Legenden: Ferenc Puskás

»Er war ein Supertalent. Ich habe einen Freund verloren.
Er war einer der größten Spieler aller Zeiten.« Alfredo di Stéfano

Vor dem Auswärtsspiel in Miskolc am 18. November 2006 entrollten die Spieler von Honvéd Budapest eine Banderole mit der Aufschrift „Wir werden die Erinnerung an Dich immer bewahren, kleiner Bruder“. Der kleine Bruder, ungarisch Öcsi, war am Morgen des Vortags im Budapester Krankenhaus Kútvölgyi an einer Lungenentzündung gestorben. „Ferenc Puskás, der bekannteste Ungar des 20. Jahrhunderts, hat uns verlassen“, klagte Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány. „Seine Legende wird immer bei uns bleiben.“

Es ist viel geschrieben worden über jene ungarische Wunderelf der 50er Jahre, deren Herz und Kapitän Puskás war. Eines der bestgehütetsten Geheimnisse Ungarns aus dieser Zeit ist, dass fast die Hälfte dieser Mannschaft deutschstämmig war und genausogut für das DFB-Team hätte auflaufen können. Die Geschichte wollte es anders…

Ferenc Puskás wurde am 2. April 1927 als Sohn einer Ungarin und eines Donauschwaben im südlichen Stadtteil Kispest geboren. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr hieß er wie sein Vater Franz Purczeld. Im Zuge der Magyarisierung unter dem Regime des Admirals Miklós Horthy hatte die Familie Purczeld die Wahl, nach Deutschland abgeschoben zu werden oder ihren Namen zu ändern. Dass sie in Ungarn blieb und fortan Puskás hieß, lag unter anderem auch daran, dass der Vater Fußball-Profi war und beim Kispesti AC unter Vertrag stand.

puskas-kispest
Das Jugendteam von Kispest auf einem undatierten Foto. Vater Puskás im Nadelstreifenanzug und der kleine Ferenc ganz links.

Der kleine Ferenc wuchs in einem Mehrfamilienhaus auf, das direkt an das Stadion des Kispesti AC grenzte. Und das Schicksal wollte es, dass der eineinhalb Jahre ältere József Bozsik („Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn…“) in der Wohnung nebenan wohnte. Zwei spätere Weltstars, die in ein und derselben Straße aufwuchsen.

Puskás erinnerte sich: „Die Bozsiks wohnten in Wohnung Nummer 20, wir in Nummer 19. József und ich wurden schnell Freunde, er war wie ein Bruder für mich. Wir hatten Klopfzeichen ausgemacht, um uns zum Kicken zu verabreden.“ Fußball bedeutete ihnen die Welt. Gyula Grosics, heute noch lebender Torwart jener „Goldenen Mannschaft“, sagte einmal: „Wir waren noch Kinder, als wir unser Leben dem Fußball gewidmet haben. Gott wollte es so.“

Zu seinen frühen Kindheitserinnerungen befragt, erklärte Puskás einst: „Der Zuschauerlärm, der an Spieltagen durch das Küchenfenster in unsere Wohnung drang, hat mich fasziniert.“ Eines Tages schlich sich der kranke Ferenc aus dem Haus, der Vater war trainieren und die Mutter einkaufen, um mit seinen Kumpels auf einem Sandacker zu bolzen. Als die Mutter ihren ausgebüchsten Sohnemann entdeckte und ihm eine Tracht Prügel verpassen wollte, stellten sich die Kinder vor ihn und flehten: „Bitte schlagen sie ihn nicht, Frau Puskás, er ist doch unser kleiner Bruder!“ Puskás hatte seinen Spitznamen – Öcsi. Später wurde er auf Grund seiner Herkunft auch „Schwob“ genannt.

Mit 15 debütierte Öcsi bereits in der ersten Mannschaft des Kispesti AC. Mehrere Spieler waren grippekrank, und so musste der junge Puskás ran. Weil er sich bei der Anmeldung im Verein um zwei Jahre älter gemacht hatte, lief er unter dem falschen Namen Miklós Kovács auf. Die Zuschauer und Gegner wussten das, aber niemanden schien es zu stören.

Sein erstes Spiel in der Startelf absolvierte er im Dezember 1943 beim späteren Meister Nagyvárad, das heutige Oradea in Rumänien. Kispest unterlag 0:3 und Puskás wurde von seinen Teamkollegen kritisiert, den Ball zu lange zu halten. Doch der dribbelstarke Linksfuß wurde bald Stammspieler.

