte, wähnten sich die Blau-Schwarzen bereits am Ziel: Klassenerhalt. Doch was nun folgte, war an Dramatik nicht zu überbieten. Zunächst drang die Kunde aus Karlsruhe ins Neckarstadion, dass Arno Glesius den Ausgleich für den KSC erzielt hatte. Somit rutschte der SV Waldhof doch noch auf den 16. Platz und musste in die Relegation gegen den Zweitliga-Dritten, der erst eine Woche später ermittelt wurde und schließlich Darmstadt 98 hieß. Trainer der „Lilien“: Klaus Schlappner. Und was sollten das für denkwürdige Partien werden! Als Bührer im Hinspiel am Böllenfalltor kurz nach der Pause das 2:0 erzielte, schien bereits alles klar, doch die Schlappner-Truppe schaffte ein denkwürdiges Comeback und gewann 3:2. Drei Tage später im Südweststadion schien der SVW vor 28.000 Zuschauern erneut den Verbleib in der Bundesliga eingetütet zu haben, als Peter Lux kurz vor Schluss zum 2:0 traf. Doch während die TV-Bilder noch jubelnde Anhänger zeigten, verpasste der Kameramann das 2:1 der „Lilien“. Da die Auswärtstorregel nicht zählte, musste also ein drittes Spiel her, das im Saarbrücker Ludwigspark ausgetragen wurde. Der kicker berichtete nach der nervenaufreibenden Partie:

»Mit einem einmaligen Fußballkrimi ging am vergangenen Donnerstag um 22:40 Uhr im Saarbrücker Ludwigspark die längste Saison in 25jähriger Bundesligageschichte würdig zu Ende. Nach 300 Minuten und einem an Dramatik kaum zu übertreffenden Elfmeterschießen war der SV Waldhof der Glücklichere im Duell mit dem gleichwertigen Zweitligadritten Darmstadt. Mannheims Helden: Torwart Zimmermann, der zwei Elfmeter hielt, und Bernd Klotz, der beim 14. Elfmeter nach Berneckers Fehlschuß die Nerven behielt und mit seinem Tor zum 5:4 Waldhof die Bundesliga sicherte. Waldhof war mit einem Bein schon abgestiegen, als Emig beim Stande von 3:2 zum letzten Strafstoß der ersten Elfmeterserie antrat. Ein Treffer hätte Bundesliga bedeutet. Doch Emig, 120 Minuten lang zuvor die Zuverlässigkeit in Person, scheiterte an Zimmermann. Als beim 13. Strafstoß schließlich Bernecker den Ball übers Tor setzte, hatte Darmstadt verloren.«

Die Saison 1988/89 sollte die letzte im Südweststadion sein. Als es anfangs nicht so lief und die Blau-Schwarzen das Tabellenende zierten, wurde „Denkmal“ Günter Sebert kurzerhand zum Chefcoach ernannt. Dank eines überragenden Schlussspurts retteten sich die Waldhöfer auf den zwölften Rang, „Kalle“ Bührer wurde – wie schon in der Spielzeit zuvor – vereinsinterner Torschützenkönig.

Das Waldhof-Stadion am Alsenweg 1982. Oben (im Uhrzeigersinn): Erstes von drei Relegationsspielen 1988 gegen Darmstadt 98 vor 28.000 Zuschauern am Böllenfalltor. Dimi Tsionanis vor Lilien-Stürmer Uwe Kuhl. Der kleine Mittelfeldspieler Peter Lux jubelte von 1987 bis 1990 für den SV Waldhof. Bernd Klotz verwandelt den entscheidenden Elfmeter.

Im Sommer 1989 kehrten die Waldhöfer an die Stätte ihrer größten Erfolge zurück. Doch den Beteiligten war klar, dass Bundesliga am Alsenweg nur eine Zwischenstation sein konnte. „Wir brauchen auf Dauer ein Stadion für 30.000 Zuschauer und Komfort, wie er heute angemessen ist“, forderte Sebert im kicker und bewies Weitblick: „Wenn Waldhof erst einmal abgestiegen ist, hat sich das Thema Bundesliga in Mannheim für alle Zeiten erledigt.“ In Seberts Worten entlud sich der Ärger über die zögerlichen Bemühungen der Stadt, ihrem Vorzeigeklub eine angemessene Spielstätte zur Verfügung zu stellen. „Allein von der Atmosphäre her bin ich froh, dass wir wieder in unserem Stadion spielen“, konnte Bührer dem Ganzen zumindest etwas Positives abgewinnen. Ein von der Süddeutschen Zeitung entsandter Reporter lieferte eine sozialromantische Beschreibung des Bundesliga-Standorts Mannheim-Waldhof:

