Rebellen: Charles „Charly“ Graf

Als Professor Dr. Bernd Ahrbeck von der Philosophischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität bei Charly Graf anrief und ihn bat, eine Rede zu halten, glaubte der ehemalige Mannheimer Profi-Boxer, jemand wolle ihn veräppeln. Als aber nur ein paar Tage später eine schriftliche Einladung des Professors folgte, hatte es Graf Schwarz auf Weiß. „Ich bin dann da hin und habe erst vor 200, beim zweiten Mal vor 600 Leuten über mein Leben erzählt.“ Und über Charly Grafs Leben gibt es in der Tat jede Menge zu erzählen. Interessantes, Spannendes, Sportliches, aber auch Deprimierendes und Nachdenkliches. Der Filmemacher Walter Krieg saß zufällig im Auditorium und war beeindruckt. So beeindruckt, dass er Graf bald einen Vertrag unter die Nase hielt. In wenigen Wochen feiert sein Film „Der Schwarze Graf“, eine Produktion des Bayerischen Rundfunks, Kino-Premiere.

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In Grafs Wohnzimmer steht ein Trimmdich-Rad, von der Decke baumelt ein Boxsack. An der Wand hängen Bilder und Zeitungsartikel vergangener Tage, als er noch der „Cassius Clay vom Waldhof“ war. Oder „Deutschlands brauner Bomber“, so hatte ihn einst der freie Sportjournalist Hartmut Scherzer bezeichnet, der in Kriegs Werk ebenfalls zu Wort kommt, da er Graf sozusagen von der ersten Stunde an begleitete. Der Film beginnt mit grandiosen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Mannheimer Benz-Baracken aus den 50er Jahren, die die ganze Trostlosigkeit dieser heute nicht mehr vorhandenen Behelfsheime im Stadtteil Waldhof zeigen, und besticht durch Sequenzen früherer Graf-Filme aus den 70ern sowie Statements von Wegbegleitern – und natürlich Charly Graf selbst, der zur Erkenntnis gelangt: „Hinter der Rolex und dem dicken Mercedes lauert das Nichts.“

Das problematische Leben als uneheliches Soldatenkind in den 50ern, das seinen Vater Charles Blackwell nach dessen Abkommandierung in die USA nie mehr gesehen hat. Der soziale Aufstieg durch den sportlichen Erfolg (vor seiner Box-Karriere war Graf auch ein erfolgreicher Fußballer und Gewichtheber), schließlich die Ausbeutung durch profitgierige Manager und das Abdriften ins Milieu und ins Gefängnis. „Ich war ein asozialer Kotzbrocken“, gesteht der mittlerweile 54-Jährige heute. Insgesamt „sitzt“ Graf zehn Jahre und sorgt 1985 für Furore, als er aus der Zelle heraus Deutscher Schwergewichtsmeister wird. Eine schlagzeilenträchtige Geschichte, die ebenfalls verfilmt wird („Urlaub aus dem Knast“), doch für die Promoter hat „der Mann, der aussah wie eine Million Dollar“ als Renommierobjekt in Sachen Resozialisation schnell ausgedient. Als sie merken, mit Graf keine Gewinne mehr erwirtschaften zu können, lassen sie ihn fallen. Sein letzter Kampf gerät zur Farce. Gegen Thomas Classen wird er im November 1985 „klar beschissen“ (O-Ton Hartmut Scherzer).

Während seines Aufenthalts in Stuttgart-Stammheim lernt Graf den (1998 begnadigten) RAF-Top-Terroristen Peter-Jürgen Boock kennen. Eine schicksalhafte Begegnung, „eine Zweckgemeinschaft, die zu einer Freundschaft wurde“, erzählt Boock, der maßgeblich an der Ponto- und Schleyer-Entführung beteiligt war. Die Beiden „befruchten“ sich gegenseitig. Boock beginnt zu trainieren, Graf liest linke Literatur, Böll und Dostojewskij. Der Kontakt ist bis heute nicht abgerissen. Boock lebt in Freiburg und arbeitet für den Spiegel. „Vergangene Woche haben wir telefoniert“, erzählt Graf. „Da war er gerade mit Chefredakteur Stefan Aust in Palästina.“

Seinen ersten Kampf als Häftling bestreitet Graf – mit Genehmigung des damaligen Gefängnisdirektors – 1984 in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle. „Was für eine Ironie“, sagt Graf. 1988 wird Graf aus der Haft entlassen, lebt anschließend zwölf Jahre in Kempten. „Das war eine Flucht aus Mannheim und aus dem Milieu“, sagt Graf. „Ich wollte nie wieder ins Gefängnis.“ Im Allgäu hält er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und lernt seine zweite Frau kennen. Die Ehe zerbricht im Jahr 2000.

Charly Graf ist geläutert, hat mit dem Milieu und dem schnellen Geld längst abgeschlossen. „Ich bin froh, dass ich diese Zeit im wahrsten Sinne des Wortes überlebt habe.“ Vor ungefähr fünf Jahren sprach ihn der Lehrer einer Mannheimer Sonderschule an. Ob er nicht den schwer erziehbaren Kindern Unterricht geben wolle. Graf wollte. „Mit den Kindern zu arbeiten, macht mir unheimlich viel Spaß“, sagt er. Neben einem gezielten Aggressionsabbautraining diskutiert er mit den Schülern über sein Leben, zeigt ihnen alte Filme und versucht zu verhindern, dass sie auf die schiefe Bahn geraten. Ein Full-Time-Job, der Früchte trägt, denn: „Ich weiß schließlich, wie die ticken.“ Mittlerweile ist Graf an mehreren Mannheimer Schulen unterwegs, ehrenamtlich, Tag für Tag. „Die Kids lernen, unter Stress Regeln einzuhalten“, sagt er.

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