Am 20. August 1945 lief Puskás erstmals für die Nationalmannschaft auf und erzielte beim 5:2 gegen die damalige Fußball-Macht Österreich ein Tor. Es war die Geburtsstunde der „Goldenen Mannschaft“ – und seiner eigenen internationalen Karriere. Mit 83 Treffern in 84 Einsätzen sollte sich Puskás ein Denkmal setzen. Im Verein reiften der Stürmer Puskás und der rechte Läufer Bozsik zu Leistungsträgern heran, während Papa Puskás das Traineramt übernahm.

honved-se-oldEin staatlicher Eingriff machte aus dem Kispesti AC schließlich ein Top-Team. Am 18. Dezember 1949 wurde der Verein dem Militär unterstellt und in „Budapesti Honvéd SE“ umbenannt. Für das kommunistische Regime war das kleinbürgerliche Kispest als Arbeiterbezirk mit seinem tapferen Verein sowie den begnadeten Talenten Puskás und Bozsik geradezu prädestiniert, zum Armee- und somit zum Vorzeigeklub umfunktioniert zu werden.

Die besten Spieler des Landes – darunter Keeper Gyula Grosics sowie die Stürmer Sándor Kocsis und Zoltán Czibor – wurden nun zu Honvéd, das übersetzt so viel wie „Vaterlandsverteidiger“ bedeutet, delegiert – und zu Offizieren befördert. Schon ein halbes Jahr später wurden Puskás, der nun der „galoppierende Major“ genannt wurde, und Co. Meister, während der Verband in Kispest das Fundament seiner Nationalelf aufbaute.

1951 heiratete Puskás seine Erszébet und gewann in der Folgezeit Titel um Titel. Bis zum schicksalhaften WM-Finale 1954 blieb die Aranycsapat („Goldene Mannschaft“) viereinhalb Jahre unbesiegt und wurde Olympiasieger 1952, mit Honvéd holte Puskás eine Meisterschaft nach der anderen. Nicht zu vergessen die legendären Erfolge gegen England: Das 6:3 in Wembley im November 1953, das die erste Heimniederlage der Engländer gegen ein kontinentales Team seit 1863 besiegelte, und das 7:1 im Budapester Népstadion wenige Monate später.

Gil Merrick, englischer Nationaltorwart jener Zeit, sagte später: „Es war eine Ehre gegen Puskás und die Ungarn zu spielen. Auch wenn sie uns auseinander genommen haben.“ Und Johnny Haynes, Mittelfeldspieler des Fulham FC, erinnerte sich an die Partie in Budapest so: „Ich saß nur auf der Bank – Gott sei Dank!“

1956 feierte Puskás mit Honvéd das Debüt im internationalen Vereinsfußball. Im Landesmeisterpokal unterlagen die Ungarn bei Athletic Bilbao mit 2:3, das Rückspiel am 20. Dezember wurde auf Grund des Volksaufstands in Brüssel ausgetragen. Schon nach wenigen Minuten verletzte sich Honvéds Schlussmann Lajos Faragó (Grosics war nach der WM-Niederlage in die Provinz nach Tatabánya verbannt worden) und konnte nicht mehr weiter spielen. Da damals nicht gewechselt werden durfte, musste Czibor ins Tor. Honvéd, die vermeintlich stärkste Mannschaft des Kontinents, kassierte drei Tore und schied nach einem 3:3 aus.

Vielleicht auch aus Frust über diese Niederlage setzten sich Puskás und andere „Vaterlandsverteidiger“ nach dieser Partie ab und blieben im Ausland. Doch während andere in den Jahren danach peu à peu nach Ungarn zurückkehrten, schwor Puskás, nie wieder einen Fuß in die Heimat zu setzen. Zu enttäuscht war er von den Ereignissen, die er nach dem verlorenen WM-Finale 1954 bis hin zum Volksaufstand ertragen musste: Beschimpfungen, Drangsalierungen, Bestechlichkeitsvorwürfe.