»Vom Alsenweg ist es nicht weit zum Mannheimer Hafen. Selbst am Tag vor dem Tag des Herrn qualmen die Schlote, und ringsum dicht gedrängt viel Backstein und schmucklose Eigenheime – die Kulisse für Maloche und Feier­abend.«

Der SVW begann stark, Siege in Kaiserslautern (3:2) und zu Hause gegen den FC Bayern (1:0) nährten die Hoffnung auf eine erstmalige UEFA-Cup-Qualifikation. Die verfestigten sich am 24. Februar 1990 nach dem grandiosen 4:0-Heimsieg über den 1.FC Kaiserslautern. Dass sich Gerd Dais in jener Partie einen Bänderriss zugezogen hatte, wurde nur am Rande zur Kenntnis genommen. Es war jedoch der Anfang einer beispiellosen Verletztenmisere, die den SVW geradewegs in die Zweite Liga führte. Aus den folgenden zwölf Partien holten die Blau-Schwarzen nur drei Unentschieden und stiegen nach sieben Jahren Bundesliga-Zugehörigkeit ab. Da war es nur ein schwacher Trost, dass der ehemalige „Waldhof-Bub’“ Jürgen Kohler im Sommer in Italien mit der Nationalmannschaft Weltmeister wurde.

Dem Abstieg folgte der personelle Umbruch. Aus der eigenen Jugend stießen Christian Wörns, der bereits im Bundesliga-Abstiegsjahr zum Stammspieler avancierte, und Norbert Hofmann zum Kader. Der Traum vom sofortigen Wiederaufstieg platzte bald. Wie so oft in den kommenden Jahren, wenn es brenzlig wurde, versagten die Nerven. So auch am siebten Spieltag 1990/91, als die ungeschlagenen Waldhöfer den Spitzenreiter Schalke 04 mit dem jungen Jens Lehmann im Tor am Alsenweg empfingen. Der aus Kassel gekommene Dieter Hecking brachte die Sebert-Schützlinge früh in Führung (10′), und als ausgerechnet der nach dem Abstieg zu den „Knappen“ abgewanderte Libero Günter Güttler in der 25. Minute nach einem Foul an Dais Rot sah, schien der Sieg in trockenen Tüchern. Es kam anders: Schalke gewann 3:1. Der Waldhof hatte mit dem Aufstieg nichts zu tun und verlor sein neues „Juwel“ Wörns an den Bundesligisten Bayer Leverkusen.

Mit dieser Truppe startete der SV Waldhof in der Spielzeit 1991/92 in die 2. Bundesliga Süd, an der erstmals auch Teams aus der ehemaligen DDR teilnahmen.

Die Wiedervereinigung führte übergangsweise zu einer zweigeteilten Liga, in der Südstaffel bekam es der SVW mit den Ex-DDR-Klubs Carl Zeiss Jena und Chemnitzer FC zu tun. Publikumsliebling in diesen Tagen war der ghanaische Internationale Richard Naawu. Mittlerweile hatte Klaus Toppmöller das Traineramt übernommen, aber auch er hatte in den Sekt-oder-Selters-Partien kein Glück. Im Duell Erster gegen Zweiter unterlag sein Team kurz vor Rundenende beim 1.FC Saarbrücken 0:4 – Aufstieg ade.

Ein Jahr später dasselbe Bild. Toppmöller lotste von seinem Ex-Klub Erzgebirge Aue das Trio Tom Stohn, René Hecker und Jörg Kirsten in die Quadratestadt. Die Abwehr wurde von Norbert Nachtweih und Roland Dickgießer, dem letzten „Überlebenden“ der 83er Aufstiegsmannschaft, zusammengehalten. Die Zeiten, in denen sich der Kader aus Spielern aus Mannheimer und der näheren Umgebung zusammensetzten, waren mittlerweile passé. Eine Ausnahme bildete der junge Norbert Hofmann, der im nördlichen Stadtteil Schönau aufgewachsen war.

Zweitliga-Kulisse 1990. Der SV Waldhof vor dem 1:1 beim TSV Havelse.

Am vorletzten Spieltag der Mammutsaison 1992/93 (24 Mannschaften) empfingen die viertplatzierten Waldhöfer den Dritten VfB Leipzig und hätten mit einem Sieg in die Aufstiegsränge rutschen können. Besondere Brisanz bezog die Partie aus der Tatsache, dass Leipzigs Coach Jürgen Sundermann in der Folgesaison den SVW übernehmen sollte, da Toppmöller ein Angebot des Bundesligisten Eintracht Frankfurt angenommen hatte. Die erwartungsfrohen 15.200 Zuschauer wurden beim müden 0:0 bitter enttäuscht, wieder einmal hatten die Waldhöfer in einer entscheidenden Partie versagt … ein Szenario, dass sich noch einmal wiederholen sollte.

1994/95 führte der SVW unter der Regie Ulli Stielikes mit seiner gepriesenen Mittelfeldachse Norbert Hofmann, Fabrizio Hayer und Michael Zeyer lange die Tabelle an, stand am drittletzten Spieltag noch auf einem Aufstiegsplatz – und guckte am Ende erneut in die Röhre, weil er wiederum in Saarbrücken 0:4 unterlag und eine Woche später gegen die SG Wattenscheid sechs Minuten vor dem Ende das 1:1 kassierte. Die Legende besagt, dass die älteren Spieler den Aufstieg absichtlich vergeigten, weil sie fürchteten, dass ihre Verträge im Falle eines Bundesliga-Aufstiegs nicht verlängert würden…

Im Dezember 1995 kehrte Schlappner nach Mannheim zurück. Doch kaum war der Mann mit dem Pepita-Hut wieder da, war die kurz zuvor verpflichtete Sturmhoffnung Jonathan Akpoborie weg. Der Nigerianer „flüchtete“ nach Rostock, weil er unter „Schlappi“ nicht trainieren wollte. Angeblich hatte der ihn in gemeinsamen Saarbrücker Tagen rassistisch beleidigt.

In der Zwischenzeit hatte der Klub den Alsenweg verlassen und das nagelneue Carl-Benz-Stadion im Stadtteil Neuostheim bezogen. Erstklassigen Fußball sollte es hier allerdings nie zu sehen geben. Ganz im Gegenteil. Als Seberts zweite Amtsperiode an Ostern 1997 frühzeitig endete und der bis dato unbekannte Uwe Rapolder die Blau-Schwarzen auf einem Nichtabstiegsrang übernahm, ahnte niemand, dass nur Wochen später – trotz revolutionärer Einführung der Viererkette – erstmals nach 27 Jahren der Sturz in die Drittklassigkeit bevorstand. Der 3:2-Sieg am letzten Spieltag beim VfB Lübeck war nur Makulatur.

Die Gegenwart

Regionalliga statt Bundesliga. Erstmals nach 25 Jahren waren die Blau-Schwarzen drittklassig. Und hatten sie damals die Rückkehr nach oben noch aus eigener Kraft geschafft, bedurfte es nun fremder Hilfe. Die Zeiten, in denen Spielerkader hauptsächlich aus Eigengewächsen bestanden, waren lange vorbei. Trainer Uwe Rapolder, der 27 Abgänge zu verkraften hatte und aus dem Kader der Vorsaison lediglich auf Dennis Mackert zurückgreifen konnte, setzte 1997/98 sage und schreibe 39 Spieler ein. Die Runde begann mit einem 3:0 gegen Darmstadt und sieben Spielen ohne Niederlage – endete aber nur auf Platz sieben.

Rapolder drehte weiter kräftig am Personalkarussell und tauschte sein Team nahezu komplett aus. Der Aufstieg war auf Grund der nahenden Regionalliga-Reform zur Pflicht geworden, nur die Frage der Finanzierung war noch nicht geklärt – bis Ende Oktober die zweite „Lichtgestalt“ nach Rapolder am Alsenweg auftauchte: Der Filmrechtehändler Dr. Michael Kölmel hatte mit „Der englische Patient“ sozusagen über Nacht Millionen gemacht und wollte sie nun über seine Firma „Kinowelt AG“ in angeschlagene Traditionsklubs investieren. „In fünf Jahren in die Bundesliga“, lauteten die hehren Ziele. Als Gegenleistung für die drei Millionen Mark, mit denen Kölmel den Verein entschuldete und die Lizenz für die Folgesaison sicherte, musste der Klub seine Werberechte abtreten. Ein Roulettespiel, das beide Seiten auf lange Sicht verlieren sollten.

Kurzfristig brachten die Kölmel-Millionen allerdings den angestrebten Erfolg. Am Vatertag 1999 (13. Mai) verteidigte der SV Waldhof mit einem 0:0 beim Titelrivalen Kickers Offenbach die Spitze, doch die Jagdszenen zwischen rivalisierenden Anhängern auf dem Bieberer Berg und in der Offenbacher Innenstadt erregten weltweite Aufmerksamkeit. 12.000 Zuschauer feierten im Carl-Benz-Stadion und später auf dem Mannheimer Stadtfest nach dem 2:2 gegen den SV Wehen den Wiederaufstieg, den Zhou Ning wenige Tage zuvor mit seinem 1:0-Siegtreffer beim SSV Reutlingen sichergestellt hatte. Torschützenkönig wurde Jörg Kirsten, der für diese eine Saison nach dreijähriger Absenzzurückgekehrt war.