Nach einer 18-monatigen Sperre durch die FIFA unterschrieb Puskás 1958 bei Real Madrid. Der Präsident der „Königlichen“, Santiago Bernabéu, wollte den „Major“ unbedingt haben – trotz seines Alters von mittlerweile 31 Jahren und einer nicht zu leugnenden Körperfülle. Bernabéu war ein cleverer Mann, und so verpflichtete er zunächst Honvéds Manager Emil Östreicher als Sportdirektor. Östreichers erste Aufgabe war es, seinen Freund Puskás nach Madrid zu bringen. Er schaffte es – für 100.000 Dollar. „Das war ein Pappenstiel für einen fitten Puskás. Für einen fetten war es aber viel Geld.“

Der Rest ist Geschichte: Während Puskás seinen zweiten Frühling erlebte, mit dem Argentinier Alfredo di Stéfano das Sturmduo schlechthin bildete und unzählige Meisterschaften und Europapokale gewann, fielen die ungarische Nationalelf und Honvéd auseinander. 1961 wurde Puskás sogar spanischer Staatsbürger und lief bei der WM 1962 in Chile für die selección auf. Der ganz große Triumph blieb ihm allerdings wieder versagt. Ferenc Puskás sollte als ungekrönter König in die WM-Annalen eingehen.

1967, im Alter von 39 Jahren, beendete er seine Laufbahn und hatte trotz aller Erfolge und der verstrichenen Zeit – wie seine ehemaligen Weggefährten auch – unter der WM-Niederlage 1954 zu leiden. Er, der „Schwob“, der in Bern das frühe 1:0 und das vermeintliche 3:3, das wegen angeblicher Abseitsposition nicht anerkannt wurde, erzielt hatte. Es wäre das wichtigste Tor seiner Karriere gewesen. „Wir standen schon wieder alle am Mittelkreis, als dieser walisische Linienrichter die Fahne hob, obwohl der Schiedsrichter das Tor bereits gegeben hatte. Ich kann ihm das niemals verzeihen.“ In der Folge bekleidete Puskás das ein oder andere Traineramt und brachte 1971 das Kunststück fertig, Panathinaikos Athen ins Finale des Landesmeister-Wettbewerbs zu führen.

1981, nach einem Viertel-Jahrhundert, beendete Puskás schließlich sein Exil. Nicht einmal zur Beerdigung seines „Bruders“ Bozsik, der 1978 im Alter von nur 52 Jahren einem Herzinfarkt erlegen war, war er nach Budapest gekommen. Doch seine Frau und die ungarische Regierung konnten ihn letztendlich überreden. Am Budapester Flughafen war die Hölle los. Und am 6. Juni 1981 kamen 65.000 Menschen ins Népstadion, um vor dem WM-Qualifikationsspiel Ungarn gegen England (1:3) dem vorgezogenen „Old-Boys-Match“ beizuwohnen.

3:3 endete diese Partie, zu der die Organisatoren die noch lebenden Spieler der „Goldenen Mannschaft“ rekrutierten, und Puskás erzählte später: „Wir hatten viel Spaß in der Kabine, viele von uns passten gar nicht ins Trikot. Schade, dass József nicht dabei sein konnte.“ Noch vor diesem Match besuchte Puskás das Grab seiner Eltern in Kispest. Und das Stadion. „Der Flutlichtmast steht jetzt da, wo früher unser Wohnzimmer war“, bemerkte er. Das Haus war mittlerweile abgerissen worden.

bozsik-jozsef-stadion
„Der Flutlichtmast steht jetzt da, wo früher unser Wohnzimmer war.“ Das Bozsik-József-Stadion im Budapester Stadtteil Kispest.

Nach dem Ende des Kalten Kriegs kehrten Ferenc und Erszébet Puskás für immer nach Budapest zurück und lebten nahe des Moszkva tér, dem Moskauer Platz, am Fuße des Burgpalasts. Zwischen April und Juli 1993 coachte der Major a.D., der zwischenzeitlich sogar zum Oberst befördert worden war, noch einmal die Nationalmannschaft, scheiterte aber in der Qualifikation für die WM 1994. Am 2. April 2002, seinem 75. Geburtstag, wurde das Népstadion in Puskás Ferenc Stadion umbenannt. Jener baufällige und heute menschenleere Ort, in dem Puskás und Co. einst ihre größten Erfolge feierten.

Der kleine Bruder ist tot. Das große Real Madrid schrieb auf seiner Homepage: „Wir drücken unsere herzlichste Dankbarkeit, Bewunderung und unseren Respekt vor diesem großen Spieler aus.“ Nicht nur das fußballerisch am Boden liegende Ungarn, die ganze Welt nimmt Abschied von Öcsi.

puskas-real

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s