Der SVW war wieder zweitklassig, Rapolder transferierte weiter fleißig Spieler, Kölmel legte finanziell nach. Ein Freundschaftsspiel gegen den FC Barcelona (0:1) brachte den Duft des großen, internationalen Fußballs ins Carl-Benz-Stadion. Mit Hilfe der „Ungarn-Connection“ László Klausz und Ottó Vincze (zusammen 19 Tore) spielten die Blau-Schwarzen eine ordentliche Saison und erreichten das DFB-Pokal-Achtelfinale, indem es allerdings eine deutliche 0:3-Heimpleite gegen den FC Bayern München setzte. Um ein Haar wäre die Partie nach Frankfurt verlegt worden, doch in letzter Sekunde wurde mit dem live übertragenden Fernsehsender Einigung erzielt, was die Vorverlegung der Anstoßzeit betraf. Denn laut Stadionvertrag durfte nach 20 Uhr (geplant war 20:30 Uhr) keine Partie mehr angepfiffen werden.

Als im Dezember 1999 im Kölner Südstadion Fußball-Geschichte geschrieben wurde, hatte der SV Waldhof maßgeblichen Anteil daran. Zum ersten Mal wurde ein Fußball-Trainer, in diesem Fall „Toni“ Schumacher, in der Halbzeit­pause einer Partie entlassen. Der exzentrische Fortuna-Boss Jean Löring hatte in den ersten 45 Minuten, der SVW führte 2:0, genug gesehen und übernahm in der zweiten Hälfte selbst das Kommando. Es half nichts: Die Blau-Schwarzen gewannen 5:1, es sollte allerdings der einzige Auswärtssieg in jener Saison bleiben. Nur eine Woche später verkündete die Vereinsführung, den Vertrag mit Geschäftsführer Eberhard Ruf – er hatte zuvor Klaus Sinn „beerbt“ – nicht zu verlängern. An Heiligabend 1999 verunglückte der 45-Jährige bei einem Verkehrsunfall nahe Ludwigsburg tödlich. Sein Nachfolger wurde Dieter Dollmann, der sich mit der Einführung eines neuen Logos (das schnell wieder abgeschafft wurde) früh unbeliebt machte.

Die erste Saison nach dem Wiederaufstieg schlossen die Blau-Schwarzen auf einem gesicherten Mittelfeldplatz ab, mit Christian Fickert, Selim Teber und Hanno Balitsch debütierten drei Jun­ioren-Nationalspieler in der ersten Mannschaft. Balitsch war der bis heute letzte „Waldhof-Bube“, der es über die SVW-Jugend in das Herrenteam geschafft hat und noch immer in der Bundesliga spielt. Von nun an sollten talentierte Spieler immer früher den Verein verlassen.

Hanno Balitsch

In der Saison 2000/01 war dies noch nicht so schlimm, nach schwachem Start steigerten sich die Waldhöfer mit ihren drei Eigengewächsen immer mehr und schnupperten am letzten Spieltag am Bundesliga-Aufstieg. Der 20. Mai 2001 sollte aber als trauriger Tag zu Ende gehen. Die Konstellation war ganz einfach: Der SVW benötigte im Heimspiel gegen den abgeschlagenen FSV Mainz 05 von Trainer Jürgen Klopp unbedingt drei Punkte, der Drittplatzierte FC St. Pauli durfte beim 1.FC Nürnberg, der bereits als Meister feststand, nicht gewinnen. Und wieder – wie so oft in der Waldhof-Historie – spielte der „Club“ Schicksal. Denn während Klopps Mainzer vor 25.000 Zuschauern im Carl-Benz-Stadion mit 4:0 abgefertigt wurden, stand es in Nürnberg lange 1:1. Die bangen Blicke gingen aufs Handy-Display, die Ohren hingen am Transistorradio. „Tor in Nürnberg!“, hieß es plötzlich und die Nachricht verbreitete sich wie Lauffeuer. Der Jubel schwappte über die Ränge, und verwandelte sich in Sekundenschnelle in entsetztes Schweigen. Nicht der „Club“, sondern St. Pauli hatte getroffen. Deniz Barış erzielte in der 76. Minute den 2:1-Siegtreffer. Nie zuvor und nie danach traf der spätere Fenerbahçe-Stürmer im deutschen Profi-Fußball ins Schwarze. Als der Waldhöfer Hajrudin Catic in der 90. Minute das bedeutungslose 4:0 gegen Mainz erzielte, war in Nürnberg schon Schluss. Clubberer und Paulianer feierten gemeinsam, der SVW schaute mit seinen 59 Punkten dumm aus der Wäsche.

Mit dieser Mannschaft startete der SV Waldhof nach dem knapp verpassten Bundesliga-Aufstieg 2001 in die Saison 2001/02.

Von diesem Tag an ging es kontinuierlich bergab. Balitsch wechselte zum 1.FC Köln in die Bundesliga, der SVW rutschte trotz unverändert hoher Ziele ins Tabellenmittelfeld ab. Rapolder, zu diesem Zeitpunkt dienstältester Zweitliga-Trainer, musste im November 2001 seinen Hut nehmen. Auf Interimscoach Walter Pradt folgte bald Andy Egli. Mit dem Schweizer stabilisierten sich die Blau-Schwarzen zwar zunächst, in der Sommerpause 2002 stellte er allerdings eine Mannschaft zusammen, die sang- und klanglos in die Regionalliga absteigen sollte.

Zuvor hatte die MVV Energie AG mit einer Finanzspritze die Lizenz gesichert. Die Bedingung hierfür war allerdings die Bildung einer Spielgemeinschaft mit dem VfR, die zwar von allen Seiten zugesagt, aber nie in die Tat umgesetzt wurde. Nachdem die Rasenspieler ihre Regionalliga-Lizenz abgegeben hatten und automatisch in die Verbandsliga absteigen mussten, wurde ein Zusammenschluss beider Fußball-Abteilungen auf einer Waldhof-Mitgliederversammlung abgeschmettert.

Egli wurde nach vier Auftaktniederlagen entlassen, ihm folgte Walter Pradt. Und während der Ex-Heilsbringer Michael Kölmel, dessen Kinowelt AG auf dem Neuen Markt zusammengebrochen war, pleite ging, begann das Präsidium, sich zu zerfleischen. Erst hinter, dann vor den Kulissen. Schwarzgeld- und Maulwurf-Affären taten ein Übriges. In einer aussichtslosen Situation wurde panikartig Walter Pradt vor die Tür gesetzt und durch Stefan Kuntz ersetzt, während das Präsidium in seine Einzelteile zerfiel. Am 25. Mai 2003 absolvierte der SVW beim VfB Lübeck (1:3) sein letztes Zweitliga-Spiel. Zwei Wochen später meldete der Verein beim Amtsgericht Mannheim Insolvenz an – der Tiefpunkt war erreicht.

Am 6. Oktober 1984 bezwang der SV Waldhof den FC Bayern München im Olympiastadion mit 2:1. Lang, lang ist’s her.

Dr. Jobst Wellensiek, in Fachkreisen auch „Herr der Pleiten“ genannt, übernahm am Alsenweg das Zepter, sportlich stand der Klub vor einem Scherbenhaufen. „Waldhof am Ende“, titelte der kicker und schrieb: „20 Millionen Euro wurden verschleudert, 130 Spieler in sechs Jahren eingesetzt.“ Auf den Waldhöfern lasteten über sechs Millionen Euro Schulden, der Wiederaufbau begann in der Viertklassigkeit. Mit Trainer Viktor Olscha und Maurizio Gaudino – nach seinem Karriereende als spielender Sportdirektor zu seinen Wurzeln zurückgekehrt – spielte ein komplett umgekrempelter und im Frühjahr 2004 sanierter SVW vorne mit und verpasste den Aufstieg nur knapp.

In der Folge ging allerdings alles schief. Olscha, im Hauptberuf bei der Stadt Mannheim beschäftigt, musste gehen, weil ein hauptamtlicher Trainer eingestellt werden sollte. Doch keiner seiner Nachfolger – darunter Sprücheklopfer wie Eugen Hach oder Massimo Morales – führte den Klub auch nur in die Nähe der Aufstiegsränge, von den unzähligen Fehleinkäufen auf dem Platz ganz zu schweigen.

Ausgerechnet in der Zeit des runden Jubiläums, des 100. Geburtstags am 11. April 2007, darbt der SV Waldhof, der zahlreiche Mythen geboren hat, in der Bedeutungslosigkeit der Oberliga. Seppl Herberger, der vor wenigen Tagen 110 Jahre alt geworden wäre, würde die aktuelle Situation sehr traurig stimmen. Und nicht nur ihn.

Gedenktafel an Seppl Herbergers Wohnhaus in der Siedlung an der Spiegelfabrik.
Teil 1 (von 4) der Dokumentation über den Bundesliga-Aufstieg des SV Waldhof.

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